Lafcadios Loch

Wo Zweifel vor dem Zagen zaudern

by phorkyas

Ich stehe auf einer hohen, schmalen Brücke, nahe dem Strand. Eine riesige, 30-meter hohe Flutwelle türmt sich auf, mit peitschender Gischt und ohrenbetäubendem Lärm rollt sie heran. Ich strecke ihr mein Gesicht entgegen, sie begrüßend. Über mein Gesicht und meinen Körper gleitet eine dünne, kühle Wasserschicht, kaum dicker als die Haut einer Seifenblase.

Aber hey!

by ringlundmatz

Tatsächlich hatte ich einen Text geschrieben, der auf die Überschrift „Unsere geistige Situation?“ die knappe Antwort fand: „Stillstand“. In dem Stil ging es dann weiter, die Herrschaft der Computer, alles ausgeblutet ins Digitale, das Digital als Jammertal usw.

Das stimmt ja alles auch.

Trotzdem, denke ich gerade, sollte man zuversichtlich sein. Zuversicht verbreiten. Vielleicht ist Zuversicht am Ende ja nichts anderes als die wilde Entschlossenheit, zuversichtlich zu sein? Rein evolutionstechnisch gab es für unsere Spezies, die sich mit feiner Ironie selbst als „sapiens“ charakterisiert, nie mehr Gründe zur Zuversicht als heute. Natürlich fällt uns die Klimakatastrophe auf den Kopf wie den Galliern der Himmel. Nur: Wir haben diese Katastrophe selber gemacht! Wir sind Produzenten unseres Untergangs! Bedeutet das im Umkehrschluss nicht, dass wir auch Produzenten unserer Himmelfahrt werden könnten? Oder nein, Moment, „Himmelfahrt“: Das klingt schon wieder so düster … Produzenten unserer Rettung? Vielleicht sogar derselben Rettung, von der Adorno orakelte? Erlösung? Der Einmarsch ins Paradies zu Lebzeiten? Ist das nicht der alte Menschheitstraum?

Es ist schwer, nicht in Depression zu versinken, zugegeben.

Es sei denn, man stellt den Rechner ab.

„Weiter im Bohrer“:

by ringlundmatz

Diese Stelle aus Bob Machas Tagebüchern gab den Experten aus den germanistischen Seminaren lange Zeit Rätsel auf. Die drei Worte waren die Ursache hartnäckigen und oft schmerzhaften Kopfzerbrechens. Macha, der entschiedene Technik-Feind — hatte er in seiner Freizeit tatsächlich, wie eine rumänische Philosophin in einem viel rezipierten Aufsatz unkte, an Werkzeugen herumgebastelt? Wurden wir hier ungewollt Zeuge eines Doppellebens reinsten Wassers?

Oder ging es, das war die Ansicht eines streitbaren Anglisten der Columbia University, in Wahrheit um die Waschmaschine im Badezimmer, über die Macha in Redaktionskonferenzen des Öfteren Klage geführt hatte und die zu reparieren eben eine Bohrmaschine erforderlich war, und Letztere war mithin nur Mittel zum Zweck, zudem ein Mittel, das Macha den letzten Nerv kostete? Das klang charmant; aber, so der Einwand nach einigen Wochen des Abwägens, was brachte eine solche Erklärung streng genommen für einen Zugewinn? Was klärte sie?

Ein Symposion ging dieser Frage nach, ohne zu einer Einigung oder wenigstens Beruhigung in der Sache zu gelangen. (Immerhin ging der Essay „Das Medium als Endzweck. BobMachavellistische Inspirationen“ aus dem dreitätigen Beieinander der erudierten Köpfe hervor, ein, wenn auch nicht besonders erleuchtendes, so zumindest hier und da erheiterndes Werk exegetischer Taschenspielerkunst.)

Oder doch einfach nur Zahnprobleme? Die Lakonie der Eintragung sprach dagegen, wie ein Wiener Literaturkenner einwandte. War Macha nicht notorisch gewesen für seine Jammerlappenhaftigkeit? („Wenn er sich in den Finger schnitt, konnte man glauben, er habe sich den ganzen Arm amputiert“, schrieb sein Kollege Andreas Niedermann.)

