Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Ding ding

«Im Nennen sind die genannten Dinge in ihr Dingen gerufen. Dingend ent-falten sie Welt, in der die Dinge weilen und so je die weiligen sind. Die Dinge tragen, indem sie dingen Welt aus. Unsere alte Sprache nennt das Austragen: bern, bären, daher die Wörter “gebären” und “Gebärde”. Dingend sind die Dinge Dinge. Dingend gebärden sie Welt.» Heidegger, “Sprache” S. 22

«Die Dingerscheindung (das Erlebnis) ist nicht das erscheinende Ding (das uns vermeintlich “Gegenüberstehende”); in dem Bewußtseinszusammenhang erleben wir die Erscheinungen, als in der phänomenalen Welt seiend erscheinen uns die Dinge. Die Erscheinungen selbst erscheinen nicht, sie werden erlebt.» Edmund Husserl “V. (Fünfte) Logische untersuchung” S. 7

Disrupt

Warum ich angefangen habe das Internet zu hassen? Weil es nicht mir gehört, weil ich nicht Facebook oder Google erfunden habe? Weil es so voller Schrott ist, das neue Nullmedium, mit dem man stundenlang seine Birne mit weißem Rauschen wegschießen kann?

Durchaus, aber nachdem ich jetzt länger in den hacker news abgehangen habe* und das Startup-Powerpoint-Synchronschwimmen aus der Serie Silicon Valley mir immer noch im Kopf herumspukte, dämmerten mir ein paar Dinge:
Allen Barners-Lees zum Trotz, am Ende gewinnen doch immer nur die Hyänen, die Schinderhannese – die Steve Jobs und Larry Ellisons.
Die Ideale sind verkauft, nur noch gut für den Trödelmarkt, das was die ganze e-commerce, App-Mania freisetzt sind neue disruptive Energien**, die alles in eine Richtung weitertreibt; nach dem Beispiel der Logistikbranche, Amazon und den Ubermenschen**; billiger, Kosten, Löhne drücken, Wettbewerber rausdrängen bis nur noch einer bleibt. – Wird sich also die Lorenz-Kurve noch weiter beulen bis endlich nur noch eine Dirac-Verteilung bleibt. Sollen die Blogger weiter ihre Links rumschmeißen, die FOSS und Linux-Kernel-Hacker weiter ihre lines of codes einchecken, das Geld landet doch in Tony Montanas Tasche.

[Sprach Popper im Zusammenhang mit dem wissenchaftlichen Fortschritt und dass man heute noch nicht einmal wissen kann, was die heutigen Entdeckungen nach sich ziehen werden, nicht davon, dass wir uns auf eine dunkle Wand des Unbekannten zubewegen. – Vielleicht wird ja noch alles gut – Come on and embrace the Ubermensch.]

* http://www.newyorker.com/magazine/2015/05/18/tomorrows-advance-man
** http://citypaper.net/uberdriver/

Serienjunkiez

Die Feuilletons preisen einige der amerikanischen Serien schon länger als eine Art Wiedergeburt großer Epik oder Dramatik. In der Tat: warum sollte man nicht die Parallelen ziehen dürfen zwischen den Antihelden aus Breaking Bad, House of Cards und einem Shakespeareschen Macbeth oder Richard III.?(*) In vielen dieser hochgehandelten Serien sind die Helden also nicht nur ambivalent, sondern manchmal schon eindeutig böse. Dem Zuschauer kann so vielleicht emotionale Extrem-Situationen, Katastrophen, böse Handlungen, die ihm sonst völlig fremd sind, zumindest gruselnd von Ferne betrachten oder nachempfinden.

Während ich bei Breaking Bad jedoch zwei Staffeln einfach ausgelassen habe und ich mir bei House of Cards und True Detective noch nicht ganz schlüssig bin, ob ich mir den Rest auch geben werde, hat mich eine Serie wirklich umgehauen: Daredevil. Einige Comicverfilmungen schätze ich schon: die alten Batmanverfilmungen von Tim Burton z.B. oder die neueren von Christopher Nolan, einige der X-Men-, Spiderman und Avenger-Filme waren auch sehr gut. Was ich bei denen schätze, die ich als überdurchschnittlich gut einstufe ist, dass sie der Superheldenthematik in immer neuen Variationen andere Facetten abgewinnen. Sei es durch die komische Fallhöhe, die entsteht wenn sich die Normalo-Identität Spidermans sich in den Fängen des Alltags als ziemlicher Versager entpuppt oder seien es die Reflexionen über einen Superhelden wider Willen bei Batman, dem von den Menschen der Stadt und ihrer moralischen Verlottertheit(**) die Rolle einer übermenschlichen Symbolfigur aufgezwungen wird.

