Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Game over

So war der Betreff in der e-mail die unser Ende ankündigte: Skynet war da. Oder auch nur AlphaGo, aber was machte das noch für einen Unterschied. Der Mensch ist machtlos gegen die von ihm designten Algorithmen und Maschinen. Die letzte Bastion war gefallen. 20 Jahre und länger hatte sie den Anläufen der Programmierer getrotzt, aber nun war es den Ingenieuren von Google gelungen einen professionellen Go-Spieler zu besiegen. Die Fortschritte mit deep convolutional neural networks in der Bilderkennung hatten ihre Früchte gezeigt. Wie weit man damit wohl noch von der general purpose AI weg war? – Obwohl er Senior Software Developer war, hatte er nie so ganz daran glauben wollen, war da wohl noch der innere Geisteswissenschaftler, der an die Einzigartigkeit des menschlichen Geistes und dessen Organizität sich klammern wollte. Jetzt stand er da, ein wenig ernüchtert und… auch enttäuscht.

The future is here. Aber es hatte keinen Knall gegeben, keine Stadt war explodiert, eigentlich hatte sich gar nichts geändert. Die meisten dürfte es nicht einmal interessiert haben. Es ist doch amüsant, dachte er, den Geisteswissenschaftler noch einmal herauskramend, dass die Maschinen nun die Mimesis praktizieren. Das neuronale Netz wurde ja mit immensen Datenmassen von Spielen zwischen Menschen gefüttert und ahmt diese nach – so gut, dass es wirklich menschlich spielt, viel mehr als die alten Bots,.. nur bald wahrscheinlich auch noch besser als wir Menschen.

Wie sehr wir im mimetischen Prozess verhaftet sind, wurde ihm auch durch seinen kleinen Sohn immer wieder vor Augen geführt: Wie sehr dieser kleinste Verhaltensweisen oder die Intonation eines “Jahaaa” nachahmt, und wie dieses wieder von Generation zu Generation fließt. Copy und Paste alltenhalben. Bald würde dieses Kopiergewühl sich also auch durch die Faltungschichten der Perzeptrone fressen, bis sie dann auch sagen: “Ich fühle Schmerz, fühle Lust, ich schmecke süss, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Roth und der ebenso unmittelbar daraus fliessenden Gewissheit: Also bin ich?..” Die armen Dinger!

Schluß

/Rant on

Die menschliche Geistesgeschichte ist eine Geschichte der ideologischen Verblendung. Der jeweils neuen Ideologie oder Religion ist jede Verunglimpfung des überkommenen, zu verdrängenden Alten recht. Der alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein in die Hirne. Mythos: weg. Kritik und Philosophie rein. Heidentum: weg. Christentum: rein. Christentum: weg. Wissenschaft: rein.

Und so bleibt das auch mit den kleinen Dingen. Die Blogs starteten auch nicht ohne eine gewisse ideologische Unterfütterung. Es sollte alles demokratischer, offener, schneller sein als in den alten gedruckten Medien. – Ich kann es schon lange nicht mehr verstehen, wenn manche, immer noch ihre Ihr-seid-doch-so-verschnarcht-ihr-Holzmedien-geht-sterben-Geseiere immer noch in die Kommentarzeilen absondern. Blogs, zumindest die großen, sind doch längst angekommen, dieses ideologische Tamtam brauchen die doch gar nicht mehr.

Aber das ist nur so ein Befremden. Schlimmer – und das liegt wohl auch an dem eigenen Ansinnen, das ich mal hatte als ich anfing: ich wollte genauer, schärfer, kritischer sein als jeder Zeitungsartikel. Schlimmer ist doch, dass wir in Ton und Haltung imitieren, was wir kritisieren wollten: Eine autorativer Duktus, eine Stimme, die weil sie für Spiegel oder FAZ von oben herab auf den Leser spricht, sagen kann wie es ist, zur Not auch ohne Argument oder Beleg. Immer im Bewusstsein der eigenen kulturellen und intellektuellen Hoheit. Vielleicht konnte kein Blog darauf letztlich verzichten, weil jeder selbst sich einen solchen Rang, die gleiche geistige Souveränität zuschreiben wollte. So ist in manchen Blogs der Hausherr schon ein kleiner Fürst –

Ach, ich bin es müde. Nein, das ist mein Ding nicht, die Sätze triefen zu lassen von kultureller Tiefe und Schwere, die ich nicht hab’. Sie aufzublasen und zu dekorieren mit Popanz und Firlefanz. Leute lasst doch mal die Luft raus, macht euch doch mal locker! Ist doch kein Problem mal einzugestehen, dass das Literarische Quartett einen gut unterhalten hat, dass die Leute die da sitzen nun mal auch keine Dummköpfe sind. Man muss doch nicht so tun, als sei das alles unter der eigenen kulturellen Würde, als würde man sich da beschmutzen und als wäre jeder, der irgendwie in ein populäres Format nur entfernt seinen Kopf hielt, schon Betriebler, korrumpiert, dumm.

Kein Kaffeehaus

Wenig Zeit blieb mir in Graz eines der Kaffeehäuser zu besuchen. Ein Museum und eine Wanderung waren noch drin. Sonst nur 13-14h arbeiten und das einzige was mich aufrecht hielt war der Spa-Besuch – immerhin ein Freikörperbereich – und das üppige Früstücksbuffet mit ordentlich Rührei und Kaffee.

