Lafcadios Loch

Wo Zweifel vor dem Zagen zaudern

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Das Arschloch bin ich

by phorkyas

Die menschliche Hybris. Dieser all-verzehrende Hunger des Ichs sich zu (re)-produzieren. Diese Selbstüberhöhung unseres Bewusstseins alle anderen schon durchblickt zu haben und welche Gedanken auch immer sie auszudrücken suchen, dort schon gewesen zu sein.

Vor vier Jahren versuchte ich auszudrücken, wie möglicherweise dieser Kick des Selbstüberlegenheitswahn eine der Triebfedern des Selbstbewusstsein selbst ist. – Aber wie unangenehm aufs Neue selbst darin verstrickt zu sein. Diese Anflüge von Wut und Hochmut, Überlegenheitsdünkel, unerreichbarer Isolation des vereinzelten, unverstandenen Ichs bei sich selbst zu spüren.

Mit meinem Sohn „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ geschaut wo der Hybris als „Ego“ Gestalt gegeben wird. Könnte man dieses geistige Laster doch so einfach physisch vaporisieren…

Schreiben ist keine Arbeit

by ringlundmatz

Arbeit ist so leicht. Der Gepäckträger des Fahrrads wackelt, weil eine Schraube abgefallen ist. Vermutlich aufgrund der Sonderbelastung durch den Kindersitz. Das scheppert und wuchtet beim Fahren ja auch immer ganz schön, vor allem über Kopfsteinpflaster. Ich gehe also zum Fahrradmonteur meines Vertrauens, zu mir, der kramt kurz in seiner Schraubenbox, probiert erst eine viel zu lange, schraubt sie gemächlich wieder raus, dann hat er schon die richtige, perfekt, fertig, macht sieben Euro in die Familienkasse, warte, ich zieh noch mal fest.
Das Geheimnis der Arbeit ist, dass man sich einfach keine Gedanken machen darf. Dann geht sie wunderleicht von der Hand. Auch beim Texten gilt diese goldene Regel. Einfach dem Kunden geben, was der Kunde will, bloß nicht schreien, nicht sich aufregen, keine Nachfragen stellen. Mach’s dir einfach einfach, ist ja bloß Arbeit.
Dagegen die Nicht-Arbeit, das Schreiben! Was für ein elendes, ätzendes Geschäft! Immer passt alles nicht, immer müht man sich, macht sich zum Narren, und wofür? Die Worte rappeln gegeneinander, auch ohne Kopfsteinpflaster, und keine Schraube hilft. Und wenn die Störgeräusche endlich behoben sind, alles halbwegs passt und fest sitzt: Keiner sagt Danke, keiner haut einem anerkennend auf die Schulter, hey, du kannst ja Reifen wechseln, Chapeau! Stattdessen wird man beäugt, weil man vier Füller hat, weil man mit harten Bleistiften nicht zurechtkommt, weil man mit seinem Notizbuch hadert, zu klein, zu groß, zu dickes Papier, zu saugkräftige Seiten, was ist denn hier los, wie soll man da je etwas geschrieben kriegen?
„Du hältst dich wohl für was Besseres, oder was kritzelst du da?“
Ich such mir lieber wieder einen Job.

