Lafcadios Loch

Rants from below

Programmhefte are made out of Programmhefte

by ringlundmatz

Manche sind mit 30 ja noch Kinder! Andere leiten in dem Alter ein Theater im Osten, in der ehemaligen DDR, andere sitzen als Praktikanten in einer Dramaturgie im Westen, in der ehemaligen BRD, und stellen Programmhefte zusammen.

Nehmen wir Carsten. Carsten heißt natürlich nicht Carsten. Er will aber seinen Klarnamen im Internet nicht lesen. Das respektieren wir. Wir nennen Carsten Carsten, weil der Plural von „car“ in dem Namen steckt, und man muss kein Spötter sein, um zu befinden, nichts auf der Welt sei deutscher als Autos (vielleicht mit Ausnahme der Steuergesetzgebung).

Carsten hat vor sich einen Turm aus Büchern. Postmoderne Autoren, die sich Gedanken über den Impact von Medien machen. Die Theoretiker nennen Impact noch „Einfluss“. Das Internet befindet sich noch in den Kinderschuhen. Beispielsweise ruft Carsten nur einmal am Tag seine E-Mails ab auf dem einzigen Rechner in der Dramaturgie, der internetfähig ist. Das ist natürlich lächerlich. Das Theater sperrt sich gegen den Fortschritt. Sogar Kleinstverlage im Münchner Umland setzen längst auf den E-Workflow. Das Theater hinkt hinterher, immerhin auf Kothurnen.

Wenn wir ehrlich sind, hat Carsten keine Ahnung, was er machen soll. Was von ihm erwartet wird. Im Theater wird Kommunikation nicht groß geschrieben. Sie wird eher geschrien — auf der Probebühne. Aber die Dramaturgie ist keine Probebühne. Es ist eine Abfolge von überpapierten Büros.

Darum erscheint ihm das Theater als Black Box.

Weil er nicht genau weiß, wohin die Reise geht, schnipselt Carsten also Texte von Theoretikern zusammen, die sich mit der sozialen Kälte beschäftigen, die uns aus Bildschirmen entgegenstrahlt. (Damals wird noch viel ferngesehen.) Die Chefdramaturgin schaut vorbei, missversteht seine Ratlosigkeit und ruft, das sei ja grandios! Klar, die völlig nebulösen Sätze aus dem zu inszenierenden und jetzt, ganz am Anfang, schon kriselnden Stück (TÖTET DIE ALTEN, FOLTERT IHRE JUNGEN) schreien ja geradezu nach einer Erläuterung! (Fast so laut wie auf der Probebühne.) Sie verlangen nach Kontextualisierung, und eine solche zu leisten, meine Damen und Herren, ist Carsten ohne jeden Zweifel der rechte Mann.

Wozu sonst studiert er Germanistik?!

Also pappt er eine Passage Sloterdijk mit einem Satz wie: „Wir reden immer nur, um die Zeit bis zum nächsten Tötungsakt zu überbrücken“ zusammen und verbindet ein Thomas-Macho-Zitat mit einer dramatischen Zeile wie: „Macht den Alten ein Vergnügen, schlagt ihrer Brut die Schädel ein!“

Carsten überlegt. Alles schon ganz gut und stimmig, griffig und hart. Vielleicht noch eine Zeile Spengler? Gleich mal in die Stadtbibliothek wandern und Oswalds gesammelte Werke ausleihen!

Die meiste Zeit verbringt Carsten damit, Bücher durchzublättern. Eine Tätigkeit, die ihm erstaunlich befriedigend erscheint. Als gäbe es keine bessere Art, seine Zeit zu verbringen. Wer blättert, tötet nicht, wie es der Autor von TÖTET DIE ALTEN, FOLTERT IHRE JUNGEN vielleicht formuliert hätte.

Nach der Premiere wird Carsten für seine Arbeit sehr gelobt. Aus völlig unerwarteter Richtung strömen ihm Komplimente entgegen. Nützen tut’s ihm nicht. Ein paar Monate später ist er mit dem Studium fertig und steht auf der Straße. Einer im Heer der Arbeitslosen, der Ungebrauchten.

Der Schauspielchef hat ihn nicht einmal zu sich gerufen. Über einen Gastregisseur erfährt Carsten, dass seine Tage am Theater gezählt seien. Der Schauspielchef ist ein versoffenes Schwein, ein verlumpter Hurensohn, klar, was hat Carsten denn erwartet? Beim Sommerfest grüßt der Schauspieldirektor Carsten sehr freundlich. Mit glasigen Augen und feuchten Lippen. Carsten fängt ihn auf der Herrentoilette ab und schlitzt ihm von hinten die Kehle auf. Es läuft so glatt, als hätte er nie etwas anderes getan.

