Kittler, Mainzer, Blumenberg – noch nicht ganz

von phorkyas

(1)
Was macht die Technik mit uns?

Dem Sichter und Ordner bin ich noch eine Stellungnahme zu Kittler schuldig. Ich ringe immer noch damit. Das schwerwiegendste Problem war wohl, wie dessen technifizierte Prosa auf der Überholspur, mich mitten in Kerngebiet meiner eigenen Interessen und Kompetenzen, so gnadenlos abhängte: So sehr flogen mir Turing, Shannon, Logarithmen, Frequenzen, Theoreme, Operatoren um die Ohren, dass ich mich fragte, ob das mit rechten Dingen zu gehen könne, wie denn jemand so den Durchblick haben könne, als brutzele er seine Texte noch selbst mit dem Lötkolben zusammen.

Und wie kann dieser elektrifizierte Kittler dann hochachtungsvoll Lacan als einen Meister ansprechen? Ernsthaft? Ist da wirklich keine Spur von Ironie, wenn er das folgende zitiert:

Mit ausdrücklichem Verweis auf die »Theorie der komplexen Zahlen« schreibt Lacan die »imaginäre Funktion« des Phallus als √-1″ an. Daß mithin »der Phallus, d. h. das Bild des Penis, an seinem Platz im Spiegelbild negativiert« und als »der dem begehrten Bild fehlende Teil« sogar radiziert wird, hindert aber die Psychoanalyse, nicht anders als neuzeitliche Mathematik, in keiner Weise weiterzurechnen. Sie existiert folglich als einzige Wissenschaft, die das Imaginäre denken oder vielmehr formalisieren kann: »Darum auch ist [das erektionsfähige Organ] der weiter oben produzierten Bedeutung gleichzusetzen, des Genießens, den es durch den Koeffizienten seiner Aussage der Mangelfunktion des Signifikanten wiedererstattet: (-1).«
Draculas Vermächtnis, S.67

Diese Art von Prosa ruft ungute Erinnerungen an die Sokal-Affäre wach, und diesen ganzen unproduktiven Two-Cultures-Debatten (Natur- vs. Geisteswissenschaften). Und leider hat mich das auch betroffen: Ich wollte gleich auch Fehler in den Formeln finden, fand aber nur einen im Text, über den ich mir immer noch nicht hundertprozentig sicher bin:

[..] war nichts Geringeres als die direkte informationstheoretische Entsprechung zu Heisenbergs quantenphysikalischer Unschärferelation, derzufolge ja Spin und Position eines Elementarteilchens nicht gleichzeitig exakt zu bestimmen sind. S.204

(Impuls und Ort/Position, hätte es wohl heißen sollen, als das klassische Beispiel komplementärer Größen. Aber ob Ähnliches nicht doch auch für Spin und Ort gälte, stieß auch mich an den Abgrund meines Unwissens; war der Spin denn nicht auch so etwas wie ein Drehimpuls und damit auch nicht gleichzeitig scharf messbar mit dem Ort? -)

Als ich dann Teile von Kittlers Texten wiederlas, ganz ohne den Erwische-den-Geisteswissenschaftler-beim-Quantentheoriefehlzitieren, da merkte ich dann, wie viel Spaß mir die Texte und auch besonders die Fußnoten machten, in denen dann ganz selbstverständlich c’t und das emacs-Handbuch einfinden.

Bei Kittler ist auch etWas, das mich befremdet und und gleichzeitig auch anzieht, ähnlich vielleicht wie bei den Futuristen erster Stunde: dieser Technikglaube, die Andeutungen, dass der Sieg der Technik über das Subjekt schon vollzogen sei, unabänderlich – und dann kann man halt auch das Ende recht schön meterialistisch, technifiziert, androisiert abfeiern?