Ein besonders schlimmer Verdacht: Es lag beim Bohrer etwas Anales vor, ein Sex-Spielzeug. Am Ende erschien diese Vorstellung dann aber sogar noch erträglicher als der Gedanke, Macha könne in seiner raren Freizeit an einem elektrischen Gerät zum möglichst effizienten Erledigen des Nasebohrens gearbeitet haben …

Dann aber: Entwarnung! Beim Entrümpeln der Macha’schen Bibliothek war ein Abrissunternehmer auf eine Ausgabe von Karl Heinz Bohrers autobiografischer Schrift „Jetzt“ gestoßen. Sofort, als er das Werk in Händen hielt, war dem Abfallspezialisten klar, in welchem Bezug es zu der Kontroverse stand, die sowohl die etablierten und Mainstream-Medien als auch die gesamte sozialmediale Sphäre in Atem hielt, ach was: im rotglühenden Bereich.

Und nach der Entwarnung folgte gleich noch ein Wunder: Zum ersten Mal, seit Tim Berners-Lee das Internet erfunden hatte, wurde die Meinungsäußerung eines Menschen („Ich denke, dass Macha sich einfach auf diesen Wälzer bezieht, was sonst?“) nicht sofort mit Hass und Häme überzogen. Im Gegenteil, die Likes regneten nur so herab auf diese schlichten Worte, ein Herz nach dem anderen entploppte sich im Sekundentakt unter dem Post. Gäbe es Arme zwischen der 0 und der 1, ich bin sicher, jemand hätte den guten Mann mit dem Taschenbuch in der stolzen Hand umarmt.

Solange, bis er nicht mehr atmete.

Lust am Text

by ringlundmatz

Und ich fing an zu kichern. Ich konnte nicht anders. Juliane sah aus, als müsse sie sich jeden Augenblick übergeben, andere schwiegen entsetzt, beschämt, wie erschlagen, manche senkten das Haupt. Wieder andere starrten mit aufgerissenen Mündern auf den Geschichtslehrer, der die brutale Beschreibung eines Kampfes vorlas.

Aber was heißt „Kampf“? Es war ein Gemetzel. Ein Kommunist wurde in einem Verlies grausam malträtiert von Nazis. Sie prügelten ihm buchstäblich die Scheiße aus dem Leib, droschen so auf ihn ein, dass der Hodensack platzte, dann übergossen sie ihn wieder mit kaltem Wasser, damit er weiterhin Freude an seinen Schmerzen haben konnte, damit ihm kein Moment seiner grenzenlosen Pein entging.

Unser Lehrer trug diese Monstrositäten aus dem Folterkeller in aller Ausführlichkeit vor, vermutlich, um uns ein für alle Mal die Gnadenlosigkeit der NS-Menschen vor Augen zu führen, um uns wissen zu lassen, dass solche mitleidlosen, sadistischen Kreaturen unserer Gnade oder unseres Verständnisses nie, nie, nie würdig sein dürften.

Und ich fing an zu kichern. Das kam mir alles so Bugs-Bunny-haft vor, dieses Treiben in seiner überzeichneten Gewalttätigkeit. Was noch fehlte, war, dass die braunen Unholde dem Opfer eine Dynamitstange in den Hintern schoben, wie die Maus Jerry es mit dem Kater Tom tat.

Ich, den der Anblick einer Moorleiche innerlich für Tage außer Gefecht setzen konnte, ich konnte überhaupt auf diesen Gewaltexzess nicht reagieren. Diese Blutrünstigkeit. Diese Freude daran, jemanden leiden zu lassen.

Die Abschreckung prallte an mir ab. Und ich fing an zu kichern.

Es war krank, dass so etwas in der Welt geschehen konnte, es war krank, dass Menschen Urheber solcher Ereignisse wurden, und es war vor allem krank, dass ein Lehrer uns solche Grausamkeiten servierte, mit welcher Absicht auch immer.

Es war kein historisches Dokument, es war pädagogischer Splatter. Ich hätte das Kindern nicht vorlesen können. Ich könnte es heute nicht, wo die Kids ja sehr viel mehr Gewalt zu sehen bekommen als wir damals. Der Lehrer war Fachmann für Geschichte und Physik, und er erzählte uns immer, wie viele Klimmzüge er schaffte. Er hatte eine Affäre mit der Sozialkundelehrerin, die feuerrote Haare und knallrote Ansichten hatte.

Es war alles krank, und es war mir zu viel, und das ist bis heute so geblieben.

