Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Von Licht und Schatten

Es ist schon so eine Bessesenheit, von der ich nicht mehr loskomme: der Begriff, mit dem man diejenigen umfassen könnte, die es geschafft haben. Die Prominenz, die Altvorderen, die Arrivierten, diejenigen die im Lichte stehen. Die A-Blogger, im Gegensatz zu denen in der B-, C- oder D-Klasse.

Weil es überall so ist, dass die Gesellschaft, wie unser Bewusstsein, einen schmalen Scheinwerferkegel auf einen kleinen Kreis von Personen wirft, die dann das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Und seien es nicht einmal mehr die Warhol’schen 15 Minuten, sondern die heutigen 6 Sekunden in einer Vines Compilation.

Auch Kunst und Literatur sind so. Die Journalisten nennen das Aufmerksamkeitsökonomie; das sparsame Gut der Aufmerksamkeit wird nur spärlich verteilt auf Neues oder Neue und stattdessen konzentriert es sich auf das was schon einen Namen hat. Für die Orientierung auch einfacher.

Was auch andeutet, dass es bei diesem Prozess der Fixierung positive Rückkoppelungen involviert sind. So wie beim Geld. Wer schon hat, dem wird gegeben.

Dies nicht als Klage, nur Situationsbeschreibung. Aus dem Schatten schießt es sich ohnehin besser.

Und wieder diese Diskussion im Fahrradladen: Dass ein Kunde völlig empört darüber ist, dass er für seine Reparatur noch etwas mehr bezahlen muss, so als sollten sie im Geschäft die Fahrräder in ihrer Freizeit wieder flott machen. Aber das ist die allgemeine Erwartung in Discount-Amazon-Zeit: Es darf alles nichts kosten. Muss doch auch so effizient regelbar sein, dass ich als Kunde nichts berappen muss. (T-Shirts für 3€ inklusive Versand.)
Auch gerade nichts für Arbeitskraft… Und so spielen wir den Ausbeutern in die Hände.

Logos

Die Welt ist alles, was der Fall ist. 1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. 1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind. 1.12 Denn, die Gesamtheit der Tatsachen bestimmt, was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist. 1.13 Die Tatsachen i[n der Wikipedia] sind die Welt.
Ludwig Wittgenstein

Am Anfang steht die Sprachmagie. Das Wort mit dem wir die Wesen und Dinge ansprechen, sollen sie vielleicht beschwichtigen, besänftigen, aber diese Einflussnahme ist voller Ehrfurcht vor den Dingen, eingebunden in heilige Rituale.

Mit der Kritik am Mythos der heraufdämmernden Vernunft im Logos verlagert sich der Akzent. Das Bezeichnete sinkt herab zu einem beherrschten Objekt unser geistigen Welt. Das ist das Trostlose unser Welt. Und ist es nicht eine bittere Ironie, dass ausgerechnet in der Werbung noch unseren modernen Objektfetischen eine magische Aura verliehen werden soll?

Berufsgruppengedichte (2) – Der APL-Programmierer

‘ #'[9>|⊃{⍺+⍵*2}/9⍴⊂¯3×.7j.5-⍉a∘.+0j1×a←(⍳n+1)÷n←98]

(echtes Code-Golf geklaut von: http://ngn.github.io/apl/web/)

Der Maschinenflüsterer

Die Textproduktion hatte für ihn immer etwas Physisches. Weil er jeden Satz aus sich herausquälen musste. Und dieses mühsam Herausgequetschte war dann nur zum Wegstreichen gut. Ein richtiges Fließen, eine Euphorie, eine Inspiriertheit gab es bei ihm fast nicht. Es war immer Qual und Knochenarbeit. Von Wort zu Wort. Auch bei seinen Qualifikationsschriften an der Uni. Seine erste Version konnte er komplett wegwerfen.

Wie ähnlich das bleibt, wenn man den Buchstabensalat nimmt, den man in die Maschinen kippt. Auch da quält er sich von Zeile zu Zeile, die er in die Tastaturen hackt. Aber er bemerkte so einen Art Zauberlehrlingseffekt: Wie er die Maschine, beinahe magisch, zur Erledigung aller erdenklichen Aufgaben bewegen konnte. Und er wurde immer besser darin, sich durch fremden Code zu wühlen. – So viele hunderttausend Zeilen er schon gesehen hatte – von diesen gigantösen Textcorpi, die heute unsichtbar alles bewegen, nur ein Sandkorn – und oft war es auch nicht einfach sich da hineinzudenken, weil selbst diese Maschinensprachen noch so viel Freiheit lassen für einen persönlichen Denkstil. Ja, fremden Code zu lesen, war manchmal wie in das Hirn eines anderen zu kriechen, der Versuch zu verstehen, wie der andere nun das Problem gelöst hatte.

