Lafcadios Loch

Wo Zweifel vor dem Zagen zaudern

Dies, meine Damen und Herren, ist die Datenlage.

by phorkyas

Endlich, Endlich hatten wir dieses dumme Virus im Haus! –

Wovor ich zwei Jahre lang Alpträume hatte, dass mein Sohn es bekäme. Ja, für Kinder ungefährlich, aber wer will die Statistik herausfordern, wenn das eigene Kind Asthma und Immunschwäche hat? Was nützt es dir, wenn in Deutschland nur drei Kinder draufgehen, aber deines eines davon ist? Auch mein Unterbewusstsein war empfänglich für die kollektive Panik, die tägliche Beschallung und ich weiß nicht, in wie vielen Träumen ich schon an seinem Grab gestanden hab‘. – Vielleicht war es auch ein traumatisches Erlebnis: als das Asthma noch nicht so gut eingestellt war, da lagen wir im Bett neben ihm und hörten seine Lunge pfeifen. Schlaflos. Maßen seine Sauerstoffsättigungswerte und fuhren nachts in die Notaufnahme, wo er nur knapp der Sauerstoffflasche entging. – Insofern war es einfach auch eine große Erleichterung: Jetzt ist es soweit! Jetzt muss sich zeigen, was mit seinen Lungenflügeln passiert.

Und was war? Große Antiklimax. Einfach nichts. Kein Ton. – Die dauerhafte Bronchitis, die er den ganzen Winter durch hat, war vielleicht ein oder zwei Tage etwas stärker: das war’s. Bei den geimpften Eltern nicht einmal ein positiver Antigen-Test. Auch ein PCR-Test: nix. Dies, meine Damen und Herren, ist die Datenlage: Mau. Wir wissen nicht, woher es kam. Wir wissen nicht, ob wir Geimpfte es auch hatten, es vielleicht sogar angeschleppt haben. Wir wissen nicht, wie der schulische PCR-Test vier Tage zuvor noch negativ sein konnte, während drei Antigen-Tests anschlugen deutlich wie Leuchtraketen – nur der im Testzentrum wiederum nicht! – warum der nachfolgende PCR-Test schon einen Ct-Wert in der Nähe der Nachweisgrenze hatte, also schon das abklingende Ende der Krankheit anzeigt?

Man braucht schon eine Brille wie Kierkegaard, bei dem das eine Glas vergrößert, in dem Maße wie das andere verkleinert, damit das alles Sinn ergibt. Oder besser nicht. Wer kann nach zwei Jahren noch unterscheiden zwischen dem Experten, als den wir uns alle fühlen oder dem Covidioten, der wir sind? – Der Mensch ist ein moralisches Tier und die Atmosphäre hoffnungslos aufgeladen – vergiftet. Die Spaltung geht quer durch die Gesellschaft, quer durch unsre Köpfe. –

Und in meinen Kopf brennt sich dieses Bild: wie mein Sohn da nach seinem positiven Test, einsam auf der Schaukel saß. Er von den anderen angesehen wurde als hätte er etwas Böses. Infizierte und Ungeimpfte als Aussätzige. Sollen wir ihnen vielleicht noch Schellen, Glocken und Ratschen geben? – Von den moralischen Instinkten, der unterschwelligen Bewertung bin auch ich nicht frei. Wenn ich von Impfverweigerern höre, die mühsam gerettet auf der Intensivstation noch verkünden, sie seien weiterhin nicht überzeugt, dann packt mich die Wut… aber wozu, worauf? Dies ist nun einmal die Stärke und Schwäche unseres Denkens. Biegsam wie Wasser fügt es sich in jedwede Form, in die wir es werfen.

von ringlundmatz

von ringlundmatz

von ringlundmatz

Ich las das Buch nicht und nicht die Kritik, sondern die Zusammenfassung der Kritiken auf Perlentaucher

