Lafcadios Loch

Rants from below

Familien im Lockdown:

Wir schreien uns an, also leben wir noch.

Existenzielle Krise

Mutter: Das Leben ist so kurz. So wenig Zeit.

Sohn: Ich möchte in deiner Nase sein.

Das Kreuz mit der Kunst (4)

Popovas Buch beendet. Es gehört für mich zu jenen Büchern, die ihre Schönheit dadurch erreichen, dass sie die Schönheit und Idealität anderer preisen und lebendig werden lassen. So ähnlich wie bei Austers „Buch der Illusionen“, das dem vollkommenen Film huldigt, der nur einmal vor seiner Vernichtung gesehen. Auch hier übertrug sich die Schönheit des Werkes im Werk auf das Werk selbst. So ähnlich ging es mir mit Popovas Heldinnen. Sie ist eine so begeisterte Verfechterin von Rachel Carsens, Emily Dickinsons oder Margaret Fullers Werk, dass man gleich losziehen und diese Autorinnen lesen will.

Die Erzählerin verpflichtet sich ganz der Kunst und der Sache ihrer Heldinnen. Auf den 800 Seiten tritt die Erzählerin nur zwei- bis dreimal persönlich in Erscheinung – mit einem Kommentar oder gibt etwas aus ihrem Leben preis.

Aber was machen wir daraus?

Es ist nicht so, dass ich das Haar in der Suppe suchen möchte. Das nervt mich an mir selbst schon viel zu sehr, dass ich immerzu nach der Kritik, nach den Einschränkungen, und Fehlern suche. Dass ich etwas Gutes, nicht einfach mal als solches gelten lasse. Nein! Beide Bücher haben mir auf ihre Weise zugesagt. Hatten ihren Mehrwert. Sonst hätte ich sie gar nicht zu Ende gebracht. Aber sie helfen mir für meine Sache leider nicht so viel, wo ich mir doch die Frage stelle: Brauche ich Kunst in meinem Leben? Welche Kunst? Wozu?

Für eine, weitere Woche bin ich vor der Frage geflohen. Nun indem ich meine eigene Handschrift vektorisiert und eine Font daraus gemacht habe. Ebenso sinnlos wie die Kunst. Aber auf Dauer kann ich’s nicht aufschieben. Und momentan weiß ich nicht, ob’s der Lockdown ist oder diese Kunst-/Sinnkrise, die mir so an die Nieren gehen oder eine Mischung aus beidem.

Doch zurück. Warum können die beiden nicht helfen? Es ist ja nicht so, dass sie nicht Herzblut gezeigt hätten, dass ihr Kunstbegriff bürgerlich, erstarrte Bildungspose. Das Problem ist vielleicht einfach, dass wenn Kunst existenzieller, persönlicher Ausdruck, dann ist das schwerlich übertragbar. Selbst, wenn die Kunst natürlich nach einer Form sucht, es nicht um bloße Befindlichkeit oder Nabelschau geht, sondern etwas Überpersönliches, Allgemeines sichtbar werden sollte. Etwas das zu einem anderen überspringen kann. Auch wenn es in ihrem Bewusstsein wiederum etwas völlig Neues auslösen kann. Die Verehrung aber zum Beispiel von Emily Dickinsons Werk hilft mir doch nicht weiter, solange ich ihre Lösungen nicht übertragen kann auf meine Form und Inhaltsprobleme und ihres assimiliere. Aber selbst wenn, wäre ich dann nicht auch nur ein Apologet? Muss ich nicht meine Antwort finden?

Wie schreibe ich, was, jetzt? – Nicht die x-te pandemische Apokalypse, nicht wie die Digitalisierung ihre Kinder frisst. – Aber das ist natürlich, was ist. Es ist doch in der Luft greifbar, wie die Leute, wie ein großer Teil der Nation kurz davor ist zu tilten – ich spüre es an mir selbst. Alles im Wanken, in Schieflage, rutschbereit.

Von Alexander Gerst rufe ich mir immer wieder dieses Bild wach: wie aus dem All unsere Atmosphäre nur eine dünne, blaue Schicht, um den Planeten ist. So fragil und bizarr ist unser Ökosystem, wie unsere, die „menschliche Zivilisation“. All die Ordnung, das eingeübte, antrainierte Verhalten, mit dem die Welt funktioniert ist nur prästabilisierte Harmonie. Unser Uhrwerkuniversum der Gesellschaft, es braucht nur ein paar falsche Takte, dass es aus dem Tritt gerät und wir Einblick erhalten in das darunterliegende, rumorende Chaos unserer Seelen.