Der Schauspielchef kann gerettet werden, aber er ist geläutert. Er eröffnet eine Frittenbude am Brandenburger Tor. Mit diesem Gedanken hatte er während der Proben sowieso immer geliebäugelt. Jetzt setzt er ihn um. Ein Einbruch des Realen ins hermetische Als-ob des Theaterbetriebs. Der Schauspielchef ist Carsten dankbar. Er habe ihm die Augen geöffnet und einen völlig neuen, den richtigen Weg gewiesen, sagt er zu seinen Kunden, die ihn für seine Fritten loben.

Auch Carsten hat von dem Rencontre am Pinkelbecken profitiert. Er geht nach Ulm, radikalisiert und schließt sich einer terroristischen Vereinigung an. Diesen Schritt bereut er bis heute nicht. Das Leben als Terrorist sei „aufregend und spaßig“, immer sei etwas los, auch Verfolgungsjagden könne er sich aus seinem Leben nicht mehr wegdenken. Das Morden, klar, aber er schlafe gut. Ausgezeichnet, sogar. Das mache das ständige Unterwegssein.

Er hat zwei Kinder, seine Frau, ebenfalls eine Terrorbraut, liebt ihn.

Den Schnitt durch den Hals des Schauspielchefs empfindet er im Nachhinein als „Initiationserlebnis“.

Die Verwalter der Matrix freilich sind hinter ihm her. Geheimdienste, Polizisten, Zollbeamte. Sein Gesicht leuchtet regelmäßig auf den electronic devices der Agenten auf, die Jagd auf die Feinde des Systems machen. Mal mit Vollbart, mal ohne. Nie mit Lächeln.

Aber sie kriegen ihn nicht. Er hat immerhin Lyotard, Baudrillard und Zygmunt Bauman gelesen.

by phorkyas

Mittlerweile fühle ich da sowas wie einen legitimen Urgrund unter all dem Irrsinn der Fake-News-gläubigen, verschwörungstheoretischen Impfgegner: Dass die gesellschaftlichen Bande und Konventionen ein willkürliches, künstliches Gefüge sind, das haben wir zuvor zwar gern theoretisch als Armsessel-Philosophen erörtert, aber jetzt ward’s Wirklichkeit. Mit großer medialer Unterstützung, getragen von einem gesamtgesellschaftlichen Konsens haben wir innerhalb von Wochen unsere Gewohnheiten und Lebensweise umgekrempelt.

Aber zu welchem Preis? Dass nun alle Bande gerissen sind: jeder vereinzelt driftet vor sich hin oder klammert sich an die nächste digital vermittelte Scheingemeinschaft. Der naive Glaube an eine allumfassende, von dem Großteil der Bevölkerung getragene Zivilgesellschaft, einem gemeinsamen, verbindenden Konsens ist dahin. – Die meisten, mich eingeschlossen, haben einfach die Schnauze voll: Lasst mich doch mal in Ruhe!

Texte, die die Welt nicht braucht (letzter Teil)

by ringlundmatz

Früher habe ich gerne Texte geschrieben, in deren Zentrum Bücher standen. Bücher als sensationelle Kassenschlager, Bücher als fast okkulte Gegenstände verschwörerischer Anbetung, Bücher als lebensrettende … Dings … als Organspende, sozusagen.

Menschen, die sich um ein Buch scharten wie um ein Lagerfeuer.

So etwas zu schreiben, ist mir heute nicht mehr möglich.

Wenn ich über die Gründe nachdenke, werde ich depressiv.

Was ist nur mit den Büchern los?!

Vermutlich gibt es immer noch ein Bildungsbürgertum, das Buchhandlungen nur gebückt betritt. Aber auch diese Herrschaften kaufen inzwischen vermutlich mehr Postkarten als Lyrikbände. Bücher, einst unbestrittenes Leitmedium, Garant von Intelligenz, Bildung und aufrechter Gesinnung, sind längst an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung gerutscht. Da kann Volker Weidermann noch so viele Videos mit Autoren auf Spiegel.de posten.

Oder gerade deshalb.

Als Literaturinteressierter braucht man einen Daumen mit langem Atem. Denn die Rubrik „Literatur“ wird im Online-Auftritt der großen Magazine direkt vor dem Rätsel platziert.

