Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Maschine

„Und wenn die Welt, wie ich behaupte, in Zukunft auf eine gewisse Künstlichkeit angewisein sein wird, um das Pberleben der Menschen zu gewährliesten, muss dann die Erfahrung, die durch die Maschine [aus E.M. Forsters Erzählung „Die Maschine versagt“] ermöglicht wird, im Vergleich zum wahren Leben wirklich für immer unecht, steril und wie eine bloße Fassade wirken?
[]
Es ist uns im Grunde auch schon unmöglich, das Leben vor der Elektrizität wirklich zu begreifen. Wir können nicht verstehen, was wir verloren haben, als unser Leben immer technischer wurde. Daher hegen wir ständig Zweifel bezüglich unserer Autenzität und Vitalität. Das ist ein notwendiger Nebeneffekt unsres Überlebens.“

Jaron Lanier „Wem gehört die Zukunft?“

War ich Lanier gegenüber als ich seine ersten Artikel in der FAZ las recht kritisch eingestellt, hat sich das jetzt ziemlich gewandelt. Wahrscheinlich sind seine Positionen, den meinen gar nicht so unähnlich.

Nekrolog

Der Blogo-/Epizentriker hat ausgeflackert. Irrlichterten seine luzid-düsternen Ein- und Auswürfe auch mehrfach über das erklärte Ende hinaus durch die leere Bildschirmröhre des Internets, so ist nun angeblich wirklich Ende.

Müsste ich einen Nekrolog auf den Epizentriker schreiben, so könnte ich auch gleich einen auf das Internet schreiben. Was soll das hier noch alles ohne seine Blutgrätschenkommentare von der Seitenauslinie?

Nein, was erlauben sich Phorky, bloggt wie Dose leer?

Ermüdung. Verfolgte seit zwei Jahren etwa jede Sendung Böhmermanns. Schätze die Leidenschaft und Kreativität mit der sein Team da Fernsehen macht. In letzter Zeit fing der links-liberale Einschlag schon an mich zu nerven – die müden AfD-Witze, das Rumgehacke auf Til Schweiger. Dieser Konsens, den es unter den Medienschaffenden zu geben scheint, von Somuncu über Will zu Böhmermann weiß man genau den gemeinsamen Feind… Und ist auch stets auf dem Laufenden, dazu konnte man das Neomagazin quasi auch benutzen, wenn man nicht auf den sozialen Medienkanälen mit den neusten Informationsbit durchströmt wird, so fuhr man sich mit der Sendung ein komprimiert, geordnetes Update ein.

Unlust. Gereiztheit. Überdruss. Von Meta-Kommentar zu Metakommentar, das ewige Drüberstehenmüssen. Mit oder ohne Ironie. Das Kind bringt mich mit seiner Nörgelei um den Verstand. Total überfällig, müde, hätte schon längst schlafen müssen. Schreianfälle. Ich dachte ja immer Eltern würden eine zen-hafte Geduld entwickeln. Stattdessen ist die Hutschnur immer kürzer.

Aber ist es nicht auch das Kind, das meine Perspektive noch einmal gründlich verschoben hat. Dinge, so offensichtlich, die langsam durchsickern und die z.B. Jaron Lanier auch glasklar benennt. Wie alte Geschäftsmodelle von der Digitalisierung einfach plattgemacht werden, und wir nur noch Zuschauer, als wäre die Frage unerlaubt, ob man das denn alles überhaupt will, ob das denn nötig sei – aber das kann ja nur ein Idiot und ewiggestriger Technikverweigerer stellen. Dabei scheint’s doch schon über den Daumen anpeilbar, dass künftig weniger Musiker ihren Unterhalt über ihre Youtube-Kanäle verdienen können, als das vorher mit Plattenverträgen ging. Allenthalben: weniger Gewinner, mehr schauen in die Röhre und können weiter vom Ruhm und Geld nur träumen. Lanier nennt das „Starsystem“, Verteilungen, welche sich durch eine sehr schmale Spitze auszeichnen, wie z.B. beim Sport, wo eigentlich nur der erste Platz interessiert.

Leider scheint das schon fast eine Krankheit unsres Bewusstseins, sich immer auf solch singuläre Punkte konzentrieren zu wollen. Ja, die Kulturellen und Intellektuellen wollen sich dann schon wieder geekelt abwenden vom Hype, aber auch sie ziehen letztlich mit bei der Öffentlichkeitskarawane, gerade auch mit all den Kommentaren, die den Hype niederschreiben wollen. So war das auch schon im prädigitalen Zeitalter, als die Skandale noch in Leserbrieforkanen (z.B. Elisabeth Borchers „eia wasser regent schlaf“) oder empörten Feuilletonisten (Sloterdijk-Debatte) bestanden. Allen gemein: Wie unangenehm es den Protagonisten im Auge des Öffentlichkeitszyklon war – und doch wie sehr es den Erfolg und die Bekanntheitt dann erst erzeugt – und dann aber auch eine Reduktion der Person auf diesen einen Shitstorm erlaubt – wie Böhmermann auch selbst bei Ronja von Rönne, so läuft der Zirkus eben und so ähnlich wird es auch jetzt bei ihm selbst sein, nur dass man dem Provokateur und vermeintlichen social-media-Lenker den selbstempfundenen Ekel noch mehr anlastet statt ihn auf die Medienmeute und die von uns selbst konstituierte Öffentlichkeit selbst zu beziehen.

Taumel

Immer noch in Verunsicherung – some state of limbo. Warum hat mich das mit dem AlphaGo-Zeug so erwischt? Ist doch nur ein Spiel. Dass man die Maschine auf so eine begrenzte Aufgabe hin optimieren kann. Nun gut, was soll’s? Noch werden wir Menschen wohl nicht von den Elektronikhirnen wegautomatisiert werden, oder?