„Immer nur Tralala“: Auszug aus einem Interview

by ringlundmatz

Bob Macha: Vielleicht geht mir auch das auf den Sack: dass alles Technik wird. Technik, die wir nicht mehr „Technik“ nennen dürfen, sondern ehrfürchtig „Technologie“ nennen müssen. Sie beherrscht alles. Auch mein Stift hier, früher hat man Bleistifte benutzt, heute kritzelt man seinen Blödsinn mit Stiften, mit denen man auch im Weltall an der Decke schreiben kann. Wofür braucht man das? Wie oft fliegen wir im Weltall herum? Wie oft machen wir Notizen an der Decke? Und dann: Das kann ein Bleistift ja auch! Das konnte er schon vor hundert Jahren! In der Sache ändert sich nichts, es ist einfach die Diktatur des Gimmicks.

Wolf Anderson: Du meinst, die Technik ist ein Fetisch?

BM: Man wird vollkommen von der Sache abgezogen, von der Wirklichkeit, der menschlichen Wirklichkeit. Die Leute sind heute ja froh, sie jubeln: „Oh, mein Kind ist Asperger! Es kann später mal bei Google arbeiten!“ Irgendwann werden wir Snackautomaten umarmen statt Bäumen. Sie sind uns näher, sie sind unsere wahren Brüder … Nehmen wir Storys. Früher brauchte man, um eine Story zu erzählen … schau mal. In meinem Bücherregal hier ist zum Beispiel eine Ausgabe von „Letzte Ausfahrt Brooklyn“, der Hubert-Selby-Roman. Siehst du? Die Seiten sind ganz eng bedruckt, das Buch ist dünn, biegsam. Das ist ein Gebrauchsgegenstand. Das konnte man mitnehmen, ich hab mir als Student dauernd solche Taschenbücher in die Tasche meines Jacketts gesteckt. Nicht als Fashion-Statement. Sondern weil ich jedes Mal, wenn ich irgendwo gesessen habe, wirklich gelesen habe. Im Café. Oder während einer langweiligen Vorlesung. (Lacht.) Heute würde die Tasche aufreißen, wenn ich so einen auf fett und bedeutend gemachten Wälzer einstecken wollte. Wie die Taschenbücher heute ja alle sind. Heute brauchst du nur noch vier Taschenbücher, um ein Bücherregal zu füllen. Aber ich will eigentlich ja von etwas ganz anderem reden: Was brauchte man, um diese Storys hier in diesem Buch zu erzählen? Eine Schreibmaschine, etwas Papier, eine Druckerpresse. Aber man musste nicht bei jedem Satz den Set einrichten, das Licht einrichten, die Kamera positionieren, die Gesichter schminken, jemanden aus Trailern heraustragen, was weiß ich. Überall Kabel verlegen. Generatoren laufen lassen. Musste man nicht. Man hat einfach losgetippt. Das hat den Geschichten Leben eingehaucht. Sie kamen aus einem Bedürfnis, aus einem individuellen Bewusstsein, und so bekloppt kann einer allein gar nicht sein, dass nicht irgendeine Geschichte in seinem Kopf steckt.

WA: Da fällt mir ein, du bist ja ein strenger Kritiker von Netflix …

BM: Der Aufstieg von Netflix ist ja ganz eng verbunden mit dem Aufstieg von Kevin Spacey. Behalt das bitte im Auge!

WA: Okay, komm, das ist polemisch …

BM: Ich finde, es ist symptomatisch. Diese Glorifizierung des Bösen – egal, Hauptsache, es ist werbefrei.

WA: Wenn ich dich richtig verstehe, nervt es dich, dass Geschichten …

BM: Geschichten müssen heute alle durch denselben Korridor. Durch ein Spalier, das von Idioten gebildet wird. Ist es auch mainstreamig genug? Sie werden ruiniert von dem Zwang zur Kollektivierung. Es ist ja kein natürliches Kollektiv, das sie entwickelt, es ist immer nur ein Gremium von Besserwissern und Bedenkenträgern. Deshalb ist heute alles so öde, so gleichgeschaltet. Sogar Überraschungen haben etwas Langweiliges, da Berechnetes. Natürlich muss ein Storyteller immer versuchen, gewissen Regeln zu folgen. Aber irgendwann muss er auch dem Sog der Sache vertrauen. Nicht immer nur den technischen Klischees, dem dritten Akt, der auf den zweiten folgt, nachdem die Bösen Jungs Nähergekommen sind usw. Hingabe, das ist das Wort. Ein Wagnis eingehen. Der Mut, sich zum Idioten zu machen, zur Lachnummer – das fehlt.

WA: Ich verstehe.

