Aléas Stimme

von phorkyas

In einem Theater brach hinter den Kulissen Feuer aus. Der Pierrot trat an die Rampe, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz und applaudierte. Er wiederholte seine Mitteilung; man jubelte noch mehr. So, denke ich mir, wird die Welt eines Tages untergehen.
Sören Kierkegaard „Entweder – Oder Διαψαλματα“

Wenn man nicht mehr unvoreingenommen ist, sollte man ein Buch besser gar nicht erst anfangen. Bei dem Roman „Aléas Ich“ hatte ich in dem zugehörigen Blog zuvor schon ein Kapitel gelesen, das einige Befürchtungen weckte. In dem Kapitel trifft eine Person, die den gleichen Namen wie die auf dem Buchrücken firmierende Autorin trägt, auf ihren Doktorvater und ein matrixhafter Dialog entspinnt sich, in welchem angekündigt wird ebenjenen Dialog zu dem Kapitel eines Romans zu machen. Nein, ich kann mir nicht helfen, ich konnte romantische Ironie noch nie ausstehen. Vielleicht ist sie noch anregend, wenn man sie zum ersten Mal durchdenkt, wenn sie auf neue, kreative Weise daherkommt, aber im Normalfall, wirkt sie bei mir eher destruktiv. So zum Beispiel auch bei Paul Auster, wenn dort von einem Schriftsteller erzählt wird, der, oho, Paul Auster heißt. (Seit den „Brooklyn Follies“ habe ich mich von diesem Autor doch ziemlich entfremdet – Als dann „Aléas Ich“ auch noch mit diesem sinnlos herbeizitiertem Nichtdatum des 11. September begann, womit die „Brooklyn Follies“ enden, wollte ich das Buch für einen kurzen Augenblick schon wieder weglegen.)

Das Problem mit der romantischen Ironie ist doch, dass es auf die Gemachtheit des Textes verweist und damit die Illusionswirkung aufhebt, die ein Text doch gerade hervorrufen soll. Wie wirkt also ein Text, der sich dem von vorneherein verweigert? Gar nicht?¹

Aber ich möchte mich wohl in Rage reden, vielleicht sogar meinen ersten Verriss produzieren, obwohl ich Werke mit solchen Metaebenen sogar zu den größten zähle, und obwohl mir dieses Kapitel als ich es dann im Buch las gar nicht mehr so schlimm erschien, die damals so vorwitzig-überkluge und doch naive „Ich-bin-so-meta„-Art gar nicht so penetrant, wie damals empfunden. Bücher im Buch, Theaterstücke im Stück – es ist ja nicht so als hätte das die Postmoderne erfunden. Ich fühlte mich auch ungut an meine erste Jugenderfahrung mit „Sofies Welt“ erinnert. (Und musste mir dann eingestehen, dass diese so „ungut“ nicht war. Ja, dass die Dramturgie und auch der Inhalt in „Sofies Welt“ doch eigentlich wunderbar ist.)

Aber zum Text. Dort ist eine Stimme. Aléas Stimme. Von dem vorangestellten Disclaimer bis hin zu der Danksagung, den Dialogen und einem anderen Erzähler durchwaltet sie alles, inklusive Blog. Irgendjemand stellte die Behauptung auf, eine (Erzähl-)Stimme zu finden sei alles. Ist hiermit also schon alles erfüllt? Ich glaube, hier ist diese Stimme auch ein Problem, ihr Vorwitzig-Vorpreschendes, ihr Behaupten – unter anderem auch die Selbst-Behauptung – was andere in den Vorwurf der Maniriertheit münzten. „Maniriert“ ist wie „künstlich“ für mich aber kein Kriterium, schon gar kein Vorwurf an einen literarischen Text, der wie alle Kulturwerke natürlich künstlich ist.² Einer der der Eigenheiten dieser Stimme ist zum Beispiel auch das angehängte Oder. Anders als unsere schwankende-wankende Generation der Zauderer und „Maybes“ wird dieses Oder aber nicht zur fragenden, zögerlichen Einschränkung, sondern um ähnlich wie bei Kierkegaard³ den Leser mit Witz in etwas in Schwindel zu versetzen:

In Berlin sind viele Verrückte unterwegs. Sie machen jede Nacht Party und dann sprechen sie fremde Menschen an. Oder sie sprechen sie nicht an. Das eine so verrückt wie das andere. In dieser Stadt bleibt einem gar nichts anderes übrig. Man wird verrückt, weil es alle sind. Oder man wird es, weil man vermeiden will, es zu werden. Das ist das Allerverrückteste.
Aléas Ich (S. 398)

Zu diesem Witz gehört auch eine Wendigkeit und Schlagfertigkeit und ein hohes Tempo, bei dem oft nicht ganz klar ist, ob der erzeugte Schwindel von einem Blick in eine nur geahnte Tiefe hervorgerufen wird, oder ob sich obiges Zitat nicht z.B. auch auch auf die Trinkhallengänger in Oer-Erkenschwick beziehen könnte. Ein Blogkumpan stellte in den Kommentaren, die Behauptung auf, dass Torik gerade dabei schwindele, dass diese Tiefe immer nur behauptet sei – ich bin zwar skeptisch, wage da aber kein Urteil.

Diese Frage ist auch nicht zentral; für mich ist entscheidend: gelingt die Hauptkonstruktion, gelingt es in einem organischen Textgewebe Aléas Ich erstehen zu lassen. Und diese Frage muss ich für mich verneinen. Im Text selbst wird das Bild eines Hauses für den Roman gewählt. Entweder ich bin fälchlicherweise in ein schiefwinklige Bruchbude geführt worden, oder in dieser Trickfilmsequenz, bei der eine auf Wand gemalte Tür zum Hineingehen benutzt wird, musste ich leider draussen bleiben. Nein, ich habe nie ganz hereingefunden und verließ diesen Roman ähnlich enttäuscht wie das Kino, als ich mir das zweite Mal „Inception“ angesehen habe. Enttäuscht darüber, dass hier etwas mangelte und frustrierter schon darüber, wie wenig ich in der Lage dazu bin, diesen Mangel auch deutlich auf den Punkt zu bringen.⁴

Leerstellen mögen ja angehen, braucht ein Text vielleicht schon zum Atmen, aber hier fühlte ich mich manchmal, als wäre das Kapitel noch gar nicht renoviert und mir würde als Leser Pinsel und Farbe in die Hand gedrückt: Mach mal! Gerade die Nebenfiguren waren als völlig leere Projektionsflächen für mich teilweise ärgerlich: Wer die oberflächliche Facebook-Kommunikation aufs Korn nimmt, sollte in der Lage sein für Aléa einen Freund zu produzieren, der nicht so flach wie ein Facebookfreundschaftsprofilphoto ist. Vielleicht demonstriert diese Austauschbarkeit des Personals und der Schauplätze aber auch nur wieder die Willkür und Macht der Autorin, die ja auch nicht immer schlecht in Szene gesetzt wird. Gefallen hat mir zum Beispiel der Einfall, zu bemerken, dass keine der Nebenpersonen bisher einander begegnet sind und sofort im Anschluss wird genau so eine Begegnung imaginiert.

Aber es hilft nichts. Für mich. Wie für mich durch alle Traumebenen bei Inception hindurch der Sinn dieses Filmes leer bleibt, so dokumentiert dieser Roman durch alle Metaebenen hindurch trotz dieser prägnanten Stimme vielmehr die Abwesenheit eines Ichs, als dass er es schaffte eines aus der Taufe heben.

Vielleicht müssen wir uns in diesen Zeiten langsam zu einer solchen Erkenntnis durchringen und vielleicht laufen deswegen schon so viele zum Buddhismus über, aber ich bin noch so altmodisch, dass ich nicht an die Nichtexistenz meines Ichs glaube und werde noch einige Zeit ins Land gehen lassen, bevor ich Aléa in ihr Nirwana nachfolge.

¹Ich glaube, wofür der Roman noch seiner Entstehungszeit so kritisch beäugt wurde, dass er die Geister vor allen Dingen der jungen Damen so verwirren könne, ist die Möglichkeit durch geschriebene Worte, den Leser in einen neuen imaginären Raum zu versetzen, seine Fähigkeit zur Immersion. – Schon Cervantes Satire richtet sich doch genau auf diesen Punkt. Von dieser „klassischen“ Wirkungsweise, die am leichtesten sich immer noch über Identifikation mit einem der Helden sich bewerkstelligen lässt, kann man, so meine ich, letztlich nicht vollständig abrücken.

