Dichterbilder (1)

von phorkyas

von Billy Bob Thornhill

schostakowitch
Ich besuchte ihn in seiner Höhle. Aus den Lautsprechern einer altertümlichen Anlage klang Schostakowitsch, Streichquartette, viel zu laut, markerschütternd. Auf einem Plattenspieler rotierte eine alte LP. Seine ganze Gestalt war verwahrlost, verwildert. Wirklich war er wieder Teil der Wildnis geworden, hatte Anstalten gemacht, zu Stein zu werden, zu Pflanze, das Tier hatte er offenbar fast schon erreicht. Für ihn mochte das ein Triumph sein. Ich war mir nicht so sicher, ob ich diese Einschätzung teilen sollte … — Keine Angst, rief er mir zu, der Löwe ist zahm, wir leben schon zu lange zusammen, als dass er mir … sehen Sie hier, er reckte mir den Schädel eines Toten entgegen, das ist der Letzte, der ihm zwischen die Fänge geriet! Ein Wanderer, ein Unfall, vor Jahren war das! Viele, viele Jahre her. Beruhigen Sie sich, rief Dr. Phorkyas und räumte mir einen baufälligen Stuhl frei, den ich vorsichtig bei der Lehne packte, dann aber doch lieber mied. Mit einem misstrauischen Seitenblick auf den Löwen, der jede meiner Bewegungen genau studierte, hockte ich mich auf eine alte Weinkiste. Auf dem Pult stapelten sich Manuskripte, wie ich sah, bedeckt mit einer engen, kleinen, akkuraten Handschrift. — Sie arbeiten?, fragte ich. — Sie schreiben für Dagens Nyheter?, fragte er zurück. Dabei zückte er sein Smartphone. Das brauche ich sonst nur für Go-Spiele, gab er mir mit einem freundlichen Lächeln, das zahllose Zahnlücken sehen ließ, zu verstehen. — Wo bekommen Sie Strom her?, wunderte ich mich. — Oh, das lassen Sie mal meine Sorge sein!, sagte er und kicherte; dann, weil er bemerkte, dass mich diese unhöfliche Bemerkung verdross. lenkte er schnell ein: Ein selbstgebauter Reaktor unterhalb der Höhle. — Offenbar sah ich entsetzt drein, denn wieder hob er flehentlich die Hände: Keine Panik! Keine Panik! Alles unter Kontrolle! Uns kann nichts passieren. Nichts passieren … Er wandte sich seinem Smartphone zu. Verdammter schlauer Teufel!, murmelte er, und ich hörte, wie er mit seinen schadhaften Zähnen knirschte. — Und Sie sind also soweit, ja?, unterbrach ich schließlich das Auf und Ab seiner wuchernden grauen Augenbrauen, das Mahlen seiner Kiefer und das träge Blinzeln seines Löwen, der gleichfalls eine leicht vegetative Form von Interesse an dem Spiel auf dem Display zu nehmen schien. Er sah mich überrascht an. — Was? Nein, wir sind mitten in der Partie … — Der Roman, sagte ich. Ich spreche von Ihrem Roman! — Sofort verklärte sich sein Blick. — Das große Werk, ja, flüsterte er, ja. Das große Werk. Ich habe es vollendet — fast! Gedulden Sie sich noch einen Augenblick! Nur einen klitzekleinen Augenblick! — Und er wandte sich wieder seiner Go-Partie auf dem Smartphone zu.