Lafcadios Loch

Rants from below

Metaphorologische Bananalität

Das ist doch die Frage, vor der vielleicht auch dieser Text zu Asche zerfällt: “Welche Aktion?” Wir alle haben gehofft, irgendwo gäb’s diesen Schraubenschlüssel, der irgendwann ins Räderwerk fällt, und dann kommt mit Knacken und Krachen und Knirschen alles zum Stehen. Aber Algorithmen? Wofür brauchst Du da einen Schraubenschlüssel? Also fragen wir beständig…
Der Grobozentriker

Irgendwie klingt es da wieder nach Maschine und System. Aber wer ist heut‘ noch gegen das System – außer Trump? Gegen das System zu revoltieren erscheint so sinnvoll wie die Schneeflocken in einer Schneekugel zum Schmelzen bringen zu wollen. Ach,.. hier hätte Ihr schlauer Kommentar stehen können.

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Erziehung

Der freie Wille ist eine Aporie. So wie die Entstehung der Welt. Damit die Entscheidung aus freien Stücken geschehe, tun wir so als hätte sie keine äußeren Einflussfaktoren, als setztesie sich selbst aus dem Nichts heraus. Wenn auch nur die kleinste Beeinflussung, Vorbedingtheit gegeben wäre, wer könnte die Entscheidung noch vollkommen frei nennen? So ähnlich ist es mit dem Anfang der Welt, wo aus Nichts etwas entstehe, und unser Verstand sofortn ach den Ursachen dieses Etwas fragt, obwohl da einfach nichts gewesen sein soll.

Ähnlich ist es mit der Erziehung, wo der äußere Einfluss einen freien Verstand, ein Individuum hervorbringe. Wie soll man das tun, warten bis Münchhausen sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpfe zieht? Ebenso wie das Individuum sich in Absetzung von der Gesellschaft zu definieren sucht, aus der es entwächst. Überall, auf Makro- und Mikroebene, derselbe Widerspruch.

So wie Netflix mir andauernd seine pseudogesellschaftskritischen Dokus und Sendungen auftischen wollte, setzte mir Amazon nun ähnlich-geartete e-books vor die Nase. Das ist eben der Vorteil des kapitalistischen Systems, wo man die Gesinnungspolizei durch befriedenden Konsum ersetzen kann. – Und ich hab dieses „The little voice“ von Joss Sheldon auch noch gelesen.

Sogar mit Gewinn. Weil es Vieles, was so augenfällig ist und was ich verstreut auch schon gedacht oder geschrieben habe, bündelt und verdichtet. Zwar etwas angereichert mit Pop-Psychologie und einer Überdosis Lao-tse, aber dennoch wahr: Dass jede Massengesellschaft, die in ihr befindlichen Individuen konditioniert und auf Linie hält. Und im Westen drehen, das immerwährende Versprechen, dass wer stetig strebend sich bemühe auch den Aufstieg schaffe, der „pursuit of happiness“ wie in dem gleichnamigen Ekelswerk mit Will Smith, der genau die gleichen gebetsmühlenartigen Lügen verbreitet, dass die Angestellten weiter im Hamsterrad ihre Runden drehen, immer in der Hoffnung auf das Glück um die nächste Ecke, dass es da endlich besser werde, wenn man nur brav alles erträgt und fleißig ackert. Es erfüllt sich natürlich nie, aber wir werden mit den Geschichten der 0,01% beschallt, für die es klappte.

Da liegt der Erzähler von Sheldon sicher richtig, dass wir diese offensichtlichen Selbstbetrug endlich abstellen müssen, und auch all die falschen Pseudo-Bedürfnisse von größeren, tollen Wohnungen, Paradies-Urlaub, elektronischen Spielzeugen, usw. Sie halten uns nur im Arbeit-Konsum-Kreislauf. Der Ausbruch ist dann wie bei Walden, Into the Wild oder Captain Fantastic ein zurück zur Natur. Und da fangen für mich schon die Probleme an. Was hilft uns konkret diese Phantasie, die wir uns nicht so weit abseits bewegen? Ist es für uns, dann nicht ähnlich verheerend wie die anderen Hollywood-Märchen vom schönen Leben, weil diese Kritik uns auch nur träumend ruhigstellt anstatt zur Aktion verhilft? (Aber wenn, welche Aktion auch?)

Kunst kommt von künstlich

Dass etwas Kunst sei, erkennen wir an der Form. Daran dass der Gegenstand eine Formung erkennen lässt über die reine Funktion und Gefallsucht hinaus. Das leicht Paradoxe jedoch ist, dass wenn die Kunst gelingt uns diese Gemachtheit gar nicht stört. Nur wenn’s uns nicht gelingt ins Kunstwerk hineinzufinden, dann stoßen wir uns an der gespreizten Sprache oder dem aufgesetzten Slang, dann steht das Werk nur dar als Fremdkörper; Alien.

