Lafcadios Loch

Go-Steine und nicht viel mehr

Der Maschinenflüsterer

Die Textproduktion hatte für ihn immer etwas Physisches. Weil er jeden Satz aus sich herausquälen musste. Und dieses mühsam Herausgequetschte war dann nur zum Wegstreichen gut. Ein richtiges Fließen, eine Euphorie, eine Inspiriertheit gab es bei ihm fast nicht. Es war immer Qual und Knochenarbeit. Von Wort zu Wort. Auch bei seinen Qualifikationsschriften an der Uni. Seine erste Version konnte er komplett wegwerfen.

Wie ähnlich das bleibt, wenn man den Buchstabensalat nimmt, den man in die Maschinen kippt. Auch da quält er sich von Zeile zu Zeile, die er in die Tastaturen hackt. Aber er bemerkte so einen Art Zauberlehrlingseffekt: Wie er die Maschine, beinahe magisch, zur Erledigung aller erdenklichen Aufgaben bewegen konnte. Und er wurde immer besser darin, sich durch fremden Code zu wühlen. – So viele hunderttausend Zeilen er schon gesehen hatte – von diesen gigantösen Textcorpi, die heute unsichtbar alles bewegen, nur ein Sandkorn – und oft war es auch nicht einfach sich da hineinzudenken, weil selbst diese Maschinensprachen noch so viel Freiheit lassen für einen persönlichen Denkstil. Ja, fremden Code zu lesen, war manchmal wie in das Hirn eines anderen zu kriechen, der Versuch zu verstehen, wie der andere nun das Problem gelöst hatte.

Bisweilen entstand auch ein Ekel, ein Hass, auf die Unausgegorenheit, die verdrehte, gehirnverstümmelnde Logik, die diese Zeilen ausdrückten. Dann wünschte er sich, er könnte sich in die abstrakt-höheren Sphären der funktionalen Sprachen erheben, in ein Reich von Eleganz und klarer Wohlgeordnetheit, als würden diese einen bewahren vor den gigantischen Monsterschlammhaufen, die die meiste Software nun einmal ist.

Und jetzt saß er wieder an einem solchen Logikknäuel, das er so umformen musste, dass es den Herren für neue Aufgaben wieder zu Dienste sei. Und er konnte, als er sich durch die Untiefen wühlte, die Pein seines Vorgänger spüren, der monatelang in der Fabrikhalle sitzend, die zischende Pneumatik über seinem Kopf, den ungeduldigen Kunden im Nacken, all diese fremden Zeichen aus seinem Hirn in die Maschine gequetscht hatte.

Berufsgruppengedichte (1) – Heute: Proktologen-Poesie

Perianal findet sich eine kleine,
völlig reizlose Mariske bei 12-1 Uhr SSL,
dem prolabierenden Gewebe entsprechend.
Kein Prolaps provozierbar.

Rektal-digital guter Sphinkertonus.
Ventrale Rektozele, keine pathologische Resistenz.
Proktoskopie: mehrere hypertrophe Analpapillen, reizlos.
Hämorrhoidalplexus nicht hyptertrophiert.

Rektoskopie bis 15 cm: unauffällig.

I am become death, the destroyer of worlds

Moritz von Sprachwitz’ Augen funkelten, Ich habe eine Idee. Er wies mit seinem Finger auf Bob Macha, Du produzierst weiter Cover und Titel für all die ungeschriebenen Romane. Und du – sein Finger wanderte zu Dr. Forkjas – zimmerst uns eine AI, die ein bisschen literarischen Blindtext zwischen die Buchdeckel pappt. Ein paar lobende Promiworte erfinden, Klappentext. Fertig ist die Rezeptur, um den Buchmarkt zu fluten.
Dr. Forkjas wie immer skeptisch: Aber sollten wir nicht zuerst ein bisschen PR machen, z.B. mit unsrer AI den Bachmannpreis gewinnen? Sollte doch nicht so schwer sein, all die Schreibschulweisheiten, Zentrale-Intelligenz-Kriterien in einen Algorithmus zu gießen und dann das Ding einzufahren, zumindest den Publikumspreis. Wär’ doch mal ein alternativer Turingtest.
Ach, bleib mir nur mit dem Maschinenzeugs vom Hals, grummelte Macha, der sich immer noch nicht davon erholt hatte, dass er selbst einmal beim Turingtest durchgerasselt war. Ich werd’ mir jetzt Leopardensofas zulegen um mir die Scheißdinger vom Hals zu halten.
Warum eigentlich haben alle Leute so Schiss vor der düster-kalten Maschinenwelt?, ereiferte sich nun Forkjas. Weil uns Hollywood seit Jahrzehnten davor ängstigt, weil der Kulturfuzzi in unserem Geist eine Bestätigung sucht, sich all der maschinellen Intelligenz überlegen zu dünken und seine Hand ausstreckt nach jedem Strohhalm. Seien es Qualia oder leopardenbemusterte Sofas.
Ich glaube, wir schweifen mal wieder ab, lass uns doch erst einmal beginnen, intervenierte von Sprachwitz.

