Phorkys Formproblem

von phorkyas

Es gibt in meinen Schreibtischschubladen so ein Romanmanuskript, das auch besser dort aufgehoben bleibt. Während ich damit einige Jahre rang, schien es mir so, als hätte der Text über den Kampf mit ihm und die unzähligen Wegstreichungen doch die ihm gemässe Form erlangt. Als ich es dann aber vor einiger Zeit las, war es mir unerträglich; unproportioniert und ungestalt und allenfalls noch für den Scherz brauchbar, es in einem anderen Werk als Fussnote einzubauen.

Dieses andere Werk ist noch in seiner Anfangsphase steckengeblieben.

Themen und Stoffe habe ich eigentlich schon in Überfülle, aber bisher verdichtet es sich nicht, es drängt sich nichts zum Ausdruck, sucht eine plastisch-gerinnende, organische Form. – Eine Form, von der ich immer mehr glaube, dass sie nicht Roman heisst, heissen darf. Nicht nur weil mich das Kulturell-Pompöse daran abstösst, sondern auch das Totale und Abgeschlossene. Meine Unwohlsein davor geht mittlerweile schon so weit, dass ich schon in poststrukturalistischer Textfixiertheit eine neue Totalität heraufschimmern sehe, die mich zurückzucken lässt. Wie in solcher Schreiblähmung überhaupt noch einen Satz über die Klippe schieben?

Es verlangt mir nach dissipativ-offenen, atmenden Strukturen.. Aber was sind diese, ist nicht noch viel zu neblig, unklar was darunter zu verstehen sei, sind das nicht auch nur.. leere Worte?

Was zu formen wäre, die Stoffe:
1) Das Problem des Organischen (das „Warme“). (Auch als Ganzes auf den „Text“ selbst zu beziehen: Ist der Text, sind wir nur eine Gerinsel Negentropie, eine Struktur autopoietischer Durchgeknalltheit im erkaltenden, erstarrenden, auskristallisierenden Universum)
2) Erkundung des entgegengesetzten Metaphernpols (der „Kalte“): das Mechanische, die Technik,.. schliesslich auch: das Kybernetisch-Digitale? Auftritt der Avatare. (Liegt in unserer Gesellschaft ein Übergewicht auf diesem Pol? Weht von dieser Seite her die soziale Kälte? Woher überhaupt diese emotionalen Zuschreibungen?)
3) Übergreifende Konzepte die nicht bestimmend werden sollen: die Stufen des Organischen, das immer zentralistischere, autonome Formen hervorbringt, die in ihren Reaktionen, die immer höhere Kompexität ihrer Umwelt bewältigen — wie in diesen Reaktionsformen Begrifflichkeiten heranwachsen, wie Gefühl, Seele, Geist, Herz, Verstand, freier Wille; dass ein materieller Körper von solch mental genannten Prinzipien „bessessen“ gesteuert wird.
4) Meine Abscheu vor offiziöser, kulturträgergetragen Kultur, vor der abstossenden Inszenierung der Arrivierten, die wir in unserer Kulturtantigkeit dennoch umschwärmen, und zu denen es uns dennoch drängt, auch in der Hervorbringung unsres Werks.
5) Lebewesen als raumbehauptend – das Spiel Go, dessen Ziel das Behaupten von Gebiet ist. Dieses auch als mentaler Kampf oder Gespräch.. und nun auch wieder als Austragungsort eines Duells von Mensch und Maschine? (Ist da eine Lust an der Demütigung, auch in diesem erneuten Duell zu unterliegen.. oder ist darin nicht vielleicht ein weiteres verborgenes Element der Selbstüberhebung oder -erweiterung. Dass wir, wie wir mit Messinstrumenten all unsere Sinne übersteigerten, nun auch Maschinen so programmieren, dass sie begrenzte Problemstellungen besser lösen als unser eigener Verstand es kann.)
6) Gibt es einen prinzipiellen Unterschied in der maschinellen Datenverarbeitung und unserer mentalen Weltaneignung (vllt. formale vs. natürliche Sprachen) — und wie wird es sich auf unsere Weltauffassung auswirken, wenn wir sie ausschliesslich unter dem Paradigma der Informationsverarbeitung sehen?
7) Woher dieses Bedürfnis des Menschen (oder auch des westlichen Mannes?), die Welt bis in die Atome zu spalten, im Erbgut herumpfuschend oder künstliche Intelligenz hervorbringend Demiurg zu spielen, mit Stahltürmen zu Babel den Himmel zu kratzen?