Kunst und Kippbilder

von phorkyas

Diese Kippbilder, bei denen man z.B. wahlweise eine Vase oder zwei Gesichter sehen konnte, ich muss gestehen, dass ich sie immer für eine billige Spielerei hielt. So ist die Faszination Kuhns dafür, der damit ein Metapher für die wissenschaftliche Perspektivverschiebung fand, die einen in alten Daten plötzlich neue Dinge sehen ließ, für mich fast schon amüsant. Und auch das Interesse, dass diese Bilder in der Gehirnforschung einmal genossen. Wenn ich mich recht entsinne, gab es damit mal Versuche eine Art Bewusstseinsquantelung zu bestimmen: Weil nur in Vielfachen eines gewissen Grundzeiteinheit das Bewusstsein von dem Sehen des einen in die Alternative kippen konnte, nahm man an, dass das Bewusstsein in Einheiten dieses Grundintervalls einen Reset aufgrund äußerer Daten erlaubt.

Nun geht es mir aber um ein anderes Kippen der Wahrnehmung: Die Rezeption eines Kunst- oder Kulturwerkes. Diese erscheint mir sehr prekär. Ein kleiner äußerer Reiz; der Sitznachbar der ein falsches Wort verliert, vorige Erlebnisse, der Verlauf des Tages, schon diese Dinge können einen den ganzen Genuss verleiden. Angesichts dieser feinen, sensiblen Abhängigkeiten ist es für mich fast ein Wunder, dass es dennoch so oft gelingt: dass ein Leser in das Buch hineinkippt, sich diese Welt im Kopf erschafft und bevölkert; oder dass man im Kino alles umher vergisst, gefangen in fremden Bildern, einer anderen Welt.

Das war kurz gesagt, mein Problem mit „Tree of Life“, ich habe gezögert, mich zurückgehalten und dann war nur noch Widerwillen, war es ganz und gar unmöglich in diesen Film hineinzufinden. Dann bleibt man außen. Wie auf einer Feier, in der man der einzige Nüchterne ist, steht man dann auf der anderen Seite. – Es hilft nichts, man kann nicht mittun.

Oder vielleicht hilft auch ein Bild angelehnt an „Inception“: Bei großer Müdigkeit gibt es manchmal einen Moment, dass man aufschreckt, weil man das Gefühl hat (in den Schlaf) zu „fallen“. Entweder kippt man in den Schlaf oder wieder zurück ins Wachsein. Das ließe sich ja auch in den Kreisel hineininterpretieren. Dann könnte man sogar sagen, dass die Rezeption eine Art Dämmerzustand, einer Betäubung gleichkommt, weil sie das Bewusstsein, das ja eigentlich für die ästhetische Erfahrung offen sein soll, umgekehrt für alles andere Verriegeln muss.