Dämoniesierung der Technik

von phorkyas

Wir müssen doch nicht alles machen, was wir können.
Nein, wir müssen es nicht.
Aber?
Aber wir werden es machen.
Und weshalb?
Weil wir nicht ertragen, wenn der kleinste Zweifel bleibt, ob wir es wirklich können.

Hans Blumenberg

Auch bei Kittler gibt es diesen unterschwellig katastrophischen Unterton, vielleicht nicht einmal unterschwellig – aber es ist auch kein Kassandra-Ruf, dazu blickt er mit zuviel Faszination, ja vielleicht sogar Empathie in den vermeintlichen Abgrund der digitalen Technik. Vielleicht ist das, was mich bei Kittler so stark irritiert, dass ich bei ihm einerseits beinahe diese Faszination und fast Bejahung dieser neuen Technik finde, fast wie bei den Futuristen, aber andererseits mischen sich eben auch Töne bei, die das ganze ziemlich unheimlich und düster erscheinen lassen. Was es ja durchaus ist. Ja, möglicherweise finde ich diese beiden Seiten auch einfach bei mir selbst.

Aber wenn ich mich weiter mit Kittler beschäftigen werde, steht erst einmal die Quantenmechanik auf dem Programm.

Wenn ich nach dem Wesen der Technik gefragt würde, so würde ich, genauso wie bei der Kunst, sagen: (konstruktives) Spiel.

Edit: Hier war noch viel anzufügen. Darüber wie der Mensch seine Systeme baut, wie er von Silbe zu Silbe schließlich Kathedralen von Büchern erbaut – und ebenso in der Technik und in der Software. Ich erlebe, das beinahe täglich. Als wieder so ein neues Gerät angeschleppt wurde, ging es zunächst um elementare, fast atomare Operationen: eine Verbindung zu dem Ding zu etablieren, eine Nachricht rübermorsen. Ist das erst einmal geschafft, dann vertraut man fast darauf, dass der Rest auch gehen wird. Und die ersten erfolgreichen Befehle werden dann zum Steinbruch für die späteren Programme und aus diesen wiederum etc. So viel Code der recycled wird, und wenn man daran denkt, wie wichtig diese ersten Schritte sind, wie sehr ein mieser Aufbau der ersten Bausteine, das spätere Werk verschandeln oder gar unmöglich machen könnte, dann könnte einem bange werden und man müsste sich noch viel mehr anstrengen, schon bei diesen ersten Zeilen Code, aber leider ist es oft auch gar nicht möglich schon zu diesem Zeitpunkt vorauszusehen, wofür der Code später zweckentfremdet werden könnte…

Oft spricht man auch schon von Evolution, und das dynamische Wachsen, ja manchmal auch Wuchern der Codegeflechte mag manchmal schon etwas Organisches haben. Und auch wenn ich der Analogie nicht ganz traue, so bin ich doch überzeugt, dass die Natur in gewisser Weise recht ähnlich verfährt: Auch dort werden in den komplizierten chemischen Prozessen bestimmt Dinge, die man an einer Stelle gelernt hat zu tun, an anderer Stelle wiederverwertet, werden Strukturen wie Zellen wieder zu Bausteinen für übergeordnete Überstrukturen…