Niemand erwartet mehr etwas von Büchern, niemand traut ihnen noch ein Geheimnis zu, oder dass sie im Leben von jemandem etwas bewirken könnten. Dürfte sonst eine sympathische, aber irgendwie ja auch leere Type wie Weidermann über sie berichten?!

Und das gilt ja nicht nur für das Buch! Die Kunstkrise ist allgegenwärtig, der Substanzverlust mit Händen zu greifen.

Das Theater z. B., es tritt nur noch als #MeToo-Baustelle in Erscheinung: In Karlsruhe ein Psychopath entlassen, der seine Mitarbeiterinnen mit nächtlichen Textnachrichten in den Burn-out hetzte, an der Volksbühne ein Grapscher aufs Abstellgleis geschoben. Das sind die Schlagzeilen.

Außer dass es feudalistisch, ungerecht, sexistisch ist, hat das Theater offenbar nichts mehr zu sagen. Die moralische Anstalt, sie ist im Bühnenboden verschwunden.

Die Skandalnudeln haben übernommen.

Dasselbe im Literaturbetrieb.

Je unfassbarer die Kultur wird, je höher die Kunst ihren Schleier hebt, je mehr sie sich über Umsatz definiert, desto mehr verliert sie ihren Nimbus. Sie wird einfach Ware, etwas, das man auf der „SPIEGEL“-Bestsellerliste parkt wie auf einer Einkaufsliste.

Ist heute, da dir der Amazon-Bote deine Bestellung in den Briefkasten stopft, so ein Buch wie der „Ulysses“ überhaupt noch möglich? Ein Buch, das einen völlig umkrempelt in seinen Erwartungen an Literatur und Kunst?

Das „gute Buch“ ist vom Mythos zum Klischee geworden.

Die Meisterwerke unserer Zeit sind Autos, die mit Strom fahren.

Mit Strom, der in Atomkraftwerken produziert wird.

Zum Glück nicht in unseren.

Was die einzige Art von Wunder ist, die wir noch zustande bringen.

Zweitklassigkeit

by ringlundmatz

Das, was die meisten Künstler an Picasso hassen, ist, dass er jeden zur Zweitklassigkeit verdammt. Natürlich hat jeder einen anderen Grund, Picasso zu hassen. Wie jeder einen Grund hat, den FC Bayern zu hassen. Aber am Ende gibt es keinen wirklichen, keinen stichhaltigen Grund, Picasso zu hassen. Picasso ist doch der große Befreier. Warum ihn hassen? Warum jemanden hassen, der das Wahlrecht für alle eingeführt hat?

Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand. Weil Picasso, schärfer als jemand vor ihm, klar macht, dass es immer eine Klassengesellschaft geben wird. Trotz Demokratie. Trotz LGBTIQ+x. Selbst wenn wir die Kunst neuen Formen, neuen Ideen, neuen Aspirationen öffnen, sind nicht alle Menschen … nun, vielleicht ist jeder Mensch ein Künstler, wie Joseph Beuys gesagt hat. Aber nicht jeder Mensch ist auch ein GUTER Künstler.

Die meisten sind sogar BESCHISSENE Künstler.

Wie sie auch beschissene Väter sind und beschissene Denker, beschissene Autofahrer und beschissene Wähler usw.

Sie wissen schon.

Keine Ahnung, wie Barack Obama als Präsident war. Das wird die Geschichte beurteilen. Als Redner war er ein Ereignis. Er war ein schwarzer Showman im Weißen Haus. Hat das der Demokratie genützt? Oder die Spielregeln ein bisschen in Richtung eines Demagogen wie Donald Trump verschoben? Weil es nur noch um TV-Auftritte und die Liegestützen seiner Frau und Ellen DeGeneres ging? Um Inszenierung?

Wie auch immer. Picasso ist der unumstößliche Beweis, dass man, wenn man eine Katze malt, eben DOCH in der Lage sein muss, eine Katze zu malen. Dass Handwerk das ein und alles ist in der Kunst. Auch wenn die Katze dann kein Stück so aussieht wie eine Katze in einem Internetviral. Man kann eine Katze malen, ohne eine Katze zu malen.

Wie cool ist das!

Und wie grausam.

Deswegen wollen und wollten alle so sein wie er.

Und das macht uns zu Zweitklassigen.