~ * ~

“Das Ich auf dem Leopardensofa”
Roman von und mit Alan Tysken

“Und was”, überfiel dieser Gedanke Alan Tysken, “was wenn diese Hirnforscher recht haben und mein Ich nur narratives Gravitationszentrum im synchroniserten Neuronenfeuer ist?”

~

“Ein hocherotischer Roman. Stärkere Frauenfiguren hat es seit Anna Karenina und Ada Lovelace nicht gegeben. Ich hatte bisher nicht von der Existenz solch attraktiver Cyborgs wie Björk gewusst.” Reich-Ranicki

“Cybersex is’ nicht so mein Ding.” Thomas Gottschalk

“Dieses Buch hat mich tief in meinen Ego-Tunnel zurückgebeamt.” Thomas Metzinger

Ich als Troll oder Hatespeech unter Freunden

Das Internet ist eine Ansammlung von Trollen und Trololos. Hauptsaechlich. Berufenere Theoretiker haben sich schon an Trollologien versucht, so z.B. Georg Seesslen. Eine Erkenntnis, die ich langsam erst verdaue, ist die ueber die erste Kategorie scheinbar harmloser Trolle: die freundlichen,.. dass ich zu ihnen gehoere. Mit Seesslens Text selbst war es auch wieder so, dass ich immer die Widerhaken suche, immer widersprechen, die Fehler oder Auslassungen finden moechte. Genauso im Netz; warum sollte ich einen Text kommentieren, dem ich vollumfaenglich zustimme, bei dem es rein gar nichts beizutragen gaebe? Vielleicht sollte ich also noch weniger oft diesem Kommentar-Impuls nachgeben, oder einfach mal positivere Energien freilassen?

Ach wo. Ich meine den Titel ja durchaus ernst. Eine Trollerei ist eine Kommunikationsstoerung, eine Diskussion geraet in Schieflage und kentert, weil ploetzlich ein vormaliges, eigentliches Nebenthema den ganzen Diskursraum fuellt. Nichts anderes was z.B. beim Agendasetting von Journalisten geschieht. (War Schirrmacher auch ein Troll?)

So jetzt habe ich euch genug angetrollt.

Plots, plots.

Was macht diese Serien aus, von denen die Leute den Blick nicht abwenden können. Die These, dass dies der Plot sei, wurde letztlich von jemandem aufgestellt doch letztlich verneint, mit dem Verweis auf mad men. Ich hatte ja weiland auch schon so eine Einteilung in plot und character driven Serien versucht. Sein mad men Beispiel wäre dann atmosphere driven? Wahrscheinlich könnte doch beinahe jede starke Eigenheit eines Werkes, dieses als Ganzes tragen. Verweilen wir jedoch noch kurz beim Plot.

Heute sind da die plot twists und cliffhanger, die das Publikum der nächsten Folge entgegenfiebern lassen… aber eigentlich ist es das doch auch nicht, sondern die Schicksale: man muss sich mit einer Figur identifizieren, sie darf einem nicht völlig egal sein; denn warum sonst sollte man sich diese vielen Stunden mit ihr beschäftigen? Auch die Katharsis funktioniert doch nicht ohne. Wo wir dann schon fast bei den alten Mythen sind: Plotten die eigentlich auch? Verwenden die nicht überall die gleichen Stoffe – oder warum gibt es immer wieder diese Geschichte von einem, der im Bauch eines Wals überlebt, oder z.B. die apokryphe Legende von Judas: als Waisenknape im Binsenkorb ausgesetzt kehrt er irgendwann zurück und erschlägt unwissend seinen Vater und nimmt seine Mutter zur Frau. Das sind doch alles Remixes.