Ein paar dieser Reflexionen finden sich auch bei Daredevil: So besitzt auch der Daredevil der Serie keine wirklichen Superkräfte – die geschärften Sinne mögen über das normalerweise menschenmögliche hinausgehen, aber er ist z.B. verwundbar und beendet seine nächtlichen Ausflüge meist blutüberströmt wie ein Passionspieler – was denn auch der Vorspann passend vorführt, in fließende Ströme von Blut die Silhouette der Stadt und den Kopf von Daredevil formen. Es ist auch hier die verbrechendurchtränkte Stadt, die ihn in diese eigentlich aussichtslose Schlacht schickt (dass das Ende der ersten Staffel den Protagonisten dann plötzlich auf wenige Minuten gedrängt einen kurzen Triumph gönnt, lässt diesen beinahe unglaubwürdig, jedenfalls sehr fragil erscheinen).

Was diese Serie für mich aber vielmehr trägt, sind die schauspielerischen Leistungen. Große Präsenz und Intensität. Aller Hauptcharaktere, und auch der Nebenrollen. Besonders beeindruckt hat mich Vincent D’Onofrio (Fisk), er dominiert vielleicht diese Serie sogar, ist im Vergleich zu Matt Murdock der interessantere Charakter.(***) Vielleicht könnte man die Serie deshalb auch als character-driven bezeichnen, im Gegensatz zu plot-driven, also z.B. einer Serie wie “Supernatural”, wo die Glaubwürdigkeit der Charaktere auch mal schnell einem Plottwist geopfert werden kann, und wo der Fortlauf der reinen Geschichte ist, die die Zuschauer bei der Stange hält.

Kritikpunkte fallen mir fast keine ein. Höchstens in einer Folge, gab es ein kleines Anschlussproblem: Da wurde Daredevil von einer großen Menge Blinder umringt oder festgehalten und es wurde nie gezeigt, wie er sich davon befreit hat. Ich weiß nicht, ob diese Szenen gedreht worden waren und dann dem Schnitt zum Opfer fielen, oder ob es von vornherein so gedacht war. (Jede einzelne Folge ist jedenfalls sehr dicht, kaum etwas Unnötiges.) Es hat mich jedenfalls irritiert… Die Gewalt ist mir auch teilweise schon etwas zu exzessiv – ich werde wohl älter – aber ich schätze es, dass die Actionszenen mal endlich wieder nicht so schnell und wirr geschnitten sind, dass man überhaupt nichts sieht.(****)

PS. Parallelpost hier.

(*) Genauer wurde das in einem recht hören- oder mittlerweile lesenswerten Beitrag im DLF herausgearbeitet.

(**) Das Sodom- und Gomorrha-Thema der moralisch verdorbenen (Groß-)Stadt findet sich interessanterweise wesentlich auch in anderen Werken wie Taxi-Driver oder Se7en.

(***) Vielleicht ist das nur eine persönliche Assoziation, aber er erinnert mich immerzu an Marlon Brando, (insbesondere Colonel Kurtz).

(****) Vgl. vielleicht auch: https://www.youtube.com/watch?v=Z1PCtIaM_GQ

Fundamentalisten

In einem Interview über die Gewaltbereitschaft der Religionen ein paar interessante Anregungen entnommen: dass es nicht nur die monotheistischen Religionen seien, die gewaltbereite Anhänger hervorbrächten,.. dann dachte ich so etwas in der Richtung gehört zu haben, wie dass eine gewissen Form des Fundamentalismus mit Religionen fast zwangsläufig einhergehe, als dass sie auf das Ganze zielen und ich dachte ja*: wo haben wir das noch, gibt es noch eine Ideologie, eine Denkform, die überhaupt versucht unser Menschsein als Ganzes zu erfassen oder zu beschreiben oder gar uns auch eine Lebensweise vorzuschreiben? Und dann begegneten mir Videos von so ein paar Amerikanern, die gegen den (raffinierten) Zucker predigten. Eine verglich ihn gar mit Heroin. Und sie sprachen von der bösen Industrie, die uns abhängig mache nach all ihren schlechten, künstlichen Produkten und von ihrer Erweckung zu einer gesunderen Lebensweise als sie all das junk food sein ließen und stattdessen durch organic food ersetzten.