Der Rätselwahn

Vielleicht erklärt sich daraus die merkwürdige Effektivität von Verschwörungstheorien – wie sie es schaffen manche Individueen über Jahre hinweg zu fesseln:

Für unseren Geist ist die kribbelnde, lustvolle Verheißung der Lösung eines Rätsels ein viel größerer Kick als das tatsächliche Erfolgen einer Lösung.

Diese Mechanik unseres Geistes müssen Q und andere perfektioniert haben. Ein Rätsel, ein Code, die Erwartung versetzt uns in elektrische Gespanntheit, während die Auflösung dieser Spannung nur etwas wie Ernüchterung bringen würde. Statt der Lösung muss also der nächste Rätselschnipsel raus, die hungrigen Hirne zu füttern.

Durch die Verschwörungstheorie erhält die Welt einen doppelten Boden. Überall lauert Ambiguität, versteckte Bedeutung, die nur die Eingeweihten entschlüsseln können. Was in frappierender Weise der Verzauberung der Welt in der Poetik gleicht, welche auch eine gewisse Einübung erfordert, den Sprachspielen und Symboliken folgen zu können, um dann die Welt in einem anderen, neuen Licht aufleuchten zu lassen.

Wird also tatsächlich bei beiden Verfahren unser Geist auf ähnliche Weise aufs Glatteis geführt, indem er Gespenster sieht oder gibt es kritische Differenzen, die das Verfahren der Poetik rechtfertigt und es vom Wahn des anderen abgrenzt?

Bleistift

In einer Amazonrezension
beschrieb einer die Wunderwirkung
eines mechanischen Bleistiftspitzer
für schlappe vierhundert Euro:
Der angespitzte Bleistift habe die
Decke durchbohrt und sei erst
im Keller zum Stehen gekommen.

So zielgerichtet, fest und scharf
muss Emily Dickinsons Geist gewesen sein.

Das Kreuz mit der Kunst (3)

Kostengravitation oder die Macht der großen Zahlen

Das „Gesetz der Kostengravitation“ frei nach Jaron Lanier bezeichnet den Vorgang, wie durch die industrielle Massenproduktion und fortwährenden technischen Fortschritt die Preise drastisch sinken. Durch diese niedrigen Kosten lässt sich ein Massenabsatzmarkt oft erst erschließen. Das Beispiel par excellence, das Jaron Lanier anführt, ist die digitale Revolution durch den Personal Computer. Das Mooresche Gesetz, die exponentielle Zunahme der Rechenleistung bei gleichen Kosten, beschrieb über mehrere Jahrzehnte diese „Kostengravitation“. Heute sind die Kosten für Chips oder Mini-Computer ist so weit zu Boden „gravitiert“, dass sie in fast alle elektronischen Produkte verbaut werden, die dann als „smart“-Geräte Teil des internet of things werden (ioT aka internet of shit, weil diese Dinge oft so hanebüchen zusammengedengelt werden, dass sie keiner Sicherheitsanforderung genügen).

Ich umreiße diesen Begriff, weil ich denke, dass vieles, was Deresiewicz für die Kunst beschreibt ähnliche Ausprägungen hat. Durch die digitalen Werkzeuge, ist es heute viel einfacher geworden, Musik oder ein Buch zu produzieren. Gleichzeitig hat die Schar an Leuten, die es auch versuchen enorm zugenommen und folglich sinken die Preise für die Erzeugnisse, dass es zunehmend schwer wird, von ihrem Verkauf zu leben. Deresiewicz bedauert und kritisiert dies, da seiner Meinung nach anspruchsvolle und hochwertige Kunst nur dann entstünde, wenn der Künstler sich ihr voll und ganz widme und sie wie ein Handwerk perfektionieren könne. Zudem erreiche die schiere Masse an Selbstpublikationen solch ein Ausmaß, dass es schon völlig unmöglich wäre in diesem Heuhaufen von meist handwerklich schon verhunzten Werken noch die hochwertige Nadel zu finden.

Obwohl ich diese Kritik durchaus teile, beschleicht mich auch bei Popova manchmal ein leichtes Unbehagen, welches wohl in einer inneren Spannung dieses bürgerlichen Kunstsinnes selbst liegt: Zum einen strebt sie immer nach Exzellenz, Besonderheit, feinsinniger Überlegenheit, aber gleichzeitig gibt sie auch vor, dass im besten aufklärerischen Sinne jeder Bürger gleichberechtigt an ihr partizipieren könne. Also auch der dilettantische Pöbel von dem man die Kunst sich nicht beflecken lassen wollte, sondern von welchem einen die Kunst gerade abhebt? Ich befürchte hier kann die Kunst nicht ganz aus sich selbst heraus und ihren aristrokratisch-elitären Ursprung ablegen.

