Dystopische Trunkenheit

von phorkyas

Was dieser Schirrmacher nur wieder schreibt. Es kommt ja vor, dass ich die geschlagenen Wortschäume so eines Feuilletontextes etwas schwindlig verlasse. Ein tieferer Zusammenhang, ein übergreifendes Prinzip schien fast greifbar, aber dann sind es doch nur Wortwolken, die mir die Sinne vernebeln.

Bei Schirrmacher ist es mittlerweile doch schon.. Kopfschütteln und Belustigung. Kann er das noch ernst meinen? Wie er da anstürmt als einsamer Ritter von der tristen Gestalt gegen den Giganten Google anzugeifern? Ist sie echt, die Rage, in die er sich redet und in der er alles so schön trennt in gut und böse: die Maschinen, Wall Street, Algorithmen, soziale Physik, Spieltheorie sie sind es, die uns zu gefühllosen Monstern machen. Die positive Gegenseite kann man höchstens schemenhaft erahnen, da wird wohl Kunst sein und Literatur – das organische Menschsein.

Also guter alter Diskursbrei, in dem man ordentlich herumrühren könnte; von Goethe vs. Newton über Hoffmanns Olimpia zu Terminator, Matrix und philosophischen Zombies – aber stattdessen uns dann so eine dünne Suppe aufzutischen? Mit den üblichen schiefen Metaphern, aberwitzigen Aufzählungen, die verquicken, was offenbar nicht zusammenpasst. Da sind dann Apps Arbeitsbienen, die bisher unbekannte Märkte formalisieren oder Wall Street, Google, Apple oder Facebook sind die Geld(druck?)maschinen des 21. Jahrhunderts. Aber nichts ist böser als die im Dunkeln lungernde Datenkrake, die davon träume, die Kräfte des Sozialen auf einen Microchip zu verlöten. Überall raunt und wispert es da von den fies-sinistren Plänen, von digitalen Sozialexperimenten mit denen Google schon an dem Screening von Emotionen und der Semantik von Gefühlen arbeite – Dinge, von denen Google sehr viel wisse (z.B. das Blau sich als Schriftfarbe für einen Link sich am besten eigne – oha, die Weltherrschaft ist zum Greifen nahe). Und überall findet er noch einen Nagel für ein schiefes Bild mit seinem semantischen Kubismus, wenn er zum Beispiel von einer Wall-Street-Ökonomie des Intimsten munkelt, einer Ökonomie von der niemand so profitiere wie Google oder Facebook. Und kein Wort darüber, dass diese böse Kommerzialisierung, das florierende Geschäft das Netz erst zu dem gemacht hat, was es nun ist. Nicht dass diese Omnipräsenz, unsere Abhängigkeit davon nicht schon oft bedenkliche Formen annehme, aber den rhetorischen Hexenhammer, der da ausgepackt wird, ist doch etwas zu grob, um die sublimen Fließgewichte in den Blick zu bekommen, mit denen eine Technologie sich mit einem Male zu einer führenden, den Globus erfassenden aufschwingt. – Fließrichtungen, die alles mitreißen und sich auch nicht rückgängig machen lassen, weil wo einmal ein Flußbett gegraben, wo einmal ein Damm gebrochen… (Wie Google nun schon so lange vorne mit am Umschlagspunkt der Welle surft, zeigt wie gut sie in diesen ungewissen Gewässern balancieren – und bilanzieren. Das nötigt auch Schrirmacher Respekt und Achtung ab, aber ins negative gewendet. Mir ginge es nicht so sehr um eine Wertung; ich hoffte nur auf jemanden, der analytisch mal auf dieses Niveau käme.)

Und das ist doch das Schlimme am schirrmacherschen Traktat, dass man danach, weil die Untergangsprophetie so albern scheint, die Angst vor diesen „Monstern“ verliert. Zum Artikel ist dazu auch ein passendes Bild hinterlegt, das Eric Schmidt mit Psy beim Gangnam Style zeigt. Wenn hier also dieser mächtige Mann so einen Quatsch mitmachen muss, zeigt das nicht auch die Macht unseres kollektiven Harlem-Shake-Mindersinns – ob der nun in Videoportalen oder in Zeitungsfeuilletons abgefeiert wird? Dafür braucht man dann keine soziale Physik oder algorithmische Modelle zur Semantik des Lebens, denn über den Sinn oder Unsinn entscheiden immer noch wir Menschen, ob wir nun einen Computer benutzen oder einen Bleistift, um unsere Hirnpampe irgendwohin zu pappen und andere Leute damit zu traktieren.