von phorkyas

„Meine Kunst ist ein Schlag in die Fresse. So soll mein Roman beginnen“, sagte mir Anders Fogh, als ich ihn in der JVA Bochum besuchte. Anders hatte seine Ex umgebracht. Sein Fall hatte große Irritationen in der Lokalpresse ausgelöst, weil der Mörder so gar kein Anzeichen von Reue zeigte. Die Reporter verglichen ihn schon
mit Mersault und Raskolnikow und fragten sich verwirrt, ob man ihm jetzt philosophische Motive unterstellen so der oder Geisteskrankheit attestieren müsste.
– Können wir jetzt wieder über meine Kunst reden?
– Hast du dir schon ein Anfangsplädoyer zurechtgelegt?
– Ja, siehst du. Diese Meta-Scheiße, die geht mir an vielem von den moderneren Zeugs so auf die Eier.
Wenn der Leser da auf ersten Seiten so hühneraugenzwindernd begrüßt wird: Is‘ ja alles nur Fiktion und wir sind ja
schon 14 Meta-Ebenen weiter. Einfach nur zum Erbrechen.
– Und wie soll man es dann deiner Meinung nach richtig machen??
– Ja, weißt du, ich werd‘ einfach einen so fetten Disstrack auflegen, dass dem Lesser von den Bässen die Magenschleimhaut tanzen geht.
– Versteh schon, dieses Ranwanzen an den Leser, kann ich auch nicht ausstehen. Musste „Ada“ nach nur 10 Seiten schon weglegen.
– Dann doch lieber ein ehrliches, breites: Arschloch! Weil es ja auch stimmt. Die meisten Menschen sind ja auch Arschlöcher. Oder haben nur ihren Kontakt zu ihrer Arschlöchrigkeit verloren.
– Den würdest du gern wieder aufleben lassen?
– Ja ich glaube, das tät‘ den meisten echt gut. Nicht mehr die miesen Gefühle alle zu unterdrücken. Einfach die Wut mal rauslassen, statt wie so en Dampfkochtopf dauerhaft unter Druck zu stehen.
– Und deine Tat steht die unter der gleichen Prämisse?
– Nein, die war eine ästhetische Notwendigkeit.
– ?
– Diesen Satz mit dem Schlag in die Fresse, ich weiß doch nicht mal, ob ich ihn vom Blogo-, Epi- oder Grobozentriker gestohlen hab.
– Diese literarischen Blogs? Du lungerst noch immer auf solchen Seiten herum – das waren doch Totgeburten und jetzt in den Zeiten der sozialen Netzwerke sollte doch auch noch dem letzten Dödel klar geworden sein, dass man sich am Besten offline aufhält, wenn man sich nicht die letzten Hirnzellen zu Brei zerstampfen will.
– Soso. Ich sehe die Blogs ja so als Fortsetzung der Popästhetik: noch gegenwärtiger, noch mehr am Puls der Zeit, noch ungefilterter die Sätze einfach raushauen. Doch erstmal nicht verkehrt.
– Und so willst du auch schreiben?
– Auf jeden Fall. Um es mal in der Theatersprache zu sagen: die letzten Wände müssen fallen. Wozu das ganze künstliche Herumgeseiere, die ganzen intertextuellen Ablenkungen? Wenn der Kern dees Textes Käse ist, dann wird’s doch da mit auch nicht besser. Lieber dem Leser den Kern so deutlich und klar genug auf dem Tablett servieren, dass er auch weiß, was ihm da geboten wird.
– Und was soll’s dann werden?
– Ein kybernetisch-paranoider Softwareroman.
– Na super. Der wird ja gehen wie geschnitten Brot.
– Ach, fick dich doch.
– OK, so niedrig liegt die ästhetische Messlatte schon.
– Na, dir ist schon klar, dass man das Feuer der Kunst immer neu aus dem Schutt der vorherigen entfachen muss?
– Das sind jetzt doch auch nur so Sprüche; versuchen wir doch mal hier und jetzt so einen lesenswerten Kern fürs Silbertablett herauszuschälen.
– Als ob wir mit so einer Ästhetik-Diskussion noch jemanden hinterm Ofen hervorlocken könnten.
– Im Gegenteil. Neben Ethik, sind das wahrscheinlich die am heißesten und unerbittlichsten geführten Diskussionen (im Netz). Wir haben jetzt von dir so ein paar markige Sprüche, die so ein bisschen nach Beat- und Pop und neuer Härte klingen, aber so wirklich greifbar ist das nicht.
– Das vornehmliche Problem ist, dass Kunst wesentlich immer Form ist. Klar verquicken sich Form und Inhalt meist, zumindest bei gelungener Kunst, dass ein nicht trennbares Amalgam entsteht, aber dass man ein literarisches Werk in den Händen hält erkennt man doch meist schon nach drei Sätzen. Satzbau, Wortregister, Perspektive signalisieren
dem Normalleser doch schon immer: Oho, da ist wieder so ein Eierkopf der Sätze drechselt, legen wir das Ding mal wieder zur Seite. Und das zu recht! Dieses Literaturdeutsch ist doch eine tote Sprache. Wenn ich was lese, dann hast du doch sicher auch eine Stimme im Kopf, die dir das liest, dass du‘s vor deinem inneren Ohr hörst. Das Ganze muss doch noch aussprechbar bleiben. Um das ganze mal in irgendsoeine Metapher zu gießen, dann ist die Literatur mehr so wie klassische Musik, wo das kunstbeflissene Publikum sich wohlig einrichtet in der erstarrten künstlichen Form, die genauso leer befolgt wird wie in der Kirche: Wie der Dirigent den Katheder besteigt, sich wendet zu Publikum und zu seinem Orchester. All diese einstudierten Gesten, so dressiert wie die Noten. Da können Rock, Grunge, Rap, Metal die Seele in ganz andere Schwingungszustände versetzen. Und das sollte doch auch rein mit Sprache möglich sein…
– OK, so langsam merk ich woher der Wind da so dreht.
– Das Problem is‘ natürlich, dass du’s nicht einmal einfach umdrehen kannst. Auch Anti-Form bleibt Form.
– Und welcher Ausweg bleibt dann noch?
– Du kannst nur hoffen, dass, was dich in Flammen setzt, nicht resonanzlos am Leser vorbeiweht.