Lafcadios Loch

Rants from below

Sprache spricht

Eigentliche Dichtung ist niemals nur eine höhere Weise (Melos) der Alltagssprache. Vielmehr ist umgekehrt das alltägliche Reden ein vergessenes und darum vernutztes Gedicht, aus dem kaum noch ein Rufen erklingt. Heidegger „Sprache“

– Wie Heidegger schon wieder im nüchternen Zustand gelesen?
– Ja, und das Bier hier ist auch noch alkoholfrei. Grässlich. Ich weiß ja auch nicht. Dieser manchmal priesterliche Gestus, diese verknorkste Sprache mit all ihren zusätzlichen Bindestrichen. Als wollte er etymologisch der Sprache selbst noch was ablauschen.
– Und verirrt sich dann im Dickicht. Das ist doch alles schon arg abtörnend. Und dann sagt er dabei so wenig. So viele Wiederholungen, schon fast wie eine Predigt – nur noch weniger klar.
– Mag schon sein, aber dann kommen immer wieder so Dinge durch, wo ich denke, dass er den Nagel auf den Kopf trifft. Oder wo doch tatsächlich bei allem professörlichen Rumscharwänzeln mal etwas wie Humor oder gar Bescheidenheit hindurchscheint.
– Nun die vielleicht nicht, aber doch etwas von Gelassenheit. Weiß nicht, ob ich sie schon religiös nennen soll, aber so etwas von dieser Weltabgewandheit: Ach, all das profane Weltgewusel, lasse reden, wir schauen uns das mal in Ruhe von den Rängen an.
– Was er da sagt oder sagen lässt, über die Vergötzung der Vernunft und wie scheinbar der technische Fortschritt die Erfolge der Rationalität und die unantastbare Herrschaft der europäischen Vernunft stündlich vor Augen führe…
– Das rührt etwas an. Könnte man fast noch mit Adorno kurzschließen.
– Aber würde der noch mitgehen, was die Kritik angeht: die Europäisierung der Menschen und der Erde würde alles Wesenhafte in seinen Quellen anzehren?
– Nja, wenn man die Seite des Atlantik wechselt, zum „neuen“ Europa, das nun weiter seine Fackel der Freiheit brandschatzend in die Welt trägt, passt’s schon, oder? Ich mein, die Geschichtslosigkeit, die vergessenen oder fehlenden, kulturellen Wurzeln, das war doch ein Lieblingskritikpunkt von Teddy.
– Wir driften ab.
– Ja. Sprache spricht. Darum sollte es doch gehen.
– Und dazu hatte ich doch eigentlich auch schon ein paar…
– ..geistige Vornotizen abgelegt.
– Zu viele vielleicht. Also ran. Was diesen Vortrag umtreibt ist ja vielleicht so etwas wie eine Hermeneutik der Sprache selbst. Dass der Mensch, sich der Sprache, ihren Worten und Bildern selbst überlasse. Sie nicht in seinem Sinne zum Ausdruck oder zur bloßen Vermittlung von Tatsachen gebrauche.
– So ungefähr. Aber da sind wir gleich bei etwas: Ich sehe ja gerade aktiv, wie bei meinem Dreijährigen das Sprachvermögen sich entwickelt. Und da ist ja so viel, einfach.. stochastisches Rauschen.
– Wie wenn man ein neuronales Netzwerk mit Daten beschießt, trainiert.
– Genau… Und was maßen wir Menschen uns dann an, dass unser sprachliches Geblubber etwas ganz anderes sei.
– Eines aus der Tiefe der menschlichen Erfahrung und urbildlichen Prägungen, oder so.
– Vielleicht, ist’s deswegen schon fast eine Stärke, dass die US-Amerikaner all diesen Schmonzes nicht mit sich rumtragen.
– Heidegger der Philosoph mit dem Blubb.
– Sicher dass dein Bier da eben alkoholfrei war?
– Fokus! Das scheint ja fast eine der Grundfragen: Steckt in der Sprache, all ihren auskristallisierten Bildern, Wendungen, Begriffen etwas an.. Weisheit. Sagt sie damit wirklich selbst was.
– Oder sind das nur verfestigte, geronnene Zufälligkeiten, die einfach wieder verrinnen, wie die Gegenstände, die sie einmal bezeichneten?

– Fortsetzung folgt vielleicht.

Schieß doch, Sloterdijk.

