Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit

von phorkyas

Die ersten Seiten dieses Buches weckten arge Befürchtungen: So metapherngetränkt, bilderüberbordend kamen sie daher, dass mir schon vergraben schien, wofür ein Bild gefunden werden sollte. Entscheid‘ dich doch für eins, möchte ich einem Autor oft sagen. Wozu denn fünf Bilder, wenn eines, das trifft, viel stärker wäre (aber wenn ich selbst nach solchen Beschreibungen taste und „es“ dann in mehreren Metaphern umkreise, dann kann ich mich auch von keiner trennen)? Zum Glück, das entlastete mich ein wenig, gestand der Erzähler sich das selbst schon ein: Ich versuche, meine Krisen zu beschreiben und finde nichts als Bilder.
Was für Krisen wurden da bildhaft umkreist? Ein Junge oder Jugendlicher, den gewisse Wahrnehmungen manchmal so überwältigen, dass er diesen völlig ausgeliefert ist. Die Andersartigkeit dieser Wahrnehmung, das beinahe Pathologische erschien mir zunächst auch problematisch, weil mir seit Thomas Mann die kränklichen Künstler, die Bohème verdorben ist (gerade weil er sie auch noch ironisiert). Aber auf der anderen Seite war mir diese Ehrlichkeit auch sehr lieb: von den ersten Seiten an ist klar, dass nicht viel passieren wird, bzw. dieses wenige Geschehen recht nebensächlich sein wird: Es geht nur um das Erkunden der etwas abseitigen Erlebniswelt der Hauptfigur.

Was ist das Besondere, wie ist diese Erlebnisart beschaffen? Muss ich nun selbst zu Metaphern greifen? Ich kenne zumindest solche Momente, nach starker Konzentration oder im Halbschlaf, dass mir beim Aufstehen schwindlig wird, oder dass sich mein Blick für die Umgebung trübt und wegdriftet, dass mir selbst die Wirklichkeit auf einmal entrückt und unwirklich erscheint.
Der Erzähler berichtet aber auch von einer starken Fixierung auf einen bestimmten Geruch, ein Detail, eine sinnliche Präsenz, die ihn in Rausch versetzt. Diese Sensationen und Empfindungen ziehen ihn an (ich wollte schon schreiben: er jagt sie, aber er selbst sieht es schon als sein Schicksal an, immer wieder zu solchen Orten und an Personen zu geraten, die solche Erlebnisse hervorrufen). Es kann ein bestimmter Ort in der Stadt sein, ein Flussufer an dem Müll abgeladen wird, ein Erdloch, in das er sich stundenlang hockt (ein Erlebnis, das er selbst wieder in Zweifel zieht). Der Erzähler schildert chronologisch sein Heranreifen, seine ersten sexuellen Erfahrungen: Wobei jedoch der Akt selbst, der immer diskret ausgespart bleibt, nicht die Hauptsache scheint: Bei Clara entbrennt er an einem fast rituellem Ereignis. Sie kleidet sich in seiner Gegenwart um und streicht später, wenn sie an ihm vorübergeht, seine Knie. Er entwickelt eine emotionale Abhängigket von diesem Ereignis und die letztlich auch sexuelle Spannung, die sich zwischen den beiden entwickelt hängt von solchen kleinen Momenten und Spielen ab, dass sie ihn z.B. quält und reizt, indem sie das Ereignis herauszögert oder sich ihm entzieht.

Die Sprache mit der diese Ereignisse beschrieben werden hat mich beeindruckt (auch wenn ich mich natürlich nur auf die Übersetzung beziehen kann). Fein und akkurat ziehen sich die Sätze. (Leider finde ich nicht so treffende Metaphern, wie sie im Text sich häufen: Ich hatte die Assoziation von kleinteiligen Stickereien oder Holzintarsien.)

Drei Orte haben zwischenzeitlich große Bedeutung für ihn, die für sich schon Orte des Irrealen sind: Kino, Jahrmarkt und Theater. In die Filme kann er sich so hineinversetzen, dass ich plötzlich meinte, in den Parks auf der Leinwand zu spazieren oder mich an die Balustraden jener italienischen Terrassen zu lehnene, auf denen Francesca Bertini mit offenem Haar und schärpenhaft wehenden Ärmeln pathetisch einherschritt.
Letztliche gibt es keine genaue Differenz zwischen unserer wirklichen Person und den verschiedenen vorgestellten Personen in unserem Inneren.

Bei dem Theater sind es jedoch nicht die Vorstellungen zu denen er geht, sondern er liebt, es sich zwischen die Requisiten in einen Sessel zu hocken.

Welche Art von Unwirklichkeit hat der Protagonist im Sinne? Ist es eine poetische Übersteigerung? Geht sie letztlich in eins mit Literatur und Kunst? Zweiteres glaube ich nicht. Zu sehr wird sie an konkretes sinnliches Erleben geknüpft. Zum Beispiel in der Szene als der Erzähler im Schlamm wühlt und ein übergroßes Glück empfindet als er alle Einzelheiten eines Pflanzenstengels ertasten kann. Leichter ist es vielleicht zu sagen was er ablehnt. Z.B. die prosaischen Verpflichtungen des Alltagslebens: Wie großartig, wie erhaben ist es, verrückt zu sein, sagte ich mir und stellte mit ehrlichem Bedauern fest, wie viele mächtige und stumpfsinnige familiäre Gewohnheiten und welch niederschmetternd rationale Erziehung mich von der äußersten Freiheit eines Narrenlebens trennten.
Die inneren, psychologischen Zwänge halten ihn aber fest im Griff:

Eines war nun gewiß: die Welt hatte eine ihr eigene allgemeine Gestalt, in deren Mitte ich als Abweichung gefallen war, nimals würde ich ein Baum werden können und niemanden töten können, und das Blut würde nie in Strömen fließen. Alle Gegenstände, alle Menschen warin in ihre traurige und kleine Verpflichtung eingesperrt, genau bestimmt zu sein, nicht anderes als genau bestimmt.

Diese frustrierende Bestimmtheit aller Dinge treibt ihn einmal sogar so sehr in Verzweiflung, dass er einen Selbstmordversuch begeht. Er scheitert doch am Ende hat die schreckliche, prosaische Wirklichkeit ihn wieder im Griff:

Ich quäle mich, schreie, peinige mich. Wer wird mich aufwecken?
Die genau festgelegte Wirklichkeit zieht mich immer tiefer hinab, versucht mich unterzukriegen.
Wer wird micht aufwecken?
Immer war es so, immer, immer.

(Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem Buch „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“ von M. Blecher)