In die Dschungel gesagt

von phorkyas

Selbst wenn Komplexität die Qualität eines Kunstwerkes verbürgen könnte – ich glaube, ein Kunstwerk sollte sogar in die entgegengesetzte Richtung streben: besagt „Verdichtung“ nicht auch genau dies? Das Herausschälen, Herauswringen von Wesentlichem aus dem Übermaß, dem Rauschen der Bits, der Kakophonie?

Selbst wenn also aber Komplexität ein Qualätitsgrad sei, wie ließe sich dieser objektiv bestimmen? Mit welcher Metrik wollen Sie die Komplexität messen? (Algorithmisch) Nach Kolmogorov? Müsste einiges von Queen, Dream Theater, The Beatles dann nicht vor Arvo Pärt rangieren?
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Dieser Einwurf ist nicht ganz ernst gemeint, ich glaube Sie haben schon durchblicken lassen, dass Sie durchaus gewillt wären letzteren der dunklen Seite zuzurechen und ich möchte diese Diskussionen nicht wieder unnötig iterieren. Zu deren Fruchtlosigkeit wollte ich jedoch noch etwas Grundsätzliches anbringen: Wie sehr mich die Spiegelbildlichkeit, die scheinbare Schärfe der Dichotomie verdrießt. So als könne man nur Jünger und Speichellecker auf der einen Bloginnenseite oder Fliegengeschmeiß auf der anderen Seite sein. Dann möchte ich doch lieber keines.. oder wenigstens gleich beides sein. So wie Schrödingers Katze. In der Tat geht es mir nun mitunter mit dem modernen Medienkonsum so (Beispiel Ukrainekrise, wo ich weder unseren Medien noch dem Kreml vertrauen mochte). Es ist wie diese Kippbilder: Wenn sich das Bewusstsein auf das eine Bild versteift, so ist alles schlüssig und dann.. wenn man nach einiger Zeit das andere sieht, so mag man kaum glauben, dass das andere auch in der Zeichnung stecken könnte. Könnte es also sein, dass die diametralen Positionen, die hier aufeinanderprallen in sich ähnlich plausibel sind?
Nein. Darum ging es mir nun auch noch nicht. Woran ich ernsthafte Zweifel anmelden wollte ist an dem Kippbild Kunst! Damit wäre die Streitfrage, ob es sich bei dem “Traumschiff” um ein gelungenes Kunstwerk handelt hinfällig, wenn die Kunst gar nicht existiert. – Bleiben wir also bei der Metapher des Kippbildes, die einen Aspekt treffend darstellt; den dass man in ein Werk hineinkippen kann, dass es als Innenwelt, geistiger Raum begehbar werde. Das ist gelungene Rezeption. Wenn man jedoch außen verharrt – was mir immer häufiger passiert – dann mag man sich wundern, was die Leute denn überhaupt an diesem Werk finden, und man wird wahrscheinlich Fehler am Werke ausmachen, die dieses Kaltgelassensein ihm anlasten.
Der aufkeimende Verdacht, den ich nun nicht mehr unterdrücken kann, ist, dass diese geheiligte Innenwelt nur eine Konstruktion und Simulation ist, wie in allen intentionalen Zuständen keine Seele sondern nur die wirren Zuckungen eines neuronalen Netzes schlummert. Ob man den Sündenfall für die Austreibung aus dem Paradies der Kunst nun bei dem nun schon zu genüge herbeizitierten Thomas Mann ansetzen mag: http://web.archive.org/web/20080315172252/http://www.culture.hu-berlin.de/verstaerker/vs001/zauberer.html – für mich ist es etwas noch Grundsätzliches: dass man die Kunst nicht zum Götzen mache. Man solle nicht glauben es genüge, Namen wie Pessoa und Broch zu hauchen, um den vermeintlich staksigen Literatur-Mummenschanz zu entblößen oder die bösen Geister des Pops spruchhaft auszutreiben – dann geht geht man doch der Verdinglichung der Kunst, ihrer Erstarrung und Herauslösung aus der lebendigen Fluidität auf dem Leim, wird sie nur noch zu einem Banner, dem man hinterhermarschieren brauchte, um auf der richtigen Seite zu stehen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.
Um es an einem Beispiel zu zeigen: Zwei Metaromane des letzten Jahrhunderts halte ich in besonderer Ehre: Niebla von Unamuno und Gides Falschmünzer. Gerade weil sie die Grenze von Literarizität ausloten. Da passierte es mir nämlich, dass ich plötzlich aus einem Dialog herausfiel und merkte: Du hattest gerade Sympathien, hast dich mit der Person identifiziert, hast den ausgeworfenen Identifikationsköder geschluckt, aber das ist doch auch bewusst etwas.. papiern, literarisch. Und nun könnten Sie kommen und sagen, dass ja gerade das Große an der richtigen(TM) Literatur sei, dass der Leser in ihr aufgehe, und die Gemachtheit nicht mehr merkt, im Dickicht der aufgetürmten, kulturellen Schichten sich ganz verläuft bis nur noch das dumpfe Gefühl von einer unbekannten Größe bleibt – und er einfach dahintreibt in der Identifikation mit dem Gesagten. Aber das verfehlt genau, was ich für das Große an diesen beiden Werke halte, das leicht Verstörende. Dass sie eben das literarische Verfahren selbst transparent machen und der Leser es an sich selbst vorgeführt bekommt.
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Es ist jetzt nur ein Gefühl von mir, dass darüber hinaus noch wenig möglich ist, weil eine weitere Steigerung der Reflexion, kaum noch vorstellbar, ohne dass das Werk seinen Kunstcharakter ganz einbüßt. Deswegen erscheint es mir aber auch so unmöglich noch einen Roman zu schreiben. – Und eben weil der Totalitätscharakter des Werkes der Schrödingerhaften Zersplitterheit unserer Internetkommentarrealität nicht mehr gerecht wird. ‘Nuff said.

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