Lafcadios Loch

Rants from below

Wort

Das Problem mit der Sprache ist doch die subtile Gewalt über die Dinge, die mit dem bloßen Aussprechen der Worte unbemerkt einhergeht. Wenn wir das Wort an ein Ding heften, um es zu bezeichnen, dann ist das nicht nur ein Etikett für einen ganzen Katalog von Dingen, sondern dann impliziert das Wort auch schon, dass dieses Ding gewisse Eigenschaften und Verhaltensweisen teilt, mit all den anderen Objekten der gleichen Bezeichnung. So als habe die Sprache die Macht, das Ding in seinem Sein zu beschränken – ja, Sprache suggeriert gar, sie könne den Wesenskern der Dinge selbst aussprechen oder das Objekt selbst im Moment der Bezeichnung aus dem ganzen Seinsgewimmel herausheben, dass es überhaupt erst sichtbar wird.

Die Wortreligionen hatten dies schon vor Wittgenstein schon so verschärft. In einem Kinderlied heißt’s so:

Gott der Herr rief sie mit Namen
Dass sie all ins Leben kamen

Das wird auf ersten Blick so widersinnig erscheinen, wie es ist. Als ob ein Ding erst bezeichnet werden müsste, damit es existiert. So wie der Ort eines quantenmechanisches Objekt vor seiner Messung noch keinen bestimmten Wert hätte, so hätte die Ursuppe vor dem „Wort“ Gottes noch keinerlei Kontur. Erst das Logos formte die Welt aus dem Chaos.

Oder andersherum, erst indem wir sprechend und denkend, die logische Einheit der Welt nachvollziehen, entfaltet sie sich (in uns). Sprache gebiert Welt, oder so.

Und dem misstraue ich. Dass die Sprache da eine ganze Welt aus dem Hut zaubert, zur Not beliebige, disjunkte Welten, das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, das ist doch Illusion,… Maya. Unterwegs zur Sprache hieße dann immer auch: Unterwegs zur Welttäuschung, zum „täuschende[n] Gefühl der Aufteilung in Innen und Außen, Subjekt und Objekt.“

Wort?

– Das Heidegger-Pulver schon verschossen?
– Hoffentlich. Das Internet abzusetzen und dann Heidegger zu lesen war auch nicht der beste Trip.
– Jetzt setzt wieder die Ernüchterung ein?
– Vielleicht ist mir das platonisch-analytische Misstrauen gegen die Sprache doch näher. Dieser Zweifel, dass hinter den Fingerzeigen, dem bedeutungsvollen Geraune, sich doch letztlich nichts entbirgt.
– Könntest du das präzisieren?
– Vielleicht mit der Flussmetapher andeuten. Wenn Sprache oder Evolution fortläuft, sich einen Weg bahnt wie das herabfließende Wasser, dann kann man sich ans Flussbett stellen und tiefschürfende Überlegungen anstellen, warum der Fluss jetzt genau an dieser Stelle nach links einbog und so weiter. Aber wahrscheinlich war es einfach Zufall, hätte er genauso gut die entgegengesetzte Richtung einschlagen können.
– Wäre Sprache also nicht viel mehr als ein zufällig, auskristallieserendes Gebilde, dessen hochkomplexen Verästelungen per se einfach nichts bedeuten?
– Exakt. Das ist die Lehre, die ich gerade aus der frustrierenden Realität der formalen Sprachen ziehen muss. Egal mit wie viel Plan, Ordnung, und gutem Willen der Mensch, sich an die Schöpfung seines Systems wagt: Findet es wirklich Gebrauch und Verbreitung so wird es genügend gehirnwindungenverdrehende Details, Eigenarten entwickeln, die nur der echte Guru sich merkt, und die von Ferne, vielleicht den Anschein von schwindelerregender Tiefe erwecken.
– Du denkst jetzt vielleicht auch an so etwas wie den Linux-Kernel?
– In dessen Fänge man sich besser nicht begebe, wenn man sein Hirn nicht mit sinnlosen Details überfrachten will.
– Naja, es gibt ja doch hoffentlich eine strukturierende Ordnung, die sich erlernen ließe.
– So hofft man. Immer wieder. Strebend sich bemühend. Aber Erlösung nirgends. Auch in der Hochkultur nur uneinlösbare Schecks.
– Also mal lieber was Linkin Park in die Playlist und Wut und Hass ein bisschen aufdrehen.
– Aber wozu. Wenn man lauter schreit oder schreibt. Schriller. Wird’s doch auch nicht wahrer.
– Also: Was tun?
– Lass mal Putin fragen, der erweckt zumindest meistens den Eindruck er hätt‘ nen Plan.
– А что бы сделал Владимир Владимирович?

