Lafcadios Loch

Rants from below

Liberale! Was bin ich für ein Trottel, dass ich mir jahrelang diesen Böhmermann gegeben hab und das ganze US-amerikanische Late-Night-Pack, die jetzt so tun als wäre CNN selbstverständlich kein fake news. Darüber zu streiten oder nicht streiten zu wollen, schon vorbei – Vernunft und Diskurs tot. Zeit die Leinen zu lösen. Ist doch auch befreiend: Keine Zeit mehr mit diesen Leuten vertun, die vor Vergnügen quiekend vom Sessel fallen wenn auf der Bühne jemand Merkel-Ferkel nuschelt, die immer noch süchtig sind nach dieser unerträglichen Sauce aus pseudoaufklärerischem Gestus und verbaler Jauche für den politischen Gegner. Estoy harto! Ich ertrag’s nicht mehr. Mögen die Leute noch klatschen während sie in der Scheiße stehen. I’m out. Links, rechts, oben, unten. Alles Quatsch. Außer die Gehirnzellen sogleich in Alkohol einzulegen, hilft doch nix. Gulp.

Adorno hatte recht

Im Radio wieder irgendwas über Trump. Mein Dreijähriger: „POSTFAKTISCH, HÄHÄ HÄHÄ!“

Kaktus

Mein dreijähriger Sohn deutet auf Arme und Beine: „Ich habe überall Haare. Ich bin ein Kaktus!“

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung.[] Im Menschen erreicht diese Verstellungskunst ihren Gipfel. – WDR5 Feature über die Lüge

Oder wie es bei Nietzsche dann in Gänze heißt:

„Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung, denn diese ist das Mittel, durch das die schächeren, weniger rubusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubthier-Gebiss zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskirtsein, die verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflatterm um eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts begreiflicher ist, als wie unter Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.“ Nietzsche „Ueber die Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ (Hervorhebung von mir)

Da ich nicht noch mehr Totzitieren möchte, möchte ich nur kurz darlegen, was Nietzsche wohl viel besser getroffen hat, als es mir bisher gelungen ist. Ich hatte ja auch schon verschiedentlich mich über den Zusammenhang von Kultur und Lüge verbreiten wollen, beziehungsweise darüber wie Täuschung und Ideologie tiefeingegrabene Wurzeln unseres Bewusstseins und unserer Kultur sind. Es obliegt dem Philosophen und Künstler misstrauisch dagegen zu bleiben – und am meisten gegen sich selbst. Denn das ist ja das Wesen der ideologischen Verblendung, dass sie:
1) Ihrem Träger gegenüber den Gegnern oder „Nicht-Erleuchteten“ ein Überlegenheitsgefühl verleiht.
2) Die eigene Sicht als das normalste, natürlichste und richtige Erscheinen lässt, den blinden Fleck im eigenen Gesichtsfeld also unsichtbar werden lässt.
So eben kann der Religiöse gratis über den Heiden triumphieren, der Kultivierte über den Barbaren und der Linksliberale über den Trump-Wähler. Ohne auch nur den leisesten, kleinsten eigenen Gedanken gehabt zu haben.
Dieser Gedanke findet sich auch bei Dennett’s zombic hunch. Dabei ging es um Argumente, die irgendwie zirkulär zu begründen versuchten, warum der einzigartige menschliche Geist nie von einer rein mechanistischen, deterministischen Maschine simuliert werden könnte. Ähnlich wie beim chinese room Argument wurden dazu die philosophischen Zombies erfunden: quasi-mechanische Ophelias, die sich von außen betrachtet ganz so wie normale Menschen verhielten, aber denen das eigentliche Innenleben fehlt, die Lebensflamme des Bewusstsein, das Gefühl das uns sagt, dass wir jetzt genau in diesem Moment dies fühlen.
Für Dennett war, glaube ich, dieser ganze Argumentsstrang ein Ärgernis – ich kann das immer besser verstehen. Jetzt gerade schaue ich Westworld, wo dieser Vergnügungspark mit philosophischen Zombies bevölkert und dieser philosophische Diskurs cineastisch durchgespielt wird. Und Hopkins, der Hexenmeister oder Dr. Frankenstein, gibt in einem Dialog mit seiner Kreatur zum Besten, dass er eigentlich keinen Unterschied sähe, keine magische Barriere, die das Maschinenbewusstsein durchbrechen müsste, um dem menschlichen zu gleichen, dass sie, seine Maschinen, eigentlich schon da wären. Letztlich zeichneten sich die Menschen und ihr Bewusstsein doch nur durch ein albernes Überlegenheitsgefühl (gerade auch der Nichtsimulierbarkeit) aus und wenn, dann müsse man eben nur dieses mitsimulieren. Das geanu findet sich glaube ich schon bei Dennett, der meinte man solle dann vielleicht eben den zombic hunch miteinprogrammieren (dann könnten die Maschinen die gleiche sinnlose Diskussion führen wie sie die philosophischen Sammelbände füllt).