Es gibt jedoch in meinen Ausbrüchen gegen die Kultur einen aufkeimenden Verdacht: Dass diese bizarre Alienhaftigkeit das menschliche Wesen überhaupt ausmacht. Könnten wir mehr von außen all unser Gebaren betrachten, wie bei den Tieren im Zoo, wir würden wahrscheinlich schreiend Reißaus nehmen vor dem hirnerweichenden Blödsinn, den wir tagtäglich treiben und der ganz einfach völlig normal ist. Und wenn Sie jetzt meinen, ich redete davon, wie wir alle versuchen unser Leben durch das Getippe auf winzige Smartphonebildschirmchen hindurch zu leben, dann ist es nicht ganz das. Mein Befremden reicht weiter bis auf die Digitalkritiker hinaus, die offenbar glauben, bedrucktes Papier sei die naturgegebene Schnittstelle zum menschlichen Körper und Geist. Beim Menschen etwas „Natürliches“, von sich aus so Gegebenes auszumachen ist ungefähr so sinnvoll wie Pistazieneis auf der Sonnenoberfläche zu suchen. Wir sind die Aliens, die sich ihre eigene Alienhaftigkeit vor sich selbst verschleiern. Wir gewöhnen uns einfach an noch die verrücktesten Moden, indem wir einfach nicht darüber nachdenken oder sogar noch Geistesenergie darauf verwenden, unsere Gedanken in die bestehenden Dinge hineinzupassen.

Der Aufklärung nach sollte das Bewusstsein etwas Helles, Leuchtendes sein, dass die Welt und sich selbst erkennt, aufklärt, erklärt. Aber die meisten unserer Äußerungen sind doch Verdunkelungen, automatisches Sprechen der gedankenlosen Sprache. Wirre Zuckungen unser neuronalen Netze, Sprachmüll, die auch ein Bot so dahinrotzen könnte. Wo dahinter soll der existenzielle Nerv liegen, der unantastbare Ich-Kern, wenn ich mich nur der Sprache bedienen kann, die mir durch die Sprachgemeinschaft eingeübt wurde. Und wäre es besser, wenn ich das Ganze in schöne, wohlgeformte Sentenzen gösse, dass es so schiene, oh, da hat sich aber jemand was gedacht? Wäre das denn rechtens, damit anderen verwirrten Seelen, so etwas wie Orientierung oder Halt vorzugaukeln? Wir, des Chaos vielgeliebte Kinder, sollten uns in Alien-Angesicht blicken. Ohne Angst. Vor wem sollen wir uns denn fürchten, den religiösen Aliens, die komische Zaubersprüche murmeln und das Blut ihres Gottes trinken und das wie alle wieder für völlig normal halten? Srly? Oder den Gralshütern der Kunst, denen nicht genug Form und Künstlichkeit in deinen Ergüssen ist?

Sie haben wohl recht.

2048

Im russischen Permafrost sitzt die letzte Widerstandsgruppe. Hier und dort hacken sie einen Server als c2c für ihr моррис-botnet. Nach weltweiten Internet-Mobbing-Exzessen wurde weltweit eine Internet-Klarnamen-Pflicht eingeführt und alle kritische Infrastruktur liegt weiterhin in US-amerikanischer Hand. Doch zum Glück hat die Industrie ihr IoT-Mayhem nie gefixt und so können die Partisanen Sicherheitslücken vor allen Dingen in deutscher Autonavigationssoftware nutzen, um ihren Wurm weltweit zu verteilen. Ihr Ziel:
Die Welt vom Smartphone-Terror aus den Klauen der Netzsucht zu befreien. Dazu schnürten sie eine digitale Doomsday-Machine: ein tödlicher Cocktail aus metamorphen Viren und Wipern soll auf Knopfdruck genügend Verheerung anrichten, dass die digitalen Feuerzentren aussetzen und so der Menschheit eine Atempause ins Analoge verschaffen…

Währenddessen in Köln-Ehrenfeld ein Student über die zarten Anfangsknospen der literarische Blogger-Szene promoviert und gerade an dieser polymorphen Gestalt des Blogo-/Epi-/Grobozentriker verzweifelt: Zwar ließen sich noch einige irrlichternde Fragmente aus den Internet-Archiven fischen – den ominösen Hohlkörper-Roman hatte Google zum Glück nicht gescannt und das Marbach-Archive hatte nach einem Ransomware-Befall alle Daten eingebüßt – aber wie ein Max Brod wollte er sich einfach nicht fühlen, viel mehr entfacht auch der Inhalt der gesichteten Dokumente einen solchen Frust, dass er sein Neurotransmitter-Implantat herausreißen und abfackeln will.

Väter und Söhne

Dieser Vaterkomplex hatte mich bei Kafka schon genervt. Vielleicht auch nur in der sekundärliterarischen Überanschwellung, wo es dann wie etwas dem Werk Äußerlichen, bloß Aufgepfropftes wirkte. Dabei ist das physich-metaphysische Vater-Sohn-Verhältnis konstitutiv für Kunst und Literatur.

