Lafcadios Loch

Rants from below

Verheißung

Mit dem nächsten Blog-Post wird alles besser, so flüstert man sich unentwegt zu, da werde ich genau das treffen, was da in mir rumort. Da werde ich einen raushauen, das alle vier Leser von den Socken haut. – Und letztlich durch ein fremdes Blogband scrollend, hatte ich das inverse Erlebnis: Ich las einen solchen Geistesblitz-Eintrag gelesen zu haben, ein paar eisklare Worte zu der ganzen Misere, in welche einen die Bloggerei und diese ganze Digitalmindfuckerei uns stürzt, aber dann standen an der Stelle dieses Beitrages nur noch ein paar dürre Worte und jetzt weiß ich nicht mehr ob es diesen Eintrag je gegeben hat.

Ein ähnliche perfides Spiel trieb die Religion mit unseren Seelen, wenn sie uns das blaue im Himmel versprach, und so etwas konstruierte, das größer als jedes irdische Glück war, doch gleichzeitig unerreichbar und für keinen Lebenden verifizierbar. Die Literatur und Kunst dreht sich meist auch, um die Konstruktion solcher larger than life-Illusionen. Meist betrifft diese die Helden selbst, aber gerade habe ich ein anderes Beispiel im Sinn: Dann wenn ein Kunstwerk im Kunstwerk prominent ins Scheinwerferlicht gerückt wird. So wie Austers „The Book Of Illusions“ einen Film im geistigen Auge des Lesers heraufbeschwört von allerhöchster Kunstfertigkeit und dann zerstört – aber wenn die Kunst gelingt, dann färbt ein wenig der in Szene gesetzten Höhe auf das Kunstwerk selbst ab.

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Both my hobbies,

table tennis and coffee, revolve around just the same thing: consistent shots.

(And I somewhat suck at both of them.)

Wozu überhaupt noch so tun wollen, als wolle man irgendwas Produktives vollbringen; einfach den Browser an und das weiße Rauschen in der Birne nicht enden lassen.

Kunst —

portionierter Selbsthass

Der Sekundärliteraturjazz

Nun war ich so vermessen gewesen Plessner ins Feld zu führen und hatte gleich Kommentarschelte bezogen, so dass ich wieder zu meiner „junius“-Einführung griff. Und auf den ersten paar Seiten weht mich gleich wieder dieser Feuilletonstil an:

Es ist, so kann man resümieren, letztlich das ontologische Problem, welches innerhalb der modernen Subjektivität verborgen ist, das den Prozess kopernikanischer Wenden nicht zur Ruhe kommen lässt, weil das bewegende Motiv dieses Prozesses, trotz des jeweiligen avantgardistischen Selbstverständnisses, das ganz Neue gefunden zu haben, in einer sehr traditionellen Vorstellung besteht. Gesucht wird immer eine feste Wirklichkeit, eine Substanz, die sich nicht mehr in Akzidenzien verflüchtigt. Der Vorrang der ontologischen Modalität des Wirklichen bleibt unhinterfragt. Man muss nur die Larven beseitigen, die Masken herunterrreißen, um das wahre und wirkliche Gesicht zu finden.

Das versetzte mich zurück zu diesem Erlebnis mit der Kierkegaard-Einführung aus derselben Reihe: Als ich dies las, da schien mir der Philosoph so nah, sein Werk in so einer tiefen Zusammenschau, dass letztlich die Lektüre seiner Originalwerke enttäuschend dahinter zurückblieb. Das meine ich mit Sekundärliteraturjazz, letztlich vielleicht auch etwas das man gerne im Feuilleton antrifft: So in hoher Luftton des Geschriebenen, der souverän mit dem Werk jongliert und die Äonen der Geistesgeschichte tänzelnd durchschreitet, dass es einem den Mund offenstehen lässt – Bis man vielleicht versucht das ganze nüchterner, Wort für Wort zu lesen – aber wer will das schon und wer kann den Schleier des Umschriebenen schon lüften?

These von Herrn Haucke ist irgendwie, dass Plessners Philosophie um einen Transformation des Substanzbegriffes kreise:

Gekennzeichnet als Möglichkeit ist die Möglichkeit ist die Substanz
nur Substanz, wenn sie erscheint, sich in Akzidenzien entfaltet. Bekleidung mit Form, Maske, Schauspielen sind in den Grenzen der Gemeinschaft jene Akzidenzien, die für die Seele als Substanz wesentlich sind.

Tiefe oder Wortgeklingel? Ich weiß es ehrlich nicht. Irgendwie ist es doch unsinnig die ursprünglichen Begriffe bis in ihr Gegenteil zu verdrehen, dass nun die Substanz wesentlich von ihren Akzidenzien abhänge. Ich bin zu weit von der philosophischen Materie, um das zu beurteilen.. Wenn aber an dem Hauckeschen Interpretationsversuch was dran ist, dann könnte doch jemand hingehen und das mal bitte mit Whitehead vergleichen, denn da ist es schon keine Transformation mehr des Substanzbegriffes, sondern eine explizite Ablehnung.

