Schieß doch, Sloterdijk.

von phorkyas

Die Kultur ist mir fremd geworden. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass ich nie zu den Etablierten zählen werde, aber dieser Vortrag von franzobel in Klagenfurt weckt Fluchtinstinkte, Aggressionen. Wenn das Abendland zugrunde geht dann an solchem feingeistigen Mindersinn. Braucht man denn wirklich nur ein bisschen böse EBooks und Avatare ins Feld zu führen, dass der Kulturbürger kopfnickend sanft entschlummert? Den Text noch anreichern mit zahllosen kulturellen Referenzen, ein bisschen abschmecken mit Pessimismus und Zynismus und fertig ist der übliche kulturkritikasternde Brei, der Verfasser und Rezipienten in einem Überlegenheitsgefühl glücklich vereint.

Ach, diese ganzen Phrasen zum kritischen Denken, der Unabhängigkeit und Widerständigkeit der Literatur, glaubt er noch selbst dran oder warum wiederholt er sie so oft? Literatur ist Teil des Marktes. Und franzobel mag sich in einer kleinen exklusiven Nische sehen, die ihm gewisse Feiheiten erlaubt, aber seine Äußerungen klingen doch auch wie ein Produkt, heischen nach Zustimmung und Beifall eines gewissen durchkulturalisierten Klientel. Burn it with fire!

Was soll ich mit diesen Leuten? Während der Oberstufe, wenn mich die Schwermut einer Unterrichtsstunde wieder packte, hatte ich oft die Vorstellung, dass ich mich nun schreiend aus dem Fenster stürzen müsste, nur um dem tristen, entgeistigenden Trott etwas Aufruhr zu verpassen. Ähnlich geht es mir oft bei solchen Vorträgen oder im Kabarett. Ich denke dann: jetzt, jetzt müsste doch jemand aufspringen und schreiend herausrennen. Und nichts passiert. Das müsste doch auch eigentlich das frustrierende daran sein, solch „aufrührerische“ Texte zu verfassen; die Folgenlosigkeit mit der sie auch am aufgeklärtesten Publikum vorbei rauschen – wie jede wohlfeile Sonntagspredigt.

Und dann wieder diese tausendmal aufgewärmte „Kapitalismuskritik“. Wenn ich das Wort „Neoliberalismus“ nur höre entsichere ich meine Browning. Eine Definition will oder kann keiner dieser Kritiker mehr erbringen. Es ist etwas in der Gemengelage der bösen großkapitalistischen Konzerne, Lobbyisten und so. Das Publikum hat diesen Blödsinn der korrupten und grunzdummen Politiker und Eliten schon so viele Jahrzehnte ins Hirn gekippt bekommen,.. dass sie glatt jemanden wie Trump wählen. Das meine ich durchaus ernst; wenn man seine Bürger zu Politikverdrossenheit und -verachtung erzieht, soll man sich nicht wundern, wenn sie Populisten wählen, die ins gleiche Horn blasen.

Ist es nur lächerlich oder traurig wenn die gedankliche Gefährlichkeit des eigenen Vortrages mit dem Hinweis erbracht wird, dass man dafür in der Türkei verhaftet werden könne? Für diese Intellektuellen wäre es wohl eine Art Ritterschlag von Erdogan oder Putin eingesperrt zu werden. Aber die dürften sich wenig dafür interessieren all diese harmlosen Hipsterbärtchen zu kraulen.

Es gelingt mir nur ungenügend, mein Unbehagen über diese Rede zum Audruck zu bringen. Vielleicht liege ich ja auch völlig schief und will hier nur etwas loswerden was mir schon so lange quer liegt. Seit ich Ionescos Gegengifte in die Hand nahm. Grässliches Machwerk. Das moralische Überlegenheitsgefühl trieft nur so von jeder Seite und dabei werden nur die üblichen Phrasen gedroschen gegen die Politiker und die dumme, verlogene Gesellschaft. Bar jeder Reflexion. Das kritische, unabhängige Denken, wird einfach nur für sich reklamiert. Wer so viel davon palavert, der brauchts dann gar nicht mehr zu tun. Diese Art der Kritik an den Mächtigen ist so erstarrt, zur Formel geworden, dass ihr Inhalt abhanden gekommen ist. Man könnte an dieser Stelle auch Blindtext einsetzen. Wie für die meisten dieser Reden als Ganzes: sie pinseln doch nur den kultivierten Bauch, der sich dann ein wenig verwegen vorkommen kann, als er doch geistig die türkische Gefängnistüre gestreift hat.. und natürlich auch weit erhaben über den Pöbel, der sich nicht in solch abgeschiedene Nischen wagt, um bedruckte Papierseiten zu verkonsumieren (kein e-ink!).

Naja, vielleicht lieg ich ja auch völlig falsch. Schauts euch selbst mal an.

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