von phorkyas

Ermüdung. Verfolgte seit zwei Jahren etwa jede Sendung Böhmermanns. Schätze die Leidenschaft und Kreativität mit der sein Team da Fernsehen macht. In letzter Zeit fing der links-liberale Einschlag schon an mich zu nerven – die müden AfD-Witze, das Rumgehacke auf Til Schweiger. Dieser Konsens, den es unter den Medienschaffenden zu geben scheint, von Somuncu über Will zu Böhmermann weiß man genau den gemeinsamen Feind… Und ist auch stets auf dem Laufenden, dazu konnte man das Neomagazin quasi auch benutzen, wenn man nicht auf den sozialen Medienkanälen mit den neusten Informationsbit durchströmt wird, so fuhr man sich mit der Sendung ein komprimiert, geordnetes Update ein.

Unlust. Gereiztheit. Überdruss. Von Meta-Kommentar zu Metakommentar, das ewige Drüberstehenmüssen. Mit oder ohne Ironie. Das Kind bringt mich mit seiner Nörgelei um den Verstand. Total überfällig, müde, hätte schon längst schlafen müssen. Schreianfälle. Ich dachte ja immer Eltern würden eine zen-hafte Geduld entwickeln. Stattdessen ist die Hutschnur immer kürzer.

Aber ist es nicht auch das Kind, das meine Perspektive noch einmal gründlich verschoben hat. Dinge, so offensichtlich, die langsam durchsickern und die z.B. Jaron Lanier auch glasklar benennt. Wie alte Geschäftsmodelle von der Digitalisierung einfach plattgemacht werden, und wir nur noch Zuschauer, als wäre die Frage unerlaubt, ob man das denn alles überhaupt will, ob das denn nötig sei – aber das kann ja nur ein Idiot und ewiggestriger Technikverweigerer stellen. Dabei scheint’s doch schon über den Daumen anpeilbar, dass künftig weniger Musiker ihren Unterhalt über ihre Youtube-Kanäle verdienen können, als das vorher mit Plattenverträgen ging. Allenthalben: weniger Gewinner, mehr schauen in die Röhre und können weiter vom Ruhm und Geld nur träumen. Lanier nennt das „Starsystem“, Verteilungen, welche sich durch eine sehr schmale Spitze auszeichnen, wie z.B. beim Sport, wo eigentlich nur der erste Platz interessiert.

Leider scheint das schon fast eine Krankheit unsres Bewusstseins, sich immer auf solch singuläre Punkte konzentrieren zu wollen. Ja, die Kulturellen und Intellektuellen wollen sich dann schon wieder geekelt abwenden vom Hype, aber auch sie ziehen letztlich mit bei der Öffentlichkeitskarawane, gerade auch mit all den Kommentaren, die den Hype niederschreiben wollen. So war das auch schon im prädigitalen Zeitalter, als die Skandale noch in Leserbrieforkanen (z.B. Elisabeth Borchers „eia wasser regent schlaf“) oder empörten Feuilletonisten (Sloterdijk-Debatte) bestanden. Allen gemein: Wie unangenehm es den Protagonisten im Auge des Öffentlichkeitszyklon war – und doch wie sehr es den Erfolg und die Bekanntheitt dann erst erzeugt – und dann aber auch eine Reduktion der Person auf diesen einen Shitstorm erlaubt – wie Böhmermann auch selbst bei Ronja von Rönne, so läuft der Zirkus eben und so ähnlich wird es auch jetzt bei ihm selbst sein, nur dass man dem Provokateur und vermeintlichen social-media-Lenker den selbstempfundenen Ekel noch mehr anlastet statt ihn auf die Medienmeute und die von uns selbst konstituierte Öffentlichkeit selbst zu beziehen.