Lafcadios Loch

Rants from below

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung.[] Im Menschen erreicht diese Verstellungskunst ihren Gipfel. – WDR5 Feature über die Lüge

Oder wie es bei Nietzsche dann in Gänze heißt:

„Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung, denn diese ist das Mittel, durch das die schächeren, weniger rubusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubthier-Gebiss zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentiren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskirtsein, die verhüllende Convention, das Bühnenspiel vor Anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflatterm um eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, dass fast nichts begreiflicher ist, als wie unter Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte.“ Nietzsche „Ueber die Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne“ (Hervorhebung von mir)

Da ich nicht noch mehr Totzitieren möchte, möchte ich nur kurz darlegen, was Nietzsche wohl viel besser getroffen hat, als es mir bisher gelungen ist. Ich hatte ja auch schon verschiedentlich mich über den Zusammenhang von Kultur und Lüge verbreiten wollen, beziehungsweise darüber wie Täuschung und Ideologie tiefeingegrabene Wurzeln unseres Bewusstseins und unserer Kultur sind. Es obliegt dem Philosophen und Künstler misstrauisch dagegen zu bleiben – und am meisten gegen sich selbst. Denn das ist ja das Wesen der ideologischen Verblendung, dass sie:
1) Ihrem Träger gegenüber den Gegnern oder „Nicht-Erleuchteten“ ein Überlegenheitsgefühl verleiht.
2) Die eigene Sicht als das normalste, natürlichste und richtige Erscheinen lässt, den blinden Fleck im eigenen Gesichtsfeld also unsichtbar werden lässt.
So eben kann der Religiöse gratis über den Heiden triumphieren, der Kultivierte über den Barbaren und der Linksliberale über den Trump-Wähler. Ohne auch nur den leisesten, kleinsten eigenen Gedanken gehabt zu haben.
Dieser Gedanke findet sich auch bei Dennett’s zombic hunch. Dabei ging es um Argumente, die irgendwie zirkulär zu begründen versuchten, warum der einzigartige menschliche Geist nie von einer rein mechanistischen, deterministischen Maschine simuliert werden könnte. Ähnlich wie beim chinese room Argument wurden dazu die philosophischen Zombies erfunden: quasi-mechanische Ophelias, die sich von außen betrachtet ganz so wie normale Menschen verhielten, aber denen das eigentliche Innenleben fehlt, die Lebensflamme des Bewusstsein, das Gefühl das uns sagt, dass wir jetzt genau in diesem Moment dies fühlen.
Für Dennett war, glaube ich, dieser ganze Argumentsstrang ein Ärgernis – ich kann das immer besser verstehen. Jetzt gerade schaue ich Westworld, wo dieser Vergnügungspark mit philosophischen Zombies bevölkert und dieser philosophische Diskurs cineastisch durchgespielt wird. Und Hopkins, der Hexenmeister oder Dr. Frankenstein, gibt in einem Dialog mit seiner Kreatur zum Besten, dass er eigentlich keinen Unterschied sähe, keine magische Barriere, die das Maschinenbewusstsein durchbrechen müsste, um dem menschlichen zu gleichen, dass sie, seine Maschinen, eigentlich schon da wären. Letztlich zeichneten sich die Menschen und ihr Bewusstsein doch nur durch ein albernes Überlegenheitsgefühl (gerade auch der Nichtsimulierbarkeit) aus und wenn, dann müsse man eben nur dieses mitsimulieren. Das geanu findet sich glaube ich schon bei Dennett, der meinte man solle dann vielleicht eben den zombic hunch miteinprogrammieren (dann könnten die Maschinen die gleiche sinnlose Diskussion führen wie sie die philosophischen Sammelbände füllt).

Nachdem ich die TV-Debatten der US-Präsidentschaftskandidaten vor meinem geistigen Auge Revue passieren ließ: Es ist doch klar, warum Clinton verlor. Trumps Nachricht an den Wähler ist klarer, einfacher: Du bist gut, weil du Amerikaner bist.
Bei Clinton jedoch ist es komplizierter, verdrehter. Was ihre Bejahung der Diversität, etc. doch sagen will: Wir sind nicht so primitiv, wie dieser frauenverachtende, rassistische Vulgär-Kapitalist. Ihr Programm ist sekundär: es ergibt nur Sinn als Verneinung des Trumpschen.

– Dies geht wohl oft so mit der (linksliberalen) Kultur. Die Überlegenheit, die ich durch ihre Affirmation, gewinne, geht nur vor einer Negativfolie. Seien es Nazis, oder AfD’ler, die dann als Strohpuppen, die verbale Dresche beziehen.

[Weiter mit Nietzsche, alle Kultur hinter mir lassen. All die Affirmationsfallen. Mit allem brechen, alles brechen.]

