Moderne

von phorkyas

Da wer B sagt bekanntlich, nicht kneifen darf, wenn dann auch A vorweggenommen wird, habe ich mich auch an der Diskussion beteiligt die eine Modernenkritik von Herrn metepsilonema entfachte.

Dieser Eintrag ist der Versuch ein paar, aus meiner Sicht, wesentliche Punkte der Diskussion festzuhalten und noch ein wenig nachzubohren, was denn bei der Begriffsbestimmung nun erreicht wurde.

(I) Die Moderne und das Neue – eine Verheißung?

Ein Hauptcharakterisierungsversuch der Moderne lag darin, dass sie grundlegend das Neue anstrebe und wolle. In diesem Punkt sehe ich noch Klärungsbedarf. Der Mensch kennt in der Geschichte immer (scheinbar) avancierende und retardierende Momente, auch nach Neuem strebt er immer wieder. Jede Revolution, jede Utopie, die meisten Religionen sind Verheißungen des Neuen, des Anderen. Wenn man als die Gültigkeit dieser Definition aufrechterhalten wollte – und der Gebrauch des Adjektives „modern“ in dem Sinne von neu- und andersartig deutet möglicherweise auch in diese Richtung – so wäre es wünschenswert zu benennen, was denn das Spezifische des Neuen sei: Liegt es an dem Neuen selbst, also dessen Inhalten, oder nur der Art und Weise der Willkommensheißung?
Bei Herrn metepsilonema scheint es wohl zweiteres zu sein: Die Inhalte würde jeder Moderne weit von sich weisen – welches man den Utopisten und Revolutionären wohl unterstellen möchte: dass sie das Neue und ihre Ziel als wertvoll und gut ansehen. Das Neue wird lediglich gewollt, weil es neu ist.

Für Waren mag man dies schnell für plausibel halten (aber selbst dort ist es vielleicht nicht ganz so einfach: selbst ein neues Design soll uns eben auch vermitteln, wie sich eine Ware anfühlt, welches Selbstbild eine Marke nach außen tragen möchte und hat so selbst an der alleräußersten Oberfläche noch inhaltliche Funktion?). Allerdings verirren wir uns dann leicht im Gestrüpp der Kapitalismuskritikastereien, deshalb möchte ich hier eine grobe, vielleicht auch willkürliche Unterscheidung aufstellen, in Hinsicht darauf, auf welcher Ebene das Neue verheißen wird:
1) Auf der Ebene der Ober- oder Muttertheorie (s. z.B. Aufklärung: Fortschrittsglauben bei Kant, Forderung von Gleichheit und Brüderlichkeit, der Austritt aus der eigenen, selbstverschuldeten Unmündigkeit – vgl. auch die quasireligiösen Versprechen des Kommunismus)
2) Auf der Ebene des Paradigmas oder der Einzelwissenschaften. Kuhn, von dem ich den Begriff „Verheißung“ entlieh, verwendet ihn bei der Beschreibung der Phase der außerordentlichen Wissenschaft. Wenn ein Paradigma in die Krise gerät und nun neue Aspiranten in den Startlöchern lägen, so liege nach Kuhn der Grund sich für das Paradigma zu entscheiden, das man schlussendlich wählt, nicht darin, dass es die empirischen Daten wirklich besser beschriebe als das alte (oder die anderen Anwärter), dass man sich ihm anschließe liege vielmehr daran, dass es neue Daten und Erkenntnisse verhieße.
3) Nun in Bezug auf die Einzelware oder Idee – (die Apotheose des neuen Einzeldinges)
Selbst da könnte man manchmal noch Religiöses ausmachen, auf welches auch Kuhn anspielt, dann z.B. wenn man sich vergegenwärtigt, wie die Apple-Jünger zu den Geschäften pilgern, um ihrem neuen i-Gerät zu huldigen.
(Es scheint natürlich verlockend diesen „Abstieg“ vom Allgemeinen zum Einzelding auch mit einer zeitlichen Entwicklung zu identifizieren, wie auch mit einer fortschreitenden inhaltlichen Entleerung und Desorientierung, weil die „höheren Ebenen der Verheißung“ gar nicht mehr im Blickfeld sind – aber vielleicht ist diese ganze generalisierende Einteilung auch einfach nur Schmock.)

(II) Aufklärung und Positivismus

Diese Bestimmung: dass das Neue nur um seines Neuseins willen so ersehnt werde, sie lässt mich doch sehr unbefriedigt – deswegen schlug ich schon vor auf den Begriff „Avantgarde“ umzuschwenken, denn dieser beschreibt vielleicht gerade das: dass man unabhängig von der gegenwärtigen Zeit immer den Takt der Mode vorgeben möchte. Was jedoch könnten die Inhalte sein? Übereinstimmung schien unter den Diskutanden zu herrschen, dass die Moderne ihre Wurzeln schon in der Aufklärung habe. Der Einfachheit halber nehme ich noch den Positivismus hinzu. Was ist nun das Problem dieser beiden Philosophien? Haben sie nicht hehre Grundsätze?

Beiden wird von verschiedenen Seiten so etwas beschieden wie Lebensfeindlichkeit, statt dieser Lebensfeindlichkeit könnte man auch von der Subjektfeindlichkeit sprechen (s. Adorno, Heitler, Chargakoff,..?) – In der objektiv-kausal-deterministischen Beschreibung der Welt ist schließlich kein Platz mehr für das Subjekt, es ist überflüssig.