by ringlundmatz

John Lee Hooker sagte, ich sei doch nur ein beschissener Imitator, und als ich das hörte, schrie ich auf: „John, du bist doch lange tot, was erzählst du hier für nen Scheiß, Mann?!“
Ich weiß nicht, ob Sie je das Vergnügen hatten, an einen verblichenen Blues-Barden zu geraten, aber so viel kann ich Ihnen verraten: Ein Vergnügen ist das nicht.
Tom wurde bei diesem an den Haaren herbeigezogenen Vorwurf natürlich sofort hellhörig, denn Autoren gönnen sich gegenseitig die Butter auf dem Brot nicht. „Was für eine Art Imitator ist er denn?“, fragte er, mich fixierend wie einen überführten Hühnerdieb.
„Ich bin kein Imitator, sondern ein Original“, verwahrte ich mich bestimmten Tones gegen derlei haltlose Unterstellungen.
„Ein Don-DeLillo-Imitator“, sagte John Lee Hooker und spielte einen seltsamen Akkord auf seiner Gitarre. „Ein dreckiger, beschissener Don-DeLillo-Imitator ist er, bei meiner Seele.“
Zum Glück kam just in diesem Moment Don DeLillo hereinmarschiert, wie immer begleitet von einer Mariachi-Combo.
„Damit das klar ist“, sagte der alte Herr streng, „ich hab mir nicht fünfzig Jahre den Arsch aufgerissen an meiner Schreibmaschine, um jetzt mit so einer Gurke verglichen zu werden! John“, wandte er sich an die Blues-Legende, „hüte deine Zunge und gebrauche dein Gehirn! Und ihr“, das betraf die Mariachi-Begleitung, „arbeitet mal ein bisschen an eurer Taktfestigkeit!“
„Sie hätten den Literaturnobelpreis verdient, Don“ sagte ich, um die Wogen zu glätten. „Längst.“
„Das stimmt“, sagte der Autor von „Weißes Rauschen“, „Americana“ und „Cosmopolis“, der zufällig auch der Autor von „Great Jones Street“, „Unterwelt“ und „Sieben Sekunden“ ist. Man konnte einen Anflug von Überheblichkeit heraushören. „Als ich damals ‚Bluthunde‘ schrieb, war ich überzeugt, ich hätte damit den Sack zugemacht.“
„Aber Dylan hat den Preis bekommen“, stellte John Lee Hooker mit knirschenden Zähnen fest.
Don DeLillo warf die Arme in die Luft: „Immer noch besser, als wenn sie ihn Pynchon gegeben hätten!“
Ich war baff, als ich das hörte. Baff fragte ich: „Warum?“
John Lee Hooker kam jeder Antwort zuvor.
„Freunde“, sagte er, indem er seine Gitarre vorsichtig zur Seite legte, „ich weiß nicht, wie das bei euch Lebenden ist, aber ich Toter muss jetzt mal ganz gewaltig pissen.“
Don DeLillo verfolgte seinen Abgang in Richtung Pissoir.
„Zu schade“, sagte er nachdenklich. „Was hätte dieser Bursche für einen Schriftsteller abgegeben … Oh, da kommt Paul Auster!“ Er fuhr in die Höhe und gab seiner Combo ein Zeichen, ihm zu folgen. „Man sieht sich“, rief er mir zu, bevor er mit den Musikern aus dem Fenster krabbelte, und das machte mich mächtig stolz, obwohl ich kein verschissener Imitator bin.
Mit breitem Grinsen kam Paul Auster hereingetrabt. Unter seinem Arm klemmte ein goldenes Notizbuch.
„Störe ich?“, fragte er mit einem Grinsen, als hätte es ihn enttäuscht, wäre dem nicht so gewesen.

Unser täglich Brot

by phorkyas

„Weißt du? Das Problem ist…“, nahm er Anlauf. Seine Augen glänzten unheilvoll, sei es vom Dosenbier oder der schicksalhaften Verkündigung, die seinen Kopf glühen ließ. „Dass die Sinnlosigkeit meiner Existenz nicht ausreicht, dass neuer Sinn hindurchscheine. Meine Verzweiflung ist nicht prominent genug. Sie ergibt keine berichtenswerte Krankheit zum Tode. Ich existiere nur als Konsument. – Und obwohl das das Schicksal der Masse ist, gelingt es mir nicht einmal, dies in eine Form zu gießen, die dieses Problem plastisch und in voller Allgemeinheit zum Ausdruck bringe.“

„You’ve lost me there… Ist das jetzt wieder, um diese dialektische Verschränkung, dessen was Erfolg hat und öffentlich verhandelt wird, worauf das Bewusstsein den Scheinwerfer richtet, im Verhältnis zu den Universen, die nie ein Lichtstrahl streift – wie uns?“

„Genau! Es ist diese Gleichgültigkeit der Welt. Sie kümmert sich einen feuchten Kehricht darum, wie du oder ich uns fühlen. Ob die Flüchtlinge an der polnischen Grenze überleben. Hauptsache, sie kommen nicht in unser Land.“

„Äh, ist das jetzt nicht was übertrieben?“

„Zu drastisch? Nö, das ist genau, wie wir Menschen sind.“

„Egoistische Sackgesichter? – Aber diese grelle Drastik des Ausdrucks.. ist das nicht ein bisschen blogozentrisch.“

