Soziologie mit Markus Lanz

von phorkyas

Warum müssen Sünger immer so tun, als haben sie sich nicht verändert? Bauch einziehen und Oldies blöken – was ist das für ein Sängerherbst? Das sind Fragen an den Wind, doch nicht nur der Wind weiß die Andworte, sondern auch ich: Grund dafür ist der Kreativitätsvernichter Nummer ein, das Publikum. Applaus ist eine Wohltat, aber die Phrase er sei das Brot des Künstlers, ist unzutreffend. Applaus ist das Valium des Künstlers. Das Publikum honoriert immer eher den Stillstand als den Wandel. Insgeheim verachten viele Künstler ihr Pblikum zutiefst. Das ist verständlich und bedauerlich. Der Sänger soll das Publikum achten, sich aber nicht um dessen Meinung scheren. Das Publikum klatscht doch nicht, weil ein Lied besonders gut ist, sondern weil es ein Lied bereits kennt. Es beklatscht sein eigenes Gedächtnis, es beklatscht, daß die vielen Flaschen Voltax nicht umsonst getrunken wurden. Das übelste ist der Brauch zu Beginn eienes Liedes zu klatschen, um damit zu prahlen, daß man es erkannt hat. In solchen Föällen sollten die Sänger den Vortrag unterbrechen und sagen: „Ja, wenn Sie das Lied schon kennen, dann brauche ich ja nicht zu Ende zu singen. So kommen wir alle früher ins Bett.“
Max Goldt

Eine Sendung Wetten dass.. kann ein Semester Studium Angewandter Soziologie ersetzen. Was man da an Material aufgeboten bekommt, nicht nur durch die Sendung selbst, sondern auch die Fremdschäm-Kommentare hinterher. Was provoziert diese Ablehnung? Ich glaube, es ist nicht einmal dieser Bildungsbürgerimpuls, der auf das Schmuddelkind Unterhaltung hinabblicken muss, sondern der Anspruch der Sendung selbst, der so polarisiert: Sie will nicht nur die Familie vor dem Fernseher vereinen, sondern weit vorstoßen in die innerste Herz-Mitte der Gesellschaft, nah am Puls der Zeit, doch immer mit Blick auf eine breitestmögliche Akzeptanz. Dies ist kein leichtes Unterfangen und die Häme der Kritiker wartet nur auf jeden Fehltritt. Vielleicht kommt daher auch die Verspanntheit und die Angestrengtheit des Moderators, die mir aber schon fast lieber ist als die seifig-ölige Gewandheit bis Schmierigkeit eines Gottschalks der einfach alles wegmoderieren könnte.

Was gab es also bei der Sendung im Juni zu sehen: Augenfällig war der Körperkult des Moderators, der die Kamera noch ein weiteres mal auf die Sixpacks eines Mitwirkenden dirigierte oder sich nicht entblödete die Kinder zu fragen, welche Frau sie schöner fänden, Cindy aus Marzahn oder Michelle Hunziker, nur um zögerlich das hohle Echo des in uns hineingetrichterten Schönheitsideals zu vernehmen; so besorgt Werbung heute was Frau Riefenstahl sich nicht hätte träumen lassen. Cindy aus Marzahn reagierte verärgert, der Scherz sollte wohl harmlos und auflockernd sein, verdross die Stimmung zwischen den Moderatoren doch aber sichtlich. Solche kleinen Missgriffe unterliefen Lanz häufiger. So führte er seine Gäste fast durchgehend wie ein One-Trick-Pony in die Manege, dem man das richtige Stichwort nur hinzuwerfen braucht und die man dann nicht weiter benötigt. So hatte er die Geißens zu Gast, deren mediale Marke durch einen sehr penetranten Ruf der Frau nach ihrem Gatten definiert zu sein scheint. Herr Lanz sah sich nun bemüßigt, von der Gattin genau ebenjenen Ruf zu verlangen, was diese zu Recht verweigerte, da das nicht auf Knopfdruck ginge. Sonst hatten die beiden ihre Rollen aber schon so veräußerlicht, dass sie unentwegt argumentierend und quasselnd Herrn Lanz teilweise das Heft aus der Hand nahmen.

Rollen; das war auch so ein Thema, das sich bei einem anderen Gast sehr schillernd zeigte. Die Kunstfigur Paul Panzer legte einen gekonnt tolpatschigen Auftritt hin, indem er mit dem Motorrad wieder aus der Manege ausfuhr und obendrein eine Seitenwand rammte. Wahrscheinlich war das alles geplant und inszeniert. Was mir aber gefiel, war wie Herr Lanz später nach dem vergeblichen Versuch Frau Hunziker Details ihrer Schwangerschaft fürs Boulevard zu entlocken, darauf verfiel nun Paul Panzer nach seinem Eheleben zu befragen; und so also unterschiedslos die „reale“ noch in der Yellow-Press zu inszenierende Schwangerschaft neben dem Liebesleben der Kunstfigur stand.

Weiterhin konnte man kleine Einblicke in die Massenpsychologie erhalten. Darin wie Leute wie Raab und die Ballermann-Sänger ein Gefühl für das Publikum haben. Wie man seine Erwartungen erfüllt, es unterhält und gut wegkommt. Was passiert, wenn man es sich mit den Leuten verscherzt, bekam eine Herausforderin des Moderators leider zu spüren. Die Pfiffe erntete zwar dann Herr Lanz, weil er die Kandidatin einfach durchwinken wollte, aber da konnte man einen Moment sehen, wie das ist, wenn man die Erwartungen des Publikums unterläuft, ihnen keine Show liefert, sondern stattdessen argumentiert oder Ausflüchte sucht.