Nur weil er nicht buchstäblich Hitler ist

von ringlundmatz

Stellen Sie sich eine Wohnung vor, die durch ein aus einer SZ herausgerissenes Interview, das an den Küchenschrank geklebt wird, eine optische Aufwertung erfährt. Das war mein Domizil in Berlin, anno 2002 bis 2004. Das Interview, das da hing, war Alexander Kluge vs. Willi Winkler. Kluge war mein Rettungsanker, mein Polarstern. Seit ich seine „Chronik der Gefühle“ unter den Arm geklemmt hatte (unter jeden Arm einen Band), war ich verloren. Seine Offenheit fürs Leben, die Weite seines Blicks, seine Unarschlochigkeit, wie Habermas das genannt hat (nein, die Formulierung wich leicht ab … „Der am wenigsten zynische Denker“?). Natürlich, auch gegen Kluge gibt es manches ins Feld zu führen. Immer diese Opern — das war mir suspekt. Das, was er für Komik hielt, weil es an der Seite von Helge Schneider stattfand — okay. Darüber lachen Deutsche mit Doktortitel, so traurig es ist. Aber er war ein brillanter, freier, freundlicher Geist. In Deutschland ist das ja schon was. Und: Er hat mit Heiner Müller Interviewgeschichte geschrieben. Selbst wenn Sie alles andere, was er zu verantworten hat, für artsyfarty, künstlerisch halb gekonnten Kram halten: Diese Interviews hauen ein Loch in das Eis zu unseren Füßen.
Aber auch in diesem SZ-Interview, das in dem Loch, in dem ich wohnte, in diesem Zwei-Raum-Loch, an der Küchenschrankwand hing, war ein Loch. Schon damals rutschte dauernd eines meiner Beine hinein. Und zwar sagte gegen Ende des Gesprächs Alexander Kluge: Wenn er und Jürgen Habermas damals die Möglichkeit gehabt hätten, mit Adolf Hitler zu reden — sie hätten ihm den Zweiten Weltkrieg ausreden können. Davon sei er überzeugt.
Eine Bemerkung, die den Größenwahnsinn unserer 68er herrlich beleuchtet. Wie ein Feuerwerk am Nachthimmel.
Die aber nicht erklärt, warum Kluge und Habermas jetzt nicht nach Moskau reisen, um Putin zur Vernunft zu bringen.