Die Kultur ist mir fremd geworden. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass ich nie zu den Etablierten zählen werde, aber dieser Vortrag von franzobel in Klagenfurt weckt Fluchtinstinkte, Aggressionen. Wenn das Abendland zugrunde geht dann an solchem feingeistigen Mindersinn. Braucht man denn wirklich nur ein bisschen böse EBooks und Avatare ins Feld zu führen, dass der Kulturbürger kopfnickend sanft entschlummert? Den Text noch anreichern mit zahllosen kulturellen Referenzen, ein bisschen abschmecken mit Pessimismus und Zynismus und fertig ist der übliche kulturkritikasternde Brei, der Verfasser und Rezipienten in einem Überlegenheitsgefühl glücklich vereint.

Ach, diese ganzen Phrasen zum kritischen Denken, der Unabhängigkeit und Widerständigkeit der Literatur, glaubt er noch selbst dran oder warum wiederholt er sie so oft? Literatur ist Teil des Marktes. Und franzobel mag sich in einer kleinen exklusiven Nische sehen, die ihm gewisse Feiheiten erlaubt, aber seine Äußerungen klingen doch auch wie ein Produkt, heischen nach Zustimmung und Beifall eines gewissen durchkulturalisierten Klientel. Burn it with fire!

Was soll ich mit diesen Leuten? Während der Oberstufe, wenn mich die Schwermut einer Unterrichtsstunde wieder packte, hatte ich oft die Vorstellung, dass ich mich nun schreiend aus dem Fenster stürzen müsste, nur um dem tristen, entgeistigenden Trott etwas Aufruhr zu verpassen. Ähnlich geht es mir oft bei solchen Vorträgen oder im Kabarett. Ich denke dann: jetzt, jetzt müsste doch jemand aufspringen und schreiend herausrennen. Und nichts passiert. Das müsste doch auch eigentlich das frustrierende daran sein, solch „aufrührerische“ Texte zu verfassen; die Folgenlosigkeit mit der sie auch am aufgeklärtesten Publikum vorbei rauschen – wie jede wohlfeile Sonntagspredigt.

Und dann wieder diese tausendmal aufgewärmte „Kapitalismuskritik“. Wenn ich das Wort „Neoliberalismus“ nur höre entsichere ich meine Browning. Eine Definition will oder kann keiner dieser Kritiker mehr erbringen. Es ist etwas in der Gemengelage der bösen großkapitalistischen Konzerne, Lobbyisten und so. Das Publikum hat diesen Blödsinn der korrupten und grunzdummen Politiker und Eliten schon so viele Jahrzehnte ins Hirn gekippt bekommen,.. dass sie glatt jemanden wie Trump wählen. Das meine ich durchaus ernst; wenn man seine Bürger zu Politikverdrossenheit und -verachtung erzieht, soll man sich nicht wundern, wenn sie Populisten wählen, die ins gleiche Horn blasen.

Ist es nur lächerlich oder traurig wenn die gedankliche Gefährlichkeit des eigenen Vortrages mit dem Hinweis erbracht wird, dass man dafür in der Türkei verhaftet werden könne? Für diese Intellektuellen wäre es wohl eine Art Ritterschlag von Erdogan oder Putin eingesperrt zu werden. Aber die dürften sich wenig dafür interessieren all diese harmlosen Hipsterbärtchen zu kraulen.

Es gelingt mir nur ungenügend, mein Unbehagen über diese Rede zum Audruck zu bringen. Vielleicht liege ich ja auch völlig schief und will hier nur etwas loswerden was mir schon so lange quer liegt. Seit ich Ionescos Gegengifte in die Hand nahm. Grässliches Machwerk. Das moralische Überlegenheitsgefühl trieft nur so von jeder Seite und dabei werden nur die üblichen Phrasen gedroschen gegen die Politiker und die dumme, verlogene Gesellschaft. Bar jeder Reflexion. Das kritische, unabhängige Denken, wird einfach nur für sich reklamiert. Wer so viel davon palavert, der brauchts dann gar nicht mehr zu tun. Diese Art der Kritik an den Mächtigen ist so erstarrt, zur Formel geworden, dass ihr Inhalt abhanden gekommen ist. Man könnte an dieser Stelle auch Blindtext einsetzen. Wie für die meisten dieser Reden als Ganzes: sie pinseln doch nur den kultivierten Bauch, der sich dann ein wenig verwegen vorkommen kann, als er doch geistig die türkische Gefängnistüre gestreift hat.. und natürlich auch weit erhaben über den Pöbel, der sich nicht in solch abgeschiedene Nischen wagt, um bedruckte Papierseiten zu verkonsumieren (kein e-ink!).

