Ohne Limit

von phorkyas

Es ist doch erheiternd mit welchem Selbstbild Zeitungsjournalisten die Überlegenheit ihres papiernen Mediums vor allen Onlineformaten behaupten: die Geduld für gewissenhafte Recherche, die Kompetenz für gediegene Artikel usw. usf. Und man hat gleich den entsprechenden Zeitungsleser vor sich, wie er gemütlich sein Frühstück verzehrt und sich die zwei Stunden Zeit nimmt alles von vorne bis hinten durchzulesen und dann präpariert in den Tag starten kann, weil die Zeitungsmacher ihm die Welt wohlsortiert und geordnet vor die Füße legten. Er ist jetzt informiert.
Und bei den Online-Medien, so könnte man schließen, da hetzt und jagt eine Nachricht die nächste ungefiltert, unsortiert holtern und poltern Informationsschnipsel übereinander, gehört wird nur wer am lautesten krakeelt? Dabei, daran erinnerten mich einige Szenen in „Der fremde Sohn“, welche im Los Angeles der 1928er spielen, gab es doch auch anere Zeiten: da druckten Zeitungen drei Ausgaben pro Tag, um sich gegenseitig mit den allerneuesten Neuigkeiten zu übertrumpfen, die die Zeitungsjungen durch die Straßen riefen. Und nun nachdem man sich vom Durchlauferhitzer der Moderne, advocatus diaboli der Schnelllebikeit zum wohlsituierten, -etablierten Medium gemausert hat, da ist man schon so geschichtsvergessen geworden, die eigenen Wurzeln zu verleugnen? (Eine schon tragische Ironie entfaltet sich wenn dieses Selbstbild und die Propaganda von anderen halbverdaut in solchen Pamphleten wieder ausgespuckt wird.)

Es ist eines dieser Axiome über die Moderne, dass die Schnelligkeit, mit der wir Informationen aufnehmen und einordnen sollen, immer weiter zunimmt. – Ähnlich wie bei dem sich selbst beschleunigenden technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, möchte ich unkommentiert lassen, ob es sich dabei nur um Mythen handelt, jedoch anmerken, dass es den Zeitungen sehr zupass kommt, weil sie ihre Rolle es Ordnungsinstanz der Welt erst begründet. Trotzdem ist in diesem nun schön älteren Medium natürlich auch eine gewisse kulturkritische Skepsis gegen die „Segnungen“ des modernen Lebens spürbar. So wettert man gegen das neue Medium „Twitter“ und lässt keine Chance aus dessen Irrelevanz zu betonen, nur um doch bei jedem Großereignis oder (Fast-)revolution zu kommentieren, was denn dazu in den sozialen Netzwerken und Twitter zu lesen war. Manchmal, so kommt es mir vor, ist dann auch schon dunkle Faszination mit bei der Sache, wenn man in die ethischen Untiefen der Genmanipulation blickt oder mit den Neurowissenschaften den freien Willen negiert, dann darf man sich vor der dräuenden, schönen neuen Welt ein wenig gruseln. Zu diesen Themen gehören auch die „Neuroenhancer“. So berichtet man von dem Studentendopingmittel Ritalin, wie der gesellschaftliche Druck und Optimierungswillen auch vor Eingriffen in unsere Gehirnchemie nicht Halt machen wird.

Diesem Thema nimmt sich der Film „Ohne Limit“ an. Auch wenn ich den Film nicht uneingeschränkt empfehlen will, regt er doch vielleicht auch gerade wegen seiner Mängel zur Diskussion an. Zwei Aspekte möchte ich hier nur erwähnen. Den ersten habe ich mit dieser länglichen Einleitung schon zu genüge plattgewalzt: Die Droge, die in diesem Film die intellektuelle Leistungsfähigkeit ins Unermessliche steigert, ist ein Wunschtraum. Durch das Schlucken einer Pille wäre man fit, den Anforderungen nicht nur gewachsen, sondern in dieser Gesellschaft, in der Arbeit immer öfter in Geistigem, in dem Erfassen, Bündeln, Manipulieren von Daten besteht, ist man dann „ohne Limit“: dem beruflichen Aufstieg sind (scheinbar) keine Grenzen gesetzt.

Der andere Aspekt besteht darin, dass sich meiner Meinung nach in diesem Wunschtraum noch etwas anderes zeigt: die Selbstermächtigung des Intellekts, eine allgemeine Lust des Bewusstseins zur (Selbst-)Übersteigerung, das sich einbildet oder wünscht alle äußeren Prozesse zu vereinnahmen und sie ohne Verluste (perfektes Gedächtnis!) klar und durchsichtig abzubilden. Diese Tendenz lässt sich vielleicht auch bei Dostojevskijs Raskolnikov studieren: hier geht die Selbstermächtigung so weit, zu glauben, sich über alle Moral und Ethik hinwegsetzen zu können. Ähnliches lässt sich auch bei der Hauptfigur von „Ohne Limit“ beobachten, nur dass dem Verbrechen keine Strafe folgt. Fehlt also das moralisierende Ende, wie es Dostojevskijs großer Roman aufweist? Dies würde ich nicht bemängeln: die Moral und das Gute muss der Zuschauer sich selbst suchen, weil es in dieser modernen Gesellschaft nicht mehr vorkommt. Lediglich über welche Eigenschaften diese vierstelligen IQ’s dargestellt werden mutet manchmal etwas lächerlich an, aber was soll man meckern, so klug ist ja auch nur einer: „5 Milliarden das ist Gottes IQ, Er hat ganz sicher viel mehr als du.“