Zu dem Problem des Organischen

von phorkyas

In der Roadmap to Hell hatte ich dieses Problem nur lose umkreist, nun also Butter bei die Fische.

Das Problem bei den Bamberger Elegien und Tree of Life ist ästhetischer Natur: Bei beiden wird auf naturwissenschaftlich-mechanistische Bildsprache oder Vokabular zurückgegriffen, welche zunächst dem Organischen entgegenstehen könnten, weil darin nur der Automat, die Maschine existiert. Gelingt es jedoch aus dieser Spannung poetische Funken zu schlagen?

Bei Tree of Life soll offenbar die ganze überwältigende Schönheit der Schöpfung gefeiert werden. Dies ist somit Lobpreisung des Lebens und die zentrale Frage ist wie dieses dargestellt sei, welches Bild davon gegeben wird. In übersatten Farben sieht man pumpende Herzen, Zellen, Pflanzen, Getier – geschult, wie es scheint, an Tierdokumentationen, Geo-Bild-Reportagen, findet sich so eine technisch perfekte Darstellungsweise auf der Höhe der Zeit. Einer säkulären Zeit der Wissenschaft und des Kapitalismus, die man so in der Aufmachung partiell gespiegelt sehen könnte. Diese koexistiert meiner Meinung nach jedoch einfach mit den religiösen Inhalten des Filmes (in der Hauptsache ja eine leidige Theodizee-Geschichte, die bei mir nicht zünden konnte, weil die Figuren zu schablonenhaft [Vater] oder blass [Mutter]). Beziehungsweise war mir diese Aufmachung, bei der die Großartigkeit jedes Bildes von der des nächsten übertrumpft werden musste, jede Inneneinrichtung hochwertigstes Design, jede Architektur perfekt ins Licht gerückt werden musste, schon zuwieder, hatte dies auf Dauer schon etwas Atemlos, Repressives. In der Tat sehnte ich mich schon bald nach etwas Hässlichkeit, nach einer Atempause, die mir nicht vergönnt wurde. So konnte bei mir dieses Werk auch nicht atmen, konnte ich es nicht zum Leben erwecken. (In Zusammenhang mit Christina Striewkis Aufsatz, den ich schon verlinkte, könnte man sich fragen, ob dieser empfundenen ästhetitischen Repressivität auch eine ideologische, christlich-fundamentalistische korrespondiert, wie sie sie sieht. Ich bin mir nicht sicher, – aber es erscheint mir durchaus möglich, dass die repressive Vaterfigur, wie Brad Pitt sie verkörpert und die fast wie eine Karikatur eines archaischen Gottvaters der abrahamitischen Religionen wirkt, dass diese Vaterfigur auch auf formaler, ästhetischer Ebene im Film wirksam ist… Allerdings würde dies meiner Meinung nach sogar für den Kunstwerkcharakter dieses Filmes sprechen, wenn er es schafft diesen christlichen „Fundamentalismus“ zu verkörpern.)

Genug zu diesem Thema: Es ist schon fast wie bei Jeff Koons, bei dessen Werken sich alles in mir sträubt und die ich am liebsten aus der Kunst ausschließen wollte, aber gerade diese heftige Reaktion mir zeigt, dass ich zähneknirschend anerkennen muss, dass da doch etwas ist, was es Kunst sein lässt. Ganz anders ist es bei den Bamberger Elegien, die bei mir eher Zustimmung auslösten – aber wie immer misstraue ich auch der. Die scharfe Gegenwartskritik, die sich in diesen Poemen entfaltet, hat einen unmittelbaren Bezug zum Organischen. In den Naturwissenschaften und unser konsumistischen Lebenswelt dominieren das Aseptische, Anorganische. Das Organische, Irrationale, der Schmutz gehört ausgetrieben. Auch unser Selbstbild soll nur noch das einer Maschine sein: Milliarden von sich selbst koordinierenden Nanorobotern erzeugen die Illusion ein Ich zu sein. (Gerade bin ich mir nicht sicher, ob die Hirnforschung explizit vorkommt, für mich ist sie jedoch der absehbare Kulminationspunkt der Bemühungen um ein naturalistisches Weltbild: das Bewusstsein als der letzter Hort, noch zu nehmende Bastion von Unerklärtem – diese Marschrichtung war wohl schon 1872 absehbar.) Auf jeden Fall ist der Text stark von physiko-chemisch-kybernetischem Vokabular durchwirkt, als Kontrastmittel, so dass das Thier überhaupt alles auszurottende Organische tragisch-wetterleuchtend erhellt. (Die Sprechweise ist dabei vielleicht ähnlich kontrafaktisch, unheilvoll wie bei Sloterdijks Menschenpark: das Thier ist schon fast erjagt, es bleiben nur noch eine Handvoll Exemplare bis alles gleichgeschaltet – so wie Sloterdijk düster prophezeit, dass wir Genmanipulationen am Menschen vornehmen werden und wir jetzt die Chance verstreichen lassen Regeln vorzuschreiben, die diesen Dammbruch verhindern könnten: der Rubikon ist schon längst überschritten.)

Was ist nun über diese willkommene Polemik hinaus? Was ist das Gegenbild, die Poetik des Thiers? Wichtig (für die poetische Aufladung) ist eine Polarität (allgemein habe die nivellierende Gleichmachung schon totalitäre Züge und ist vollkommen unpoetisch). Insbesondere die zwischen Mann und Frau. Ob das schon Machismo ist, wie er auf die Jagd nach der hembra geht? Auf jeden Fall ist es mir, und wahrscheinlich meiner ganzen Generation, schon äußerst fremd. (Dabei wird uns doch gerade die Biologie sagen müssen, dass ohne die Erfindung von Sex die heutige, überbordende Artenvielfalt nicht da wäre, dass die Schönheit der Blumen, die Komplexität der Balzrituale, einfach alles nur für dieses eine da sind.) Zu anderem finde ich leichter Zugang: die Wiederbeseelung, Re-Mythifizierung der Natur. Ist das Restauration? Ist das ein Klammern an Begriffe, Vorstellungsweisen die schon lange in den Orkus gegangen sind? Élan vital, Entelchie, Teleologie, Seele, alles passé. Die Naturwissenschaft bedarf ihrer nicht. (Hier mag es einen der Anknüpfungspunkte zu der Aufklärungskritik von Adorno geben: die (Natur-)wissenschaft entledigt sich überkommener Begriffe, der Geschichte und Traditon, sie schwimmt schließlich nur noch in der ewigen Gegenwart [Beleg?]. Sie schlägt aber selbst wieder in Mythos um, beansprucht einzige, vollständige Welterklärung zu sein. Einer entleerten Welt jedoch, die die Tradition noch möbilierte. Der alte Schrott muss raus.)

Hat es mich überzeugt? Ich bin mir noch nicht sicher. Poetisch, sprachlich auf jeden Fall. Aber beide, Malick und Herbst, sind Philosophen, da hätte ich mir fast mehr Auskunft darüber gewünscht, was das Organische denn sei. Allein, positiv für sich bestimmt ohne eine Gegenfolie. Aber so darf ich eben weitersuchen, es muss einem ja auch nicht alles vorgekaut werden.