Bisweilen entstand auch ein Ekel, ein Hass, auf die Unausgegorenheit, die verdrehte, gehirnverstümmelnde Logik, die diese Zeilen ausdrückten. Dann wünschte er sich, er könnte sich in die abstrakt-höheren Sphären der funktionalen Sprachen erheben, in ein Reich von Eleganz und klarer Wohlgeordnetheit, als würden diese einen bewahren vor den gigantischen Monsterschlammhaufen, die die meiste Software nun einmal ist.

Und jetzt saß er wieder an einem solchen Logikknäuel, das er so umformen musste, dass es den Herren für neue Aufgaben wieder zu Dienste sei. Und er konnte, als er sich durch die Untiefen wühlte, die Pein seines Vorgänger spüren, der monatelang in der Fabrikhalle sitzend, die zischende Pneumatik über seinem Kopf, den ungeduldigen Kunden im Nacken, all diese fremden Zeichen aus seinem Hirn in die Maschine gequetscht hatte.

Berufsgruppengedichte (1) – Heute: Proktologen-Poesie

Perianal findet sich eine kleine,
völlig reizlose Mariske bei 12-1 Uhr SSL,
dem prolabierenden Gewebe entsprechend.
Kein Prolaps provozierbar.

Rektal-digital guter Sphinkertonus.
Ventrale Rektozele, keine pathologische Resistenz.
Proktoskopie: mehrere hypertrophe Analpapillen, reizlos.
Hämorrhoidalplexus nicht hyptertrophiert.

Rektoskopie bis 15 cm: unauffällig.

I am become death, the destroyer of worlds

Moritz von Sprachwitz’ Augen funkelten, Ich habe eine Idee. Er wies mit seinem Finger auf Bob Macha, Du produzierst weiter Cover und Titel für all die ungeschriebenen Romane. Und du – sein Finger wanderte zu Dr. Forkjas – zimmerst uns eine AI, die ein bisschen literarischen Blindtext zwischen die Buchdeckel pappt. Ein paar lobende Promiworte erfinden, Klappentext. Fertig ist die Rezeptur, um den Buchmarkt zu fluten.
Dr. Forkjas wie immer skeptisch: Aber sollten wir nicht zuerst ein bisschen PR machen, z.B. mit unsrer AI den Bachmannpreis gewinnen? Sollte doch nicht so schwer sein, all die Schreibschulweisheiten, Zentrale-Intelligenz-Kriterien in einen Algorithmus zu gießen und dann das Ding einzufahren, zumindest den Publikumspreis. Wär’ doch mal ein alternativer Turingtest.
Ach, bleib mir nur mit dem Maschinenzeugs vom Hals, grummelte Macha, der sich immer noch nicht davon erholt hatte, dass er selbst einmal beim Turingtest durchgerasselt war. Ich werd’ mir jetzt Leopardensofas zulegen um mir die Scheißdinger vom Hals zu halten.
Warum eigentlich haben alle Leute so Schiss vor der düster-kalten Maschinenwelt?, ereiferte sich nun Forkjas. Weil uns Hollywood seit Jahrzehnten davor ängstigt, weil der Kulturfuzzi in unserem Geist eine Bestätigung sucht, sich all der maschinellen Intelligenz überlegen zu dünken und seine Hand ausstreckt nach jedem Strohhalm. Seien es Qualia oder leopardenbemusterte Sofas.
Ich glaube, wir schweifen mal wieder ab, lass uns doch erst einmal beginnen, intervenierte von Sprachwitz.

~ * ~

“Das Ich auf dem Leopardensofa”
Roman von und mit Alan Tysken

“Und was”, überfiel dieser Gedanke Alan Tysken, “was wenn diese Hirnforscher recht haben und mein Ich nur narratives Gravitationszentrum im synchroniserten Neuronenfeuer ist?”

~

“Ein hocherotischer Roman. Stärkere Frauenfiguren hat es seit Anna Karenina und Ada Lovelace nicht gegeben. Ich hatte bisher nicht von der Existenz solch attraktiver Cyborgs wie Björk gewusst.” Reich-Ranicki

“Cybersex is’ nicht so mein Ding.” Thomas Gottschalk

“Dieses Buch hat mich tief in meinen Ego-Tunnel zurückgebeamt.” Thomas Metzinger

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