Frost vs. Fiktion

von phorkyas

– Und dieses abschließende, einsame Anführungszeichen am Ende des letzten Beitrages soll gleichsam eine Klammer sein für alles folgene? Als würde das alles in den Rahmen dieser Kantinengespräche stellen. Du weißt doch schon wie frustrierend der gescheiterte Smalltalk der meisten Kantinengespräche ist, oder?
– Vielleicht wird es ja eher unser Zwiegespräch.
– Frost vs. Forkjas?
– Und womit fangen wir an?
– Mit dem Fernsehen?
– Oh nein. Na dann hoffe ich, dass du dein analytisches Besteck dieses mal dabei hast. Beim Sichter und Ordner bist du doch ganz schön Baden gegangen damit.
– Mit meinem Seziergerät, ts. Aber es fängt tatsächlich etwas antianalytisch an: Zwei Fernsehmomente sind bei mir in den letzten Jahren hängengeblieben: Martin Sonneborn bei Zimmer frei und „Durch die Nacht mit.. Lena und Casper“.
– Ausgerechnet diese Nicht-Skandale?.. Aber ich könnt‘ mir schon vorstellen, was einen wie dich dran fesselt: So dieses Dysfunktionale. Das knisternde, scheiternde Zwischenmenschliche?
– Schon. Beim Sonneborn, das war ja schon eine Komplettdemontage des WDR-Kultur-Fernsehens. Danach kann man sich doch nicht mehr zu dem Publikum zählen wollen. Und diese Christine Westermann, die ist mir seitdem richtig unheimlich.
– Du meinst das ist Kultur für Hirntote, für Zombies. So wie Schlager in der Musik?
– So ähnlich. Diese Frau Westermann, wie die sich an die Leute ranwanzt, so das Persönliche, Sympathische herauskitzeln will, dass es in den heimigen Fernsehstuben ganz warm und heimlich wird: „Oh, guck ma, der XY, das is aber ein Netter!“
– Und dann glitt sie immer sauber ab, an der glatten Oberfläche der Kunstfigur.
– Ja, und diese Kälte die da aufstieg und diese Spannung, die da zwischen allen knisterte. Das hat richtig offen gelegt, wie die Mechanik der Sendung sonst funktioniert, wie da Frau Westermann den Gast umgarnt und der Alsmann währendessen seine Scherzchen oder Musik dazwischenwirft.
– Und warum begeistert dich das jetzt? Warst du nicht früher auch für Honigpumpen, Wärmeprozesse, Dissipation und Sonne statt Reagan? Und jetzt würdest du lieber Frostmaschinen aufstellen, um in usre liquidierte Hirnmasse, die schon matschig ist wie warme Butter ein bisschen analytische Kälte fegen lassen?
– Das ist ja auch für mich nicht leicht. Versteh‘ doch, von meiner eigenen Sozialisation: Es müsste das gelobte Land sein die Kultur, in Form der Bibliotheken, Museen und Theater, und die öffentlich beglaubigten Überbringer und Botschafter meine Helden.
– Aber du fremdelst immer mehr mit ihnen? Die Kluft wird langsam immer größer? Weil du selbst gerne ihren Platz hättest und es einfach immer noch nicht geschafft hast?.. Oder gibt es einfach keine richtige Kultur im Falschen?
– So ähnlich fühle ich wohl. Ja, ich habe mich von der offiziösen Kunst und Kultur schon sehr entfremdet. Das meiste geht mich nichts an, es spricht nicht zu mir. Vielleicht sind meine Ohren taub und meine Augen leer, aber…
– Aber du würdest dir gerne die Illusion bewahren, dass da noch poetische Sensibilität in dir ist, noch genügend Phantastik und Begeisterung die Welt zu verklären.
– Ja, ich glaube es ist mittlerweile schon so, dass man, um diese Sensibilität zu bewahren, sich nicht einlullen lassen darf, wie das Kabarett-Publikum, das darüber glaubt darüber lachen zu müssen, dass Leute über Mario Barth lachen, während es sich johlend auf die Schenkel klopft für Wortschöpfungen wie „Merkel-Ferkel“.
– Hmm.. Ich stoppe gleich mal das Band, habe das Gefühl, dass das heut nicht so richtig läuft. Vielleicht nicht genug Wein?
– Ach, weiß auch nicht. Vielleicht können wir ja noch zimindest das zweite Beispiel zu Ende bringen?
– Das mit Casper und Lena?
– Also auch da, das scheitern des Unterhaltungskonzept. Promis sollen sich begegnen, die sich sympathisch sind und damit auch hoffentlich so rüberkommen.
– Genau: vielleicht liegt da der Punkt. Für die Unterhaltung muss man das Publikum abholen. Und eigentlich treffen sich da ja beide: das Publikum will ja abgeholt werden, ob nun von Mario Barth oder vom Kabarettisten, es sitzt da schon mit gespannten Lachmuskeln und es müssen nur ein paar Erwartungen hier und erfüllt werden, das ganze in die richtige Richtung geleitet werden. Das Publikum will ja mitfühlen, will dabei sein, will sich identifizeren.
– Nur diese dumme Göre macht da einen Strich durch die Rechnung, indem sie mit ihren frechen und schnippischen Kommentaren jede Sympathie für sich unterminiert.
– Womit sie die deine nun uneingeschränkt hat.
– Sicher.
– Und wie die Leute besonders im Netz dann über sie hergefallen sind. Wie borniert und spießig.
– Es kann einem schon Angst machen, wie eng das Raster schon ist. Man muss wohl immer cool und lässig, umgänglich sein. Wenn jemand sich nur schon ein bisschen von dieser Verhaltensnorm entfernt, dann geht das ja mal gar nicht, und müsste wohl gleich geteert und gefedert werden.