Selbst oder gerade in der Lyrik spiegelt sich diese Selbstentleibung des Subjekts folgt man z.B. Hugo Friedrichs „Die Struktur der modernen Lyrik“, in welcher er gerade dem fremden, subjektleeren Klang moderner Lyrik nachzuspüren sucht. (Auch in Mahlers Sinfonien ist da schon ein Anklang des Neuen, das da unheilvoll heranzieht..)

Auch Heideggers „Seinsvergessenheits“-Kritik fällt wahrscheinlich auch in diesen Bereich, aber ich möchte stattdessen auf eine wichtige Metapher verweisen: die Maschine. An dem Gegensatzpaar „Maschine-Organisches“ lässt sich das Inhuman-Abstoßende, das man der Moderne beischreiben möchte vielleicht gut ergründen. Vieles aus dem Science-Fiction Genre zehrt von dem Frösteln, das uns den Rücken entlang kriecht, wenn wir antropomorphe Maschinen sehen, Mensch-Maschine-Verbindungen oder die Maschinen den Kampf gegen ihre Schöpfer beginnen. Das Motiv ist natürlich nicht neu, s. z.B. E.T.A Hoffmanns Olimpia und schon 1714 schirb Leibniz in seiner „Monadologie“:

Daher ist jeder organische Körper (Leib) eines Lebendigen eine Art von göttlicher Maschine oder natürlichem Automaten, der alle künstlichen Automaten unendlich übertrifft.

(Die Unterscheidung zwischen den organischen Automaten und den von Menschen geschaffenen, die Leibniz dann vornimmt, findet sich dann übrigens bei Varela und Maturana wieder.)

(III) Motivgewitter

Aus Mangel an Zeit, Platz und Kenntnissen schnitt ich im letzten Abschnitt viele Dinge schon nur an. So möchte ich hier Motive, die in der Diskussion vielleicht noch gar nicht vorkamen versammeln:
– der „Schrei“ des leeren Ichs, der Expressionismus und dessen Ort:
– die Metropolen (der Ort an dem die Moderne stattfindet!)
– die Entfremdung (von der Arbeit, der Religion, den eigenen Ideologien, die einem Halt gaben..)
– die Fälschung der Welt (in Kunst, Literatur, Politik bleiben nur noch Versatzstücke alter Weltbilder und Ideen, denen man nicht mehr glauben kann)
– die Moderne als Sündenfall (Jessen)
– die USA als Fackelträger der Moderne (s. Heidegger-Interview, Leaves of Grass)
– Demokratie und Pluralismus
– Die Entzauberung (u.a. Vermessung?) der Welt [vielen Dank für den Hinweis, ich nehme hier gerne noch mehr auf (s. Kommentare)]
– …?

(IV) Ans Eingemachte

Nachdem ich nun versucht habe selbst, zusammenzutragen was man unter Moderne versammeln könnte, möchte ich da weiterhin die Existenz bestreiten, dessen was ich zu beschreiben suchte? Nun die Existenz wollte ich wohl nicht ernsthaft bezweifeln, es ging mir nur darum, ob mit dem Begriff sich sinnvoll etwas beschreiben ließe, sonst ginge eine Kritik der Moderne zwangsläufig ins Leere. Tut sie das (hier)?
Für mein Gefühl, ist dies doch leider noch der Fall – zwar möchte ich natürlich Einzelkomponenten wie dieser Kapitalismuskritik zustimmen, auch wenn sie mir etwas pauschal daherkommt, aber das Bild einer ganzen Epoche und deren Kritik ist es schon gelungen – nun, aber warum sollte man sich nicht erkühnen, es einmal hinzuwerfen?

Deshalb möchte ich aber noch einmal auf noch gröbere Bilder hinweisen:
Bei dem „Sündenfall“ fiel mir dann auf, dass diese biblische Geschichte gerade schon eine Anthropologie darstellen kann. Der Mensch ist von den Tieren unterschieden durch sein Erkenntnisvermögen von Gut und Böse (darin dem Gotte/den Göttern gleich). Das Tiersein unter den anderen ist nicht mehr möglich, das Paradies verloren, stattdessen muss er das Feld bestellen, seinen eigenen Lebensraum gestalten (hier könnte man, etwas überinterpretierend vielleicht schon einiges von Plessner sehen: in die Unmittelbarkeit des Tierseins kann man nicht zurück, daher gibt es nur die vermittelte Unmittelbarkeit -.. und die natürliche Künstlichkeit des Menschen, weil er seinen Lebensraum selbst kreiert…)

Was mir noch wichtig ist: Auch bei der Aufklärung ist die Gegenaufklärung oder Aufklärungskritik schon mitgedacht, bei Schiller und Goethe (Faust II, Newton..), du Bois-Reymond, die gröberen, größeren, geschichtlichen Verläufe, sie müssten wir noch ins Auge bekommen oder deuten. Vielleicht kommen wir dann auch zu einem Ergebnis wie der „Legitimität der Neuzeit“? Dass wir die Existenz der Moderne (was auch immer sie sei) akzeptieren können, ohne sie blind zu bejahen?

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PS. Ich möchte dich jetzt nicht zu sehr aus dem Zusammenhang zitieren, aber wenn du schreibst: „Der Mensch hat sein Alleinsein im Universum begriffen und verstanden, dass er nur dieses eine Leben, diese eine Chance hat. Was wäre wichtiger, als ebendiese zu erhalten?“ – dann hast du ebendies schon getan: die Gültigkeit der Moderne vorausgesetzt (die diese Isolation des Menschen vorantreibt, bewirkt).