Nur weil er nicht buchstäblich Hitler ist

by ringlundmatz

Stellen Sie sich eine Wohnung vor, die durch ein aus einer SZ herausgerissenes Interview, das an den Küchenschrank geklebt wird, eine optische Aufwertung erfährt. Das war mein Domizil in Berlin, anno 2002 bis 2004. Das Interview, das da hing, war Alexander Kluge vs. Willi Winkler. Kluge war mein Rettungsanker, mein Polarstern. Seit ich seine „Chronik der Gefühle“ unter den Arm geklemmt hatte (unter jeden Arm einen Band), war ich verloren. Seine Offenheit fürs Leben, die Weite seines Blicks, seine Unarschlochigkeit, wie Habermas das genannt hat (nein, die Formulierung wich leicht ab … „Der am wenigsten zynische Denker“?). Natürlich, auch gegen Kluge gibt es manches ins Feld zu führen. Immer diese Opern — das war mir suspekt. Das, was er für Komik hielt, weil es an der Seite von Helge Schneider stattfand — okay. Darüber lachen Deutsche mit Doktortitel, so traurig es ist. Aber er war ein brillanter, freier, freundlicher Geist. In Deutschland ist das ja schon was. Und: Er hat mit Heiner Müller Interviewgeschichte geschrieben. Selbst wenn Sie alles andere, was er zu verantworten hat, für artsyfarty, künstlerisch halb gekonnten Kram halten: Diese Interviews hauen ein Loch in das Eis zu unseren Füßen.
Aber auch in diesem SZ-Interview, das in dem Loch, in dem ich wohnte, in diesem Zwei-Raum-Loch, an der Küchenschrankwand hing, war ein Loch. Schon damals rutschte dauernd eines meiner Beine hinein. Und zwar sagte gegen Ende des Gesprächs Alexander Kluge: Wenn er und Jürgen Habermas damals die Möglichkeit gehabt hätten, mit Adolf Hitler zu reden — sie hätten ihm den Zweiten Weltkrieg ausreden können. Davon sei er überzeugt.
Eine Bemerkung, die den Größenwahnsinn unserer 68er herrlich beleuchtet. Wie ein Feuerwerk am Nachthimmel.
Die aber nicht erklärt, warum Kluge und Habermas jetzt nicht nach Moskau reisen, um Putin zur Vernunft zu bringen.

Der Fluch des Digitalen

by phorkyas

Zwischen zwei Bits ist kein Raum. Du kannst darauf herumoperieren, wie du willst, nie wird es einen doppelten Boden geben. Nie schillernde Mehrdeutigkeit.

So das Urteil des Kulturpessimisten. Und das Internet hat unser Bewusstsein schon verändert, unbestreitbar – aber ausgelöscht wohl kaum! Die tektonischen Verschiebungen solcher kulturellen Umwälzungen verunsichern. Ich kann mich darin auch nicht verorten, bin einfach lost. Und es ist kein mystischen Verlorensein in ein unverständliches aber mich bergendes Universum. Auf keiner Plattform möchte ich heimisch werden – dieses Loch hier ausgenommen.

Dabei: ich wollte hier so ein Heidegger-Zitat reinkloppen, um die Unvereinbarkeit der alten, schwerfällig-raunenden Gelehrtenkultur mit der zischenden Rasanz der Datenströme zu illustrieren und dann stolpere ich hierüber:

Ein Geheimnis ist erst dann ein Geheimnis, wenn nicht einmal dies zum Vorschein kommt, daß ein Geheimnis waltet.

Heidegger: Unterwegs zur Sprache

Das ist dann noch ein Schritt weiter als die Null-Wissen-Protokolle der Kryptographie, wo man mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit beweisen kann, dass man ein Geheimnis weiß, ohne dessen Inhalt zu verraten. Hätte das Heidegger gefallen?

Der größte Schrecken

by phorkyas

unserer Existenz überfält uns an der Supermarktkassse, wenn wir glauben,wir hätten das Portemonnaie vergessen, weil es in der falschen Jackentasche steckt.

(Wie könnten wir zu einem Krieg uns überhaupt äußern….)

Corona-Cancel

by phorkyas

Eine Zeile von Tua hämmert mir ewig durchs Hirn: „Warum kann man ich meinen MP3-Player nicht lauter machen, ich will die Welt nicht hören?“ – Dabei beziehe ich das auf die Corona-Überbeschallung, der ich überdrüssig bin. Kann schon kein Radio mehr hören, weil alle 20 Minuten irgendwas dazu kommt. Kann man nicht wie Noise-Canceling mal einen Corona-Filter bauen, der sofort das Volumen runterregelt sobald das Nicht-Wort fällt?

Warum fällt das denn keinem der Medienschaffenden auf? Die drehen einfach immer weiter ihre Runden im Hamsterrad. Die Neuigkeiten sind doch Nichtigkeiten, keine neuen Erkenntnisse, nur Kaffeesatzleserei in uninterpretierbaren Zahlgemengelagen. Nichts verpasst, wenn ich das rauschunterdrücke.