BM: (Lacht.) Ich selbst verstehe es nicht so ganz, um ehrlich zu sein, aber da ist ein Unbehagen, das ich spüre. Mach den Fernseher an, und du schläfst ein. Wir machen aus allem eine Wissenschaft, und das ist betrüblich. Am Ende sind Maschinen in Wissenschaft besser als wir. Intuition spielt keine Rolle mehr, Mitgefühl, Gefühl überhaupt. Alles muss beweisbar sein. „Ich hab den Anfang so aufgebaut, weil dann im zweiten Akt bla, bla, bla.“ Ich meine, das erste menschliche Kunstwerk, das erste Artefakt, es war gar kein Artefakt, also nichts aus Kunst Entstandenes. Es war durch natürliche Prozesse entstanden, ein der Erosion ausgesetzter Stein, aber es sah aus wie ein Gesicht, mit Augen und Mund, und deshalb hat jemand es mitgenommen und betrachtet und aufgehoben. Jemand hat es geliebt, weil er eine Bedeutung darin erkannt hat. Und seien wir ehrlich: Ein Velasquez war es nicht!

WA: Vielleicht hat unser Ahn oder unsere Ahnin darauf spekuliert, eines Tages sehr viel Geld mit dem Ding machen zu können?

(Bob Macha schaut von seinen Kritzeleien auf. Mit erschrockenem Gesichtsausdruck.)

Der Mensch ist wert, dass er überwunden werde

by phorkyas

Woran liegt es, dass die Taten, dieses Wesen, das zu solch Hohem fähig wäre, so von Blut und Abscheulichkeiten durchtränkt sind? Kommt es vom düsteren, tiefer-einkodierten Instinktprogramm? Oder lässt sich die Ursache gar nicht so leicht lokalisieren in diesem zersplitterten Wesen, dessen widerstreitende Teile sich gegenseitig verurteilen? Dieses chaotische Bild der Kamera, die man auf ihr eigenen Bild richtet. Fluch des Bewusstseins.

Es ist wohl nur noch eine letzte Bastion unverbesserlicher Geisteswissenschaftler und Künstler, die sich verzweifelt gegen die technokratische Übernahme wehren und den Endsieg des Naturalismus ablehnen. Dabei könnte die völlige Mechanisierung und Axiomatisierung unseres Denkens doch als Verwirklichung der kantianischen Vernunft gelten. Die KI als übermenschliche, von allen Neigungen und Ablenkungen gereinigte Über-Instanz? Warum graut es uns nur so sehr vor dieser schönen, neuen, algorithmisierten Welt, in der wir längst schon leben?

Die Religion, Kultur und Kunst erfanden unseren Geist und Seele. Diesen Zauber unser Innenwelt. Und nun wohnen wir deren Zerlegung in biochemische Impulse bei. Dekonstruktivistische Auflösung. Nicht viel wird bleiben: ein paar geschmolzene Polkappen und Sandkörner, in die wir nanometergroße Muster ritzten.

Die Küchengeheimnisse der Philosophie

by ringlundmatz

Hegel: täglich drei Liter Bordeaux.
Heidegger: täglich drei Kilo Kartoffeln.

Ich bin auf der Erde nur zu Besuch

by ringlundmatz

Text, weiß auf schwarz:
„Brauchen wir nicht alle ein bisschen Märchen in unserem Leben?“

Früher Morgen. Eine Kneipe, ein Typ sitzt da vor seinem Bier. Am Fenster, mit Blick auf die Straße. Draußen geht der Weihnachtsmann vorbei. Der Typ sieht ihm nach. Reglos. Dann nimmt er noch einen Schluck von seinem Bier.

„Ich muss Sie leider entlassen, Bob.“
„Ich bedaure das sehr.“
„Warten Sie, Bob – das ist MEIN Text.“
„Ich weiß, das ist ein ungünstiger Zeitpunkt, jetzt, wo Sie zum dritten Mal Vater geworden sind.“
„Woher –“
„Aber die wirtschaftliche Situation lässt mir keine andere Wahl. Gas, Strom …“

Um Bob Macha spielen zu können, hatte ich mich einer radikalen Diät unterziehen müssen. Jeden Tag Bier, und zwar literweise. Ich fing schon morgens damit an. Natürlich, jemand, der eine normale Schauspielausbildung genossen hat, hätte sich vermutlich einfach Burger reingezogen und Snickers. Aber mir war klar, dass die Bob-Macha-Werdung nur über Bier gelingen konnte. Wer steckte denn im Beerman-Kostüm, wenn nicht Bob Macha? Niemand hat diese Erkenntnislinie je gezogen, aber so sind sie halt, die Fachwissenschaftler, die Germanisten, die Literaturexperten: blind, dumm, egoman.