Ist das so schlimm, dass es Hürden gibt, dass die Kunst auch auf Seite des Rezipienten Übung und.. Vertikalspannung fordere?, könnten nun die Verteidiger jenes Kunstbegriffes entgegnen, nur „wer immer stetig strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ – aber gerade mit Ausschluss und der Abgrenzung von jenen, denen der Kunstsinn abgehe, den Barbaren, verlorene Heiden, reproduziert man alte religiös-ideologische Schemata. Ja, man läuft Gefahr sich selbst und seine Kunstverständigkeit nur durch Grenzziehung zu den Anderen definieren zu können.

Das mag ein wenig überdramatisch klingen, aber ich denke es ist äußerst gerechtfertigt: man schaue nur auf den Riesenanteil des Kunstdiskurs, der auf Abgrenzung und Aufplusternung des eigenen bunten Federkleides zielt. Auf die sakrale Ehrfurcht mit welcher das Publikum einer Theateraufführung oder einem klassischen Konzert beizuwohnen habe. Die Abläufe sind zeremoniell und organisiert gleich einem Gottesdienst. Und sind die Vitrinen in den Museen nicht wie Altäre, die Außergewöhnlichkeit der dargebotenen Gegenstände in anbetungswürdige Höhe zu schrauben?

Ist die Einübung, die es erfordert von Beethovens Sinfonien ergriffen zu sein, also nicht so etwas wie kunstideologische Indoktrination? – auf diese ketzerische Frage läuft es wohl hinaus. Wie sollte ich mir anmaßen, zu antworten? Vielleicht kann man es von der anderen Seite aufziehen: Insofern die lebendige, elektrische Verbindung zum Werk verblasst, da nur noch erkaltete, formale Hülle jener kunstsakralen Zeremonie vorhanden ist, sofern hat die Ideologie die Oberhand gewonnen.

Das Kreuz mit der Kunst (2)

Kunstdefinition

Wer leiht mir nun das Schwert den gordischen Knoten dieses Kunstknäuels zu durchtrennen? Wie beginnen? Selbst bei dem Versuch das ganze historisch zu sortieren, durchdringen die verschiedenen Begrifflichkeiten sich. Zeigt sich, dass auch unser heutiges Kunstverständnis und die Charakterisitika, die wir dem Künstlerich beilegen sich herleiten von alten Bildern: der romantischen Empfindsamkeit, die das reiche Reich des Inneren aufschloss (oder erdichtete?), dem Genie, das fein genug, diese Regungen zu spüren und in Zeichen sichtbar werden zu lassen, der Bohemé, die ihr Genie und Anderssein behauptet im Meer der Normalität und Massenunterhaltung.

Besonders der Bohemé widmet sich Deresiewicz ausführlich im Zusammenhang der Gentrifizierung: die mittellosen Künstler fänden billigen Wohnraum. Die Anwesenheit einer kritischen Masse kreativer lässt diesen Stadtteil nun plötzlich „hip“ werden und dies zieht die Yuppies oder noch schlimmer Softwareentwickler an, was die Preise in unbezahlbare Höhen schraubt, so dass die Künstler wieder andere Gegenden finden müssen.

All diese Dinge wirken hinein in unser Verständnis von dem was wir unter Kunst verstehen. Für mich möchte ich es ungefähr so umreißen:

  • für den Schaffenden ist das Schaffen oft mit dem Gefühl eines Schaffensdruck verbunden: etwas liegt in der Luft und ihm muss Gestalt verliehen werden ehe es sich verflüchtigt
  • der Stoff und Form bedingen einander notwendig: das was den Künstler anspringt, trägt schon sein Wie in sich. Es muss jetzt und so gesagt sein.
  • der Akt des Schaffens hat oft etwas Physisches, Entäusserndes, als müsse man eine Rippe aus sich herausschneiden. Es kann also etwas sehr Persönliches des Künstlers in sich tragen und doch ist es, wenn es gelingt, dann wiederum etwas Überpersönliches, Losgelöstes, das für sich selbst in sich geschlossen etwas bedeutet (was sich nicht einmal mit dem vom Künstler bewusst intendierten decken muss).

Demokratie und Kostengravitation

Aber da ist noch ein anderer Aspekt, der mir unter den Nägeln brennt und den ich bei Deresiewicz bisher nicht ausreichend beleuchtet oder nicht von der Seite anschneidet, von der ich das tun möchte. Es geht um eines der Kernversprechen der Aufklärung: das Recht auf gleichberechtitgen Mitwirkung aller. Wäre das nicht für die Kunst auch zu fordern?