Sonst hieß es wieder: Codezeilen fressen, den Overload auf die Gehirnschale irgendwie aushalten und den Stress verkraften. Ein neues Projekt war wieder live gegangen und dann nachdem erst einmal alles gut aussieht, kommen die kleinen Fiesigkeiten. Dinge die noch im alten Code geschlummert haben und sich mit dem neuen nicht vertragen, oder subtile Fehler, die sich leider erst in der realen Anlage, den realen Abläufen zeigen. Nur konnte ich das jetzt gar nicht gebrauchen. Wo ich mir die Datenbankschemata für eine Warenhaustopologie in die Hirnwindungen schrauben sollte.

Ach, aber wen interessiert’s? Die anonymen Codeknechte, die auf der Kabeltrommel die Bytes in die Maschine hacken, während die Druckluft zischt, die Förderer rauschen, die Vereinzelerspitze an den Leitersegmenten rattert und zu allem dieses Radiogedudel, das die Kommissionierer in ihrer hirntötenden Arbeit noch ein wenig antreiben soll, bis sie ihre Schicht geschafft haben. Wer könnte denn aus diesen Dingen etwas Transzendenz herausquetschen, allen Ernstes? Es gibt doch kaum etwas kunstferneres, geisttötenderes als die Stahlskelette der Distributionscenter, ihre effezienzoptimierte Kahlheit. Hier wird keine Arie geschrieben, auch nicht in C++.

– Aber eigentlich hatte es doch um die Taxifahrerin gehen sollen order darum warum in Graz keine Banditi sind

Das Bewusstsein bestimmt das Sein

Statt vernünftig sein und schlafen zu gehen noch Doku reingezogen. “The real cost”. Hin- und hergerissen, zwischen Inspiration und Verärgerung. Langsam bleibt mehr die Verärgerung: Mit wieviel abgestandeneer Kapitalismus- und Konsumiskritik sollen wir unsere abgetöteten Herzen denn noch imprägnieren. Der Schmonzes gehört doch nur mal eben beim Fair-Trade-Kaffee weggeliket. So sehr wie das auf Gefühl setzt und an das moralische Überlegenheitsgefühl appelliert ist es doch auch nur Gegenpropaganda zum täglich abgefuckten Werbehirnflash – Fuck the System, wenigstens ’n bisschen.

Schuld war eine Bemerkung beim Epizentriker, dass es mit dem Guten wozu der Mensch angeblich fähig sei, nicht weit her sei; die Realität seien eben immer Sweatshops. Und da die Kunden unserer Systeme gerade aus der Modeindustrie stammen und ich bei Netflix auf diese Doku stieß, dachte ich, ich informier’ mich mal. Nun, dann weiß ich jetzt, dass ich für die Branche arbeite, die der zweitgrößte Umweltverschmutzer weltweit sei. Schlimmer soll nur die Ölindustrie sein, bei der mein noch kommunistisch gesinnter Studienkollege nun seine Brötchen verdient.

Schreiben

Das Furchtbare am Schreiben insbesondere von Blogs ist doch, dass es einem die Unzureichendheit und Irrelevanz der eigenen Gedankenausduenstungen immer wieder vor Augen fuehrt. Ehrlich: Wer braucht denn z.B. noch einen Kommentar zum Neuanfang des Literarischen Quartett von mir – in dem ich dann die ewigen Basher ein wenig bashen wuerde. Es interessiert doch keine Sau.. Andererseits; wenn man schon stundenlang lustlos durchs Netz klickert, koennt man doch auch so eine Suada verfassen.

Kognition

Dass jemand wie Hofstadter von Physik und AI Forschung kommend so sehr in die Sprache fällt. Das hat schon eine.. gewisse Schönheit, wie er die Komplexitäten herausstellt, die unter der Hand in dem ganz alltäglichen Sprachgebrauch und Kategorisierungen stecken.

Nur mit seiner Betonung der Analogie.. bleibt da nicht auch ein bisschen Unzureichendes: könnte man Blumenberg gedenkend nich auch stattdessen zur Metapher greifen als “Treibstoff unsres Denkens” – Metaphern von Analogien abzugrenzen, mag gar nicht so einfach sein. Hofstadter selbst spricht davon, dass Analogien einfach so geschehen, spontan, fließend; bei der Metapher kommt jedoch vielleicht noch etwas hinzu, eine bewusste, semantische Färbung, mit der die Übertragung in einen neuen Kontext oder Zielbereich, diesen aufhellt oder so verzerrt, dass so etwas wie Erkenntnis entsteht oder das was der sprachliche Zugriff uns suggeriert: vom sprachlich gefassten Gegenstand etwas begriffen zu haben.

Und noch weitergehend. Könnten wir uns bei unserem Kognitionsbegriff nicht irgendwann vom Logozentrismus entfernen, von dem Sprachfetisch unserer Kultur, den linguistic turn wieder wenden? Ich kam darauf, als ich meinen Sohn beobachtet, der noch fast ohne Sprache ist, aber der nicht nur Personen auf Bildern erkennt, sondern auch Gegenstände und Bilder von Gegenständen unterscheiden kann. Ist dieses Verweis-/Bedeutungsverhältnis z.B. von einem Bild zu einem Gegenstand nicht vielleicht noch grundlegender für das was einmal unser Denken wird.. weil wir damit überhaupt beginnen können, die geistige Gegenstände von realweltlichen zu unterscheiden. (Wenn man diese Dinge so einfach ausdrücken darf… Wahrscheinlich ist dieses Verweis-/Bedeutungsverhältnis – wie die Pointer beim Programmieren – auch recht verzwackt und problematsich, wie schon Platos Ideenlehre.)

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