„Was Sie sehr schnell begreifen werden, das ist, dass Sie Ihre Selbstachtung, Ihr Gefühl für Anstand, für Ehre, für Aufrichtigkeit, dass Sie diesen ganzen bürgerlichen Nippes werden fahren lassen müssen. Das ist der Preis, den Sie in der Welt der Kunst, im Universum der Kultur zu zahlen haben. Alles, was in Ihrem Kopf ist, werden Sie aus jeder denkbaren Perspektive betrachten dürfen, und das ist ein Höllenritt von einer Erfahrung!“

Bob Macha griff nach dem Wasserglas und trank gierig einen Schluck. Sein Blick scannte in Windeseile die Reihen von Augenpaaren da vor ihm, in der Aula der Kölner Universität, der Albertus-Magnus-Universität. Leuchtende Augen, blinzelnde Augen, zugeklappte Augen.

„Sie sind hier“, sagte ich, im Redetext fortfahrend, „weil Sie dem Schönen, Guten und Wahren dienen wollen.“ Ich grinste. Ein Kritiker hob später hervor, dass ich das Bob-Macha-Grinsen, diese Gradwanderung zwischen Verachtung, Narretei und begeisterter Verblödung, perfekt hinbekommen hätte. Ich weiß nicht. In dem Moment fühlte es sich richtig an, das schon, ja. „Ich wünsche Ihnen viel Glück bei diesem Vorhaben. Aber wenn Sie meinen Rat hören wollen: Packen Sie sich lieber einen Fallschirm ein!“

Geschrieben hatte diese Rede ein in Berlin lebender Dramaturg, der ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammte. Ein Theatermacher. Der Produzent unseres Films, ein Iraner, hatte ihn in einem schimmeligen Kellerloch aufgetrieben. So stellte ich mir das vor. Die Studenten, die da vor mir saßen, hauptsächlich Mädchen, also Studentinnen, waren keine Statisten, sondern echte Opfer. Man hatte ihnen erzählt, Bob Macha werde exklusiv zu ihnen sprechen, und dann wankte da dieser Bierbauch von einer Knallcharge (ich) auf die Bühne. Und erzählte so einen Rotz.

Die Welt war zum Kotzen, die Welt war ein Film.

Ich werde ein Buch schreiben.

Blau wie ein Sonnenuntergang auf dem Mars

by ringlundmatz

Ich schrieb 2000 einen Roman, meinen Lieblingsroman, „Gondeln aus Blei“.

Die Idee war … passen Sie auf. Ich hasste das ganze Popliteratur-Volk. Benjamin von Stuckrad-Barre war Kunde in meiner Videothek, und er hatte eine dieser Fressen, mit denen ich mich während des Studiums immer wieder angelegt hatte.

Lang, blasiert, stupide.

Sie studierten BWL, waren hochmütig, wussten alles besser. Und sie waren nach wenigen Gesprächsminuten bösartig, kleinkariert und absolut widerlich.

Verstehen Sie, worauf das hier hinausläuft?

Da war dann dieses Werbefoto für eine Kleidermarke, das ich während eines Mini-Urlaubs in einem Lübecker Hotel in der Zeitung entdeckte, riesengroß, Stuckrad-Barre und Christian Kracht auf einem Fahrrad oder E-Roller … nein, E-Roller gab’s noch nicht.

Übermütig, jungenhaft, wild.

Mir war das alles unsympathisch, ich konnte mir eine Literatur nicht denken, die es darauf abgesehen hatte, eine Boyband zu sein. Ein wirtschaftliches Erfolgsprogramm.

Bevor ich dieses Foto entdeckt hatte, hatte mitten in der Nacht mein Herz gerast. Ich wachte auf, das Herz ging durch die Decke. Ich hatte zu meiner Freundin gesagt: „Ich muss mal raus“, und sie hatte mich draußen begleitet, voller Sorge, sie lief an meiner Seite, die Straße runter, bis zu einem gläsernen Bushäuschen, bis mein Puls wieder normal schnell schlug.

Bis die Panik weg war. Abgelaufen. Wie die Hacken meiner Schuhe.

Was mich krank machte, war, wie simpel es war, diese jungen, kreischenden Dinger, heute in verlagsinternen Schreiben „Leserinnen“ genannt, um den Finger zu wickeln. Ein bisschen Charme, ein bisschen Chuzpe, ein bisschen Scheitel — du hast sie.