Auf Wiedersehen im Cyberspace

by phorkyas

Als Jugendlicher las ich dieses Buch von Gillian Cross. Überzeugte mich damals nicht so sehr. Und ich glaube auch nicht, dass es irgendeinen Kern trifft. In der Geschichte testen Jugendliche ein VR-Spiel testen, wie es schon bald verfügbar sein könnte. Nach der Anfangsbegeisterung zeigen sich jedoch Schattenseiten. Negative Veränderung der Persönlichkeit. Und soweit ich mich erinnere, war die Idee, dass der Spielekonzern, die tief sitzenden Ängste der Spieler als Suchtmittel einsetzt.

Erschien und erscheint mir wenig plausibel. Unser Belohnungszentrum kriegt doch viel größere Kicks aus Slotmachines. Ein Grund warum e-mails auch nie verschwinden werden.

Nun ja. Jetzt hab ich mir selbst so ein „Teufelsgerät“ bestellt. Eine Oculus Quest 2. Und bin ziemlich geflasht. Die Technologie erscheint mir schon ziemlich ausgereift, die Immersion erreicht. Als Tischtennisspieler wollte ich vor allem das VR-Tischtennis ausprobieren, aber ich befürchte dabei bleibt es nicht. Technologie wird immer unheimlicher. Wer Software beherrscht, kann heute unglaubliche Dinge bauen. Von Beats und Musik zu Graphiken und Filmen. Vieles lässt sich mit Software machen, die frei und quelloffen ist. Crazy times. Bald wird unser Hirn der Technologie nicht hinterherkommen.

Der Verhinderte

by phorkyas

Immer wieder schaue ich mir diese Künstler an. Im Theater, in Videos. Und fühle mich ihnen zugehörig. Habe das Gefühl, ihre Verletzlichkeit zu verstehen oder die Qualen ihres Schaffensdrang. Ginge ich aber zu ihnen, wie sollten sie mich erkennen oder anerkennen? Woran? Warum?

Nein, ich bin doch keiner von ihnen. Ich produziere nichts, im Gegenteil verleihe ich mir innerlich noch Orden dafür, dass ich mir die meisten Ergüsse verkneife oder in der Entwurfsschublade verrotten lasse. In der Pandemiezeit, wollte ich mir beweisen, dass ich doch noch etwas fertigbringen könnte und habe Whitmans kompletten „Song of myself“ übersetzt. Aber es hat mir doch nur das Gegenteil bewiesen: dass ich neben meinem Brotberuf, so nicht genug Zeit finde irgendetwas von Substanz fertigzubringen.

Also was? Weiter sich feige verstecken, oder einen Gang höherschalten? Wird langsam Zeit. Die 40 rollt schon auf mich zu.

Ich erschaffe, also bin ich.

by phorkyas

Aber nicht mehr als diesen Satz.

Oder was schließt sich daran an? Dass ich nur schreibend denken kann? Dass nur auf den Bildschirm fließenden Worte, nur das realitätwerdende, das letztlich-geschriebene Wort wirklich ist, während es auf dem unsichtbaren Eisberg dunkler, nur gefühlter, ungeschriebener Worte ruht? – Nur im Fluss des Textes und der Gedanken offenbart sich die strukturgebende Kraft des Geistes? Ohne die Schmerzen des Formulierens, Streichens, Editieren keine sinngebende oder symbolisch-verzerrende Wirklichkeit des Textes. – Ist es so?

Was da umherfleuchte, war aber vor allem dieser Gedanke: Dass das World Wide Web startete mit der Vision von allgemeiner Teilhabe und Inhalte-Schaffen, dass es keine Gatekeeper und Filter gäbe zwischen dem freien Austausch von Menschen. Was sich nun ins Gegenteil verkehrt: indem die Plattformen und Konzerne bzw. ihre Algorithmen bestimmen, was gesehen und geklickt werden kann. Und wir werden zunehmend auf die Seite des Klickviehs, der unmündigen Konsumenten geschoben. Aber selbst diejenigen, die das produzieren, auf das wir klicken, sind kaum einen Deut freier: Ziel ist die Reichweite, Metriken und Klickzahlen, auf die der Content zufrisiert wird. Dies sind die Bedingungen in Zeiten der digitalen Durchdringung aller Lebensbereiche. Wir sind nicht mehr weit entfernt von den Menschen in wall-e: an Screens gefesselte Reiz-Reaktionsschemata, die treffsicher vom Algorithmus hervorgesagt werden.

Ein Blog über das Verschwinden der Blogs,

by ringlundmatz

das keine LeserInnen findet — Triumph oder Tragik?