Ich weiß von keinem Zitat, das belegt, dass Picasso je an sich selbst gezweifelt hat. Ich glaube, das hat gar nicht unbedingt mit seinem Erfolg zu tun (auch wenn Erfolg vermutlich vieles leichter und angenehmer macht). In erster Linie aber war er ein Getriebener. Aber auch das klingt schon zu hart, zu abschätzig, pathologisierend. Es war der Maradona der Malerei, wie Maradona der Picasso des Fußballs war. Für ihn gab es keinen zweiten Weg. Hätte er eine Autowerkstatt aufmachen sollen?

Wenn keiner seine Bilder gekauft hätte, hätte man ihn eines Tages verhungert in seinem Bett gefunden. Mit dem Pinsel in der Hand.

Süßholz und Raspeln

by ringlundmatz

Für Phorky

Betrachten wir den aktuellen Zustand der Blogosphäre, drängt sich eine Frage auf: Wo ist das Sozialgefüge, das Gemeinschaftsgefühl, das den Untergrund wirklich starker Textproduktion bildet?

Am Anfang war es noch da, die Blogosphäre schäumte fröhlich, ein Netzwerk der Originale, man freute sich über jede neue Stimme, man highfivete sich gewissermaßen. Aber bald fingen die Originale an, sich zu gleichen. Es gab einfach zu viele davon, und die Originalität ging flöten. Man schwamm irgendwann nur noch durch Schwärme, die alle mit einer gemeinsamen Temperatur ausgestattet, von einer gemeinsamen Härte geprägt waren.

Als diese Entwicklung eine gewisse kritische Größe erreicht hatte (Phorky nennt Ihnen bei Bedarf gerne den genauen Wert), kam es zur Implosion. Eine Art Katatonie griff um sich. Die Schwärme erstarrten und sanken auf den Meeresboden.

So meine Theorie.

Vermutlich ist die Grundgefahr des Bloggens der ihm immanente autobiografische Ansatz, der per definitionem auf ein Finale angelegt ist. Kein Dasein ist so ausdauernd wie die Schreiblust. Mit offenem Mund verfolgte ich eine Zeitlang, wie viel Pulver Glumms Vergangenheit dem Autor zu bieten hatte. Kackte er einmal sogar in die Vase einer Lady, die er gerade gefickt hatte? Oder hab ich das geträumt? Er schrieb sich so leer, bis er einen Herzinfarkt bekam.

Das andere Problem hat Florian Illies benannt, bevor er sein Verleger-Interim in Reinbek absolvierte: die Sehnsucht jedes Blogs, ein Buch zu werden.

Das ist wirklich fatal. Einmal quatschte mich so ein Schöntuer, der sich in nachdenklichem Schwarzweiß am Schreibtisch inszenierte, von der Seite an … Ich verarschte ihn ein bisschen, weil er den Namen einer Figur von Borges (nicht der berühmte Blogger, sondern Jorge Luis) trug, und seitdem hab ich nichts mehr von ihm gehört, aber einen Psychothriller aus seiner Feder (zu seiner sorgfältigen Selbstinszenierung gehörte ein handgeschnitzter Füllfederhalter) in einer Buchhandlung irgendwo in Berlins Hauptbahnhof entdeckt. Im Vorwort dankte er seiner Lektorin, was mich an den Rat erinnerte, den Mark Benecke, der tätowierte Kriminalbiologe, mir telefonisch einmal gab: „Geh mit der Lektorin essen …“

Das mag geschäftstüchtig sein, aber ich halte es auch für grundfalsch, und deshalb liebte ich das Bloggen: Während man im Kulturbetrieb ständig Stiefel und Ärsche küssen muss, darf man als Blogger mit Stiefeln und Ärschen das tun, wozu sie bestimmt sind: mit ihnen laufen und auf ihnen sitzen.

Sogar Glumm ist jetzt zwischen Buchdeckeln zu haben, habe ich neulich gehört. Das wirft eine generelle Frage auf: Sind Buchdeckel der Rahmen um ein Werk oder die Zwangsjacke um einen Irren?

Was dem Blog sein Pathos verschafft, das ist, dass seine Abschließbarkeit nicht in unseren Händen liegt. Einen Blog kann man killen – und ich habe das, ohne Übertreibung gesprochen, dutzendfach getan –, abschließen jedoch kann man ihn nicht. Wie man ja auch eine Tageszeitung schlecht abschließen kann: „Wir verabschieden uns von unseren Lesern, denn die Weltgeschichte im Sinne der SZ ist mit dem heutigen Tag vorbei, alles Gute.“

Wie man keine alten Zeitungen liest, liest auch kein Mensch alte Blogartikel.