HAHAHA!

Daraus entwickelte ich für meinen Roman, „Gondeln aus Blei“, folgendes Konzept: Ich würde mit der Verarsche eines popliterarischen Textes einsteigen. Diese Parodie würde unterhaltsam sein, sie würde den Bauch der Leserinnen kitzeln, sie würde sie davon überzeugen, dass es jetzt richtig rund ginge und lustig würde — und dann kam die Kernschmelze.

Dann kam mein künstlerisches Programm. Dann wurde der arme Leser-Idiot vom Text abgeworfen wie von einem, Zitat Meinolf Reul, „Rodeo-Pferd“.

Sie können sich vorstellen, was für ein beschissener Krampf das alles war.

Ich setzte voll auf einen Leser, der Freude daran hat, sein Buch Satz für Satz auseinander zu schneiden und im Sinne des Autors wieder zusammenzukleben.

Klingt bescheuert?

Willkommen in meiner Welt!

Ich habe weder eine Entschuldigung, noch eine Erklärung für diese abstrusen Ideen. Ich war einfach verzweifelt. Meine Helden waren hoch komplizierte Dichter, ehrliche Häute, und die Autoren, die an dem Theater gespielt wurden, an dem ich von früh bis spät Hospitant war, keinem kleinen Theater, waren Idioten wie Albert Ostermaier.

Er bekam Beifall, er bekam Liebe, er bekam Geld.

Ich bekam einen Job in einer Kölner Videothek.

Man kann der Welt vieles vorwerfen. Aber nicht, dass sie nicht gerecht sei.

Thiel des Problems

by ringlundmatz

Sein Kopf wirkt zusammengesetzt aus einer zu großen Nase, einem zu flachen Hinterkopf und gespenstisch ausdrucksschwachen Augen. Er redet, als wäre die Arbeit an seinem Sprachprogramm noch nicht hundertprozentig abgeschlossen. Zu seinen Meisterschülern gehört Mark Zuckerberg, zu seinen ehemaligen Geschäftspartnern Elon Musk.

Wettbewerb sei etwas für Verlierer, sagt Peter Thiel, Paypal-Gründer, Ayn-Rand-Fan und Vordenker einer neuen Menschheit, und deshalb lässt er als Investor nur solche Start-up-Ideen gelten, die über jeden Wettbewerb erhaben sind.

Seine Lieblingsfrage: „Woran glaubst du, woran außer dir niemand glaubt?“

Meine Antwort wäre: „Dass ein ganz gewöhnliches Leben kein Verbrechen ist.“

Und schon trügen mich zwei Bodyguards aus dem Raum. Um mir vor der Tür die Scheiße aus dem Leib zu prügeln.

Mit seinem unternehmerischen Ansatz, der auf absolute Unvergleichlichkeit setzt, hat Thiel natürlich im gleichen Sinne Recht, wie es wahr ist, dass die soziale Markwirtschaft ein Irrweg ist, auf dem die Schwachen die Starken auf dem Weg zum Jachthafen behindern.

Eine Herrschaft der Besten, der Stärksten, der Klügsten. Wer wünscht sich die nicht?

Nun, mehr oder weniger: alle.

Wahrscheinlich ist das die Pest, die sich aus dem Silicon Valley heraus verbreitet: eine Ideologie, die an den Supermann der Kognition glaubt. An den Menschen, der auf Augenhöhe nur mit Computern kommunizieren kann. Für den Gefühle das sind, was Plastikmüll für einen Grünen ist.

Thiel, Musk, Zuckerberg: Polemik wird an diesen Irren zuschanden, denke ich. Das Gebirge aus Milliarden, auf dem sie sitzen, ist zu hoch, als dass unser Gejammer in den Tälern des Alltäglichen zu ihnen hinaufreichte.

Ich kann nur sagen, dass mir unbehaglich ist, wenn ich diese Figuren betrachte. Sie haben etwas Faschistisches, etwas menschlich Reduziertes, und es beunruhigt mich vor allem, dass dieser Mangel an Mitgefühl als Stärke an Einsicht ausgegeben wird. In ihren Altherrenkörpern west die Philosophie hochintelligenter Zehnjähriger fort.

Der Mensch als Maschine zur pattern recognition? In gewisser Weise: natürlich. Wir müssen Muster erkennen. Sonst werden wir von Löwen gefressen. Allerdings müssen wir auch Menschen erkennen können. Sonst werden wir irgendwann von Maschinen gefickt.