Erziehung

von phorkyas

Der freie Wille ist eine Aporie. So wie die Entstehung der Welt. Damit die Entscheidung aus freien Stücken geschehe, tun wir so als hätte sie keine äußeren Einflussfaktoren, als setztesie sich selbst aus dem Nichts heraus. Wenn auch nur die kleinste Beeinflussung, Vorbedingtheit gegeben wäre, wer könnte die Entscheidung noch vollkommen frei nennen? So ähnlich ist es mit dem Anfang der Welt, wo aus Nichts etwas entstehe, und unser Verstand sofortn ach den Ursachen dieses Etwas fragt, obwohl da einfach nichts gewesen sein soll.

Ähnlich ist es mit der Erziehung, wo der äußere Einfluss einen freien Verstand, ein Individuum hervorbringe. Wie soll man das tun, warten bis Münchhausen sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpfe zieht? Ebenso wie das Individuum sich in Absetzung von der Gesellschaft zu definieren sucht, aus der es entwächst. Überall, auf Makro- und Mikroebene, derselbe Widerspruch.

So wie Netflix mir andauernd seine pseudogesellschaftskritischen Dokus und Sendungen auftischen wollte, setzte mir Amazon nun ähnlich-geartete e-books vor die Nase. Das ist eben der Vorteil des kapitalistischen Systems, wo man die Gesinnungspolizei durch befriedenden Konsum ersetzen kann. – Und ich hab dieses „The little voice“ von Joss Sheldon auch noch gelesen.

Sogar mit Gewinn. Weil es Vieles, was so augenfällig ist und was ich verstreut auch schon gedacht oder geschrieben habe, bündelt und verdichtet. Zwar etwas angereichert mit Pop-Psychologie und einer Überdosis Lao-tse, aber dennoch wahr: Dass jede Massengesellschaft, die in ihr befindlichen Individuen konditioniert und auf Linie hält. Und im Westen drehen, das immerwährende Versprechen, dass wer stetig strebend sich bemühe auch den Aufstieg schaffe, der „pursuit of happiness“ wie in dem gleichnamigen Ekelswerk mit Will Smith, der genau die gleichen gebetsmühlenartigen Lügen verbreitet, dass die Angestellten weiter im Hamsterrad ihre Runden drehen, immer in der Hoffnung auf das Glück um die nächste Ecke, dass es da endlich besser werde, wenn man nur brav alles erträgt und fleißig ackert. Es erfüllt sich natürlich nie, aber wir werden mit den Geschichten der 0,01% beschallt, für die es klappte.

Da liegt der Erzähler von Sheldon sicher richtig, dass wir diese offensichtlichen Selbstbetrug endlich abstellen müssen, und auch all die falschen Pseudo-Bedürfnisse von größeren, tollen Wohnungen, Paradies-Urlaub, elektronischen Spielzeugen, usw. Sie halten uns nur im Arbeit-Konsum-Kreislauf. Der Ausbruch ist dann wie bei Walden, Into the Wild oder Captain Fantastic ein zurück zur Natur. Und da fangen für mich schon die Probleme an. Was hilft uns konkret diese Phantasie, die wir uns nicht so weit abseits bewegen? Ist es für uns, dann nicht ähnlich verheerend wie die anderen Hollywood-Märchen vom schönen Leben, weil diese Kritik uns auch nur träumend ruhigstellt anstatt zur Aktion verhilft? (Aber wenn, welche Aktion auch?)

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