Der Sieg der Mechanik

von phorkyas

Eine alte Diatribe wider den „Plot“ von Alban Nikolai Herbst ist mir noch im Ohr. Die Suche im Dschungel fördert nur Fehltreffer wie diesen zuvor. Darin, so meine Erinnerung, kritisierte er, dass erfolgreiche Schriftwerke, die Leser meist durch einen Plot und zahlreiche Nebelkerzen und Wendungen verführten, während der Plot für wahre Literatur rein äußerlich sei, bloße Mechanik.

Dazu möchte ich ein paar Betrachtungen teilen: Wenn ich meinem Sohn alte Kinderbuchklassiker vorlese, muss ich feststellen, dass einige davon schlecht gealtert sind oder es da plötzlich Reibepunkte gibt. Bei Michael Ende zum Beispiel waren es die zahlreichen Rollenklischees (Mädchen klein, süß, zart und fleißig, darf nicht mit zum Kampf, usw. usf.). Es gibt keine wirklichen Charaktere oder emotionale Zeichnungen, alles ist plot- und settinggetrieben: das Geschehen und die Phantasiewesen halten den Leser bei der Stange. Mich auch noch ein wenig die Sprache.

Jetzt kürzlich lasen wir Harry Potter und wieder ein ähnliches Bild. Die Klischeehaftigkeit des Antagonisten Dudley hat mich schon verärgert. Und dennoch entwickelte sich beim Lesen eine Art Sog, eine Spannung, die meinem Sohn oft sogar zu viel wurde. Vielleicht ist das nämlich der „Plot“: die Dynamik, der mitreißende Strom der Erzählung. Die dann dafür sorgt, dass man die kleinen Ecken und Kanten der Geschichte oder Figuren gar nicht bemerkt, sondern einfach in der Geschichte ist.

Zweifellos kann man das auch übertreiben. Bei den letzten Staffeln von Westworld erging es mir so: Da wurde für mich zu sehr plot twist auf plot twist gehäuft, dass die eigentlich stark entwickelten Charaktere schon verraten wurden. Aber in den meisten Fällen muss doch etwas an dem Werk sein, das einen in den Bann schlägt. Und dass der eigene Geist gefangengenommen wissen will, wie’s weiter geht, dürfte die beste Garantie sein, dass das Ding funktioniert.