Sprache spricht

Eigentliche Dichtung ist niemals nur eine höhere Weise (Melos) der Alltagssprache. Vielmehr ist umgekehrt das alltägliche Reden ein vergessenes und darum vernutztes Gedicht, aus dem kaum noch ein Rufen erklingt. Heidegger „Sprache“

– Wie Heidegger schon wieder im nüchternen Zustand gelesen?
– Ja, und das Bier hier ist auch noch alkoholfrei. Grässlich. Ich weiß ja auch nicht. Dieser manchmal priesterliche Gestus, diese verknorkste Sprache mit all ihren zusätzlichen Bindestrichen. Als wollte er etymologisch der Sprache selbst noch was ablauschen.
– Und verirrt sich dann im Dickicht. Das ist doch alles schon arg abtörnend. Und dann sagt er dabei so wenig. So viele Wiederholungen, schon fast wie eine Predigt – nur noch weniger klar.
– Mag schon sein, aber dann kommen immer wieder so Dinge durch, wo ich denke, dass er den Nagel auf den Kopf trifft. Oder wo doch tatsächlich bei allem professörlichen Rumscharwänzeln mal etwas wie Humor oder gar Bescheidenheit hindurchscheint.
– Nun die vielleicht nicht, aber doch etwas von Gelassenheit. Weiß nicht, ob ich sie schon religiös nennen soll, aber so etwas von dieser Weltabgewandheit: Ach, all das profane Weltgewusel, lasse reden, wir schauen uns das mal in Ruhe von den Rängen an.
– Was er da sagt oder sagen lässt, über die Vergötzung der Vernunft und wie scheinbar der technische Fortschritt die Erfolge der Rationalität und die unantastbare Herrschaft der europäischen Vernunft stündlich vor Augen führe…
– Das rührt etwas an. Könnte man fast noch mit Adorno kurzschließen.
– Aber würde der noch mitgehen, was die Kritik angeht: die Europäisierung der Menschen und der Erde würde alles Wesenhafte in seinen Quellen anzehren?
– Nja, wenn man die Seite des Atlantik wechselt, zum „neuen“ Europa, das nun weiter seine Fackel der Freiheit brandschatzend in die Welt trägt, passt’s schon, oder? Ich mein, die Geschichtslosigkeit, die vergessenen oder fehlenden, kulturellen Wurzeln, das war doch ein Lieblingskritikpunkt von Teddy.
– Wir driften ab.
– Ja. Sprache spricht. Darum sollte es doch gehen.
– Und dazu hatte ich doch eigentlich auch schon ein paar…
– ..geistige Vornotizen abgelegt.
– Zu viele vielleicht. Also ran. Was diesen Vortrag umtreibt ist ja vielleicht so etwas wie eine Hermeneutik der Sprache selbst. Dass der Mensch, sich der Sprache, ihren Worten und Bildern selbst überlasse. Sie nicht in seinem Sinne zum Ausdruck oder zur bloßen Vermittlung von Tatsachen gebrauche.
– So ungefähr. Aber da sind wir gleich bei etwas: Ich sehe ja gerade aktiv, wie bei meinem Dreijährigen das Sprachvermögen sich entwickelt. Und da ist ja so viel, einfach.. stochastisches Rauschen.
– Wie wenn man ein neuronales Netzwerk mit Daten beschießt, trainiert.
– Genau… Und was maßen wir Menschen uns dann an, dass unser sprachliches Geblubber etwas ganz anderes sei.
– Eines aus der Tiefe der menschlichen Erfahrung und urbildlichen Prägungen, oder so.
– Vielleicht, ist’s deswegen schon fast eine Stärke, dass die US-Amerikaner all diesen Schmonzes nicht mit sich rumtragen.
– Heidegger der Philosoph mit dem Blubb.
– Sicher dass dein Bier da eben alkoholfrei war?
– Fokus! Das scheint ja fast eine der Grundfragen: Steckt in der Sprache, all ihren auskristallisierten Bildern, Wendungen, Begriffen etwas an.. Weisheit. Sagt sie damit wirklich selbst was.
– Oder sind das nur verfestigte, geronnene Zufälligkeiten, die einfach wieder verrinnen, wie die Gegenstände, die sie einmal bezeichneten?

– Fortsetzung folgt vielleicht.

Schieß doch, Sloterdijk.

Die Kultur ist mir fremd geworden. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass ich nie zu den Etablierten zählen werde, aber dieser Vortrag von franzobel in Klagenfurt weckt Fluchtinstinkte, Aggressionen. Wenn das Abendland zugrunde geht dann an solchem feingeistigen Mindersinn. Braucht man denn wirklich nur ein bisschen böse EBooks und Avatare ins Feld zu führen, dass der Kulturbürger kopfnickend sanft entschlummert? Den Text noch anreichern mit zahllosen kulturellen Referenzen, ein bisschen abschmecken mit Pessimismus und Zynismus und fertig ist der übliche kulturkritikasternde Brei, der Verfasser und Rezipienten in einem Überlegenheitsgefühl glücklich vereint.