Das fasziniert und stößt mich ja öfter ab; diese echte Begeisterung für jedem neuen Trend, den diese Leute an den Tag legen, diese Mischung aus Staubsaugervertreter und Zeuge Jehovas (wie sie nur gebürtigen Amerikanern zuteil ist?).

Und ich dachte, sind das jetzt die (post)modernen Überbleibsel der Religion? Wenn unsere Lebenswelt nur noch verwaltet oder privatisiert ist, unser Ich neurowissenschaftlich zum Phantom erklärt, und die alten ideologischen Gräbenkämpfe des kalten Krieges erst langsam wieder aufgewärmt werden, dann haben wir eben so unsere kleinen ideologischen Scharmützel?

Das könnte einer meiner Lieblingsthesen sein, dass der Mensch eben nicht ohne Ideologie auskommt, nicht ohne dass er noch den kleinsten Pisselkram hochjazzt zu einer Grundsatzfrage von Gut und Böse. Ja, diese impertinente Zwangs-Polarisierung ist es auch was mich an Auseinandersetzungen im Internet so abstößt. Gerade auch bei den Geeks und ihren flamewars. Nicht dass ich dem kühnen Ritt einer fetzigen Polemik oft gerne folge. Aber gerade z.B. in den computer language wars ist das doch irgendwann ermüdend. Die 404te Begründung warum C++ Scheiße ist und eh’ jede Sprache die nicht funktional/dynamisch oder statisch typisiert/imperativ/low level tauglich/etc. pp. gleich in der Pfeife geraucht werden kann. Oder warum Adornos Pimmel eh’ viel länger ist als Poppers. Eigentlich jede dieser Auseinandersetzungen zu jedem Thema. Überhaupt: es könnte doch jemand langsam endlich dieses Scheiß-Internet abschalten.

Oder wenigstens meinen Blog.

*Im online publizierten Mitschnitt habe ich die Stelle nicht gefunden.

Down the road to Spengler boulevard

Diese durchgeknallte Griechenlandberichtserstattung in Deutschland wurde in diesen Videos passend aufs Korn genommen:

Aber obwohl das nun schon so zielgenau auf den Punkt gebracht wurde, machen sie einfach weiter – meinen das womöglich ernst, sofern der Boulevard und die Jauche überhaupt irgendetwas ernst meinen können. SPON z.B.:

Also müsste Finanzminister Gianis Varoufakis eigentlich bei IWF-Chefin Christine Lagarde bescheiden um eine Gnadenfrist bitten. [..]
Varoufakis hofft, mit seinem spröden Charme weiterzukommen – allen voran bei IWF-Direktorin Christine Lagarde.
Die begrüßt ihn denn auch ähnlich flott, in schwarzer Lederhose und hohen Hacken.
[..] Doch Lagarde gibt Varoufakis sogar eine öffentliche Abfuhr.
[..] Für alle gälten die gleichen Spielregeln: “Wie Sie wissen, basiert der IWF auf Regeln.”
[..]
Und wieder: “Wir halten uns an die Regeln.”
Quelle

Die FAZ ist eine der wenigen Zeitungen, die ab und an kaufe – aber es scheint das Internetpendant driftet wie all die Zeitungsportale in Richtung SPON und Boulevard. Das sieht man schon an den Aufmachern, dem sensationsheischenden Zuschnitt der Aufmacher und den grenzdebilen Textanreißern (ganz schlimm auch wieder bei dem Germanwings-Unglück). Muss das sein für die Klicks? Brauchen wir gleich fünf oder sechs Internetäquivalente der Bildzeitung?

Programming styles

E.W. Dijkstra at his best:

The use of COBOL cripples the mind; its teaching should, therefore, be regarded as a criminal offense.

APL is a mistake, carried through to perfection. It is the language of the future for the programming techniques of the past: it creates a new generation of coding bums.

FORTRAN, ‘the infantile disorder’, by now nearly 20 years old, is hopelessly inadequate for whatever computer application you have in mind today: it is now too clumsy, too risky, and too expensive to use.

In the good old days physicists repeated each other’s experiments, just to be sure. Today they stick to FORTRAN, so that they can share each other’s programs, bugs included.

It is practically impossible to teach good programming to students that have had a prior exposure to BASIC: as potential programmers they are mentally mutilated beyond hope of regeneration.

Besides a mathematical inclination, an exceptionally good mastery of one’s native tongue is the most vital asset of a competent programmer.

Simplicity is prerequisite for reliability.