„Und wenn schon. Als wäre der Blogozentriker ästhetisch anrüchig! Weißt du, durch einen der letzten autobiographischen Kommentare, habe ich entdeckt, dass unsere Avatare – Dr. Frost und Phorkyas – so etwas sind wie zwei Seiten einer Medaille.“

„Schieß los.“

„Also Phorkyas, der Quantenphysiker im Kellerloch, ist ein verhindeter Künstler. In seiner Jugend gab es für ihn nur eine poetische Welt, deren Wahrheit ebenso in Versen wie in komplexen Zahlen ausgedrückt wurde. Die Verse verblassten mit der Zeit und nun ist nur noch Bitschieberei übrig.
Bei Dr. Frost hingegen ist es mit umgekehrten Vorzeichen. Er hat als Jugendlicher Maschinencode in die Maschine gehackt, aber ist dann auf die gesellschaftswissenschaftliche Laufbahn geraten. Ist den Pakt mit dem Wort eingegangen.“

„Und beide sind nun gleichermaßen desillusioniert, weil der tägliche Broterwerb, dem inneren Empfinden so entfremdet is?“

„Wie bei 99,9% der Leute. Wir, die wir einfach unseren Job machen.“

„Ja, aber ist das ein Problem? Warum kannst du diese Entfremdung nicht nutzbar machen? Warum findet sie keine Form? – Weil der Alltag, das allzermalmende Monstrum, die Form- und Trostlosigkeit selbst ist?“

„Damit sind wir beinahe wieder beim Ausgangsthema und einer der Fragen, die ich mir mitunter stelle: Optimiert unsere Gesellschaft oder ‚das System‘ wirklich die falschen Dinge und wir nähern uns immer mehr den Maschinen an, die uns im Zuge der Automatisierung ersetzen werden – d.h. ist das eine intrinsische, innere Logik der Aufklärung selbst vielleicht, eine Maschinerie, die dort in Gang gesetzt wurde – oder ist das vielleicht ein nur ein metaphorisches Irrsein, das wir über uns selbst verhängt haben, weil wir dieser dämonischen Faszination der kalten, gefühllosen Maschine verfallen sind, diesem toten Artefakt, das immer komplexer werdend, uns irgendwann selbst fälschen könnte.“

„Puh.. Was war’n das wieder für Fragen? – Nur eins noch, grad im Radio: Dass ein Sportgeschäft in den französischen Hafenstädten am Ärmelkanal keine Kajaks mehr verkauft..“

„Weil sie sonst von Flüchtlingen für die Überquerung benutzt würden, obwohl diese nicht seetauglich sind?“

„Ja. – Siehst du? Unsere Welt ist schon 100% Blogozentrik, da kann man nichts hinzudichten.“

Dein Dankeschön: unser exklusiver Mitmachcartoon

by ringlundmatz

Du willst dich einmal fühlen wie ein Phorkyas-Karikaturist? So einfach geht’s: ausdrucken, Text reinschreiben, sorgfältig zerknüllen und wegschmeißen (Achtung: Papiermüll!).

Der Dichter

by ringlundmatz

Mit dem Bleistift am Küchentisch. Ich bin so in meine Notizen, meine Vorarbeiten zum nächsten großen Roman vertieft, dass ich ganz vergesse, das Kind aus der Krippe abzuholen. Es wird dunkel. Ich merke es nicht, vielleicht auch, weil ich schon die zweite Flasche geöffnet habe kurz nach dem Mittagessen, das aus ein paar mit Käse belegten Broten und einem Apfel bestand. Das Handy war aus, der Akku leer, ich hatte es nicht bemerkt, deshalb haben die Krippenerzieher mich nicht erreicht. Ich sitze am Küchentisch und kritzele und lache ab und an vor mich hin.
Meine Frau kommt herein, sie hatte einen langen Tag, sie ruft: Hallo, wie geht’s euch beiden?, und ich antworte: Welchen beiden?
Ich bin immer noch so versunken in meine Phantasiewelten, dass ich überhaupt nicht begreife, wovon sie redet. Wir beide?
Ich rufe: Gut. Es geht mir gut. Es war ein wahnsinniger Tag, du glaubst nicht, was ich alles —
Als meine Frau anfängt zu kreischen, als sie durch die Wohnung poltert und die Türen aufreißt, als ich schließlich ihre aufgerissenen Augen sehe, diese schönen Augen, jetzt entstellt durch Panik und Fassungslosigkeit, da dämmert mir langsam, was passiert ist. Es ist ja nicht mir passiert, ich bin ein großer Schriftsteller, in der Tradition eines Homer, eines Cervantes, eines Tolstoi. Aber diesem kleinen, bedeutungslosen Väterchen, das ich auch noch bin nebenbei, im Nebengewerbe, sozusagen, dem ist ein Fehler unterlaufen. Und kein kleiner, wie ich dem Gebaren meiner Gattin entnehme.
Meine Frau rennt los, sie ruft etwas von Polizei. Ich raffe erst einmal meine Papiere zusammen. Was auch immer da jetzt geschehen ist, ich muss die Ruhe bewahren. Denn was jetzt echt keiner gebrauchen kann, ist: dass noch eine Seite verloren geht.
Wir Menschen sind aus Knochen, aber unsere Werke sind aus Geist.

