Fortschritt

von phorkyas

Am Fortschrittsgedanken arbeite ich mich nun schon regelmäßig ab ohne fortzuschreiten. Nun kam die Frage, ob als Naturwisschenschaftler ich diese Kritik ernst meinen könne. Oh ja, es ist mir sehr ernst damit. Vielleicht dazu eine kleine Geschichte.

Ich hatte einmal das Vergnügen einem Vortrag des Leiters einer größeren Forschungseinrichtung zu lauschen. Der Eindruck war verheerend. Der Mann zeigte stolz die Riesenzahlen seines Etats, und bildete unaufhörlich Sätze mit Innovation, Spitzenforschung. Höhepunkt des Vortrages war für mich aber das „grüne Rechnen“. Ich habe mal gehört, dass größere Rechencluster in einem Jahr ihre Anschaffungskosten in Energie verbraten. So sparsam ist das also nicht, trotzdem zeigte der uns also seine Folie mit den saftig, grünen Wiesen – es muss ja alles umweltfreundlich sein.

Kann man es mir da verübeln, dass ich auch die Rede vom Fortschritt für substanzlose Werbung, für Forschungsmitteleintreiberei halte, in einer Zeit in der wissenschaftliche Qualität nur über Zitierindex (H-Faktor) gemessen wird? Muss man da nicht angesichts dieses Wissenschaftsbetriebs sogar die Parallele ziehen zwischen Jan Hendrik Schön und Herrn Guttenberg, als Sinnbild für die krankhaften Strukturen von Politik und Wissenschaft, (die in Wenzel Strapinski den polnischen Grafen sehen wollen und ihn in diese Rolle drängen).

Nun ganz richtig; diese Wut ist enttäuschte Liebe. Meine Prägung, mein Verständnis von Wissenschaft ist dieser erkenntniseherne Ethos wie ihn mir die Biographie von Madame Curie einimpfte. Dieser vertraute Ton, den ich auch bei Hermann Broch vernehme. Alles in den Dienst von Forschung und Erkenntnis. Natürlich schreitet die Erkenntnis dann auch fort, aber nicht mit den marktschreierischen Moden, „Hot-topics“, sondern still und leise mit Herrn Perelmann. Ja, das sind viel mehr meine Helden; wie vielleicht auch Boltzmann oder Cantor.