Aber es ist etwas in der Kunst, das Beuys‘ Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“, gleich anrüchig oder absurd erscheinen lässt. Liegt es an dem jahrhundertelangen Genie- und Starkult, der unsere Kultur durchzieht, der uns lechzen lässt nach dem Hohen, Außerordentlichen, der Kunst als museal, sakral Inszeniert und Zelebriertes, das nicht befleckt sei vom Gewöhnlich-Normalen und also auch unmöglich von solchen hervorgebracht werden könne.

Dies hat sicherlich seinen Anteil, ist aber vielleicht das Einzige, was einer Demokratisierung der Kunst entgegensteht. So legen wir meist den Ursprung der Kunst, wie ich auch oben, in die unmittelbare, innerste Individualität, die oft aus ihrer Zeit oder Gesellschaft herausfällt oder dieser entgegensteht. So ähnlich ist auch die Haltung der prekär-lebenden Elite namens Bohemé: Gegen das System. Sie meinen dabei Kapitalismus oder Neoliberalismus. Aber ich denke es sollte auch „Demokratie“ mit einschließen oder jedwede Form von Massengesellschaft und -kultur. Denn für die meisten Künstler, mich Nicht-Künstler eingeschlossen, gilt instinktiv Kierkegaards Motto: „Die Menge ist die Unwahrheit.“ – Was viele gut finden, muss overhyped und minderwertig sein. (I’m looking at you, Adorno)

(Fortsetzung folgt)

Zur Kostengravitation, eine Begrifflichkeit die ich mir von Jaron Lanier leihe, kommen wir dann wohl erst im nächsten Beitrag.

Das Kreuz mit der Kunst (1)

Eine teils schmerzhafte Parallellektüre stößt mich gegenwärtig mit heftiger Kraft auf die Kunst. Vor längerer Zeit schon hatte ich „The Death of the Artist“ von William Deresiewicz angefangen und nun gesellt sich noch „Findungen“ von Maria Popova hinzu. Beides Bücher, die sofort auch eigene Gedankengänge in Bewegung setzen, dass ich schon dutzende Blogeinträge damit hatte befüllen wollen.

William Deresiewicz‘ Buch startet mit dem inhärenten Widerspruch des Idealismus der reinen, brotlosen Kunst und der Tatsache, dass die Künstler aber doch Geld brauchen und vielleicht doch auch Wirkung und Erfolg suchen. Gerade mit der digitalen Umwälzung berichtet Deresiewicz anhand zahlreicher Interviews wie sich die Bedingungen in Literatur, Musik und bildenden Künsten für die Schaffenden ändern und es für sie zunehmend schwieriger wird überhaupt noch über die Runden zu kommen.

In einem der Einleitungskapitel betrachtet Deresiewicz durchaus kritisch die Entstehung und Ansprüche der l’art pour l’art oder der „Art“ mit Großbuchstaben, wie er sie nennt. Dabei rückt er sie in Nähe von Ideologie und Religion, was sich ja allein schon am Vokabular zeige. Der im Herzen reine, von der Welt abgekehrte Bettelmönch wurde nun zum armen Poeten. Die Heldinnen von Popovas „Findungen“ fallen genau in jene Epoche des 19. Jahrhunderts, in welche man die Etablierung dieses Kunstverständnisses verorten könnte. Ich würde es als Säkularisierungsbewegung bezeichnen bei der vormals religiöser, transzendente Anschauungen und Metaphernfelder in weltliche, bürgerliche transformiert werden. (Die Gruppe an Künstlern und Wissenschaftler, um die es hauptsächlich geht, nennen sich bezeichnenderweise auch noch „Transzendentalisten“) – Bis zum heutigen Zeitpunkt wirkt dies fort, dass der gebildete Mensch nach Gottes Tod die Sinn- und Identitätsstiftung in der Kunst, in der ästhetischen Erfahrung noch finden könne.

Trotz der anfänglich, kritischen Töne scheint Deresiewicz mir zunehmend ein Gläubiger und Vertreter der Kunstideologe und Popovas Buch durchstrahlt eine emphatische Bejahung der Kunst und Wisschenschaft als erhebende Kraft, die das Individuum in taumelnde Höhen katapultiere. Zumindest jene Genies, von denen es handelt. – Eines der Themen, die mich am meisten umtreibt und um das dieser Blog kreist, wie die Motte um das Licht, ist wahrscheinlich die Dekonstruktion dieser ehernen Kunst- und Wissenschaftsideologie. So möchte ich denn im Folgenden, den erneuten Anstoß durch die beiden Bücher nutzen, um mich tiefer in dieses Thema hineinzubohren und für mich herauszufinden, ob die Kunst nun Lüge ist oder ob oder in welcher Form sie noch Seelenheil sein könnte. Oder ob solche Fragen schon verworfen gehören.

