Das lange Interview zum kurzen Abschied (von il Dottore Schein)

von phorkyas

André Müller: Interview mit einem Avatar

Beginnen wir mit dem Absterben der Blogs. Gerade morgen soll wieder eines aus Ihrem Blogroll deaktiviert werden. Ein Blogger mit dem Pseudonym Gregor Keuschnig meinte schon, er würde später als Letzter noch das Licht ausmachen.

Phorkyas: Ja, es scheinen teilweise schon Wellen der Blogmelancholie oder -tristesse durchs Netz zu schwappen. Einige Blogs haben dann nur noch tröpfelweise Beiträge bis sie ganz versiegen.

Ihre Postings sind ja auch fast eher sproradisch. Und mit dem Aussteigen haben Sie auch schon mehrfach geliebäugelt, wenn ich das richtig gelesen habe.

Phorkyas: Ja. Ich wollte schon Aussteigerprogramme initiieren. Eine Prämie für jeden Blogger, der aufhört und was Sinnvolles macht.

Bloggen ist nicht nur kostenlos, sondern meist auch völlig umsonst?

Phorkyas: Der Frust ist manchmal schon ziemlich groß. Ein Kollege brachte es auf den Punkt: Es fehlt das Publikum. Er fühle sich wie Thomas Gottschalk bei der ARD. Wie Harald Schmidt nach seiner Rückkehr zu SAT.1! Schreibende und Lesende sind meistens eins. Eine kleine Gruppe, eine Handvoll Leute. Während „draußen“ irgendwelche Shitstorms über Sarah Kuttner fegen.

So etwas verfolgen Sie?

Phorkyas: Nein, ich kann mich dazu eigentlich nicht äußern. Da bin ich mehr Phänomenologe des Zeitgeistes oder whatever. Es ekelt mich auch geradezu an, wenn ich mich mit ins Kommentargewühl stürze und an mir selbst die gleichen Reiz-Reaktionsschemata feststelle, die gleichen Empfindlichkeiten und Selbstüberhebungen.

Womit wir vielleicht noch einmal zum Dottore Schein zurückkehren könnten. Glauben Sie, dass es bei ihm eine ähnliche Übersättigung, ein ähnlicher Ekel sein könnte, der das Abschalten seines Blogs hervorrief?

Phorkyas: So könnte man mutmaßen. Ich weiß es nicht. Irgendwann dreht man sich nur noch im Kreis in seinem digitalen Laufrad. Spuckt die gleichen Links und Assoziationsbruchstücke heraus. Vielleicht sollte ich da aber eher für mich selbst sprechen. Also das ist eines meiner Probleme. Hinter den kurzen Einwürfen des Dottore habe ich aber auch immer einen kritischen, widerspruchslustigen Geist gespürt. Unruhe, die ihn antreibt und dann vielleicht auch hinaustrieb aus unserer digitalen Wüste, in der dann bald nur noch die kybernetischen Maschinen miteinander sprechen werden.

Sie meinen, wenn Programme Artikel schreiben werden, auf Klickzahlen optimieren und Kommentare verfassen? – aber doch eigentlich dies das Traurige schon gar nicht mehr ist, sondern davor, wenn der Mensch sich schon zur behavouristischen Input-Output Black-Box degradiert hat, zum Datendurchschleuser.

Phorkyas: Exacto.

Nun, verlieren wir uns nicht zu sehr ins Allgemeine. Da sind noch andere Dinge, die ich gerne besprechen würde.

Phorkyas: So lange es nicht Ihre zerquälte Metaphysik ist. Gerne.

Nein, die nun gar nicht. Ich würde gerne über Sie sprechen.

Phorkyas: Ja, hmm. Da weiß ich nicht. Also ich bin 29, Absolvent einer sogenannten Elite-Uni, aber die Wirtschaft will mich nicht oder ich will sie nicht, hab ich noch nicht so richtig herausgefunden. Was wollen Sie noch mehr?.. Ich mag es nicht, wenn man mir so auf die Pelle rückt, wissen Sie.

Kann ich nur zu gut nachvollziehen, aber es geht auch nicht, darum private Details aus Ihnen herauszuquetschen. Bei Ihren Einträgen zum Konfliktfeld Religion und Wissenschaft sind Sie bei Kuhn auf dieses schöne Wort „Verheißung“ gestoßen.

