„Das Geräusch des Werdens“

von phorkyas

Eine der Eigenheiten dieses Romans, die mir besonders zu schaffen macht, möchte ich vorerst „Mystifikation durch Verdunkelung“ nennen. Einige Fakten oder Beschreibungen werden durch einen nachfolgenden Satz, der mit einem „Oder“ beginnt wieder aufgehoben. Sollen die sich oft widersprechenden Möglichkeiten das Geschehen poetisieren, indem sie den Leser irritieren und im Ungefähren lassen? Das ist in ungefähr vielleicht die umgekehrte Bewegung, die der Erzähler in „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ beschreitet: dort soll Licht und Klarheit in das Unbekannte gebracht werden, den poetischen, elektrisierenden Momenten nachspürend, während hier ein zuvor klares Bild wieder verwischt wird: Es könnte so gewesen sein, aber auch ganz anders. Als würde man auf einem realistischen Gemälde die Farben verwischen, um es nachträglich in ein impressionistisches zu wandeln. Oder ich irre mich und das hatte gar keine Methode.

Wie dem auch sei: Literatur muss ja auch verklären und poetisieren. Mit der zentralen Person der Geschichte geschieht dies durch Abwesenheit. Nicht nur dass sie in der Romanhandlung alles beeinflusst durch Ihr Verschwinden, sie bleibt auch eigentlich schon Leerstelle für den Leser: Man erfährt nur wiederholt, dass Krisztina sehr schön sei und wie einer über die Verliebtheit, in sie schon seinen Verstand verliert. Über die Natur oder Einzelheiten dieser Schönheit erfährt der Leser aber nichts, so dass er die weiße Leinwand wohl selbst füllen muss. Gregor Keuschnig geht mit diesem Motiv hart ins Gericht. Wie er verspürte ich auch wenig Lust die Konturen selbst zu ziehen, finde diesen Teil aber nicht misslungen, sondern gerade konsequent ausgeführt. Auch wenn ich als Leser nicht darauf anspringe, der unbekannten Schönen nachzusteigen, so muss ich doch diese Leerstelle verzeichnen.

Gregor Keuschnig wirft in seiner Rezension auch die wichtige Frage auf, ob dieses postmoderne Puzzlespiel goutiert wird oder nicht. Bei mir entstand jedoch gar nicht der Eindruck eines Puzzles, ich konnte einfach eintauchen in die Geschichten. Welches Ich zu mir sprach wurde meistens schnell klar und wenn man die Lektüre nicht über zu lange Zeit dehnt, sind die Figuren auch meist präsent beziehungsweise hilft ja oft, dass einige Geschehnisse auch mehrfach wiederholt werden. Die Durchkonstruiertheit, das Mechanisch-Kalte, die Keuschnig konstatiert hätte ich vielmehr auf Benjamin Steins „Leinwand“ angewendet — ein Roman mit dem der Vergleich vielleicht lohnte. Bei dem „Geräusch des Werdens“ jedoch sehe ich deutlich das Interesse am Menschen, daran dessen Glück zu schildern — meistens bedeutet das auch Sex. Kaum ein Kapitel, in dem er nicht vorkäme (aber wo dann auch von dem eigentlichen Akt weggeblendet wird). Ja, ich würde sogar sagen, dass dieser Roman einen Hang ins Positive, zur Erfüllung, zum Happy-End hat.

Ein anderes wichtiges Motiv ist der Gegensatz zwischen Dorf und Metropole. Die durchaus liebevoll gestaltete Dorfseite hatten für mich jedoch irgendwann schon fast übersättigte Farben, ein Grün wie auf der Fernsehalm — auch hier wurde wie bei Krisztina etwas inflationär vom Worte „schön“ Gebrauch gemacht, ohne dem Leser die genauen Farben zu nennen. (Im letzten Kapitel wird der Leser auch explizit darauf hingewiesen, dass er zwischen die Worte ohnehin seine eigenen schieben werde, also für seine eigene Kolorierung schon sorgen werde. Insofern wäre ich sogar selbst schuld an meiner Überkolorierung.) Ärgerlich fand ich jedoch das Kapitel, das der Metropole gewidmet ist. Ich habe wirklich versucht, mich durch diese Aufzählungen zu kämpfen, ob da noch etwas im Klang, Rhythmus der Worte sein könnte — es gibt ja Worte, die für sich schon schön sein können — aber ich konnte in diesen Kaskaden nichts finden. Sollte es nur diese Überforderung, Bildübersättigung darstellen? Dann fehlte mir Bewegung, Handlung, es war statisch wie ein Fotoalbum. Aber vielleicht ist das für die meisten auch Berlin.

Aber das war ein Einzelfall. Die Kapitel sind oft stark gerafft, ganze Lebensläufe werden auf wenige Seiten kondensiert, so entsteht das Gefühl schnell zum Wesentlichen vorzustoßen. Flinke, schlagfertige Dialoge halten dieses Tempo ebenfalls. Aus der Pointiertheit und für manchen vielleicht schon Überdrehtheit dieser Dialoge hörte ich auch ein wenig die Stimme mit der Aléa Torik auf ihrem Blog schreibt.

Auf diesem Blog konnte kann man auch über den Roman diskutieren. Leider ist das Blog nun insofern etwas amputiert, dass nun die Kommentarfunktion deaktiviert wurde. Das ist schade, als dieser Roman einige Diskussionen anstoßen könnte (ganz egoistisch hoffe ich natürlich, dass dort zumindest noch einige ordentlichen Bleiwüsten eingestellt werden).

Edit: Die Kommentare sind offen, ich hatte irrtümlicherweise hier geschaut und dachte daher, man könne nicht mehr kommentieren. Es geht wohl noch, aber auch (fast) nur noch bei dem Artikel zum Roman.