Begegnung der 3. Art

von phorkyas

II

Die Einarbeitung bestand darin, dass man in diese 500.000 Zeilen Quellcode gesetzt wurde und geschaut wurde, ob der Kandidat nach ein paar Monaten noch oben schwamm oder vielmehr sich mühsam paddelnd irgendwie über Wasser hielt. Natürlich konnte man Fragen stellen, aber eine graduelle Heranführung an dieses Monstrum von Programm war nicht vorgesehen. Diese Vernachlässigung der Mitarbeiter geschah bewusst; wir sind ja auch in der freien Wirtschaft nicht auf dem Ponyhof, so könnte es implizit gerechtfertigt worden sein. Bei manchen Mitarbeitern wirkte sich das allerdings auch negativ auf die Motivation aus, so dass sie nur Dienst nach Vorschrift machten und das Büro nach dem acht Stundentag pünktlich verließen. Einer derjenigen, die geschasst wurden, drückte es etwas drastisch aus: Wo man Scheiße reintue, da käme nur Scheiße raus. Wobei er auch gleichzeitig behauptete, dass er, was er da gemacht habe, nicht so schlecht ansehe, wie es befunden worden sei. Und das war ein älterer, erfahrener Mitarbeiter, von dem wir Jungspunde eigentlich gerne etwas gelernt hätten. Aber die Kommunikationskultur. Überhaupt, das musste ich feststellen, und das ist wahrscheinlich überall das gleiche und das ist nicht nur im Internet so. Man stecke auch nur zwei Leute zusammen, die sich über irgendetwas verständigen müssen und schon wird der eine irgendwelche impliziten Voraussetzungen gemacht haben, von denen er denkt sie seien in dem Kommunizierten doch auch deutlich gewesen, während der andere von etwas anderem ausgeht. Kritisch auch gerade an den Schnitt- oder Übergabestellen, wo ein Teil des Projektes von einem Teil der Firma in den nächsten gereicht werden soll. Nie ging das ohne Reibungsverluste. Das war auch einer von Bob Machas Lieblingsaufregern: wie man das eigentlich mit einer klaren Checkliste machen müsste und dann würde unsre Abteilung erst loslegen, wenn jeder Kontrollpunkt sein sauberes Häkchen hätte, aber natürlich lief es nie so. Immer fehlte noch hier und da etwas, zeigte sich das Wörtchen „fertig“ in all seinen bösartig schillernden Bedeutungsschattierungen.