Programming is one of the most difficult branches of applied mathematics; the poorer mathematicians had better remain pure mathematicians.
Quelle: http://www.cs.utexas.edu/users/EWD/transcriptions/EWD04xx/EWD498.html

Das Schöne: Natürlich habe ich mir mit BASIC das Programmieren beigebracht.

Was hier aber anklingt: Diese Sapir-Whorf-These ausgeweitet auf Programmiersprachen, dass das Instrument der Sprache, in welche wir unsere Gedanken kleiden, auf den Stil und Inhalt der Gedanken selbst rückwirkt – wobei Dijkstra, glaube ich oder war’s doch jemand anders, schon diesen Terminus “Programmiersprache” zurückwies, weil es eine Verwandheit mit den natürlichen Sprachen suggeriert, während es doch eher in den Bereich angewandter Mathematik oder Logik falle.

An beidem mag etwas sein, aber ich halte es für etwas übertrieben – wie ich auch Dijkstras Korrektheitsbeweise für Programme nicht für sehr alltagstauglich halte. Das ist doch etwas weit entfernt vom leidvollen Programmieralltag, in dem man froh ist, dass einfach alles läuft. –

Was mir ähnlich erscheint, wie beim normalen Schreiben:
– Es gibt ebenfalls, eine Freiheit, einen quasi unendlichen Raum, dessen was gesagt oder mit einem Programm gemacht werden könnte. Schon nach ein paar Worten, könnte das, was man schreibt, komplett neu und einzigartig sein (im Normalfall natürlich nicht, aber prinzipiell).
– Damit gibt es vielleicht auch (zumindest für mich) diesen Horror des weißen Blattes – diese Qual die ersten Worte auf ein Papier zu schreiben, die ersten Zeilen eines Programmes einzutippen. Wenn die falsch herauskommen, die falsche Richtung einschlagen, wenn sie das jungfräuliche Blatt einmal befleckt haben, dann gibt es kein Zurück mehr.
– Programmierer sind was die Formatierung von Quellcode angeht, was verschiedene Programmierstile angeht voller Idiosynkrasien; über Tabs oder Leerzeichen, Klammereinrückungen, Zeilenbreiten könnte man tagelang diskutieren.
usw. usf.

Innerliche Verausserungen

Dieser Verdruss. Es ist alles so zaeh, egal, endlosschleifend, was da durch meine Timeline suppt. Aufregung ueber ein paar Twitterbilder eines Krautreporters. Hat die Welt denn keine anderen Probleme? Fefe aetzt gegen systemd, vergleicht es mit dem Antichristen: Microsoft. Ich bin sie so muede die ganzen Grabenkaempfe, ideologischen Verhaertungen, aber es ist als koenne der Mensch nicht anders, als muesse er bestaendig die Welt trennen in Gegensaetzliches, in Gut und Boese. Und dann haengt er sein Herz ganz an einen dieser Pole, verteufelt und verdammt die feindliche Seite. Linux vs. Windows. USA vs. Russland. Qualitaetsjournalisten vs. Blogger. Was auch immer. Ich stehe nur noch ratlos an der Seitenlinie und moechte eigentlich Fan gar keiner Mannschaft mehr sein. Was geht mich dieser ganze Bloedsinn noch an? Auch eine intellektuelle Eroerterung zur Lage des Abendlandes zwischen Pegida, Varoufakis und ESC-Skandaloeschen koennte ich mir nicht einmal von Enzensberger anhoeren. Oder von Pispers, wenn ich den mittlerweile hoere, dann ergreifen mich Fluchtreflexe.

Wie dem auch sei! Womoeglich liegt der Verdruss auch bei mir selbst, weil sich einfach nichts bewegt und wenn ich dann traege durch das Netz des Immergleichen klicke, ich natuerlich nicht auf etwas stossen kann, dass mir Anstoss waere, mich aus mir selbst herauszustossen. Es muss ein Ruck durch die Blogosphaere gehen. Ach, solche verrueckten, innerlichen Verrueckungen sind ja auch nicht immer ganz schmerzfrei, gerade wenn sie mit einer Selbsterkenntnis verbunden sind. Der Mensch dieses merkwuerdige Tier, das sich selbst zum Objekt seiner Betrachtungen machen kann, es versucht nun Objekte zu schaffen, die sich selbst zum Objekt ihrer Datenverarbeitung machen. Eher unwahrscheinlich; aber in der Zwischenzeit kann er damit schon einmal seine eigene Objektifizierung, die totale, vermessene Vermessung seines Verstandes vorantreiben. Liesse sich bei mir wahrscheinlich auf ein paar Kilobyte zippen.

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