Patriarchat, deconstructed (not yet)

Da ist diese Sache mit der Vaterrolle. Erst gestern stieß mich so ein harmloser Kinderfilm („Here we are: Notes for Living on Planet Earth“) wieder darauf: Der frischgewordene Vater fragte sich bang, wie er dem Sohne, denn diese übergroße, überkomplexe Welt, die er kaum selbst durchdringt, erklären werde. So berechtigt die Frage und ehrlich sie so klar aufzuwerfen, so scheint für mich doch wieder gutes, altes Patriarchat durch: warum es denn gerade dem Vater obliegt für die Weltorientierung zu sorgen. Da scheint doch die alte Rolle nicht abgelegt: der Vater als Träger des analytischen Verstandes, der alles erklärt, als der geistige, intellektuelle Ruhepol der Familie.

Diese Rollenklischees sind noch nicht aus uns heraus. Nicht bei meinen Eltern, die doch so viel Steiner und Hippiegeist aufgesogen hatten, dass sie den alten Muff auf den Müll werfen wollten. Und es graut mir schon vor mir selbst. Das Verhalten und die Rollen sitzt zu tief in uns drin, als dass eine Generation, das einfach so hätte beenden können. Ich hoffe die Verhaltenstherapie oder irgendwer kann sie uns irgendwann austreiben. – Es ist oft so schmerzhaft, diese verfestigte, erstarrte Rolle an meinem Vater zu sehen. Wie er als One-Man-Show ein selbstlaufendes Programm abspult, sobald die Anzahl der Besucher zu groß und so ein Ringen um den Fokus, um die Dominanz im Gespräch beginnt. Es ist so elend und ärgerlich wie in all diesen Polit-Talkshows, wo vorrangig, derjenige gewinnt, der sich am breitesten macht und den anderen einfach die Redezeit stiehlt, indem er niemanden zu Wort kommen lässt. Diese widerliche Art der Gesprächsdynamik scheint leider ziemlich universell und nicht auf das Fernsehen beschränkt, sondern auch im Privaten oder auch den Blogkommentarspalten allgegenwärtig. Und es sind leider nach wie vor die Männer, die sich genötigt fühlen sich zu produzieren, die das Gespräch an sich reißen und es mit ihren Monologen ersticken.

In Maria Popovas „Findungen“ findet sich folgende Beschreibung:

Doch fand sie, dass er an der schlimmsten Krankheit des Patriarchats litt, weil er dermaßen von sich eingenommen war, dass er andere nicht zu Wort kommen ließ:

„Das Schlimmste beim Zuhören ist, dass Carlyle sich nicht unterbrechen lässt. (…) Hat er jemanden erst einmal in Beschlag genommen, hält er ihn gefangen. Ihn zu unterbrechen ist schier unmöglich, auch körperlich. Wenn man einen Augenblick lang die Chance bekommt, zu protestieren, erhebt er seine Stimme und ringt einen nieder.“

In Carlyles „titanischen“ Tiraden, die sie „alles andere als himmlisch“ fand – „er unterhält sich nicht, er predigt nur“ -, sah Fuller den persönlichen Ausdruck einer größeren kulturellen Epidemie, einer Ästhetik der Überheblichkeit, die auch heute, hundertfünfzig Jahre später, weiter wütet, weil wir Erfolg fälschlicherweise noch immer am Grad der Arroganz und Durchsetzungsstärke eines Menschen messen: (..)

Und ich frage mich nur: wann und wie hört das endlich auf? Wie können wir uns endlich entspannt begegnen, dass nicht gleich wieder ein Wettkampf entbrennt, dass das Rechthaben, die Vergleiche, das Messen von Status und Macht alles überschatten. Dass statdessen freier Austausch wäre von Mensch zu Mensch.

10 Dinge, die es schwer machen, mit mir selbst zu leben

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Meine Starrköpfigkeit und Trotzigkeit. Wenn etwas mich in meinen Plänen stört, dann kann ich mich zunächst einmal überhaupt nicht darauf einlassen. Es ist nicht denkbar. Ich bin erst einmal ein bockiges, stures Kind, mit dem nicht zu reden ist. Später vielleicht, wenn durch meine Reaktion nicht schon alles zerstört, kann ich die Dinge rationaler betrachten und die vielleicht sinnvolle Planänderung in Erwägung ziehen.