Rede an meinen Sohn

von phorkyas

Die frei fließenden Worte einer Begeisterung entfachenden Rede sind mir wahrlich nicht gegeben, dir das Wunder und die Großartigkeit des Lebens zu preisen, das für dich nun beginnt – das Wunder, das du selbst bist.

Aber was für Ratschläge soll ich dir schon mitgeben können? Als Erwachsener, dessen Weltsicht schon erkaltet und erstarrt ist, während du die Welt noch frisch und staunend, ungläubig und offen erfahren wirst, deine Ideen und Auffassungen davon noch plastisch sein werden, du immer wieder mit offenem Mund da stehen wirst vor den unglaublichen und großen Werken der Menschen und ebenso vor ihrer unfassbaren Borniertheit und Idiotie. Du wirst den Dingen begegnen ohne unsere Schemata und irrationalen Rationalisierungen. Misstraue ihnen – allen.

Welchen Ratschlag kann ich dir schon geben, außer keinem Ratschlag zu folgen? Schon gar nicht meinen.

Das meine ich durchaus ernst. Gerade weil ich dein Vater bin, wirst du glauben, dass ich alles weiß und alles kann. Vielleicht noch Erbe es Patriarchats, oder aber der kindliche Blick auf die ihm nahestehenden Erwachsenen, diejenigen die einen beschützen und umsorgen? Und ich werde auch alles tun dein Rettungsanker, dein fester Hafen zu sein, wenn Unwetter heranziehen. In den geistigen Dingen möchte ich dich aber nicht zwingen oder bestimmend leiten, dich nicht auf die ausgetretenen Pfade meines Denkens führen, sondern dass du dir immer selbst die unglaublichen Räume eröffnest, die der menschliche Geist sich baut.

Damit klinge ich nun selbst schon fast wie diese Bildungsprediger und ich war ja auch selbst schon allzuoft erstarrt vor dem Fetisch Buch. Vor ihnen nimm dich auch in Acht, die die Rede von Humboldt oder dem unabhängigen Denken so locker und phrasenhaft im Munde führen, dass sie gar nicht mehr merken, dass sie nur ihr eigenes, überlegen sich dünkendes Denken meinen. Lass dich auch nicht davon frustrieren, wenn Bildung dir nicht den Weg ebnet für den Aufstieg, wie so mancher Hollywood-Streifen das gerne zeigt. Darum geht es ja auch nicht.

[Vielleicht sind das nur Projektionen meinerseits, so wie Eltern sie eben haben, aber jetzt mit den 10 Monaten, die du alt bist, spüre ich schon deinen eigenen Willen, deine sich langsam entwickelnde Individualität. Ich möchte dir alle Möglichkeiten bieten, diese so frei zu entfalten wie möglich.]

Es ist nicht ganz einfach darzustellen und dieser Blog umkreist das Thema immer wieder: Was ist unabhängiges Denken? Frei nach Schiller, nach den alten, naiv-pathetischen Grundsätzen der Aufklärung: Ich möchte dir Gedankenfreiheit ermöglichen. Bis zu diesem hehren Ziel freue ich mich aber erst einmal auf das Geschenk, das du bist und darauf wie ich mit dir die Welt noch einmal neu kennenlernen werde.