Phorkyas: Kommen Sie also doch wieder mit Metaphysik?

Warten Sie doch erst einmal ab. Kuhn behauptete, glaube ich, dass auch die Wissenschaften voll von diesen Verheißungen seien. Er bezog es z.B. auf die Verheißung neuer Daten. Ein neues Paradigma, das würde eben oft neue Messungen erlauben oder die alten neu interpretieren. Und man sieht das ja auch bei den großen Forschungsprogrammen, bei denen da das Blaue vom Himmel heruntergepredigt wird: Supraleiter bei Raumtemperatur, Quantencomputer als Desktoprechner. Dieser Fortschrittsglaube ist das nicht auch Verheißung?

Phorkyas: Ja, kann sein.

Und sind die meisten Dinge nicht genauso unrealitstisch oder fern wie das jüngste Gericht, das Jenseits?

Phorkyas: Naja, manches ist ja schon ein bisschen konkreter.

Ja, aber so etwas, wie das Energieproblem oder den Klimawandel. Die Welternährung usw. Diese Dinge wird man doch wohl kaum mit ein paar Differentialgleichungen oder Rechenclustern knacken.

Phorkyas: Und wie dann?

Na, wenn ich das wüsste dann säße ich nicht hier.

Phorkyas (lachend): Ja, die Geheimdienste hätten sich Ihrer schon angenommen.

Aber jetzt bin ich etwas abgekommen. „Verheißungen“.

Phorkyas: Ja, das Thema gefällt mir schon. Sonst hätte ich Ihnen wahrscheinlich die Eingebung auch nicht eingegeben. Der Mensch hält es wohl gar nicht aus ohne Verheißungen.

Genau. Schon diese kleinen Dinge, Symbole. Bei diesem Wetter: die Verheißung auf ein Eis oder kühles Bier. Während der Arbeitswoche: das Wochenende. Die Verheißung auf ein neues Internetspielzeuggerät, eine neue Software. Das mögen nur so kleine symbolische Aufladungen sein, aber die Etablierung, der wirtschaftliche Erfolg eines Produktes hängt wohl davon ab, dass sie für eine genügend große Anzahl von Leuten funktioniert.

Phorkyas: Sie sind ein wahrer Taschenphilosoph. Wollen Sie nicht dieses Blog hier übernehmen?

(lachend) Aber ich bin doch schon tot.

Phorkyas: Ja, schade.

Warten Sie ich muss das Tonband einmal wechseln.

Phorkyas: Da habe ich ja Glück gehabt. Da sage ich einmal etwas halbwegs Intelligentes und dann wird es durch einen Tonbandwechsel verschluckt.

Aber ich könnte es ja festhalten, indem ich es.. Nun habe ich es auch vergessen.

Phorkyas: Gerettet.

Sie meinen das ernst? Jedenfalls klingen Sie wirklich erleichtert.

Phorkyas: Ja, wissen Sie. Das gerade war nun nicht wirklich eine Leerstelle. Ich verstehe mich nicht darauf Luftlöcher in einen Text zu pieksen. Ich versuche die Ideen so zu umstellen, verfolgen, einzuhüllen bis sie sich ergeben.

Aber das was dann noch da ist, ist meistens nicht viel.

Phorkyas: Ne, die eigentliche Idee hat sich dann schon verflüchtigt. Aber ich finde das vollkommen in Ordnung. Das wäre ja sonst auch nicht auszuhalten. Eine Handvoll im Jahr oder Leben sollten schon reichen. Oder eine oder auch keine.

Nun fällt mir aber wieder eine meiner Fragen ein. Sie bezeichneten mich zuvor mal als einen zerquälten Metaphysiker. Könnte man mit einigem Recht nicht das gleiche von Ihnen sagen? Ich meine einige dieser Blogeinträge lesen sich doch schon so: Sie lehnen die meisten Metaphysiken oder Religionen ab, aber ebenso stark regen Sie sich über die scheinbar metaphysikfeindliche Haltung der Wissenschaften auf, oder nicht?

