0,05 Minuten einer fremden Zeit

von ringlundmatz

Ich wollte ins Bett gehen, und als ich die Zahnpasta ins Waschbecken spuckte und die Zahnbürste in den Becher stellte, fiel mein Blick auf mein Gesicht im Spiegel, und für ein paar Sekunden dachte ich: „Wer ist der Typ?“ Da war eine Distanz zwischen ihm und mir, die ich nicht überbrücken konnte. Ich dachte nicht: „Das ist ein Einbrecher!“ Ich dachte nicht: „Was haben die Schweine mit meinem Gesicht gemacht?“ Ich dachte nur: „Das bin nicht ich.“ Es war ein komischer Moment der Leere. Ein gruseliger Moment. Ein philosophischer Moment. Es ist ja ganz richtig: Das bin nicht ich, was mich aus dem Spiegel heraus anschaut. Das ist der Teil von mir, der der Welt gehört. Er lebt wirklich in einer anderen Welt. In der Welt hinter dem Spiegel. Von jener Welt habe ich nur sehr dunkle Vorstellungen. Was treibt er dort drüben? Ich kann ihn nicht fragen. Ich kann ihn nicht berühren. Ich kann ihm bloß zusehen. Vielleicht irritierte mich in Wahrheit auch, dass ich das Gefühl hatte, er beobachte mich, wie ich die Zähne putzte. Seine Zähne.