Ach, diese ganzen Phrasen zum kritischen Denken, der Unabhängigkeit und Widerständigkeit der Literatur, glaubt er noch selbst dran oder warum wiederholt er sie so oft? Literatur ist Teil des Marktes. Und franzobel mag sich in einer kleinen exklusiven Nische sehen, die ihm gewisse Feiheiten erlaubt, aber seine Äußerungen klingen doch auch wie ein Produkt, heischen nach Zustimmung und Beifall eines gewissen durchkulturalisierten Klientel. Burn it with fire!

Was soll ich mit diesen Leuten? Während der Oberstufe, wenn mich die Schwermut einer Unterrichtsstunde wieder packte, hatte ich oft die Vorstellung, dass ich mich nun schreiend aus dem Fenster stürzen müsste, nur um dem tristen, entgeistigenden Trott etwas Aufruhr zu verpassen. Ähnlich geht es mir oft bei solchen Vorträgen oder im Kabarett. Ich denke dann: jetzt, jetzt müsste doch jemand aufspringen und schreiend herausrennen. Und nichts passiert. Das müsste doch auch eigentlich das frustrierende daran sein, solch „aufrührerische“ Texte zu verfassen; die Folgenlosigkeit mit der sie auch am aufgeklärtesten Publikum vorbei rauschen – wie jede wohlfeile Sonntagspredigt.

Und dann wieder diese tausendmal aufgewärmte „Kapitalismuskritik“. Wenn ich das Wort „Neoliberalismus“ nur höre entsichere ich meine Browning. Eine Definition will oder kann keiner dieser Kritiker mehr erbringen. Es ist etwas in der Gemengelage der bösen großkapitalistischen Konzerne, Lobbyisten und so. Das Publikum hat diesen Blödsinn der korrupten und grunzdummen Politiker und Eliten schon so viele Jahrzehnte ins Hirn gekippt bekommen,.. dass sie glatt jemanden wie Trump wählen. Das meine ich durchaus ernst; wenn man seine Bürger zu Politikverdrossenheit und -verachtung erzieht, soll man sich nicht wundern, wenn sie Populisten wählen, die ins gleiche Horn blasen.

Ist es nur lächerlich oder traurig wenn die gedankliche Gefährlichkeit des eigenen Vortrages mit dem Hinweis erbracht wird, dass man dafür in der Türkei verhaftet werden könne? Für diese Intellektuellen wäre es wohl eine Art Ritterschlag von Erdogan oder Putin eingesperrt zu werden. Aber die dürften sich wenig dafür interessieren all diese harmlosen Hipsterbärtchen zu kraulen.

Es gelingt mir nur ungenügend, mein Unbehagen über diese Rede zum Audruck zu bringen. Vielleicht liege ich ja auch völlig schief und will hier nur etwas loswerden was mir schon so lange quer liegt. Seit ich Ionescos Gegengifte in die Hand nahm. Grässliches Machwerk. Das moralische Überlegenheitsgefühl trieft nur so von jeder Seite und dabei werden nur die üblichen Phrasen gedroschen gegen die Politiker und die dumme, verlogene Gesellschaft. Bar jeder Reflexion. Das kritische, unabhängige Denken, wird einfach nur für sich reklamiert. Wer so viel davon palavert, der brauchts dann gar nicht mehr zu tun. Diese Art der Kritik an den Mächtigen ist so erstarrt, zur Formel geworden, dass ihr Inhalt abhanden gekommen ist. Man könnte an dieser Stelle auch Blindtext einsetzen. Wie für die meisten dieser Reden als Ganzes: sie pinseln doch nur den kultivierten Bauch, der sich dann ein wenig verwegen vorkommen kann, als er doch geistig die türkische Gefängnistüre gestreift hat.. und natürlich auch weit erhaben über den Pöbel, der sich nicht in solch abgeschiedene Nischen wagt, um bedruckte Papierseiten zu verkonsumieren (kein e-ink!).

Naja, vielleicht lieg ich ja auch völlig falsch. Schauts euch selbst mal an.

Es gibt kaum etwas Abtörnenderes als Menschen, die auf ihr Smartphone starren. So könnte die Menschheit ihren Fortbestand den Katzenvideos opfern.

04. April

Von so rhetorischen Dampfhämmerern bin ich auch gern beeindruckt. (Und beneide jene ein wenig die beim Verfertigen des Gedankens beim Reden immer ordentlich was raushauen können.) Aber manchmal.. sollte man sich doch im Nachhinein fragen, ob das, was dann im Moment so evident schien, wirklich standhält, ob über den Aplomb oder die vielleicht auch derbe Sprache hinaus überhaupt Substanz in der Äußerung enthalten ist.

muetzenfalterin

Auswendig gelernte Psycho-Scheiße, sagt S. zu den Sätzen, die mir das Gefühl gegeben haben, endlich ein Stück weiter gekommen zu sein mit meiner Entwicklung. Und sie hat Recht.

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