Kernschmelze

von phorkyas

Ich bin ein informationsverarbeitender Prozess auf einer hochparallelen, organischen Architektur. Wer will das noch bestreiten? Doch nur Leute, die statt von Glasfasern von der fasrigen Haptik ihre Lektüre faseln, als brächte sie es die paar nötigen IQ-Punkte näher an den kongenialen Kulturdarsteller, der ihnen das mindersinnige Ejakulat zwischen die Buchseiten pappte. Die Poesie unserer Zeit kommt aus den Google-Laboren. Die Hochkultur hat ausgedient. Wie schrieb schon Lyrik-Maschinist Enzensberger:

Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne:
sie sind genauer.

Heute sind’s die Specs und der Code. – Die sollten genau sein. Aber mein Hirn will’s immer noch nicht. Ich dachte, wenn ich mich ein paar Jahre in den Bauch der Maschine verkrieche lerne ich schon ihre Sprache. Es ist aber nur dreckiges Bitgefummel. Die Bits selbst, das Flüstern der Opcodes, das ist wenigstens nicht hässlich an sich, aber die tausenden Lagen an unnötigen Altlasten und Komplexität, die wir darüber gelegt haben, das ist von so frustrierender Abscheulichkeit, dass man all seine Rechner verbrennen und nie mehr eine Zeile Code schreiben möchte, weil sie ebenso entstellst ist wie dieses Meer der Scheußlichkeit. So ist Software. Legacy-Code, so nennen wir es gerne. So als wäre es nur das Werk unserer Vorgänger, die es einfach verbockt haben. Die nie Doku schrieben und uns nun dieses Werk des Horrors vermachten. Dabei sind wir es ja, die dieses Code-Monstrum am Leben erhalten, sogar fortschreiben, obwohl es Wert wäre, das es zugrunde ginge.
Aber das war nicht das Wichtige: Mein Hirn will da einfach nicht richtig rein: die Quantenmechanik war’s nicht, nicht die Algebra und jetzt ist es auch noch nicht der Code. Ich bin nicht Anders Fogh. Ich sitze nicht in den Quarantäne-Laboren der Malware-Analysten, ich sitze nicht unter der Glasdecke – mein Blick auf die InfoSec doch von außen. Aber auch schon nicht mehr ganz, kriege ich Infos zu WannaCry etc. doch jetzt schon quasi aus erster Hand. Was die Verwirrung und das Unbehagen eher noch erhöht.

Herr, vergib uns nicht, denn wir wissen nicht, was wir tun.

Als wir die Büchse der informationsverarbeitenden Systeme öffneten, konnte da jemand wissen, dass die Datenkabel den Erdball so dicht umschlingen würden? Dass wir Realität einmal fast ausschließlich durch digitale Filter wahrnehmen werden? Dass unser Hirn süchtig wie die Ratte mit ihrem Dopamin-Knopf rund um die Uhr in den globalen Datenstrom klinken wird?
Die Sicherheitslücken haben schon ihre „Vermarktung“. Der erste große Coup war wahrscheinlich Heartbleed. Da gab es schon ein eigenes Logo, auf welches das von Meltdown nun schon anspielt. Diese sozialen Dynamiken durchblicke ich auch nicht. Wann wird nun ein Ding so groß, dass es Wind in den Medien entfacht. Die Schwere des Bugs, wie viele Systeme betroffen sind, mit solch objektiven Metriken hat das eher wenig zu tun. Es ist ja auch oft gar nicht messbar, wie oft eine Sicherheitslücke ausgenutzt wurde, oder ob es überhaupt geschah, geschehen wird.

Ach verdammt, wieder voll verheddert. Aber das tolle am Blog ist ja: Trotzdem einfach schon mal „Publish“ drücken…

(Die Themen, die eigentlich behandeln wollte: Was wird aus unserem Denken, wenn wir es ausschließlich unter der Informationsverarbeitungsmetapher betrachten? – und die Beschreibung der Bugs nicht gegeben, die auch so unglaublich ist; dass Computercode, der nur spekulativ vorgeladen wurde und faktisch auf der CPU gar nicht ausgeführt werden wird, trotzdem dazu dienen kann Speicherinhalte unbefugt auszulesen!)

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