Von Seelenbiologen und Kranionauten

von phorkyas

Anhand von Aris Fioretis „Seelensucherin“ kann man, auch wenn der Roman selbst das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Literatur eher am Rande berührt, doch die Kunst-und-Wissenschaft-Problematik sehr schön explizieren. Der Roman hat bei mir ein veritables Kopffeuerwerk entfacht – das ist buchenswert, weil es mir, als professionell verbildetem Germanisten, nur noch selten gelingt, mich auf ein Buch einzulassen. Zu stark sind die Kategorisierungen und Erwartungen in meinem Hirn verrastert, als dass der Text seine Chance bekäme, bei mir den Kopfzirkus in Rotation zu versetzen. Dabei hänge ich durchaus der romantischen Überzeugung an, jedes Buch (ausgenommen vielleicht einmal jene, die von vornherein als geistiges Sedativum gedacht waren) habe das Potential, von seinem Leser zum Leben erweckt zu werden. Es kommt nur eben darauf an, den richtigen Leser in der richtigen Stimmung zu finden!

Wie auch immer. In Fioretos Debütroman geht die Protagonistin Vera auf die Suche nach ihrem Vater, während der Seelenbiologe Schaumberg nach dem Sitz der Seele forscht. (Der deutsche Titel ist also etwas irreführend, da wohl Vera kaum auf der Suche nach der Seele ist.) Über den materialistischen Naturforscher wird im Verlaufe des Geschehens einiger Spott ausgegossen. Dass er dadurch schon fast zur Witzfigur degradiert wird, erschien mir als eine Schwäche des Romans (immerhin bilden seine Forschungen und die Reflexionen darüber einen Hauptteil des Buches). Man dabei allerdings auch beachten, dass die Geschichte Professor Schaumberg übler mitspielt als die Erzählerin, die sich zu einer Verteidigung des Materialisten aufschwingt: So abwegig und abstrus seine Experimente auch anmuten mögen, sagt sie, so würden er und Teile seiner Forschungsergebnisse zu Unrecht mit einem Bann belegt. Denn später sei die Wissenschaft seiner Bahn oft genug gefolgt. Vielleicht täte daher einigen Naturwissenschaftlern auch einmal der Blick in die Geschichte ihres Faches gut.

Aus Schaumbergs Sicht mag es schlüssig gewesen sein in einer Punktsubstanz, die irgendwo im Schädel sich befinden muss, so etwas wie die Seele zu vermuten. Auch wenn es mich ein bisschen noch an Demokrits Seelenatome erinnert, so geht es dabei sogar vielleicht um etwas anderes: der Patient, den Schaumberg untersucht, gab an keinen Körper zu haben. Er kann ihn zwar bewegen und letztlich auch wieder lernen ihn gezielt zu steuern, aber begreift ihn nicht als zu sich gehörend (Plessner folgend könnte man die Bezeichnungsweise hier vielleicht etwas anders wählen: Wir haben einen Körper, den hat auch der Patient noch, wir sind aber auch ein Leib – und daran scheint es dem Patienten vielleicht sogar eher zu ermangeln: er begreift sich nicht mehr als diesen Körper bzw. ihn als Teil von sich selbst, ihm fehlt also der Leib; das Ich-Gefühl des Körpers?). Es geht ja bekanntermaßen auch umgekehrt, dass Menschen, die Gliedmaßen verloren haben, diese nach wie vor spüren.

– Sind diese Phänomene schon kopfzerbrechend genug, so lenkte Schaumbergs Punktsubstanz aber meine Aufmerksamkeit auch auf etwas anderes, das ich als Psycholokalisation bezeichnen möchte: Schaumberg soll die Hoffnung gehabt haben, dass er falls es gelänge diese Punktsubstanz, den Träger der Seele, zu extrahieren, diese in Gefäßen zu bewahren, dass man schließlich gar keine Körper mehr benötige und frei vom Körper vielleicht sogar ewig „lebte“. Das erinnerte mich etwas lose an die Gefäße in „Being John Malkovich“. Zwar ist es dort umgekehrt: Es gibt Gehirne mit einem Eingang, in denen andere Leute das Leben aus der Sicht dieser Person erleben können (ein Puppenspieler ist dann sogar in der Lage den Körper zu steuern, dessen Gehirn er gerade bestiegen hat). – Dieses Gehirngefäß dient dann einigen Leuten als Gefäß, um von Generation zu Generation in immer neuen Gefäßen weiterzuleben.

