Lafcadios Loch

Rants from below

04. April

Von so rhetorischen Dampfhämmerern bin ich auch gern beeindruckt. (Und beneide jene ein wenig die beim Verfertigen des Gedankens beim Reden immer ordentlich was raushauen können.) Aber manchmal.. sollte man sich doch im Nachhinein fragen, ob das, was dann im Moment so evident schien, wirklich standhält, ob über den Aplomb oder die vielleicht auch derbe Sprache hinaus überhaupt Substanz in der Äußerung enthalten ist.

muetzenfalterin

Auswendig gelernte Psycho-Scheiße, sagt S. zu den Sätzen, die mir das Gefühl gegeben haben, endlich ein Stück weiter gekommen zu sein mit meiner Entwicklung. Und sie hat Recht.

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Kaffeevollautomatenpoesie

Mein kleiner Stöpsel lässt öfter so Sätze fallen, die voll ins Schwarze treffen. Wenn es Richtung Kita geht, will er immer mit in Richtung Arbeit und hat sich bisher nicht überzeugen lassen, dass der Papa da im Büro nur ganz langweilige Dinge tut. Heute wollte er mich dann überzeugen. Wenn er mitkäme, dann könne ich Kaffee trinken, oder auch Kakao, OK?

Er weiß ja nicht, wie sehr er damit den Büroalltag ins Herz trifft, in welchem die Entscheidung am Kaffeevollautomaten oft die schwerwiegendste des Tages ist. Trink ich jetzt schon meinen zweiten Kaffee und riskiere dann, dass ich kurz vor Ende, wenn der Magen schon grummelt, mir keine zusätzliche Dosis Koffein einschießen kann? Oder nehme ich dieses Mal mit Milch?

Die meisten Bürosklaven dürften an dieser Maschine, an die man sich doch allzu häufig vom Schreibtisch flüchtet, schon eine feste Routine entwickelt haben. So dass der maschinelle Knopfdruck oder die Auswahl am Touchpanel doch zu einem individuellen Ritual gestaltet wird. An der Uni gab es zum Beispiel einen Professor, der bei einer sehr bestimmten Kaffeemenge von etwa der dreiviertel der gesamten Abfüllmenge, seine Kaffeetasse vom Automaten entfernte und den Rest in die Abtropfschale fließen ließ. Es ließe sich wahrscheinlich eine ganze Kaffeevollautomatentypologie entwickeln. Ich gehöre z.B. zu denjenigen, die ihren Kaffee immer schwarz trinken. Und immer einen nach dem Mittagessen. In der Gruppe der Milchtrinker gibt es dann auch noch die mit anderen Zusätzen wie Zucker oder gar Kakao. Oder die Exoten, die die Verwendung der Maschine ganz entfremden, indem sie sich Teewasser ziehen.

Liberale! Was bin ich für ein Trottel, dass ich mir jahrelang diesen Böhmermann gegeben hab und das ganze US-amerikanische Late-Night-Pack, die jetzt so tun als wäre CNN selbstverständlich kein fake news. Darüber zu streiten oder nicht streiten zu wollen, schon vorbei – Vernunft und Diskurs tot. Zeit die Leinen zu lösen. Ist doch auch befreiend: Keine Zeit mehr mit diesen Leuten vertun, die vor Vergnügen quiekend vom Sessel fallen wenn auf der Bühne jemand Merkel-Ferkel nuschelt, die immer noch süchtig sind nach dieser unerträglichen Sauce aus pseudoaufklärerischem Gestus und verbaler Jauche für den politischen Gegner. Estoy harto! Ich ertrag’s nicht mehr. Mögen die Leute noch klatschen während sie in der Scheiße stehen. I’m out. Links, rechts, oben, unten. Alles Quatsch. Außer die Gehirnzellen sogleich in Alkohol einzulegen, hilft doch nix. Gulp.

Adorno hatte recht

Im Radio wieder irgendwas über Trump. Mein Dreijähriger: „POSTFAKTISCH, HÄHÄ HÄHÄ!“

Kaktus

Mein dreijähriger Sohn deutet auf Arme und Beine: „Ich habe überall Haare. Ich bin ein Kaktus!“

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung.[] Im Menschen erreicht diese Verstellungskunst ihren Gipfel. – WDR5 Feature über die Lüge

Oder wie es bei Nietzsche dann in Gänze heißt:

„Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung, denn diese ist das Mittel, durch das die schächeren, weniger rubusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubthier-Gebiss zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskirtsein, die verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflatterm um eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts begreiflicher ist, als wie unter Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.“ Nietzsche „Ueber die Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ (Hervorhebung von mir)

Da ich nicht noch mehr Totzitieren möchte, möchte ich nur kurz darlegen, was Nietzsche wohl viel besser getroffen hat, als es mir bisher gelungen ist. Ich hatte ja auch schon verschiedentlich mich über den Zusammenhang von Kultur und Lüge verbreiten wollen, beziehungsweise darüber wie Täuschung und Ideologie tiefeingegrabene Wurzeln unseres Bewusstseins und unserer Kultur sind. Es obliegt dem Philosophen und Künstler misstrauisch dagegen zu bleiben – und am meisten gegen sich selbst. Denn das ist ja das Wesen der ideologischen Verblendung, dass sie:
1) Ihrem Träger gegenüber den Gegnern oder „Nicht-Erleuchteten“ ein Überlegenheitsgefühl verleiht.
2) Die eigene Sicht als das normalste, natürlichste und richtige Erscheinen lässt, den blinden Fleck im eigenen Gesichtsfeld also unsichtbar werden lässt.
So eben kann der Religiöse gratis über den Heiden triumphieren, der Kultivierte über den Barbaren und der Linksliberale über den Trump-Wähler. Ohne auch nur den leisesten, kleinsten eigenen Gedanken gehabt zu haben.
Dieser Gedanke findet sich auch bei Dennett’s zombic hunch. Dabei ging es um Argumente, die irgendwie zirkulär zu begründen versuchten, warum der einzigartige menschliche Geist nie von einer rein mechanistischen, deterministischen Maschine simuliert werden könnte. Ähnlich wie beim chinese room Argument wurden dazu die philosophischen Zombies erfunden: quasi-mechanische Ophelias, die sich von außen betrachtet ganz so wie normale Menschen verhielten, aber denen das eigentliche Innenleben fehlt, die Lebensflamme des Bewusstsein, das Gefühl das uns sagt, dass wir jetzt genau in diesem Moment dies fühlen.
Für Dennett war, glaube ich, dieser ganze Argumentsstrang ein Ärgernis – ich kann das immer besser verstehen. Jetzt gerade schaue ich Westworld, wo dieser Vergnügungspark mit philosophischen Zombies bevölkert und dieser philosophische Diskurs cineastisch durchgespielt wird. Und Hopkins, der Hexenmeister oder Dr. Frankenstein, gibt in einem Dialog mit seiner Kreatur zum Besten, dass er eigentlich keinen Unterschied sähe, keine magische Barriere, die das Maschinenbewusstsein durchbrechen müsste, um dem menschlichen zu gleichen, dass sie, seine Maschinen, eigentlich schon da wären. Letztlich zeichneten sich die Menschen und ihr Bewusstsein doch nur durch ein albernes Überlegenheitsgefühl (gerade auch der Nichtsimulierbarkeit) aus und wenn, dann müsse man eben nur dieses mitsimulieren. Das geanu findet sich glaube ich schon bei Dennett, der meinte man solle dann vielleicht eben den zombic hunch miteinprogrammieren (dann könnten die Maschinen die gleiche sinnlose Diskussion führen wie sie die philosophischen Sammelbände füllt).