Road(map) to hell

von phorkyas

Die Bamberger Elegien haben mich auf ein wichtiges Grundproblem zurückgestoßen: Was ist das Organische (im Gegensatz zum Mechanischen, zum Automaten)?

Meine Ablehnung von „Tree of Life“ mag zum größten Teil darauf beruhen, dass ich dessen Darstellung des Organischen ablehne – diese ähnelt in der Ästhetik doch sehr „Unserer Erde“. Dort wurde auch mit pathetischer Orchestermusik unterlegt ein Überbietungskampf der schönen Bilder ausgetragen, die mir auf Dauer auch etwas ennervierendes, ermüdendes hatten. Da wünschte ich mir doch mitunter einfach mal ein normales Bild, eine normale Aufnahme, die nicht auf spektakulär und tolles Aussehen frisiert war. So ähnlich erging es mir eben auch bei „Tree of Life“. Es ist noch nur ein Gefühl, dass das Organische, das Leben, eben ganz anders dargestellt werden muss. Natürlich kann man tolle Aufnahmen zeigen von pumpenden Herzen, die spektakulären Wälder und Farbspiele, die die Natur so hervorbringt – aber kann man sich dem Wunder, das sich auch in jeder Fliege jedem Blatt zeigt, das doch eigentlich das Alltäglichste ist, etwas unangestrengter nähern und auch zulassen, dass dieses Wunder nicht immer so wundervoll waschmittelfarben daherkommt? (In einem längeren Essay versuchte Christina Striewski ihrem Unbehagen über den Film nachzuspüren – allerdings verfällt sie meiner Meinung zu sehr auf eine Ideologiekritik, indem sie dem Film in die christlich fundamentalistische Ecke stellt, es hätte vielleicht gereicht den ästhetischen Fundamentalismus zu geißeln, der mich als Rezipienten einfach die Luft zum Atmen nimmt, der den freien Genuss der Bilder erstickt..) –
Aber ich schweife schon ab. Es steht dahinter wohl nichts geringeres als die Frage: Was ist Leben?… Und mit welchen Metaphern und Begriffen kann ich bei solch einer Frage überhaupt anrücken. Für Dennett ist es so,

we now understand life well enough to appreciate that each cell is a mindless mechanism, a largely autonomous microrobot, no more conscious than a yeast cell. [..] Your trillion-robot team is gathered together in a breathtakingly efficient regime that has no dictator but manages to keep itself organized to repel outsiders, banish the weak, enforce iron rules of discipline — and serve as the headquarters of one conscious self, one mind.
Sweet Dreams, p.3

Eigentlich müsste ich noch mehr zitieren. Diese Metapher, dieses Bild von uns,.. da krabbelt in mir schon der zombic hunch herauf – den Dennett auch selbst verspürt – das Gefühl, dass die naturalistisch-naturwissenschaftliche Erklärung des Bewusstseins etwas auslassen muss, dass da ein letztes nichtmaterielles Residuum bleiben muss (früher Seele), dass nicht vollständig erklärt werden kann. Das „Ich“, unser Bewusstsein sperrt sich dagegen, dass dieses Eigenheitserleben, dass unser eigenes Erleben aus dieser ganz spezifischen Perspektive heraus stattfindet, die wir als individuell und einzigartig ansehen (eben unser „Ich“), dass dies objektiv, naturwissenschaftlich erklärbar sein soll. Deshalb ist es wohl ganz richtig, dass Dennett diesen zombic hunch als Bestandteil der Theorie eines Bewusstseins sieht, welcher von dieser ebenfalls beschrieben werden muss. –

Aber ich schweife schon wieder ab.
Wir sind fast an der letzten Frage angelangt: Was ist Wissenschaft? Diese Frage sollte man an die Adresse des Naturalismus doch stellen, meine ich. Denn wenn wir eine wissenschaftliche Erklärung des Bewusstseins hätten, wie sie uns verheißen ward, was hätten wir dann? Am Ende auch nur eine Theorie, die uns auf wissenschaftlicher Basis fundiert, was wir aus der eigenen Beobachtung sowieso schon wissen (von Dennett auch „folk psychology“ getauft) oder gar die intuitiven Begriffe Aristoteles nachbilden?

(Dies ist also ungefähr der Katalog an Fragen: Was ist das spezifisch Organische bzw. was ist Leben? Was ist das Bewusstsein? Was ist Wissenschaft – deren noch lose Verknpfung ich hier zeigen wollte.

Das Organische hat in den Bamberger Elegien gerade schon eine poetische Dimension. Ob es das für mich hat, weiß ich noch nicht. Ob ich also wieder schreiben würde, könnte ich wie E.T.A. Hoffmanns Nathanael durch das bunt-poetische Glas auch unsere „mechanisch-mechanistische Welt“ wieder organisch sehen? – Über Plessner ließe sich natürlich auch noch eine losere Brücke vom Organischen zum RAUM schlagen – so die Mind-Roadmap to hell, zu meinem RAUM-Roman?)