Was ich hier meine ist etwas anderes: Wo fühlen wir selbst das Zentrum unseres Bewusstseins, wo lokalisieren wir unser Selbst? Wir halten doch unser Gehirn für den Sitz unseres Ichs (vormals Seele) und unsere Augen sind die Gucklöcher nach außen, wie es in diesem Film durch eine umrandete Handkamera angedeutet wird, wenn jemand in John Malkovichs Hirn steigt.

Natürlich kann ich die Frage nicht beantworten, warum wir ausgerechnet das Gehrin so unterstreichen, auch im Rückenmark sitzen viele Nervenzellen, die könnten ja vielleicht auch noch „mitreden“, ja „wir“ könnten doch völlig über den ganzen Körper verteilt sein – aber so ist es anscheinend nicht. Wir bilden eine zentrale Instanz mit der wir uns selbst identifizieren und die meisten mentalen Vorgänge scheinen auch mit irgendwelchen physiologischen Prozessen im Gehirn zu korrelieren.

Man kann also mit recht von dieser grauen Substanz fasziniert sein. Die Begeisterung Schaumbergs für das Gehirn wird im Roman ja schon persifliert. Dass auch der Autor diese teilt merkt man vielleicht bei Fioretos‘ Aufsatz „Mein dunkler Schädel“ – denn in diesem taucht Fioretos selbst als Kranionaut in die dunklen Ecken unserer Schädel.

* ~ *

Liest man andere Kritiken zur Seelensucherin, so sind einige zwiespältig bis ablehnend. Einer der Hauptvorwürfe ist vielleicht, dass die spärliche Handlung so zäh und langsam voranschreite, ja dass „ein großer Erzähler [..] da nicht am Werk [sei] – eher ist’s ein Feinmechaniker, der Worte und Motive gebraucht wie andere Rädchen und Schräubchen.“ (hier) Zwar gab es auch für mich kleine Längen, aber generell würde ich an ein Buch wohl dieses Kritierium nicht anlegen wollen: es geht nicht darum eine Handlung möglichst ansprechend, mühelos und geradlinig an den Mann zu bringen – Letztlich liegt darin wohl die subtil-subjektive, irrationale Seelenchemie namens Literatur, die für jedes Gehirn nach einer eigenen Rezeptur verlangt. Aber uns verlangt es dann natürlich nach Rationalisierungen, nach Kritierien und soliden Gründen dafür, warum das eine Buch unsere Neuronen so befeuert, während das andere abstoßende Reaktionen hervorruft.

[Eigentlich ist der Rahmen nun schon geschloessen, dennoch bin ich bisher so wenig auf Roman eingegangen, dass ich noch zwei Kleinigkeiten herausstellen möchte, die ich positiv verbuchte: Zum einen vollführte die Erzählerin recht reizvolle Brüche der erzählten Zeit. Das erinnerte mich schon fast an Techniken des Films; So führte die Erzählerin einen Orts- und Zeitwechsel durch, der sehr einer Kamerafahrt glich, die von der Protagonistin auf der Straße den ganzen Straßenzug entlangschwenkt, um zu der Haustür zu gelangen, durch die sie gleich treten wird.
Und zum anderen waren da diese lyrischen Szenen, des Schneefallens oder die in der Rückblende erzählte Liebesgeschichte, die bei mir jenen Genuss herbeiführten, den ich mir von Literatur erhoffe.]

Edit: Mit einiger Hilfe von außen wurde zumindest der Anfang des Textes schon einmal lesbarer gemacht – auch den Rest habe ich noch etwas umgerührt, genießbar ist die Suppe wahrscheinlich immer noch nicht.