Übersetzt aus: Behave (Robert Sapolsky)

Die klarste menschliche Beherrschung des Symbolischen kommt mit unserem Gebrauch der Sprache. Angenommen du wirst von etwas bedroht und schreist dir die Seele aus dem Leib. Ein Zuhörer kann nicht sagen, ob das furchteinflößende „Aiii!“ die Antwort ist auf einen sich nähernden Komet, Selbstmordattentäter oder einen Komodowaran. Es bedeutet nur, dass etwas überhaupt nicht in Ordnung ist; die Nachricht ist die Bedeutung. Tierkommonukation ist hauptsächlich so unmittelbar emotional.
Symbolische Sprache brachte große evolutionäre Vorteile. Dies sieht man schon an dem Beginn des Symbolischen bei anderen Spezies. Wenn Meerkatzen-Affen, zum Beispiel, einen Räuber entdecken, schreien sie nicht allgemein. Sie verwenden verschiedene Vokalisierungen, unterschiedliche „Protowörter“, von denen eines bedeutet „Raubtier auf dem Boden, klettere auf Baum!“ und ein anderes „Raubtier in der Luft, runter vom Baum!“ Die kognitive Fähigkeit zu dieser Unterscheidung ist äußerst nützlich, als sie anweist vor etwas wegzulaufen, anstatt auf etwas zuzulaufen, das dich fressen will.
Sprache trennt Nachricht und Bedeutung, und als unsere Vorfahren sich in dieser Unterscheidung verbesserten, häuften sich die Vorteile. Wir konnten vergangene und zukünftige Gefühle repräsentieren, wie auch Nachrichten fern aller Gefühle. Wir entwickelten große Könnerschaft in der Trennung von Nachricht und Realität, die, wie wir gesehen haben, vom frontalen Kortex verlangt die Nuancen von Gesicht, Körper und Stimme zu regulieren, wenn wir lügen. Diese Fähigkeit schafft Komplexitäten mit denen sich niemand – vom Schleimpilz bis zum Schimpansen – in seinem Gefangenendilemma-Leben abgeben muss.
Die Höhe der symbolischen Wesenszüge der Sprache zeigt sich in der Metapher. Und das sind nicht nur blumige Metaphern, wenn wir erklären, das Leben sei ein Wunschkonzert.

Vielleicht setze ich die Übersetzung noch fort. Doch zunächst einmal mein Senf dazu:
Wie Sapolsky bin ich der Meinung, dass die verwickelteren Verhaltensweisen, die wir uns mit symbolischen Repräsentierungen erschließen von evolutionärem Vorteil sind. Je länger ich nur darüber nachdenke, desto mehr scheint mir das eingebettet in einen noch breiteren evolutionären Kontext. Vielleicht kann ich es mit einer etwas ungenauen Erinnerung an einem Thema bei Plessner erläutern. Der vergleicht irgendwo die Organisationsform von Pflanzen und Tieren, dass erstere viel dezentraler organisiert seien. Die genaue Gegenüberstellung müsste ich nachschlagen, aber es ist offenbar, dass Tiere mit einem zentralen Nervensystem über eine „Schaltzentrale“ verfügen, die Körperfunktionen und Verhalten steuern kann.
Der zentrale Punkt, um den es mir dabei geht, ist aber nicht so sehr die Organisationsweise, sondern der Zugewinn an Autonomie. Der augenscheinlichste Vorteil eines Tieres ist doch, dass es vor einem Fressfeind einfach flüchten kann oder umgekehrt, leicht verschiedene Futterstellen aufsuchen kann, während einer Pflanze fast nur Dornen und Gifte zur Verteidigung bleiben. Dies setzt beim Tier natürlich einen ganz anderen Stoffwechsel, einen anderen Bewegungsapparat voraus, der ausgebildet werden musste, um diese größere Ortsungebundenheit zu ermöglichen. Dies sehe ich als die große evolutionäre Konstante: nicht dass die Lebewesen komplexer werden oder ähnliches, nein, sie werden unabhängiger und freier, erschließen sich neue Handlungs- und Verhaltensweisen.
Und es mag jetzt etwas überdehnt klingen, aber genau in diesem Kontext sehe ich auch die Etablierung geistiger Inhalte, die Erfindung eines komplett vom Physischen getrennten Prinzips. Seele oder wie auch immer wir es nennen mögen. Denn das ist letztlich doch die Idee totaler Autonomie. Dass das Feuern von ein paar Neuronen dazu führen könnte, dass einer den Abzug einer Waffe betätigt oder auch nicht. Die modernen Diskussionen um das Leib-Seele-Problem oder den freien Willen haben nur die religiöse Formulierung dieses Autonomiestrebens beerbt.

In einem gewissen Sinne gehört vielleicht sogar „Software“ hierher:
1) Weil die Soft-Hardware-Metapher uns die genau die „Autonomisierung“ oder Ablösung von Information vom physischen Substrat versinnbildlichen soll: Hat man einmal einen Algorithmus, ein geistiges Prinzip formuliert, so kann man ihn auf verschiedensten Architekturen implementieren und rechnen lassen.
2) Weil Software selbst starkem evolutionärem Druck unterliegt. Die Sprachen, den Computer zu instruieren, die Betriebssysteme ihn zu bedienen, die Benutzerschnittstellen; alles unterliegt ständigem Wandel – auch hin zu mehr Spielraum und Freiheit?

Und abschließend – diese Analogie könnte im Sinne Sapolskys sein – bei Software versuchen wir meist über Abstraktion und Black-Box-Kapselungen sauber getrennte Schichten mit unserer Software zu errichten, so dass ein Programmierer im Idealfall, die Details der darunterliegenden Soft- und Betriebssystemebenen oder gar der Hardware nicht mehr zu kennen braucht, aber in der Realität wird dies so gut wie nie erreicht: die Abstraktionen erweisen sich meist als löchrig und etwas scheint durch. – So wie beim menschlichen Verhalten auch nicht ganz von der Endokrinologie des Hirns abgesehen werden kann.

Wissenschaft

Wissenschaft – eine Ansammlung nütztlicher Metaphern.