Das ging mir jetzt beim Lesen von „Söhne und Planeten“ wieder auf. Vielleicht verwende ich den Roman auch nur bei der gegenwärtigen Verschiebung meiner Perspektive. Worum es geht:
Der Gott-Vater als unhinterfragbare Autorität, physisch und intellektuelles Kraftzentrum ist für den Sohn immer ein Problem: Wie kann er sich seine Gunst oder Anerkennung erwerben oder muss er gar in Rebellion und Kampf ihn vom Thron verjagen? Jedenfalls: dem metaphysischen Vater können wir nie genügen, durch seinen Blick erfahren wir immer noch die Ungenügendheit selbst unser größten Stärken, die ganze lächerliche Endlichkeit unsere Fähigkeiten und Existenz. In den pubertären Allmachtsphantasien nehmen wir dann selbst seine Rolle ein, werden Weltordner, -erklärer, Leiter, Führer, Visionär: derjenige, der eine Delle ins Universum macht.

Diese spätpubertierenden, knapp über Zwanzigjähringen sind die Gefährlichen: Sie wollen die ganze Welt herausfordern, starten Revolutionen, Weltkonzerne, schließen sich dem Dschihad an, usw. Und ich weiß ja manchmal auch nicht, ob ich von ihrem Zorn und Ehrgeiz gerührt sein soll, ob ich sie lieber auslachen sollte, weil sie offenbar ein Vaterproblem haben. Ohne sie wäre die Welt vielleicht erträglicher und ruhiger, nicht so kaputt.. aber ohne Vertikalspannung und Übermensch, nur wer braucht die schon. Entropie macht doch eh alles platt, ob mit oder ohne Altersvorsorge.

Kant erzählt irgendwo etwas von zwei Prinzipien: einem holistischen, das die Dinge in seiner (organischen) Ganzheit zu betrachten suche und einem reduktionistischen, das das Verständnis in der Zergliederung und Zerteilung in Subsachverhalte finden will. Mir erschien das mal etwas Tiefes, wo vielleicht schon die heutige, ideologische Spaltung in Geistes- und Naturwissenschaften zu finden sei.

Aber es gibt keine zwei Seelen in meiner Brust, es ist immer nur eine. Und die ist schon nur leeres Geplapper. Grunge-Gestammel. Es ist immer noch diese Musik, dass sie die Saiten in mir zum Schwingen bringt. (Pearl Jam’s MTV Unplugged Konzert!) Es befördert mich in meine Teenagerzeit – als ich mir alle Chemie, Physik und Mathematik, Chaostheorie in den Kopf kippte, die ich in die Finger kriegte, Dostojevskij und Kierkegaard. Es gab für mich keine Trennung zwischen Poesie und Wissenschaft, nur eine totale Ordnung der Welt in einer lyrischen Weltformel. Falls sie zu erreichen wäre. Ein komprimierter Satz, eine Gleichung, die die Essenz der Dinge träfe, oder wenigstens meine Verzweiflung.

Heute wüsste ich es nur im Schweigen herzustellen, aber ich schaffe es ja nicht einmal diesen Blog abzustellen. Immerhin könnte ich nun über die Entropie, die in diesem Beitrag/Zeichenkette enthaltene „Information“ genau beziffern, einen HMAC ausrechnen oder ihn auf ein paar Bytes komprimieren. Aber das istce4495eb69243d4a005731984aaa8f5b837aee9b5e9ec67cfd05ccca7f15c87a

Alle Erklärungen sind Lügen

„Wie alle Erklärungen Lügen sind. Wie auch diese Behauptung eine Lüge ist. Und das einzige, was zählt ist der Unterschied zwischen den Lügen, die funktionieren, und den anderen, an die wir umso beständiger glauben, je weniger sie funktionieren.“

Danke. Einfach

muetzenfalterin

Alle Erklärungen sind Lügen. Beschwichtigungen, die uns beruhigen, einlullen sollen.

Als ich meine Diplomarbeit über das Sterben, über den Tod und die menschliche Konstruktion dieser Begriffe und Vorgänge schrieb, wusste ich jeden Tag weniger vom Tod, vergaß mit jeder Seite, die ich schrieb, dass ich sterblich bin.

Es war Soziologie. Es waren Zeitzeugnisse. Viele Notizen, und wenn ich Glück hatte, ab und zu ein paar Verbindungen, die sich aufdrängten.

Es waren Termine bei den Betreuern, der immer näher rückende Abgabetermin, mein Tischapparat in der Universität, und die Entscheidung für ein blassgelbes, oder eher beige-gelbes Deckblatt im Copyshop.

Später habe ich behauptet, der Tod habe mein Leben lang so eine große Rolle gespielt; mein kranker Vater, der starb als ich fünf war, der schleichende Selbstmord meiner Großmutter, der vollendet war, als ich gerade zehn Jahre alt geworden war, der plötzliche Unfalltod meiner Mutter zwölf Jahre später, mein Großvater, der sich zwei…

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