Fundamentalisten

von phorkyas

In einem Interview über die Gewaltbereitschaft der Religionen ein paar interessante Anregungen entnommen: dass es nicht nur die monotheistischen Religionen seien, die gewaltbereite Anhänger hervorbrächten,.. dann dachte ich so etwas in der Richtung gehört zu haben, wie dass eine gewissen Form des Fundamentalismus mit Religionen fast zwangsläufig einhergehe, als dass sie auf das Ganze zielen und ich dachte ja*: wo haben wir das noch, gibt es noch eine Ideologie, eine Denkform, die überhaupt versucht unser Menschsein als Ganzes zu erfassen oder zu beschreiben oder gar uns auch eine Lebensweise vorzuschreiben? Und dann begegneten mir Videos von so ein paar Amerikanern, die gegen den (raffinierten) Zucker predigten. Eine verglich ihn gar mit Heroin. Und sie sprachen von der bösen Industrie, die uns abhängig mache nach all ihren schlechten, künstlichen Produkten und von ihrer Erweckung zu einer gesunderen Lebensweise als sie all das junk food sein ließen und stattdessen durch organic food ersetzten.

Das fasziniert und stößt mich ja öfter ab; diese echte Begeisterung für jedem neuen Trend, den diese Leute an den Tag legen, diese Mischung aus Staubsaugervertreter und Zeuge Jehovas (wie sie nur gebürtigen Amerikanern zuteil ist?).

Und ich dachte, sind das jetzt die (post)modernen Überbleibsel der Religion? Wenn unsere Lebenswelt nur noch verwaltet oder privatisiert ist, unser Ich neurowissenschaftlich zum Phantom erklärt, und die alten ideologischen Gräbenkämpfe des kalten Krieges erst langsam wieder aufgewärmt werden, dann haben wir eben so unsere kleinen ideologischen Scharmützel?

Das könnte einer meiner Lieblingsthesen sein, dass der Mensch eben nicht ohne Ideologie auskommt, nicht ohne dass er noch den kleinsten Pisselkram hochjazzt zu einer Grundsatzfrage von Gut und Böse. Ja, diese impertinente Zwangs-Polarisierung ist es auch was mich an Auseinandersetzungen im Internet so abstößt. Gerade auch bei den Geeks und ihren flamewars. Nicht dass ich dem kühnen Ritt einer fetzigen Polemik oft gerne folge. Aber gerade z.B. in den computer language wars ist das doch irgendwann ermüdend. Die 404te Begründung warum C++ Scheiße ist und eh‘ jede Sprache die nicht funktional/dynamisch oder statisch typisiert/imperativ/low level tauglich/etc. pp. gleich in der Pfeife geraucht werden kann. Oder warum Adornos Pimmel eh‘ viel länger ist als Poppers. Eigentlich jede dieser Auseinandersetzungen zu jedem Thema. Überhaupt: es könnte doch jemand langsam endlich dieses Scheiß-Internet abschalten.

Oder wenigstens meinen Blog.

*Im online publizierten Mitschnitt habe ich die Stelle nicht gefunden.