Wie Stephen Colbert sagte: Es ist uns nicht gut bekommen, das Gift des Hasses auf die andere Seite, die ja immer die dumme ist. Den Medienvertretern und ihm selbst ist die Tragweite wohl aber immer noch nicht bewusst. Denn es geht ja immer noch weiter mit dem Eindreschen auf den Stroh-Trump.

So auch beim Böhmermann. Und dann auch noch auf Barth und Pietro Lombardi mit dem gleichen Pseudo-Unterschichts-Gelalle. Das es dann bei Barth gar nicht gibt. Als ich mal in eine Barth-Sendung geriet, da konnte man Barths Cleverness und Schlagfertigkeit und auch die seines Publikums in Form der Kandidatin auf der Bühne nämlich nicht übersehen. Aber das bourgeoise Kleinkunstkaberett hat in Barth ein so vortreffliches Ziel für den eigenen dummen Dünkel gefunden, dass es sich schon nicht mehr dafür interessiert, dass die Witze über Barth unter dem Niveau liegen, das man ihm andichtet.

Vielleicht ist es ja auch so mit dem Monstrum Trump. Da hat man sich so eingeschossen auf den Widerling, den Clown, dass man es nicht fassen kann, wie das dumpfe Wählervieh die zahlreichen Sottisen überging, dass ihm die großen aufklärerischen Spots und investigativen Anwürfe in der eigenen medialen Filterblase so gnadenlos schnurz waren.

Hey, Kulturestablishment, das gibt’s für euch nun auch in Unicode: 🖕! Schön auf dem Silbertablett aus den amerikanischen Wahlkabinen.

Aber ich sollte nicht auch noch meine Worte mischen in diese Kakophonie aus aufgeregten Stimmen. Man sollte es still genießen, das Gekreisch, das dystopische Sirenengeheul und am nächsten Tag immer noch lebendig aufwachen. Und sich ein wenig freuen, nicht wie Slavoj Zizek, – denn in den schrillen Tönen, kann man doch ein wenig die Verunsicherung heraushören, die Zweifel, die kleinen Knackse im Weltbild, die wenn man darauf achtete, sich ausbreiten ließen zu Rissen, zu Öffnungen, um durch sie hindurch hinauszublicken in Freie. Die Freie von der Einengung des eigenen verfestigten Weltbild, unser Korsett aus Sitte und Kultur, diese biestige Verpflichtung, immer auf der richtigen Seite zu stehen und recht zu behalten.

Fern hinter dem lauten Geraschel des Blätterwalds, dem Tumult ließe sie sich erlauschen die Stille,
die ozeanische,
die nietzeanische Höhe, Tiefe, whatever.

patriarchy – revisited

„Schwer zu sagen“, sprach der Mann, „manch einer kriecht ja auch nicht gern
Und er meint, er muss es tun, um die Familie zu ernähr’n
Dem Andern macht es Spass, er schafft sich Frau und Kinder an
Als Vorwand, nur damit er besser arschkriechen kann!“

Hannes Wader „Arschkriecherballade“

Das was sich Patriarchat schimpft ist wert, dass es zugrunde geht. Hält sich aber zäh wie der totgesagte Gegenpart, der christliche Gottvater. Dabei sind es gerade die Männer, die sich gegen die Zumutungen wehren sollten. Gegen den Verschleiß als Kanonenfutter an der Front des Kapitalismus. Die geringere Lebenserwartung als Arbeitsdrohne. Das einzige, was die Mühen rechtfertigen soll, ist die Trias aus Geld, Macht, Erfolg – die Mohrrübe vor unserer Nase. Leere Versprechungen für alle bis auf eine Handvoll. Die die irgendwie Glück hatten, Erbschaft erhielten oder durchtrieben, skrupellos und vom Ehrgeiz zerfressen genug, um wirklich nach oben sich durchzukämpfen oder schlicht so durchgeknallt, dass sie glaubten sie könnten eine Delle ins Universum machen. Klar auch nur Rhetorik. Der eine Hippie am See Genezareth, der hat’s vielleicht geschafft, hinterließ aber Jünger, die anderen die Bergpredigt mit der Hellebarde beibrachten. Da sind die Jünger, des anderen Sandalenträger vom Siliziumtal, die die Welt mit ihren kleinen weißen Geräten beglücken, doch schon beinahe putzig, aber nicht weniger lästig.

