Netzrealititten

von phorkyas

In „Citizenfour“ dieser Ausschnitt, in dem Snowden die Verteidigung der Freiheit des Internets als eine Motivation seiner Enthüllungen nennt – den freien Austausch von Experten über beliebige Themen von beliebigen Orten der Welt, so wie er es kennengelernt hatte, dass will er nicht durch den Eingriff von Regierungen untergraben wissen. Für einen Moment überraschte es mich, dass gerade er immer noch so einem Berrners-Lee-Netz-Idealismus nachhängt. Nicht dass es den auch bei mir noch gäbe, irgendwo subkutan. Aber als ich mir vor einigen Jahren anfing Gedanken über Googles Aufstieg machte, begegnete ich schon einer magengrummelnden Ambiavalenz: Wäre das Netz ohne diese Konzerne und ihre komfortablen, allgegewärtigen Dienste eigentlich überhaupt so groß? Sollte man es nicht begrüßen, dass endlich Geschäftskonzepte dauerhaft tragen, die Netzdienste anbieten? Muss man für deren kostenlose Nutzung nicht Werbung und Datenherausgabe in Kauf nehmen?

So ähnliche Fragen keimten auf und es dämmerte mir, dass das Netz wohl endgültig seine Unschuld verloren haben dürfte. Snowdens Enthüllungen überraschten unter IT’lern wahrscheinlich nur wenige. Warum sollten der Staat oder gar Geheimdienste weniger datenhungrig vorgehen als Unternehmen?

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Es haben sich bei mir seither einige Überzeugungen eingenistet, die noch zu prüfen sind:
1) Paranoia ist eine menschliche Konstante. – Das liegt zum einen simplerweise daran, dass wir nie genau wissen können, was im Kopf eines anderen Menschen vorgeht, ohne dieser Mensch zu sein. Und zum anderen aber wohl an dem fatalen Hang des Menschen, diese Grenze nicht zu akzeptieren. Deshalb Geheimdienste und ihre Paranoia und auch die Paranoia vor Geheimdiensten. – Warum folgt eigentlich diese ganze Snowden-Sache so sehr dem Staatsfeind-Nr.1-Skript, passte das Narrativ so gut in die Journalistenblöcke oder fand es einfach so reißenden Absatz bei uns?
2) Auch die Gratiskultur des Webs hat ihren Preis; z.B. dass es Konzerne wie Facebook und Google gibt, die unsere Klicks und Daten verhökern.
3) Die schnöde Realität des Internets; es ist langweilig, völlig harmlos. Was sich so an Memen und viralen Videos verbreitet kommt in seinem aufklärerischen und gesellschaftskritischen Anspruch doch nicht über eine wohlfeile Ice-Bucket-Challenge. In ungefähr das kritische Potential des uhrengeprängten Zeitmagazin, einer Süddeutschen Beilage oder der Reisenseiten der FAZ – und meistens genauso… „spannend“.
4) Die meisten (relevanten) Probleme erfordern keine rein technologische Lösung. Technik ist kein Heilsbringer. Es handelt sich meist um Probleme der Organisation, Kommunikation und (Ressourcen-)verteilung. Auch wenn Technologie selbst in diesen Dingen helfen kann, so bringt sie meist neue Nebenschwierigkeiten hervor.