Phorkyas: Ja, so könnte man schon sagen. Da habe ich noch keinen Weg gefunden, werde ich wohl auch nicht. Ich bin ja kein Jesus oder dergleichen. Den Großinquisitor könnte ich noch geben vielleicht. Ja, ich habe mich so damit abgefunden, dass Gott abwesend, nichtexistent ist, dass ich ihn verleugnen müsste, würde er sich tatsächlich zeigen. Aber das ist ja auch sehr unwahrscheinlich. Manchmal sind da aber noch so religiöse Formeln wie Zaubersprüche in meinem Kopf. Z.B. dieses „aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Und dann zu wissen, dass er nie dieses Wort sprechen wird, dass wir in diesem leeren Weltall, ewig ohne dieses Wort bleiben werden.

Dieses ausbleibende Wort, ist das auch die Leerstelle der Poesie, das Schweigen, das sie anstreben?

Phorkyas: Das weiß ich nicht. Aber manchmal möchte ich von diesen Wortreligionen statt einem Bildnisverbot ein Wortverbot fordern. Ich meine in tausend Engelszungen reden sie Verheißungen und gießen Beton in die Schädel, aber das eine Wort, das nur von Gott kommen kann, das haben sie auch nicht.

Wird das hier jetzt eine Predigt?

Phorkyas: Sie haben angefangen, Sie Metaphysiker.

Und die Frage doch nicht so recht herausbekommen.

Phorkyas: Sie sollten nicht weiter so sehr sich damit abmühen, in mein Hirn hineinzukriechen. Da ist nicht viel zu entdecken.

Sie meinen, es liegt schon alles offen. Hier im Netz. In den paar Worten?

Phorkyas: Nein, viel eher: Sie werden nur entdecken, was Sie hineinlegen wollen, was Sie interessiert, was Ihr Geist sich ausmalt.

Nein, das ist doch Unsinn. Dann käme doch nie etwas Neues, dann stünde doch jeder Geist ewig still.

Phorkyas: Ist das so abwegig?

Aber ich bereite mich doch vor. Ich lasse mich auf den anderen ein. Dadurch erfahre ich doch notwendig etwas Neues.

Phorkyas: Ja, aber er assimiliert doch nur. Er formt es um bis es sein Eigenes ist. Das wirklich Andere, das können wir doch kaum ertragen.

Aber das heißt doch nicht, dass es unmöglich ist, dass es nicht versucht werden kann. Warum versuchen Sie dann es nicht? – Das ist doch nur wieder eine Ihrer Lieblingsthesen, hinter denen Sie sich verkriechen.

Phorkyas: Weil’s hier so bequem ist? Ne, angenehm ist das hier nicht. Wissen Sie ich versuche nur eine Phänomenologie, möchte die Dinge in den Blick bekommen, ohne gleich in Wertungen, Beteiligtsein abzudriften. Mir ist alles fremd. Ich sehe die Menschen, ich sehe mich wie Larven unter dem Mikroskop. Dann sehe ich dieses Massenphänomen das unser Denken ist. So deformierbar. Wir denken, wir reden, wir kaufen wie alle anderen auch. Schauen Sie nur diese Nerdbrillen. Die sind doch falsch. Das widerspricht den Proportionen, dem Geschmack. Aber weil es gerade in den Köpfen spukt, dass es toll sei, ist es möglich. Sehen Sie ich gehöre zu dieser Generation, die gerade noch aufrührerisch genug ist, eine unpassende Brille anzuziehen.

Ah, das haben Sie wieder schön negativ gesagt. So kennt man Sie. Aber meinen Sie, Sie könnten nicht auch anders? Sie hocken hier in Ihrem digitalen Loch, wo es schon durch die Decke tropft und dabei wäre es an Ihnen, das mal ein bisschen aufzuhellen. Diese Form zu nutzen, sie auszufüllen.

Phorkyas: Womit denn?

Ja, was weiß ich. Die Möglichkeiten sind doch so groß, als schrieben Sie einen Roman.

Phorkyas: Ei, fangen Sie bloß nicht damit an. – Es wäre nämlich genauso frustrierend wie ein Roman, den keiner liest, und so ist es ja auch.

Ihren Blog liest keiner?

Phorkyas: Sagen wir, er hat eine sehr lokale Reichweite. Die Praxis, die jetzt doch noch geöffnet zu sein scheint, hat da wahrscheinlich schon etwas mehr.