Naja, vielleicht lieg ich ja auch völlig falsch. Schauts euch selbst mal an.

Es gibt kaum etwas Abtörnenderes als Menschen, die auf ihr Smartphone starren. So könnte die Menschheit ihren Fortbestand den Katzenvideos opfern.

04. April

Von so rhetorischen Dampfhämmerern bin ich auch gern beeindruckt. (Und beneide jene ein wenig die beim Verfertigen des Gedankens beim Reden immer ordentlich was raushauen können.) Aber manchmal.. sollte man sich doch im Nachhinein fragen, ob das, was dann im Moment so evident schien, wirklich standhält, ob über den Aplomb oder die vielleicht auch derbe Sprache hinaus überhaupt Substanz in der Äußerung enthalten ist.

muetzenfalterin

Auswendig gelernte Psycho-Scheiße, sagt S. zu den Sätzen, die mir das Gefühl gegeben haben, endlich ein Stück weiter gekommen zu sein mit meiner Entwicklung. Und sie hat Recht.

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Kaffeevollautomatenpoesie

Mein kleiner Stöpsel lässt öfter so Sätze fallen, die voll ins Schwarze treffen. Wenn es Richtung Kita geht, will er immer mit in Richtung Arbeit und hat sich bisher nicht überzeugen lassen, dass der Papa da im Büro nur ganz langweilige Dinge tut. Heute wollte er mich dann überzeugen. Wenn er mitkäme, dann könne ich Kaffee trinken, oder auch Kakao, OK?

Er weiß ja nicht, wie sehr er damit den Büroalltag ins Herz trifft, in welchem die Entscheidung am Kaffeevollautomaten oft die schwerwiegendste des Tages ist. Trink ich jetzt schon meinen zweiten Kaffee und riskiere dann, dass ich kurz vor Ende, wenn der Magen schon grummelt, mir keine zusätzliche Dosis Koffein einschießen kann? Oder nehme ich dieses Mal mit Milch?

Die meisten Bürosklaven dürften an dieser Maschine, an die man sich doch allzu häufig vom Schreibtisch flüchtet, schon eine feste Routine entwickelt haben. So dass der maschinelle Knopfdruck oder die Auswahl am Touchpanel doch zu einem individuellen Ritual gestaltet wird. An der Uni gab es zum Beispiel einen Professor, der bei einer sehr bestimmten Kaffeemenge von etwa der dreiviertel der gesamten Abfüllmenge, seine Kaffeetasse vom Automaten entfernte und den Rest in die Abtropfschale fließen ließ. Es ließe sich wahrscheinlich eine ganze Kaffeevollautomatentypologie entwickeln. Ich gehöre z.B. zu denjenigen, die ihren Kaffee immer schwarz trinken. Und immer einen nach dem Mittagessen. In der Gruppe der Milchtrinker gibt es dann auch noch die mit anderen Zusätzen wie Zucker oder gar Kakao. Oder die Exoten, die die Verwendung der Maschine ganz entfremden, indem sie sich Teewasser ziehen.

Liberale! Was bin ich für ein Trottel, dass ich mir jahrelang diesen Böhmermann gegeben hab und das ganze US-amerikanische Late-Night-Pack, die jetzt so tun als wäre CNN selbstverständlich kein fake news. Darüber zu streiten oder nicht streiten zu wollen, schon vorbei – Vernunft und Diskurs tot. Zeit die Leinen zu lösen. Ist doch auch befreiend: Keine Zeit mehr mit diesen Leuten vertun, die vor Vergnügen quiekend vom Sessel fallen wenn auf der Bühne jemand Merkel-Ferkel nuschelt, die immer noch süchtig sind nach dieser unerträglichen Sauce aus pseudoaufklärerischem Gestus und verbaler Jauche für den politischen Gegner. Estoy harto! Ich ertrag’s nicht mehr. Mögen die Leute noch klatschen während sie in der Scheiße stehen. I’m out. Links, rechts, oben, unten. Alles Quatsch. Außer die Gehirnzellen sogleich in Alkohol einzulegen, hilft doch nix. Gulp.

Adorno hatte recht