Lafcadios Loch

Wo Zweifel vor dem Zagen zaudern

Kategorie: Splitter

Keine Rettung. Nirgends.

by phorkyas

Nur die Kunst könnte uns retten. Nur als Künstler könnten wir uns frei ausdrücken. Mensch sein. Nicht als Homo faber. Das ist eigentlich eine Trivialität. Glasklar. Als kleines Rädchen im Maschinenpark, kleiner Softwareklöppler, bewegt man sich doch nicht als sich selbst. Diese fremdbestimmten Tätigkeiten verleihen doch keine Identität, so sehr ich mir auch einzureden versuche, ich müsse nur noch ein bisschen härter mir die Bits und Bytes, all die Computertheorie auf die Hirnplatine brutzeln bis ich auf dem Urgrund unseres Zeitalters ankäme, bis ich sie spräche die Maschinensprache – und sei es nur um sie zu überwinden. Dabei – ist es doch verlorene Mühe, durchstiebt keines meiner miesen Codefragmente einen Funken, einen Hauch nur von Inspiration, erfüllt mich schon der Gedanke, dass ich persönlich mit diesem abnormen Produkt meines Geistes identifiziert werden sollte mit Abscheu. Warum?

Weil es der Alltag ist? Es ist nun einmal das prosaische, widerliche Einerlei mit dem man sich täglich auseinanderzusetzen hat. Und welches als Widerpart zu dienen hat für die kühne, es übersteigende Poesie. Die Poesie, deren befreienden Flügelschlag ich schon so lange nicht mehr spüre, dort unten mit dem Gesicht im Schlamm.

Berufung

by phorkyas

Es ist schon mehrere Jahre her, da bin ich zufällig in so einen Künstlervortrag geraten. Gregor Schneider. Ich kannte ihn nicht einmal. Die Art und Weise, wie er stundenlang sein Werk vorführte, hat sich mir aber tief eingeprägt. Er beschrieb nur, zeigte Bilder. Und bei vielen Dingen, die er da gemacht hat, z.B. in eine Galerie Räume innen einzubauen, die den vorigen glichen (natürlich etwas kleiner) – und nur eine Modifikation vorzunehmen: eine Decke, deren Höhe sich über einen kleinen Motor aber so langsam verändere, dass es nicht zu bemerken sei. Die Frage, wozu man denn so etwas mache, die Rechtfertigung der Kunst, sie schwebte dabei schon metergroß im Raum, wurde auch gestellt, aber das war für mich das Bemerkenswerte: Durch seine Beschreibungen war sie völlig entkräftet: Dieser Mann brauchte keine Rechtfertigung, er tat einfach was er tun musste. Dass er dabei immer wieder in Kontroversen oder „Skandale“ geriet, war nicht seiner Provokationslust geschuldet, sondern Resultat einer skandaltriggernden Öffentlichkeit, die in Reduktion auf Eineindeutigkeiten, weder auf das Kunstwerk noch auf den Künstler hören will. Aber worum es mir geht: dieses Gezwungensein, einer Eingebung zu folgen, weil man gar nicht anders kann, ich glaube, dass zeichnet einen Künstler aus. Und das ist auch der Grund, warum ich keiner bin. Manchmal ja, da war schon einmal das Verlangen da, etwas zu sagen, da war etwas, das raus musste, aber jetzt lässt mich die Wirklichkeit meist einfach sprachlos, muss ich erst ergründen, was da überhaupt ist. Es wäre ein leichtes, dies darauf zu schieben, dass jetzt im Netz, in den sozialen Netzwerken so ein ein Übermaß an Text, an Meinungen, Nachrichten, Quasselei sei, dass es schon lähmt, dass ich meine textlose Höhle brauche, um von dort überhaupt noch einmal einen Satz entlassen zu können – aber die Wahrheit ist: ich weiß es einfach nicht. Ich würde gerne das Digitale ergründen, ohne vorherige Denunziation oder dystopische Mystifikation wie in der FAZ, aber wie wenn ich schon mittendrin, verheddert, kompromittiert bin und mir das Wasser schon bis zur Kinnspizte steht?

Illusion

by phorkyas

Da mir die Kolumnen von Max Goldt schon verschiedentlich angepriesen wurden, kaufte ich mir irgendwann einen Sammelband. Und ja, sie sind wirklich sehr gut, so sehr, dass ich mir mehrfach wünschte auch so schreiben zu können, wobei es auch sinnlos wäre, das imitieren zu wollen. – Als ich nur einmal den Sinnzusammenhang, die gedankliche Kohärenz aufeinanderfolgender Sätze anschaute, erschrak ich: über die Lücken, Löcher, die da durch eine lose, assoziative Fügung klafften. Wie konnte das sein, dass ich beim Lesen diese Kolumnen doch als ein Ganzes wahrnahm, in dem sich auch die absurdesten Seiteneinfälle wie logisch und konsequent aufeinanderfolgend ausnahmen?