Nein, über den Blog müssen wir anders, zukunftsgerichteter nachdenken: Ein Blog ist eine Forderung, jeden Tag neu zu starten, es noch einmal zu versuchen, noch einen draufzusetzen, sich nicht damit abzufinden, dass man sein Bestes schon hinter sich hat. Meinetwegen ist er das Beckett’sche Scheitern-Mantra in technologischer Fasson, immer wieder, immer besser, immer mehr scheitern.

Das Schöne ist: Irgendwann explodiert ein Server im Zuge eines durch Klimaüberhitzung verursachten Waldbrands, und dann ist das Scheitern perfekt.

by phorkyas

Ein Leben ohne Schönheit ist möglich, aber sinnlos.

Near-life experience

by ringlundmatz

Bloggen heißt, sein Ich auf die Realität zu richten wie einen Revolver.

Ein Blogger schreibt ganz für sich allein. Er ist der wahrhaft einsame Wolf. Sogar der Schriftsteller, landläufig Inbegriff des auf sich allein gestellt Produzierenden, hat einen Lektor, einen Verleger, einen ganzen Verlag mit einer Backlist. Er hat jemanden, dem er sein Buch widmet. Ein ganzes Wolfsrudel inklusive PR-Lady zieht mit ihm durch die düstere Schlucht.

Der Blogger dagegen? Friendly fire verbrennt ihm den Arsch, dass schon Fragen laut werden, ob man die Feuerwehr holen solle.

Natürlich gewährt seine solitäre Situation dem Blogger auch größere Freiheiten. Wer verlangt von ihm 60.000 Wörter am Stück? Außer dem Theme schränkt niemand seine Spielräume ein.

Doch seines ist ein Ego-Spiel im Tunnelblick-Modus. Jeder für sich, die Clickrate gegen alle.

Mit Tennissocken

by ringlundmatz

Ich bin nicht repräsentativ für meine Generation.
Ich schreibe für eine Generation, die nur eines interessiert: Geld zu machen.
Um sich ein Leben leisten zu können, wie es früher nur irgendwelchen Provinzfürsten vorbehalten war.
Inklusive Fußmassagen.

Ich habe mich natürlich auch selbst verwöhnt.
Wenn Martin sagt, ich solle mehr an mein Publikum denken beim Schreiben, an meine Leser, dann meint er, ich solle für depressive, klotzgesichtige Fucker schreiben.
Für Leute, die sich selber hassen, sich aber mit ihrer Blödheit abgefunden haben.
Aber das will ich nicht.

Ich will alle Sätze mit Ich anfangen.
Von jetzt an.
Einfach, weil ich früher nie wusste, wie ich das „ich“ in einem Satz unterbringen sollte.
Die meisten Leute kennen dieses Problem nicht.
Sie können sich noch nicht einmal vorstellen, dass es ein Problem sein könnte.
Sie und ihre Welt sind ein Ding.
Ein Ding.
Mit Tennissocken.

Das Kreuz mit der Kunst (7)

by phorkyas

Nun möchte ich endlich eine Definition von Kunst wagen, in die sich einiges der bisherigen Ausführungen einfügt, und die mir hoffentlich erlaubt näher an die Kernpunkte, dieses Essays zu dringen:

Kunst ist der Glaube an die Verzauberung.

Um am Spiel der Kunst teilzunehmen, müssen wir eine völlig andere Perspektive einnehmen und einen Gegenstand im ästhetischen Lichte sehen. Mir kam dabei ein Zitat von Kierkegaard in den Sinn, das ich nicht nur auf die Andersartigkeit des philosophischen Blickwinkel sondern auch auf den der Kunst beziehen möchte:

Meine Betrachtung des Lebens ist ganz und gar sinnlos. Ich nehme an, daß ein böser Geist mir eine Brille auf die Nase gesetzt hat, deren eines Glas in ungeheurem Maßstabe vergrößert, deren anderes Glas im gleichen Maßstabe verkleinert.

Diapsalmata, Entweder – Oder

Solcher Art verfremdet und verzerrt, denke ich mir oft den Blick der Kunst, der etwas wie ein Wetterleuchten kurz in krankem Licht aufscheinen lässt. Ich denke, das die Tendenz vieler Künstler sich von der Gesellschaft abzugrenzen oder sich wie die Boheme bewusst außerhalb zu platzieren, auch damit zusammenhängt: Ob nun auch das Abweichlertum abweichende Wahrnehmung ermöglicht oder umgekehrt die abweichende Wahrnehmung zur Stellung außerhalb der normalen Gesellschaft führt.