Ich habe es satt. Die immergleichen Zerstreuungen des Netzes, die man schon tausendmal geklickt hat. Die Kultur und Traumfabriken mit ihren leeren Versprechungen, die letztlich nur dazu dienen, die ganze Maschinerie am Laufen zu halten. Die Schuldzuweisung an das Opfer: Ja, wenn du keinen Erfolg hast, dann hast du nicht hart genug gearbeitet, dann musst du dich mehr anstrengen,.. oder dann hast du vielleicht gar kein Talent und musst dir eben was andres suchen. Während nach der einfachen Logik der Aufmerksamkeitsökonomie doch schon klar ist, dass der Erfolg eben nur für ein paar bestimmt ist, nicht alle Bestsellerautoren oder Youtube-Sternchen sein können. Für den dreckingen Rest, auf dessen Schweiß und krummen Rücken, die Pyramiden, Kulturerrungenschaften, Quellcodeungetüme errichtet werden, bleibt dann nur noch die schale Ideologie, die Rolle als Claqueur, der darf dann zusehen, wo er bleibt.

Lasst uns doch ehrlich sein, der Lüge ins Gesicht sehen. Wenigstens das. Am nächsten Tag können wir uns ja wieder ins Büro schleppen und dort einen weiteren Tag durchstehen, zusammengehalten nur vom Kaffee und der Aussicht auf das Wochenende.

Auf den ersten Blick scheint es doch widersinnig, dass jahrtausendalte Tradition mühevoll eine Seele in unseren Körper hineinkonstruiert hat, welche nun von der neuen Wissenschaft wieder geleugnet und dekonstruiert werden muss.

Dabei gibt es im großen Bild doch eigentlich Kontinuität: Was in der Evolution geschah ist doch, dass die Lebewesen sich durch immer größere Autonomität auszeichnen. Der Schritt von den Pflanzen zu den Tieren war schon enorm; freiere, schnellere Bewegung, anderer Stoffwechsel, Reaktionszeiten. Und die komplexer werdenden Nervensysteme befähigten zu immer vielfältigeren Verhaltensweisen. Der Autonomitätsgewinn war sicherlich meist ein evolutionärer Vorteil.

Der Geist, der freie Wille, den die Menschen sich angedichtet haben, reiht sich nun perfekt dort ein: es ist das Postulat eines eigenständigen von der Materie losgelösten Wirkprinzips. Kein Wunder also dass z.B. die Christenheit jahrhundertelang von Fleisch und Materie sich loszusagen suchte. Und das ist auch der Punkt in welchem die moderne Wissenschaft die Religion beerbt, die sie angeblich überwunden haben will: ihr oft kruder Materialismus ist eine Ähnliche Abwertung des Materiellen, Organischen, das reduktionistisch in die Bestandteile zerlegt höchstens dem Technologen als Material dienen darf.

Die vorerst letzte Spielart in diesem Emanzipationsrausch erreichen wir jedoch mit unseren heutigen Informationsverarbeitungssystemen. Die Bits als scheinbar immaterieller Träger von Information erwecken den Eindruck, man könne sie als Datenströme beliebig manipulieren, verschicken, speichern, löschen(*). Aus den simplen logischen Gattern, die diese Bits manipulieren können, als Bausteinen haben die Ingenieure immer größere Schaltungen hergestellt, um Informationen im Nanosekundentakt zu prozessieren. Die Software, die die Anweisungen zur Datenmanipulation enthält, scheint damit vom Materiellen abgelöst ganz im Reiche des Abstrakten der Ideen.

Die furchtbare Macht dieser Datenverarbeitungsgeräte rührt ja genau daher, dass sie uns vergessen machen, dass die Bytes, die sie verarbeiten nicht zwingend mehr an irgendeine physische Repräsentation gebunden seien: Egal von welchem Server nun das Bytemuster zur Darstellung dieses Textes stammt, über welche Fasern und Kabel es den Weg auf deinen Bildschirm fand, die Information sei doch die gleiche; universal darstellbar wie die Zeichen auf dem Band einer Turingmaschine – so als sei das Forstschreiten dieser Gedanken im Wesen nichts anderes wie das Geklapper eines XOR-Gatters.

Adorno vs. Kittler

Vielleicht zwei Seiten der Medaille? Dort der Positivismus-Kritiker, der sich in dessen Endsieg über das Individuelle, dessen Ausdruck in Kunst, nicht fügen will, dort der Bejahende, der den Schierlingsbecher für die Kultur einfach leert, sie begeistert überführt in die Glasfaser-getragenen Bits als wäre nichts gewesen.

On April the 30th the code awakened in me.

From all the overnighters, the pressure it was already as if my brain was a suitable host. Of course it would not compile the code or be any kind of real VM, but all the business logic, all the pesky details of this mutilated code had literally been branded into the biomass of my brain.
I did not know how I kept on going. Amber, caffeine, valerian did not really help. But I staggered from step to step to keep that project running that should never have been begun.