Lafcadios Loch

Wo Zweifel vor dem Zagen zaudern

0,05 Minuten einer fremden Zeit

by ringlundmatz

Ich wollte ins Bett gehen, und als ich die Zahnpasta ins Waschbecken spuckte und die Zahnbürste in den Becher stellte, fiel mein Blick auf mein Gesicht im Spiegel, und für ein paar Sekunden dachte ich: „Wer ist der Typ?“ Da war eine Distanz zwischen ihm und mir, die ich nicht überbrücken konnte. Ich dachte nicht: „Das ist ein Einbrecher!“ Ich dachte nicht: „Was haben die Schweine mit meinem Gesicht gemacht?“ Ich dachte nur: „Das bin nicht ich.“ Es war ein komischer Moment der Leere. Ein gruseliger Moment. Ein philosophischer Moment. Es ist ja ganz richtig: Das bin nicht ich, was mich aus dem Spiegel heraus anschaut. Das ist der Teil von mir, der der Welt gehört. Er lebt wirklich in einer anderen Welt. In der Welt hinter dem Spiegel. Von jener Welt habe ich nur sehr dunkle Vorstellungen. Was treibt er dort drüben? Ich kann ihn nicht fragen. Ich kann ihn nicht berühren. Ich kann ihm bloß zusehen. Vielleicht irritierte mich in Wahrheit auch, dass ich das Gefühl hatte, er beobachte mich, wie ich die Zähne putzte. Seine Zähne.

Im Grand Canyon der Einfallslosigkeit

by ringlundmatz

Ich sollte eigentlich an meiner „Lesereise“ weiterschreiben. Ich habe sie immerhin schon halb verkauft. Auf mich warten also 20, wenn’s richtig gut läuft, 30 Euro. Vielleicht bekomme ich sogar noch mal eine Lesung hin. Ich sollte mich also reinhängen.

Allerdings habe ich schon mal gedacht, ich hätte meinem Verleger ein Buch verkauft, und dann konnte ich es mir in den Allerwertesten stecken. Es war einfach zu verrückt, zu autorman, zu unvorhersehbar. Es fehlte der rote Faden, und das stimmt auch. Es war so ein bisschen im Stil von „Gargantua“ geschrieben, Rabelais. Ich hab Rabelais auch nie lesen können. Ein paar Seiten, dann reißt mir der Geduldsfaden.

Wie auch immer. In der „Lesereise“ bin ich mit meinem Verleger unterwegs. Wir fahren kreuz und quer durch die Republik, wobei ich mich bei der Gestaltung des Reiseverlaufs an meinen biografischen Umzügen orientiert habe. Ich starte in Hannover, dann geht es nach Marburg, von dort nach Erlangen, von dort nach Köln, von dort nach usw. Manchmal ist die Realität zu mühselig für die Fiktion, dann vereinfache ich einfach die Strecke ein bisschen. Beispielsweise habe ich auch Essen und Faßberg ausgelassen. Dabei habe ich in Essen zum ersten Mal mit einem Gewehr geschossen, und in Faßberg habe ich einen Rekord im Zigarettenrauchen aufgestellt. Leider war niemand vom „Guinnessbuch der Rekorde“ vor Ort, darum wurde das nie eine offizielle Bestleistung. Vermutlich sucht der Rekordmesser immer noch nach diesem verdammten Kaff in der Lüneburger Heide.

Das, was ich bislang an Vorabdrucken der „Lesereise“ verschickt habe, ist gut angekommen, was mir jetzt zum Problem wird. Entweder ist da ein Erwartungsdruck, von dem ich nur so halb weiß … auf der anderen Seite muss man als Schreiber halt auch das Warten lernen. Irgendwann kommt die Fliege vorbei. Und dann muss man sie mit einer Wasserpistole erledigen. So habe ich den Job des Werbetexters einmal definiert. Letztlich trifft die Beschreibung aber wohl auf unser gesamtes Leben zu.

Ich habe schon einmal so ein Loch gehabt. Einen Inspirations-Grand-Canyon. Plötzlich war die Reise zu Ende. Die Reise des Helden ebenso wie die des Vorlesers, und von der Reise des Autors wollen wir ganz schweigen. Die Straße endete, und ich gähnte in einen Abgrund.

Trotzdem, ich sollte weiterschreiben. Alle Romanciers sagen, die Disziplin, die sei das Entscheidende, nicht die Inspiration. Weiterschreiben, weiterschreiben, weiterschreiben. Vielen Romanen merkt man das an, finde ich. Der Autor musste durchhalten, und jetzt ist halt mal der Leser an der Reihe!

Ich sollte den Sonnenschein ignorieren und den sanften Wind in den Bäumen. Das Wiegen der Äste und das Zittern der Blätter. Ich sollte mich nicht scheren um die Geräusche eines noch einmal aufatmenden Lebens, die durchs gekippte Fenster zu mir dringen, und um die Autoreifen auf Kies bei der Parkplatzsuche.

Wissen Sie was? Ich hätte Global Account Manager werden sollen. So ein Leben muss ein Traum sein. Man hat sich nichts vorzuwerfen, und alle anderen werden Ihnen auch nichts vorwerfen. So einen globalen Account stelle ich mir vor wie einen Flugzeugträger. Man kann darauf vermutlich sogar Golf spielen.

Ich muss unbedingt mal einen Text über einen Global Account Manager schreiben.