Laterne, Laterne

by ringlundmatz

„Was machst du in meiner Küche?“
„Ich warte auf dich.“
„Im Dunkeln?“
„Setz dich“, sagte er.
Er schob mir einen Stuhl zu mit seinem dreckigen, großen Soldatenstiefel. Er beugte sich vor und drückte seine Zigarette in Finns Müslischale aus.
„Dein Sohn ist im Kindergarten?“
„Kinderladen.“
Er nickte. Ich fragte mich, warum er Uniform trug. Seit wir aus Afghanistan zurück waren, hatte ich meine im Schrank hängen lassen. Und ich war froh darum. Allerdings hatte ich sie auch nicht weggeworfen. Vielleicht beunruhigte mich deshalb der Anblick meines alten Kameraden in Tarnfarben.
„Was kann ich für dich tun, Frank?“ Ich ging zum Kühlschrank und holte uns zwei Beck’s heraus. „Willst du ein Bier?“
Er öffnete seinen Kronkorken mit den Zähnen. Ganz der Alte. „Alle sind so furchtbar nett hier, oder?“
Ich nahm Platz. „Okay, und?“
„So nett sind die Menschen nicht. Meiner Erfahrung nach.“
„Du hast deine Erfahrungen in Kriegsgebieten gesammelt.“
„Meiner Erfahrung nach gibt es auf diesem Planeten ausschließlich Kriegsgebiete.“
„Du übertreibst. Ein paar normale Krisenregionen sind schon auch dabei.“
„Jedenfalls nicht in Kindertagesstätten.“
„Deiner Erfahrung nach.“
Frank musste grinsen.
„Aber was kann ich jetzt für dich tun?“, fragte ich.
Er stellte sein Bier so hart auf dem Küchentisch ab, dass es oben herausschäumte.
„Ich vermisse den Krieg“, sagte er. „Ich kann dieses nette Lächeln überall nicht mehr ertragen.“ Er sprang auf. „Wo ich auch hingehe, wohin ich mich auch wende — alle lächeln. Alle lächeln und sagen: ‚Was darf’s sein, noch etwas mehr, schönen Tag noch.‘ Was ist denn hier nur los, verdammte Scheiße, sag mal?“, brauste er auf.
„Die Menschen leben ihr Leben“, sagte ich. „Friedlich und freundlich.“
„Und warum sind die dann alle so verdammt unglücklich?“
Ich runzelte die Stirn. „Was meinst du?“
„Die Münder lächeln, ja. Aber die Augen? Die Augen zeigen mir nackte Angst. Eine Angst, die ich in Afghanistan nie gesehen habe. Nicht diese Art von Angst. Diese Art von Angst macht mich nervös. Weißt du, warum? Weil sie mir zeigt, dass unser Kampf umsonst war. Eine beschissene Lüge!“
„Das Leben ist für niemanden einfach“, sagte ich.
„Warum?“ Frank grinste giftig. „Weil man immer nicht weiß, ob man den BMW nehmen soll oder den Audi?“
„Ich glaube, du versuchst die Dinge etwas zu …“
„Oder welche Art von Müsli die beste für deinen Sohn ist? Sind es solche Gedanken, die dich nachts wach halten, Rob?“
Ich erhob mich. „Falls du darauf hinaus willst, Frank — wir sind keine Soldaten mehr. Das ist für uns vorbei. Warum hast du deine Uniform angezogen?“
Er sah an mir vorbei aus dem Fenster. „Weil ich zurückgehe. Ich gehe zurück in den Krieg. Afghanistan. Dort werde ich wenigstens gebraucht.“ Jetzt sah er mich an. „Kommst du mit?“
„Ich fürchte, ich werde hier gebraucht.“
Ich nahm die Müslischüssel und trug sie hinüber in die Spüle.
Frank nickte. „Das hier ist jetzt dein Schlachtfeld, ja?“
„Mein Schlachtfeld?“ Ich lachte. „Nein, das ist kein Schlachtfeld!“
Frank schüttelte den Kopf. „Oh, mein Freund, da irrst du dich. Da irrst du dich gewaltig.“
„Inwiefern?“
„Einmal Soldat“, sagte Frank, „immer Soldat.“