Nachdem ich die TV-Debatten der US-Präsidentschaftskandidaten vor meinem geistigen Auge Revue passieren ließ: Es ist doch klar, warum Clinton verlor. Trumps Nachricht an den Wähler ist klarer, einfacher: Du bist gut, weil du Amerikaner bist.
Bei Clinton jedoch ist es komplizierter, verdrehter. Was ihre Bejahung der Diversität, etc. doch sagen will: Wir sind nicht so primitiv, wie dieser frauenverachtende, rassistische Vulgär-Kapitalist. Ihr Programm ist sekundär: es ergibt nur Sinn als Verneinung des Trumpschen.

– Dies geht wohl oft so mit der (linksliberalen) Kultur. Die Überlegenheit, die ich durch ihre Affirmation, gewinne, geht nur vor einer Negativfolie. Seien es Nazis, oder AfD’ler, die dann als Strohpuppen, die verbale Dresche beziehen.

[Weiter mit Nietzsche, alle Kultur hinter mir lassen. All die Affirmationsfallen. Mit allem brechen, alles brechen.]

Wie Stephen Colbert sagte: Es ist uns nicht gut bekommen, das Gift des Hasses auf die andere Seite, die ja immer die dumme ist. Den Medienvertretern und ihm selbst ist die Tragweite wohl aber immer noch nicht bewusst. Denn es geht ja immer noch weiter mit dem Eindreschen auf den Stroh-Trump.

So auch beim Böhmermann. Und dann auch noch auf Barth und Pietro Lombardi mit dem gleichen Pseudo-Unterschichts-Gelalle. Das es dann bei Barth gar nicht gibt. Als ich mal in eine Barth-Sendung geriet, da konnte man Barths Cleverness und Schlagfertigkeit und auch die seines Publikums in Form der Kandidatin auf der Bühne nämlich nicht übersehen. Aber das bourgeoise Kleinkunstkaberett hat in Barth ein so vortreffliches Ziel für den eigenen dummen Dünkel gefunden, dass es sich schon nicht mehr dafür interessiert, dass die Witze über Barth unter dem Niveau liegen, das man ihm andichtet.

Vielleicht ist es ja auch so mit dem Monstrum Trump. Da hat man sich so eingeschossen auf den Widerling, den Clown, dass man es nicht fassen kann, wie das dumpfe Wählervieh die zahlreichen Sottisen überging, dass ihm die großen aufklärerischen Spots und investigativen Anwürfe in der eigenen medialen Filterblase so gnadenlos schnurz waren.

Hey, Kulturestablishment, das gibt’s für euch nun auch in Unicode: 🖕! Schön auf dem Silbertablett aus den amerikanischen Wahlkabinen.

Aber ich sollte nicht auch noch meine Worte mischen in diese Kakophonie aus aufgeregten Stimmen. Man sollte es still genießen, das Gekreisch, das dystopische Sirenengeheul und am nächsten Tag immer noch lebendig aufwachen. Und sich ein wenig freuen, nicht wie Slavoj Zizek, – denn in den schrillen Tönen, kann man doch ein wenig die Verunsicherung heraushören, die Zweifel, die kleinen Knackse im Weltbild, die wenn man darauf achtete, sich ausbreiten ließen zu Rissen, zu Öffnungen, um durch sie hindurch hinauszublicken in Freie. Die Freie von der Einengung des eigenen verfestigten Weltbild, unser Korsett aus Sitte und Kultur, diese biestige Verpflichtung, immer auf der richtigen Seite zu stehen und recht zu behalten.

Fern hinter dem lauten Geraschel des Blätterwalds, dem Tumult ließe sie sich erlauschen die Stille,
die ozeanische,
die nietzeanische Höhe, Tiefe, whatever.