Umkreisungen (1)

von phorkyas

Was ist Rainer Rabowskis „Unsere Sache“, die gemeinsame Sache – die ganz gemeine Liebe, der Sex?
Auch.
Und es ist mir passiert, dass ich eine pikante Stelle im Bus las und eine Sitznachbarin nach einem Blick in meine Lektüre fragte, was das für ein Buch sei. Gerne hätte ich das Buch angepriesen, klar gemacht, dass es sich hier nicht um ein bisschen „Shades of Grey“ handele, sondern ein ganz anderes Kaliber, aber mir sind die Worte nicht gegeben und ich sagte nur etwas Blödsinniges, darüber dass das Buch nicht leicht zu bekommen sei oder irgendwie selten. Was mir mündlich nicht gelang, gelingt mir vielleicht jetzt in schriftlicher Form.

Also: Unsere Sache.
Der Erzähler – anders als Lothar Struck versteige ich mich zu der zu der Annahme, dass hinter der Erzählstimme ein Ich gegeben sei und sei es auch ein anderes – reflektiert, umkreist in seinen Erzählungen seine amourösen Verstrickungen. Diese dienen aber vielmehr nur als Ausgangspunkt, um in immer neuen Reflexionsschleifen weiter vorzudringen, zu sich selbst, zu einer Verortung seiner selbst. Die Klarheit und Offenheit, mit der er sich selbst seziert, spiegelt sich dabei auch in der Sprache: analytisch, präzise (dabei vielleicht etwas fremdwortsatt) – gemahnt sie mich an einen Naturwissenschaftler wie Ernesto Sabato.

Die Lust, die der Erzähler nicht so sehr aus der sexuellen Übertretung und Abweichung selbst, sondern aus der bewussten Beobachtung dieser zieht, rückt ihn in die Nähe von Kierkegaards Ästheten und Verführer. Dieses Reflektieren führt den Erzähler auch ins Abseitige. Der Erzähler streift verschiedene Milieus, die vielleicht versprachen Gegenwelt zu sein: den Punk, Porno-Parties, Halbkriminelle in einem herabgekommenen Teil der Stadt. Diesen Eskapaden steht der berufliche Aufstieg des Erzählers gegenüber, obwohl dieser mehrfach seinen mangelnden Ehrgeiz beteuert.

In den verschiedenen Protestkulturen wird der Erzähler aber nicht heimisch. Ebenso würde man wohl vermuten, dass er dem Zeitgeist umso distanzierter gegenübersteht (vgl. Lothar Struck). Und das ist auch teilweise der Fall. Mit einem der vielen interessanten Gedanken in diesen Erzählungen bejaht oder bewundert er jedoch den Zeitgeist als Motor für den gesellschaftlichen Wandel. Und ist es nicht auch so, dass diese chicen Cliquen, die sich ihre Lattes und Aperol Spritz‘ reinpfeifen, den Takt vorgeben und die Moden kreieren, über die man sich so leicht verächtlich zeigen kann, aber denen doch alle folgen. (Warum auch immer das Dagegen-sein-müssen, bei dem so schnell vergessen wird, dass man auch dazu gehört, zu diesem sich durch die Welt wälzenden Chaos, dass man ihre Sprache spricht, die sich auch durch alle Moden hindurch mitwandelt und dass es ohne diesen Moloch da draußen nicht einmal etwas gäbe, von dem man sich in leichtem Ekel und Überlegenheitsgefühl abwenden könnte.) Und der Erzähler ist doch auch ein Heutiger. (Wobei dieses „Heute“ bei der Zeitspanne die die Erzählungen umfassen auch ein „Gestern“ ist. Diese Betrachtungen, in denen der Erzähler vergangenen gesamtgesellschaftlichen Gefühlslagen nachspürt, luden mich ein, ebenfalls zu rekapitulieren wie das damals war um die Jahrtausendwende, bei der ich als Abiturient von der leicht apokalyptischen Gestimmtheit ebenfalls erfasst war und dann schon ein wenig enttäuscht, als diese ausblieb.) Es ist zu vermuten, dass er gelesen hat, was man so gelesen hat und auch in der Kunst kennt, was man so kennt. Aber auch wenn dann schon einmal so ein für mich leer gewordener Satz über das Medium sei die Botschaft fällt, so besteht für diesen Erzähler keine Gefahr in ein Namedropping oder Ausstellen von Bildungsfedern zu verfallen, zu sehr bleibt er immer konzentriert auf die Sache – unsere Sache? – Vielleicht versteige ich mich oder verrenne mich auch in meine Privatinterpretation, aber für mich ist das „Unsere Sache“: die gute alte Individuation; wie behaupte ich mich in meiner Umwelt, schaffe mir Freiraum für innere Suchbewegungen. Solche sich über Jahrzehnte erstreckende Suchbewegungen fangen Rabowskis Erzählungen ein.

Die Bewegungen kommen zu keinem Ende, eine Erleuchtung oder eine Auflösung wäre wohl auch unpassend wie unglaubwürdig. Unglaubwürdig insofern ein Abschluss der Reflexionsbemühungen unmöglich erscheint (ungefähr wie Kierkegaards Sprung aus der Verzweiflung), unpassend, weil der Erzähler nicht als Erleuchteter spricht, aber doch schon aus einer souveränen, dem Alltagsgetümmel enthobenen Position. So sehr, dass sich ein wenig der verspürten Gelassenheit auf mich übertrug.

(PS. Ich muss dieses Mal daran denken es beim Literaturmarathon vorzuschlagen.)

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