Der Humanismus in den Zeiten der Digitalisierung

von phorkyas

Jaron Laniers Einwürfe immer noch gärend. Wie er mit neu-alten Metaphern die schöne neue Digitalwelt zu fassen versucht. Vieles ist sehr einleuchtend und ist mir auch schon aufgegangen. Z.B. die Unterscheidung zwischen dem was er einer Star-System-Verteilung nennt, wo alles auf eine Spitze zustrebt, die letztlich alles abräumt („the winner takes it alle“-Mentalität) und der gesunderen Glockenkurve einer Normalverteilung mit einer ausgeprägten Mittelschicht. Meine digitale Entfremdung und Ernüchterung über die Realität sozialer Netzwerke hat sich mit dem Schauen von „Silicon Valley“ noch verstärkt: Die Absurdität dieser Startups, die „die Welt zu einem besseren Ort“ machen wollen… und doch nur dazu dienen bestehende Märkte zu schrumpfen und auszusaugen bis dort gar kein Gras irgendeines Geschäftsmodells wachsen kann. Sei es Uber mit den Taxiunternehmen oder das Gros der Musiker, die bei Youtube künftig nicht über die Runden kommen würden.

Nicht in allem gelungen scheint mir eine seiner Haupt-Metaphern, die des Sirenenservers. Womit er einen mächtigen, zentralen Server in einem Netzwerk bezeichnet, der so viele Daten und (Geheim-)Wissen anhäuft, dass er schließlich eine Schaltstelle von Macht und Einfluss wird, so dass Menschen seine Nähe suchen könnten, nur um dieser Sphäre der Macht nah zu sein. Kennzeichend für das Interaktion von User und Sirenenserver sei jedoch das riesige Informationsungleichgewicht, wodurch der Sirenenserver die User in seinem Sinne manipulieren könne, damit er mit seinen kostenlos angebotenen Diensten Gewinn machen kann. Dabei verzerren die vom Sirenenserver angebotenen Informationen dessen Umgebung so stark, dass er sogar sich selbst täuschen könne:

„Das Problem bei der Optimierung der Welt durch einen Wahl-Sirenenserver ist dasselbe wie bei allen anderen Arten von Sirenenservern. Kurzfristig funktioniert das durchaus, allerdings entfernt sich der Sirenenserver immer weiter von der Realität. So wie vernetzte Server, die Musik für uns aussuchen, keinen wirklichen Musikgeschmack haben, verfügt ein Rechner, der per Cloud-Computing Politiker aussucht, nicht wirklich über politische Klugheit.“

Vielleicht werden meine eigenen Ansichten immer destruktiver; aber wenn man den digitalen (neuronalen) Netzwerken das Denkvermögen oder die Klugheit abspricht, sollte man das bei den biologischen Neuronenvernetzungsergebnisäußerungen nicht auch tun? All das was wir in unseren menschlichen Hybris für uns reklamieren an Zivilisation, Kultur, Denkvermögen, Vernunft, Reflexionsfähigkeit hält denn stand über die bloße fassadenartige Konstruktion eines imaginierten, mentalen Superhuman-Exoskelett hinaus.

Zurück zum Sirenengesang: Hat er die Metapher nicht genug erforscht, indem er zu sehr in dem Einzugsgebiet des Sirenenservers verweilte, in welchem er große Macht zu besitzen scheint. Was ist mit den immer noch zahlreichen, nicht Vernetzten oder bewusst wieder Entnetzten außerhalb der Filterblase, ist für diese der Gigant nicht schon fast etwas wie ein invertierter Schreinriese, der nur aus der Nähe groß und einflussreich erscheint? Lassen sich unter dieser Metapher überhaupt so unterschiedliche Netzgiganten wie Google, Amazon und Facebook subsumieren oder passt es nicht fast nur auf Ersteres?

Aber ich möchte nicht das Haar in der Suppe suchen. Laniers „Wem gehört die Zukunft?“ war eine äußerst anregende Lektüre. Und so wie er sich nicht über den Technologieoptimismus in den Star Trek Serien lustig machen wollte, möchte ich mich auch nicht über seinen Technologieoptimismus verbreiten. Immerhin verdiene ich mein täglich Brot mit der Manipulation von Bits und Bytes (gegenwärtig sogar noch in der Automatisierung) und bin auch wie er ins Grübeln geraten, wie der Humanismus in der Zeit der fortschreitenden Automatisierung und Digitalisierung aussehen könnte, ob der noch kompatibel ist oder ein Humanismus 2.0 als Update eh nur eine Farce. Vielleicht hat Nietzsche recht, dass der Mensch überwunden werden soll, … allerdings in Form dieses albernen silikonbasierte Transhumanismus?

Vergessen wir da nicht einfach zu viele menschliche Lebensbereiche, die nicht automatisiert werden können oder sollten? Lanier ist als Musiker jedenfalls selbst so sehr Kulturmensch, dass einige analoge Freuden nicht missen will (dass er das papierbasierte Buchlesen bzw. -schreiben dazuzählt, dürfte ihn aber nicht alleinig zum FAZ-Autor qualifiziert haben). Geben wir aber Conlon Nancarrow, den ich durch Lanier kennenlernte den letzten Ton und ihm das letzte Wort:

„Selbst in den ambitioniertesten Zukunftsprogonsen, die im Silicon Valley angestellt werden, bleiben die Menschen für gewöhnlich auf der Strecke [..] Und doch gehen die Ingenieure, Risikokapitalgeber und Experten des Silicon Valley fröhlich ihrem Tagwerk nach, machen gelegentlich Ausflüge in die Weinbaugebiete im Napa Valley, bekommen Kinder und leben im Übrigen so, als wenn nichts wäre. [..]

Verleugnung ist eine Grundlage der menschlichen Existenz. Den Kopf in den Sand zu stecken ist eine unserer Lieblingsbeschäftigungen. Wir sind sterblich, aber man kann nicht erwarten, dass wir den Tod wirklich begreifen, deshalb bringen wir gerade genug Irrsinn auf, um mit der Absurdität fertigzuwerden.“