Serienjunkiez

von phorkyas

Die Feuilletons preisen einige der amerikanischen Serien schon länger als eine Art Wiedergeburt großer Epik oder Dramatik. In der Tat: warum sollte man nicht die Parallelen ziehen dürfen zwischen den Antihelden aus Breaking Bad, House of Cards und einem Shakespeareschen Macbeth oder Richard III.?(*) In vielen dieser hochgehandelten Serien sind die Helden also nicht nur ambivalent, sondern manchmal schon eindeutig böse. Dem Zuschauer kann so vielleicht emotionale Extrem-Situationen, Katastrophen, böse Handlungen, die ihm sonst völlig fremd sind, zumindest gruselnd von Ferne betrachten oder nachempfinden.

Während ich bei Breaking Bad jedoch zwei Staffeln einfach ausgelassen habe und ich mir bei House of Cards und True Detective noch nicht ganz schlüssig bin, ob ich mir den Rest auch geben werde, hat mich eine Serie wirklich umgehauen: Daredevil. Einige Comicverfilmungen schätze ich schon: die alten Batmanverfilmungen von Tim Burton z.B. oder die neueren von Christopher Nolan, einige der X-Men-, Spiderman und Avenger-Filme waren auch sehr gut. Was ich bei denen schätze, die ich als überdurchschnittlich gut einstufe ist, dass sie der Superheldenthematik in immer neuen Variationen andere Facetten abgewinnen. Sei es durch die komische Fallhöhe, die entsteht wenn sich die Normalo-Identität Spidermans sich in den Fängen des Alltags als ziemlicher Versager entpuppt oder seien es die Reflexionen über einen Superhelden wider Willen bei Batman, dem von den Menschen der Stadt und ihrer moralischen Verlottertheit(**) die Rolle einer übermenschlichen Symbolfigur aufgezwungen wird.

Ein paar dieser Reflexionen finden sich auch bei Daredevil: So besitzt auch der Daredevil der Serie keine wirklichen Superkräfte – die geschärften Sinne mögen über das normalerweise menschenmögliche hinausgehen, aber er ist z.B. verwundbar und beendet seine nächtlichen Ausflüge meist blutüberströmt wie ein Passionspieler – was denn auch der Vorspann passend vorführt, in fließende Ströme von Blut die Silhouette der Stadt und den Kopf von Daredevil formen. Es ist auch hier die verbrechendurchtränkte Stadt, die ihn in diese eigentlich aussichtslose Schlacht schickt (dass das Ende der ersten Staffel den Protagonisten dann plötzlich auf wenige Minuten gedrängt einen kurzen Triumph gönnt, lässt diesen beinahe unglaubwürdig, jedenfalls sehr fragil erscheinen).

Was diese Serie für mich aber vielmehr trägt, sind die schauspielerischen Leistungen. Große Präsenz und Intensität. Aller Hauptcharaktere, und auch der Nebenrollen. Besonders beeindruckt hat mich Vincent D’Onofrio (Fisk), er dominiert vielleicht diese Serie sogar, ist im Vergleich zu Matt Murdock der interessantere Charakter.(***) Vielleicht könnte man die Serie deshalb auch als character-driven bezeichnen, im Gegensatz zu plot-driven, also z.B. einer Serie wie „Supernatural“, wo die Glaubwürdigkeit der Charaktere auch mal schnell einem Plottwist geopfert werden kann, und wo der Fortlauf der reinen Geschichte ist, die die Zuschauer bei der Stange hält.

Kritikpunkte fallen mir fast keine ein. Höchstens in einer Folge, gab es ein kleines Anschlussproblem: Da wurde Daredevil von einer großen Menge Blinder umringt oder festgehalten und es wurde nie gezeigt, wie er sich davon befreit hat. Ich weiß nicht, ob diese Szenen gedreht worden waren und dann dem Schnitt zum Opfer fielen, oder ob es von vornherein so gedacht war. (Jede einzelne Folge ist jedenfalls sehr dicht, kaum etwas Unnötiges.) Es hat mich jedenfalls irritiert… Die Gewalt ist mir auch teilweise schon etwas zu exzessiv – ich werde wohl älter – aber ich schätze es, dass die Actionszenen mal endlich wieder nicht so schnell und wirr geschnitten sind, dass man überhaupt nichts sieht.(****)

PS. Parallelpost hier.

(*) Genauer wurde das in einem recht hören- oder mittlerweile lesenswerten Beitrag im DLF herausgearbeitet.

(**) Das Sodom- und Gomorrha-Thema der moralisch verdorbenen (Groß-)Stadt findet sich interessanterweise wesentlich auch in anderen Werken wie Taxi-Driver oder Se7en.

(***) Vielleicht ist das nur eine persönliche Assoziation, aber er erinnert mich immerzu an Marlon Brando, (insbesondere Colonel Kurtz).

(****) Vgl. vielleicht auch: https://www.youtube.com/watch?v=Z1PCtIaM_GQ