Geht doch auch im Kino so. Da kann man sich aus festen Bausteinen sein Ding zusammenstoppeln, die Sachen, die haben wir schon so oft gesehen, da denkt gar keiner mehr drüber nach, das schauen wir als Publikum einfach so weg. Jedes Genre liefert doch schon so einen “Klischee”-Bausatzkasten, nur das daraus verfertigte sollte irgendwie eigen, originär aussehen. Beispiele:
1) Diese Kameraeinstellung, mit der man den Zuschauer sofort wissen lassen kann, dass da noch jemand anderes im Haus, in der Wohnung ist, und gleich was passiert.
2) Diese Szene, wo ein wichtiger Zeuge schwer verletzt im Krankenhaus ist und auch bewacht wird, aber die Gangster trotzdem zu ihm durchkommen, um ihn abzumurksen.
3) Eine dem Protagonisten nahestehende Person entpuppt sich plötzlich als Verräter.
4) Das Sportteam, der Sportler, Kämpfer, der eigentlich der totale Underdog ist, trainiert hart und gewinnt schließlich.

Usw. usf.

Aber.. als ich die Falschmünzer wiederlas (und ich verhehle nicht, dass ich dieses Buch als eines größten des 20. Jahrhunderts lese!), da dachte ich bei einer Liebesszene dann doch: Oh, nein, wie papiern, das ist doch jetzt auch herkömmlich konstruiert, und es soll mich doch zur Identifikation, eigenen Gefühlsprojektionen locken, hmm? – ABER nein, das ging mir später erst auf, in Wirklichkeit, ist doch unsere Wirklichkeit papiern! Unser eigenes, einzigartiges Erleben ist doch auch vollgestopft mit diesen Versatzstücken, mit denen wir uns unser Leben schönpinseln und ausstaffieren, mit den kleinen subtilen Projektionen, dessen wie man sich in diesem Moment zu fühlen hat (und wozu wir durch Kultur und Werbung angeleitet werden).

Ding ding

«Im Nennen sind die genannten Dinge in ihr Dingen gerufen. Dingend ent-falten sie Welt, in der die Dinge weilen und so je die weiligen sind. Die Dinge tragen, indem sie dingen Welt aus. Unsere alte Sprache nennt das Austragen: bern, bären, daher die Wörter “gebären” und “Gebärde”. Dingend sind die Dinge Dinge. Dingend gebärden sie Welt.» Heidegger, “Sprache” S. 22

«Die Dingerscheindung (das Erlebnis) ist nicht das erscheinende Ding (das uns vermeintlich “Gegenüberstehende”); in dem Bewußtseinszusammenhang erleben wir die Erscheinungen, als in der phänomenalen Welt seiend erscheinen uns die Dinge. Die Erscheinungen selbst erscheinen nicht, sie werden erlebt.» Edmund Husserl “V. (Fünfte) Logische untersuchung” S. 7

Disrupt

Warum ich angefangen habe das Internet zu hassen? Weil es nicht mir gehört, weil ich nicht Facebook oder Google erfunden habe? Weil es so voller Schrott ist, das neue Nullmedium, mit dem man stundenlang seine Birne mit weißem Rauschen wegschießen kann?

Durchaus, aber nachdem ich jetzt länger in den hacker news abgehangen habe* und das Startup-Powerpoint-Synchronschwimmen aus der Serie Silicon Valley mir immer noch im Kopf herumspukte, dämmerten mir ein paar Dinge:
Allen Barners-Lees zum Trotz, am Ende gewinnen doch immer nur die Hyänen, die Schinderhannese – die Steve Jobs und Larry Ellisons.
Die Ideale sind verkauft, nur noch gut für den Trödelmarkt, das was die ganze e-commerce, App-Mania freisetzt sind neue disruptive Energien**, die alles in eine Richtung weitertreibt; nach dem Beispiel der Logistikbranche, Amazon und den Ubermenschen**; billiger, Kosten, Löhne drücken, Wettbewerber rausdrängen bis nur noch einer bleibt. – Wird sich also die Lorenz-Kurve noch weiter beulen bis endlich nur noch eine Dirac-Verteilung bleibt. Sollen die Blogger weiter ihre Links rumschmeißen, die FOSS und Linux-Kernel-Hacker weiter ihre lines of codes einchecken, das Geld landet doch in Tony Montanas Tasche.

[Sprach Popper im Zusammenhang mit dem wissenchaftlichen Fortschritt und dass man heute noch nicht einmal wissen kann, was die heutigen Entdeckungen nach sich ziehen werden, nicht davon, dass wir uns auf eine dunkle Wand des Unbekannten zubewegen. – Vielleicht wird ja noch alles gut – Come on and embrace the Ubermensch.]

* http://www.newyorker.com/magazine/2015/05/18/tomorrows-advance-man
** http://citypaper.net/uberdriver/

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