Kann das unheilvolle Gedankenknäul nicht entwirren. ‚S mischt sich in diese Enttäuschung oder Ernüchterung wohl auch das verstärkte Bewusstsein, dass Kunst als Religion, Opium oder Götze für mich nichts taugt. Das ist für mich doch auch nur Hochstapelei, wie lange will man sich damit selbst betrügen?

Aber da ist vielleicht auch noch eins mehr. Ich habe ja einige der Partien und Diskussionen darum verfolgt und.. natürlich ist eine so kleine Anzahl von Partien wenig an Daten, und das öffnet für Projektionen und gewagte Extrapolationen Tür und Tor, aber es hat mich schon schockiert, wie unterschiedlich und vielleicht auch wie falsch auch die Experten lagen: Die die z.B. nach der ersten Partie glaubten, AlphaGo würde keine weitere gewinnen. Oder wie schwer es fiel, den aktuellen Spielstand zu bewerten. Zu welch unterschiedlichen Ergebnissen die Leute kamen. Gut die professionellen Kommentatoren, waren sich schon meist weitesgehend einig. Vielleicht sollte ich das einfach sehen. Denn, das ist fast der Punkt, an dem ich knabbere:

Ist hier vielleicht auch das diskursive, begriffliche Denken, mit dem wir Menschen unsere Probleme lösen schon ausgereizt, hinter sich gelassen, ein wenig perforiert? Ich meine, zu Go haben wir in den tausenden Jahren, die wir es spielen, ein Instrumentarium von Begriffen entwickelt, um das Spiel zu beschreiben. Und wenn einer der alten Bots versagte, dann konnte man sagen: Ha, da versteht er nicht was „sente“ ist oder, da hat er das „semeai“ nicht auslesen können, oder das „aji“ falsch bewertet, aber.. kann ja sein, dass AlphaGo so spielt als verstehe es die meisten unserer <a href="https://massgoblog.wordpress.com/2016/03/11/lee-sedols-strategy-and-alphagos-weakness/"Konzepte, aber was wenn das eher zufällig ist, wie man vielleicht an den ungewöhnlichen, aus dem Rahmen fallenden Zügen sieht? Dass manche diese Begriffe vielleicht gar keine objektiven Eigenschaften dieses Spiels sind, sondern unser Dazutun, und da wir uns daran halten, sie in unseren Partien natürlich auch zum Tragen kommen?.. Und was wenn Ähnliches für unser begriffliches Denken überhaupt gilt? Das Kausalität und dieser ganze Schmonzes nur unsere Projektionen in ein für sich eigentlich unstrukturiertes Chaos sind?

Demystified

It’s kind of ironic: I mean it was like I had literally been waiting for that day. Learning to play go, dwelling in its rich tradition, subscribing to the computer go e-mail list years ago and reading all its news. And where did all this preparation lead to when Alphago appeared? Did I write any article, engage in the philosophical witticisms on HackerNews?

Nothing.

Maybe it’s also still absorbing the shock and.. the disappointment? Somehow when I read some bits of Dennett and the philosophy of mind it occurred to me that in our construction of „soul“ and „mind“ we inherently rely on a certain level of superiority that we assign to ourselves, the beholder of said soul or mental states. This really perpetuates all human endeavours I’d say. All the gods or cultural assets that are invoked to prove ones superiority. All the creativity creating our cultures, all the artefacts and immaterial, immortal works to decorate our inner worlds, aren’t they to show off, to separate one from the barbarians, the wild, the uncivilized. Isn’t it that it only works by condemning the other, the adversaries – the heathens, the uninitiated, the unenlightened? Is it not even the same with the nations which shield themselves against the other? And maybe it even lies at the heart of consciousness, as what Dennett calls the zombic hunch: This involuntary feeling that the unique and rich world of the human mind is always above the meaningless, mechanical utterings a machine or Chinese room might produce. This is still a common reaction to AI and also to AlphaGo. It may even be ingrained in our culture. By the nice shivers the apocalyptic images of the machines enslaving or destroying mankind, like in Terminator, Matrix or Bladerunner (or also in some kind „Alien“ where the monster though being organic got a machine like appearance by Giga’s design and is also admired by a robot for its perfect rational logic).

But should we really be afraid of them? Them robots, and AI’s? Was AlphaGo really a step towards general artificial intelligence? If AI’s can master such a complex game as go which may serve as metaphor for human decision making, where the possibilities are so large that we have to follow heuristics or lastly intuition, can we still be sure about the uniqueness of what our mind does? Or isn’t the whole inexplicable intuition just demystified if we can bring some neural nets to mimic the same behaviour as our brain? – Maybe it’s even a logical path in that with religion we created that great myth of the soul inside of us, like it was magically breathed into a dead body of clay, which we now unravel just to see that there is nothing transcendental and mystical going on?

Well, I just don’t know, but it leaves me a bit disenchanted… Maybe we should still believe in the spiritual, invisible, witch crafty world, which is not representable in some finite state machines,.. or maybe those are just witchcraft, too. Our human witchcraft called technology, isn’t it a bit spooky, too?

Skynet has arrived

Dass man wird, was man hasst…

Ist es nicht schmerzhaft zu sehen, wie die moderne Wissenschaft der Religion gleicht, die sie zu überwinden trachtet? In ihrer Ausschließlichkeit und ihrem Dogmatismus, ihrer Abscheu oder Missachtung des Materiellen, Leiblichen,… letztlich des Lebendigen. Die Religion errichtet ihre Götzen und Golems das Lebendige zu kopieren, die Vernunft aber gebiert Frankenstein und Skynet.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.