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Habent, meine Damen, Herren und Bücher

by ringlundmatz

Wenn Sie da rausgehen, müssen Sie damit rechnen, dass Sie zur Beute werden. Das ist der Deal. Sie geben denen Ihre Seele, und dafür bekommen Sie ein hübsches Häuschen am Bodensee. Oder eine Villa am Lago Maggiore, wenn Sie’s geschickt anstellen. Die meisten Autoren bekommen freilich nur Ärger mit ihrem Vermieter.
Diese Frau behauptet, sie bekäme ein Kind von mir, sagte ich. Sehr viel lauter sagte ich noch: Dabei habe ich sie noch nie gesehen! Geschweige denn angefasst.
Mir wurde übel, und ich nahm noch einen Schluck von meiner Johannisbeerschorle.
Wie gesagt. Er breitete die Arme aus, als wollte er mir die Welt zum Geschenk machen. Er war ein erfolgreicher Schriftsteller, einer von denen, die bei Amazon vier **** aus 121 Wortmeldungen haben. Die FAZ registrierte ihn.
Wir alle schreiben nur leere weiße Seiten, sagte er freundlich. Und auf das Weiß unserer Texte projizieren die Leute ihr Leben. Den Leuten ist es völlig egal, was Sie schreiben. Glauben Sie’s mir. Sie denken, Sie könnten die Leser manipulieren? Er schüttelte den Kopf. Vergessen Sie’s. Das meinten die alten Römer, als sie sagten: Habent sua fata libelli. Ihre Bücher sind Babys, die Ihnen die Eier abbeißen!
Ich fühlte mich, als hätte mir einer die Faust in den Magen gerammt. Ich senkte den Kopf. Er publizierte im Verbrecher Verlag. Er musste es wissen.
Verdammte Scheiße, murmelte ich.
Er sagte: Wissen Sie, was mir mal passiert ist?
Wird es mich trösten, das zu hören?
Warten Sie’s ab. Ich wollte eines Morgens zur Arbeit fahren. Ich war damals Berater für Informationstechnologie. Sie wissen schon. Damit kann man sehr gutes Geld verdienen, und wir hatten gerade unser zweites Kind bekommen. Jedenfalls, ich gehe also raus auf die Straße, und wie ich mich meinem Auto nähere, sehe ich: Da sitzt jemand drin!
In Ihrem Auto?
In meinem Auto. Ich bekam den Schreck meines Lebens. Keine Ahnung, was mir alles durch den Kopf ging. Ich bin ja in der DDR groß geworden. Zuerst dachte ich sogar, das wäre der Verfassungsschutz. Weil ich in meinem letzten Roman ein paar unfreundliche Bemerkungen über die BRD vom Stapel gelassen hatte.
Und wer war’s? Doch nicht der Verfassungsschutz?
Ein Fan. Ein Fan mit Pudelmütze. Sehr nett. Aber völlig durchgeknallt. Er erklärte mir, er habe auf mich gewartet. Er wolle mich sprechen. Nur ein paar Minuten. Das reiche ihm völlig. Er war ganz friedfertig und freundlich.
Hatten Sie keine Angst?
Doch, ich hatte Todesangst. Ich dachte, der zieht gleich einen Revolver aus seiner Windjacke und knallt mich ab. Oder noch schlimmer, ein Messer. Zwei Kinder, dachte ich. Wer wird die morgen ernähren? Zum Glück habe ich nichts gesagt, denn der Kerl war echt harmlos.
Wie ist es ausgegangen?
Nachdem wir ein bisschen geplaudert hatten, ist er ausgestiegen und weggegangen. Wissen Sie, was das Verrückteste ist?
Was?
Er hat mir ein Buch geschenkt.
Das er geschrieben hat?
Nein, eines von mir.
Er hat Ihnen eines Ihrer Bücher geschenkt?
Eine absurde Geste, oder?
Haben Sie nicht die Polizei gerufen?
Was hätte die machen können?
Na, den Typen verhaften!
Er hat ja nichts getan.
Nichts? Er ist in Ihr Auto eingestiegen. Eingebrochen.
Ja, und? Er hat nichts gestohlen, nichts beschädigt.
Wie ist er reingekommen?
Keine Ahnung. Vielleicht habe ich vergessen, das Auto abzuschließen, als ich ausgestiegen bin? Vielleicht hat er mit einem Draht gearbeitet?
Das hat Sie nicht interessiert?
Nicht besonders, nein.