²Denn „künstlich“ gehört zum Menschsein wie unsere zweite Haut. Das fing schon mit der Agri-Kultur an, welche heute nach wie vor die Landschaften verändert. (s.a. Plessners Gesetz der natürlichen Künstlichkeit)

³“Verheirate dich, du wirst es bereuen; verheirate dich nicht, du wirst es auch bereuen. Heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen. [..] Meine Weisheit ist demnach leicht zu verstehen; denn ich habe nur einen Grundsatz, von welchem ich auch nicht immer ausgehe. Man hat zu unterscheiden zwischen der erst nachfolgenden Dialektik eines Entweder-Oder, und der hier angedeuteten ewigen. Sage ich z.B. hier: ich gehe nicht von meinem Grundsatze aus, so ist dies nur der negative Ausdruck für meinen Grundsatz, oder das, wodurch er sich selbst in dem Gegensatze faßt zwischen einem Ausgehen davon oder einem Nichtausgehen. Für die Zuhörer, die im stande sind mir zu folgen, ungeachtet ich im Grunde keine Bewegung mache, werde ich jetzt die ewige Wahrheit entwickeln, wobei das philosophische Denken in sich selbst bleibt und keine höhere gelten läßt. Ginge ich von meinem Grundsatze aus, so würde ich nicht wieder aufhören können; denn hörte ich nicht auf, so würde es mich verdrießen; hörte ich auf, so würde es mich gleichfalls verdrießen. Jetzt hingegen, da ich niemals davon ausgehe, kann ich immer aufhören; denn mein ewiges Ausgehen ist mein ewiges Aufhören. Die Erfahrung hat bewiesen, dass es der Philosophie keineswegs so schwer ist, anzufangen. Weit entfernt: sie fängt ja an mit nichts, und kann also immer anfangen. Was dagegen der Philosophie und den Philosophen schwer fällt, ist aufzuhören.“ Kierkegaard Entweder/ Oder

Vgl. dazu Torik (S. 18):
„Das Universum hat mit dem Urknall angefangen und die Menschhiet mit Adam und Eva. Meine Hochachtung an die Kollegen vom physikalischen und theologischen Institut, beides sind gelungene Anfänge. Irgendwie muss jede Geschichte losgehen. Es muss losgetreten werden: das Vergehen von Zeit. Denn nur wenn Zeit vergeht, geschieht etwas. Oder umgekehrt. [..] Auch die erste Geschithe musste irgendwie anfangen. Vielmehr die Geschichte vom Ersten. Die Geschichte vom Anfang ist schon nicht mehr der Anfang selbst. Das Erste ist bereits vorüber, wenn es erzählt werden kann. [..] Meine Webpräsenz besteht aus sechs einzelnen Seiten, den sechs Seiten oder Möglichkeiten eines Würfels. ‚Gott würfelt nicht‘, hat Einstein behauptet. [..] Die Aleatorik, die sich des klassischen Kubus bedient also ein regelmäiges Hexaeder ist, hat nämlich nur sechs Flächen. Da ist kein Platz für einen Sonntag.
Bekanntlich brauchte Gott am siebten Tag vor allem Ruhe. Obwohl man ihn durchaus im Verdacht haben könnte, schon an den Tagen zuvor in Pausenlaune gewesen zu sein. [..] Was manche hochtrabend die Schöpfung nennen, macth doch einen recht zusammengewürfelten Eindruck. Vielleicht kommt die Aleatorik ja doch zu ihrem Recht.
Das ist der erste Eintrag in diesem Blog: mein Anfang. Ein geradezu göttliches Gefühl. Mir wird’s zugegeben, ein wenig schwindelig. Gott hat wahrscheinlich auch geschwindelt an seinem Anfang. Warum sollte ich also die Wahrheit sagen?“

⁴Bei Inception dachte ich zunächst an ein Rätsel oder Puzzle, von dem entscheidende Teile versteckt wurden. David Lynch gibt ja beispielsweise vor nicht einmal selbst diese Teile zu kennen, so dass es bei seinen Filmen müßig ist, diese zu suchen. Beim zweiten Schauen musste ich dann leider Feststellen, dass es kein Rätsel gibt, dass wohl doch nur glattgeschliffene, säuberlich montierte Hollywoodmechanik ist. „Aléas Ich“