von phorkyas

Auf den ersten Blick scheint es doch widersinnig, dass jahrtausendalte Tradition mühevoll eine Seele in unseren Körper hineinkonstruiert hat, welche nun von der neuen Wissenschaft wieder geleugnet und dekonstruiert werden muss.

Dabei gibt es im großen Bild doch eigentlich Kontinuität: Was in der Evolution geschah ist doch, dass die Lebewesen sich durch immer größere Autonomität auszeichnen. Der Schritt von den Pflanzen zu den Tieren war schon enorm; freiere, schnellere Bewegung, anderer Stoffwechsel, Reaktionszeiten. Und die komplexer werdenden Nervensysteme befähigten zu immer vielfältigeren Verhaltensweisen. Der Autonomitätsgewinn war sicherlich meist ein evolutionärer Vorteil.

Der Geist, der freie Wille, den die Menschen sich angedichtet haben, reiht sich nun perfekt dort ein: es ist das Postulat eines eigenständigen von der Materie losgelösten Wirkprinzips. Kein Wunder also dass z.B. die Christenheit jahrhundertelang von Fleisch und Materie sich loszusagen suchte. Und das ist auch der Punkt in welchem die moderne Wissenschaft die Religion beerbt, die sie angeblich überwunden haben will: ihr oft kruder Materialismus ist eine Ähnliche Abwertung des Materiellen, Organischen, das reduktionistisch in die Bestandteile zerlegt höchstens dem Technologen als Material dienen darf.

Die vorerst letzte Spielart in diesem Emanzipationsrausch erreichen wir jedoch mit unseren heutigen Informationsverarbeitungssystemen. Die Bits als scheinbar immaterieller Träger von Information erwecken den Eindruck, man könne sie als Datenströme beliebig manipulieren, verschicken, speichern, löschen(*). Aus den simplen logischen Gattern, die diese Bits manipulieren können, als Bausteinen haben die Ingenieure immer größere Schaltungen hergestellt, um Informationen im Nanosekundentakt zu prozessieren. Die Software, die die Anweisungen zur Datenmanipulation enthält, scheint damit vom Materiellen abgelöst ganz im Reiche des Abstrakten der Ideen.

Die furchtbare Macht dieser Datenverarbeitungsgeräte rührt ja genau daher, dass sie uns vergessen machen, dass die Bytes, die sie verarbeiten nicht zwingend mehr an irgendeine physische Repräsentation gebunden seien: Egal von welchem Server nun das Bytemuster zur Darstellung dieses Textes stammt, über welche Fasern und Kabel es den Weg auf deinen Bildschirm fand, die Information sei doch die gleiche; universal darstellbar wie die Zeichen auf dem Band einer Turingmaschine – so als sei das Forstschreiten dieser Gedanken im Wesen nichts anderes wie das Geklapper eines XOR-Gatters.