Ungleiche Lektüre

von phorkyas

Im Radio musste ich kürzlich hören Martin Walsers Schreiben sei „zuweilen von einer überwältigend schönen Klarheit, die sich kaum übersetzen oder paraphrasieren lässt, ohne in plumpe Geschwätzigkeit zu verfallen.“ Das kam mir in diesem Beitrag dann so klischeehaft und lobhudelnd vor, dass mir schon fast übel wurde. Ich weiß, ich kann und will mir zu Walser kein Urteil erlauben, aber ist es nicht genau diese paraphrasierende und plumpe Geschwätzigkeit in die das Feuilleton verfällt, wenn sie speichelleckend um den arrivierten Autor scharwenzeln?

Ist das zu bitter, zu harsch? Nein, es ist ehrlich empfundener Ekel, Fremdheit und Abgestoßensein, die ich auf Kulturveranstaltungen oder Kabarettabenden spüre. Ein schon physisches Unwohlsein. Gestern zappte ich in den Satiregipfel. Was für lahme, seichtumwattete Gags! Ein Pispers konnte wenigstens noch pieksen, aber hier war die geistige Lethargie schon zum Greifen, wie sich das Publikum suhlte im seifig-seligen Predigerton, mit dem die Bestätigung erging: ja wir sind die Bessergestellten, zu recht, wir sind nicht diese Dumpfbacken, die sich Pferdefleischlasagne für 1,99 kaufen müssen – nein, es bleibt ewiglich gleich: die Dummen, das sind immer die anderen. Das spießt Jo Vulner in einem seiner Kapitel in „Info-Wahn – Abrechnung mit dem Multimediajahrzehnt“ auch sehr treffend auf. Da heißt es:

„Ihr Publikum erwartet nachgerade die Degradierung der großen Masse, da sie zum Kabarettisten gekommen ist, um sich kurze Zeit deutlicher als Nicht-Masse fühlen zu dürfen. [..] Nirgend öfter als in Volkes Mund wird das Gerede von des Restvolkes vollständiger Tumbheit gewälzt. Wieweit solche Rundschlagsmentalität Signum eben jener Dummheit ist, soll hier nur gefragt, nicht ausgedeutet sein.“

Die Frustration sitzt gerade tief. Vielleicht auch weil ich mich selbst als Betrogener fühle: Das bürgerliche Bildungsideal, mit dem auch meine Familie geimpft wurde, es erscheint mir immer mehr als groteske Lüge. Auch wenn es dann immer wieder reflexhaft heißt: Wir müssen mehr in unsere Bildung investieren, das ist in einem Land wie Deutschland unser „Kapital“. Bildung verheißt Aufstieg. Aber für die meisten bleibt das doch ein leeres Versprechen. So sehr du dich auch abplackst. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das gilt nur für eine handverlesene Schar. Und der Rest, der draußen bleiben muss, kann seinen Frust dann an den gefühlt noch Dümmeren, noch Niedergestellteren ablassen. Was ist das für eine primitive Gesellschaft, die sich in dieser Eigenart perfekt auf eine „Bück-dich-hoch“-Mentalität reduzieren lässt? Oder ist es ein Zufall, dass die erfolgreichsten Marken gerade solche sind, die es schaffen ihren Produkten die Aura eines Besonderen, Herausgestelltsein zu verleihen?
Joe-Vulner+Info-Wahn
Wie dem auch sei. Den Rundumschlag von Jo Vulner habe ich jedenfalls noch nicht beendet. Der Autor fühlt sich zu Beginn auch gleich bemüßigt, zu betonen, dass das ein Buch sei, dass einem auf die Nerven gehe, und eigentlich auch eines für diejenigen sei, die ohnehin schon durchblickten. Bei so einem hohen Ross hätte ein besseres Lektorat vielleicht nicht geschadet. Neben zahlreichen Druckfehlern, rutscht da dann auch schon mal etwas wie die „Geisel der Menschheit“ durch. Vielleicht bin ich auch etwas ungerecht, weil ich mir etwas anderes versprach. Ich hatte gehofft, dass da jemand vor über zehn Jahren schon dargelegt hatte, warum diese ganze Internet- und Digitaleuphorie Unsinn ist, von der man uns jetzt den Zweit- und Drittaufguss verpasst. Das hat sich nicht ganz erfüllt. Wie auch die lose zum Strauß versammelten Kapitel keine geordneten Einstieg in die Thematik geben mögen. Nun denn, was mir gefallen, ja fast imponiert hat, war dass der Autor seinen Überlegenheitsgestus, mit dem er sich über Info-Fanatiker wie -Skeptiker gleichermaßen hermacht, dass das doch zuweilen aufgehoben wird durch Suchbewegung und Reflexion und sogar dem Eingeständnis, der Klarheit nie irgendwo anzukommen.

Diese Umkreisungen sind es auch die mich bei einem ganz anderen Buch, Rainer Rabowskis „Unsere Sache“, stark beeindruckt haben… Und die mich wahrscheinlich vor ähnliche Probleme stellen werden wie den Herrn von WDR3.
unsere_sache