Zwei Seelen

von phorkyas

Es wohnen zwei Seelen in mir.

Die eine hat den Glauben längst verloren, dass da noch irgendeine Transzendenz sein könne; ein Funke, ein Schillern und Leuchten über das Materielle, Prosaische hinaus. Sie glaubt nicht an die Konstruktion der Seele, dass da etwas Irreduzibles, Rätselhaftes, nicht auf seine Einzelteile Reduzierbare sein könne. Die ganzen Hymnen von der Einzigartigkeit, der Höhe und Größe des menschlichen Wesens scheinen nur Wortgeklingel, angesichts unserer Taten, vergangener wie heutiger, schon wie Hohn. Hinter den wolkigen Philosophismen, den Beschwörungen und Anrufungen – den meterdicken Papieranhäufungen der Kulturgeschichte – zeige sich doch nur die schnöde Angst vor dem Vergessenwerden, dem Tod, dem Nichts. Sinnlos wie die Kultur ihr ganzes Brimborium auffährt, als könne ihr Talmiglanz auch nur ein parsec weit ins leere All scheinen. Rührend vielleicht. Aber doch Windmühlenflügelkampf.

Aber neben diesem ernüchterten, leeren Ledersack ist da auch noch ein Gegenstück, schaut von der Gegenseite die Gewissheit herüber, dass wir schon immer in Sprache verstrickt sind, von Kindesbeinen an. So dass wir uns gewöhnt haben an ihre doppelten Böden, an die Ungewissheit des nächsten Wortes, welches völlig umdrehen, einen neuen Abgrund auftun könnte, so dass gar nicht mehr klar wäre, ob beim nächsten Satzzeichen dem Ganzen noch ein Sinn verliehen werden kann. Da ist dann dieses Bewusstsein dafür, dass wir mit der Sprache schon immer im Symbolischen und Metaphorischen uns befinden, nicht hundertprozentig Festlegbares bis ins jede kleinste Prädikation Auflösbares produzieren, was ohne den Kontext oder eine Geste oder Regung vielleicht gar nicht interpretierbar wäre. Und doch hangeln wir Menschenaffen uns scheinbar mühelos von Satzteil zu Satzteil, ganz ohne Syntaxbaum (AST) und groß nachzudenken, ohne Angst zu stürzen. Die lebendige Sprache fließt einfach aus uns heraus. Das ist was kein Parsebaum hervorbringen kann, weil er nicht spricht. Die Maschinensymbole sind stumm. In den Prozessspeicher geladen, mögen sie gewisse Wirkungen erzielen und vielleicht sogar gewisse Eigenschaften lebendiger Prozesse nachbilden können, aber der Kern, die Essenz des Bewusstseins wird in solchen Simulationen immer so unsichtbar sein, wie der Mensch für seinen Schatten, glaubt er.

Und ich, ich weiß mit beidem zunehmend nichts mehr anzufangen. Where is the midway out? Wo könnte ich von den Grabenkämpfen der zwei Kulturen unbehelligt mein Liedchen pfeifend meines Weges ziehn?