Heute im Blätterrascheln: das Netz aller Dinge

von phorkyas

In der FAS so ein sämiger Feuilletonschaum von Harald Staun:

Wer aber glaubt, man könne eine Grenze ziehen, eine Firewall zwischen Fakten und Fiktionen, zwischen Prosa und Poesie, zwischen einem Ich aus Fleisch und Blut und seinem aus Zeichen gemachten Doppelgänger; wer glaubt, es gäbe eine Wahrheit zu entdecken, indem man diese Grenze überschreitet, oder umgekehrt eine zu schützen; wer denkt, es gäbe Schlüssel, um die Tür zwischen Dingen und den Wördern auszusperren oder jene zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen, der vergisst, womit man es zu tun hat, wenn man liest. Es ist die Sprache, die uns undurchschaubar macht, die Sprache, auf die man sich nicht verlassen kann, die Sprache die immer einen Rest lässt, der nicht aufgeht: den Rest den man das Leben nennt. Datenbanken, Dechiffriermaschinen, Hirnscanner, Algorithmen, all diese gewalteigen Erkenntnisapparate, sie wissen nichts von diesem Rest; die Literatur besteht aus ihm.

Und ist der Sprache nicht auch zu misstrauen, wenn sie einen unauflösbaren Rest behauptet, den präzise zu bezeichnen nicht möglich sei? Welche Sprache soll denn dazu in der Lage sein zu bezeichnen, was nicht zu bezeichnen sei? Die poetische, die literarische. Ist das nicht nur eine Behauptung, eine Versprechung, Verheißung?
Aber es verspricht ja eine letzte uneinehmbare Festung gegen die bösen Algorithmen und Datenkraken da draußen, obwohl doch die wahren Gefahren zur Gedankenkontrolle in unserem Kopf selbst schon sind: wenn wir uns im Gefühl der kulturellen Superiorität und Unberührbarkeit zurücklehnend dem neuesten Trend oder Aberglauben erliegen, denn was in uns hineinwirkt sind doch alle anderen Mitmenschen und ihre Sprache (und wir so unfrei, dass schon wieder ein Text herauskommt, in dem die NSA erwähnt wird).

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Einen Moment der jähen Scham und Erleuchtung über die frei flottierenden Abergläubigkeiten und Verhaltensmuster hatte ich beim Sektaufbewahren: wie konnte es sein, dass ich als Naturwissenschaftler tatsächlich auch diesen Trick mit dem Gäbelchen im offenen Flaschenhals praktizierte, als würde dieses die Kohlensäure im verbleibenden Getränkerest länger halten?
(Wir lernen durch Nachahmen. Wir kopieren unaufhörlich, schon als Säugling das erste Lächeln – wie sollten unsere Gedanken und Verhaltensweisen anderes sein als ein wildes Sammelsurium überkommener Codes. Wenn Kultur und Literatur jetzt also nach Staun oder der gängigen feuilletonistischen Version den Raum für freies Denken schaffen, so könnte Kultur als Ansammlung und ideologische Abhärtung dieser Gedanken-Codes auch das Gegenteil sein.)

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Das liegt schon wieder nur millimeterweit von dem ärgerlichen und unfruchtbaren Stellungskrieg zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, von dem ich mich fernhalten wollte, der aber bei einem Post vom Sichter und Ordner ebenfalls anklang.

Über die Zahlen und Figuren zitiert Staun dann Manfred Schneider:

Wir werden das Reale nie haben, sondern wir müssen es uns immer in Symbolen, Bildern, Tabellen, Zahlen, Daten, Charts aneigenen. Das ist der Fluch des Auszugs aus der Natur. Es gibt keinen Weg zurück ins Paradies der Mittelbarkeit.

Dieser erste Teil des Zitats trifft wohl genau auf die NSA zu: Das Zentrale ist nicht nur die Filterung, sondern die Interpretation der Daten – aber ob die Zentralen des Bösen wie NSA und Google deswegen mehr Geisteswissenschaftler statt Mathematiker einstellen sollten? Vielleicht. –

Im zweiten Teil sollte wohl eher stehen: Unmittelbarkeit, wie Staun in seinem nächsten Satz auch sofort ersetzt:

Trotzdem wurde dieser Weg immer wieder gesucht, nicht einmal das Paradox, dass man sich, um die Unmittelbarkeit wiederherzustellen, auf die aufwendigesten Mittel einlassen musste, schadete dem Projekt.

Das Projekt ist der Transparenztraum, gemeint ist wohl vor allem die Transparenz unserer Schädeldecke. Es können ja auch nur sinistre Geister sein, die dort hineinblicken wollen, wie Nephrologen, Jakobiner, Geheimdienstler und Datenkraken.

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Vor meiner Haustür wurde jedenfalls etwas mehr Transparenz hergestellt, indem das grüne Heckengebüsch radikal gekürzt wurde. Nach erstem Zweifel begrüße ich diese Änderung, schließlich war ich Zeuge, wie ein Nachbarjunge dort hineinstrullerte und meine Frau sah, wie andere dort Verpackungen hineinwarfen. Nun muss man sich vor möglichen darin verborgenen Scheußlichkeiten keine Sorge machen.

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Jedenfalls kommt fast keiner dieser Texte im FAS-Feuilleton ohne das Internet aller Dinge aus. Nun sind wir hier.. und was ist? Die nächste große Sache hat zu gemacht, jetzt ist das Netz so leer. So long and no fish. Was soll ich hier noch.