Die Antwort konnte doch nur sein, dass diese Stringenz, dieser Ganzheitscharakter Einbildung ist, die ich mir beim Lesen machte. Ja, unser ganzes Denken wurde mir unheimlich, weil es wohl doch auch offensichtlich so ist, dass wir all diese Lücken füllen, wenn wir versuchen den Gedanken und Intentionen eines anderen zu folgen. Wieviel an ungerechtfertigten Annahmen, wildem Raten, wir jedes Mal schon veranstalten müssen, um nur zwei einfache Sätze unseres Gegenübers zu rekonstruieren. Und was bedeutet das erst für den totalen Werkcharakter einer Kulturmonstranz wie dem Roman; es muss sich doch um eine Illusion im Quadrat handeln.

Liebe Nachrichtenagenturen,

by phorkyas

gebt Journalisten doch nicht solche Unsinnsmetaphern wie den Verkauf von „Filetstücken“ (im Falle von Karstadt) ein. Das wird dann duch alle Text geistern, wird sich dem Journalisten so monströs aufdrängen, dass er bei einem Interview nur noch denken kann: Filetstück, Filetstück,.. ist es jetzt überhaupt eines, hab‘ ich schon danach gefragt? Und plötzlich wird an diesem Tag der Fleischkonsum ansteigen, weil so viele plötzlich Hunger auf Karstadt bekommen haben.

Literatur

by phorkyas

Wenn im Halbschlaf die Worte und Ideen zu einem Text sich plötzlich in Richtung eines organischen Ganzen ballen und der auszudrückende Punkt endlich greifbar scheint (wovon am nächsten Morgen nichts mehr bleibt), so ist es jener tiefere Sinn, diese leuchtende Ganzheit, die Literatur verheißt und von der der Leser glaubt, sie habe sich in seinem Kopf zugetragen, wenn sie gut ist.

Eine Begegnung der 3. Art

by phorkyas

In der zweiten durchwachten Nacht, in der mir das Wochenbett nicht als Keimzelle für das neue Leben, sondern schon fast als Terrorzelle des Irrsans erscheint, weil die wenigen Stunden Schlaf, das frustrierte Geschrei die Sinne, den Geist völlig vernebeln, und dann dort mittenhinein, wie eine Trance: Stille und er liegt neben mir und schaut mich an mit diesen riesigen, schwarzglänzenden Augen und es ist da, diese Präsenz eines anderen Wesens.

Kondensierung

by phorkyas

Das Problem, das ich habe auch nur einen meiner Sätze, gelten lassen zu können, liegt in einem Formwillen, einem Wunsch zu Objektivierbarkeit des Geschriebenen, die mich schon auf der Hälfte fast umkehren lassen und alles wieder ausstreichen lassen möchte, dergestalt, dass schon eine einfache e-mail mit drei Sätzen mich eine halbe Stunde kosten kann.

Und dann möchte ich es liegen lassen, das noch nicht Weggestrichene, und eindampfen und zusammenballen zu einem gewaltigen Satz oder Gedanken, aber wenn ich sie dann wieder aufschlage, die alten Fragmente, dann bleiben sie doch ungestalt und so vergurkt wie Blogeinträge.

Den Menschen

by phorkyas

verlangt es immer nach einfachen, eindeutigen Zuschreibungen in einem binären Schema (gut – böse). Dieses dient mit seinen Polen zur Aufladung der Begriffe und Beziehungen; gerade auch in Religion und Kultur und in unseren heutigen Residuen davon.

Kunst

by phorkyas

Kunst ist, wenn man nicht anders kann – wenn da etwas gärt und brodelt und heraus muss, mit einem um Ausdruck ringt.

Der Ekel

by phorkyas

Der Ekel des Bewusstseins ist zweifach:

Vor der Welt und den Mitmenschen, wegen ihrer armseligen Konstruktionen, mit denen sie sich ununterborchen ihre Überlegenheit, ihr Bessersein, ihre Korrektheit bestätigen müssen.

Aber noch größer ist der Ekel vor einem selbst, weil einem klar werden muss, dass selbst das scheinbare Durchschauen dieser Mechanismen noch ein ebensolcher ist, indem er uns einen Moment beschert, in welchem wir uns über den Morast erheben wollen, in dem wir doch auch stecken.