….[unkittbarer Bruch hier]

Diese Essayreihe war ähnlich wie die Beschäftigung mit Postmans „Amusing ourselves to death“ auch eine Art Selbstversuch. Damals wollte ich auch anhand des Schreibens dieses Essays selbst etwas über Postmans Thesen erfahren. All diese Überlegenheit der schriftlichen Reflexion, sollte das nicht auch mehr Klarheit in meinen eigenen Kopf bringen oder ein tieferes Eindringen in die Materie, neue Ideen? Der Ausgang dieses Selbstexperiments ist „leider“ doch eine volle Bestätigung von Postmans These. Dieser Essay ist in meinem eigenen Denken eine Arte Anker- oder Referenzpunkt geworden, auf den ich für mich immer wieder zurückgreifen kann. Was damit ein bisschen in Spannung zu dem Inhalt des Essays steht, wo ich Postman eher kritisch angehen wollte.

So ähnlich ist auch jetzt mit dem „Kunst“-Projekt. An dessen Anfang stand die Angst künstlerisch schon vertrocknet und abgestorben zu sein. Nicht mehr nur keinen tanzenden Stern gebären zu können, sondern auch völlig abgestumpft für die Sterne anderer geworden zu sein. Jedwede ästhetische Sensibilität eingebüßt zu haben. Kurzum die Dinge und die Welt nicht mehr in ihrer Verzauberung sehen zu können.

Deshalb habe ich mich wieder Kunst ausgesetzt. Konkret dem Theater, das mir vertraut ist, weil ich als Student an Produktionen mitwirkte. Nun — ich hatte sofort eine innere Verbindung zu diesem sensiblen, neurotisch-narzisstischen „Künstlerpack“, ich verstehe und spreche seine Sprache. Auch wenn ich mich ihnen offiziell nicht zurechnen darf, ist dieser verschüttete Teil in mir also noch da. Nur was mache ich damit, außer zumindest diese Essayreihe zu Ende zu bringen?

Der Aufreger

by ringlundmatz

„Aber ich habe GESEHEN, wie dieser Sack Reis umfiel!“

„Haben Sie Bilder? Ein Video?“

„Ich hab zu spät geschaltet. Bekam mein Smartphone nicht rechtzeitig aus der Jacke. Ich hab nur das hier.“

„Aber da liegt der Sack ja schon auf der Seite!“

„Mehr hab ich nicht.“

„Schade. Eigentlich eine vielversprechende Story. Aber ohne Bildmaterial? Das kauft mir die Chefredaktion nicht ab.“

„Ich könnte ja vielleicht … ich könnte einen Sack an eine Mauer stellen, und dann kipp ich ihn um?“

„Er muss ja von allein umfallen, wenn ich den Kern der Story richtig verstehe?“

„Das stimmt, ja …“

„Sonst ist es keine Nachricht. ‚Reporter kippt Sack Reis in China um‘? Ich sehe das nicht auf unserem Titel, bedaure.“

„Dann lass ich was konstruieren, so eine Art Umkippmechanismus. Oder wir arbeiten einfach mit einem Seil!“

„Man darf aber nicht sehen, dass wir die Szene manipuliert haben.“

„Keine Sorge. Zur Not gibt’s ja auch noch Photoshop. Das Seil löst sich in Luft auf, wie von Geisterhand. Das kriegen wir hin. Kein Ding.“

„Okay. Fein. Wann kann ich denn mit Ihrem Beitrag rechnen?“

„Soll ich auch noch O-Töne liefern? Zeugen, Passanten, die zufällig gesehen haben, wie der Sack Reis umfiel usw.?“

„Hm. Die müssten wir dann noch untertiteln, oder?“

„Oder ich mache Voiceover?“

„Ah, Quatsch. Pass auf. Machen Sie sich keinen Stress. Ich hab eine andere Idee. Ich organisiere ein paar Sekunden Schlitzaugen-Interviews aus dem Archiv. Da gibt’s ja massenhaft Material. Da lege ich dann einfach einen anderen Text drüber. Merkt doch kein Mensch, was die da quatschen, tsching, tschang, tschung. Sorgen Sie für die Sack-Bilder, den Rest machen wir hier, okay?“

„Okay.“

„Dann bis später.“

„Bis nachher, ciao.“