Warum Bloggen so scheißegal ist

von phorkyas

– Weißt du ich hab da diese Kondensationskeimtheorie.
– Und deswegen ist Bloggen also Dreck?
– Nu, jetzt wart doch erstma ab. Du weißt doch was ein Kondensationskeim ist, oder?
– Ja, klaro. Nehmen wir diese alten Nebelkammern. Da war doch übersättigte Luft drin. Also Luft in der mehr Flüssigkeit gelöst war, als eigentlich bei der gegegebenen Temperatur drin sein dürfte. Und dann reicht ein kleines Teilchen, das durch die Kammer fliegt, um eine Spur von Tröpfchen oder Nebel hinter sich herzuziehen.
– Genau, das ist der Kondensationskeim.
– Und du meinst jetzt, das gäbe es vielleicht auch im Geistigen? Dass sich auch für unsre Gedanken, so ein Staubkorn oder Fremdkörper finden muss, an dem unsre lose Assoziationsketten zur Auster-Perle reifen können.
– Na, umm. Das geht doch so jetzt auch nicht. Nicht so eine fiese Metaphernsauce.
– Ha! Hab ich dich nicht vernommen, all unser Begreifen ginge letztlich nur über Metaphern. Auch die ganze Wissenschaft, nur ein empirisch etwas erhärterter Metaphernbrei.
– Ja, vielleicht habe ich dergleichen schon..
– Nun für Rückzieher ist es jetzt zu spät.
– Ok, also dann: Meistens trottet unsre Denkmaschine ja trübe in den immer gleichen Assoziationspfaden. Nur manchmal liegt vielleicht etwas in der Nebelkammerluft und wenn es dann gelingt, das zu verdichten, herauszudestillieren, dann zieht vielleicht ein Kondensationskeim seine Kreise.
– Hmm.. Wechseln wir da nicht schon etwas kontinuierlich in ein anderes Metaphernfeld der Physik?
– Stimmt, elektrisierte Luft, ein Feld. Spannung. Ein sich entladendes Gewitter.
– Das wären also dann die geistigen Atmosphären. Revolutionskeime.
– Ok, ich sehe wir verirren uns schon im Metapherngestrüpp, bevor das hier gänzlich zuviel Fahrt aufnimmt: was soll das jetzt mit Blogs zu tun haben?
– Nun, das gilt eigentlich nicht nur für Blogs: du wirst es nicht sein. Du wirst nicht diesen Kondensationskeim bilden. Einfach reine Statistik. Schau dich um; da sind so viele die das Internet zu kleistern. Glaubst du dein Scheiß wär irgendwie besonders, dass irgendwo plötzlich die Hundertschaften anrücken und sich darin sehen: Ja, das haben wir noch nie so auf den Punkt gebracht gelesen.
– Bah, kommt jetzt nur wieder öliges Selbstmitleid, dafür hatten wir das hier doch nicht begonnen, ich dachte, du wolltest mal ein bisschen Dampf ablassen.
– OK, OK, OK. Also wenn du in diese Fressen blickst, die Arrivierten, die die als Intellektuelle eine Talkshow schon durch ihre bloße Anwesenheit verhübschen (Spiegel: Enzensberger), dann sind das ehemalige Kondensationskeime. Die stehen da für irgendwas, wo mal ein bisschen Nebelspur an ihnen abgeperlt.. jedenfalls erkennt die Öffentlichkeit ihnen danach auch irgendeine Rolle zu wie eben Intellektuellendarsteller oder Augenbrauenumherträger oder so etwas.
– Nicht gerade dass man mit denen Tauschen wollte, oder?
– Doch, dass will doch jeder. Zumindest mal für 15 Minuten, ein Stichwort einwerfen zu können, einem von diesen Darstellern auf die Schuhe pissen.
– Wirst du nie.
– Eben. Was mir aber dabei nicht aus dem Kopf will ist die.. vertikale Verengung. Alles strebt zu diesem kleinsten Fleck, Pasternaks Scheinwerfer des (öffentlichen) Bewusstseins und da purzeln sie alle Durcheinander die Enzensberger, Gottschalks, Snowdesns, EHECs und Ronaldos.
– Du meinst selbst in der Öffentlichkeit, unsrer Erregungsgemeinschaft kann von fehlender Vertikalspannung nicht die Rede sein?
– Yep. Und leider geht es in den Köpfen ganz tief drin: Hier in so nem sozialen Brennpunkt, wo ich lebe, da ist das „Unten“ in jede Seele tätowiert und je tiefer man sich selbst schon fühlt, desto heftiger ist man auf der Suche, andre zu erniedrigen, zu beleidigen, zu verarschen.
– Der Pausenhof hört nie auf.
– Ja, es wundert mich auch wie Leute von „asozialen“ Netzwerken sprechen können, nur weil’s da Cybermobbing oder so etwas gebe. Dabei zeigt der Mensch doch auch dort nur seine normale soziale Interaktion.
– Der Mensch das asoziale Tier.