Tante Emmas Gemischtwarenladen für Weltbilder, rhetorische Grundfiguren und anderes II

von phorkyas

(ii) Wissenschaft als Religion

Vor kurzem löste ein polemischer Zeit-Artikel über Hawking in der Rubrik „Religion und Wissenschaft“ eine wahre Kommentarflut aus. Leider muss ich bekennen, nicht nur in diesen unsäglichen, neunmalklugen, sinnlosen Kommentaren gelesen, sondern sogar dazu beigesteuert zu haben. (Das Gleiche ließe sich auch über meine Bloggerei sagen: Wird es mir einmal peinlich sein einer von denen gewesen zu sein? Einer dieser pseudointellektuellen Klugschwätzer, die zu alles und jedem ins Netz schwadronieren, Fachmann für alles und nichts. Da werden mir doch Printleute beinahe wieder sympathisch, wenn sie alle Klügelei beiseitelassen, in die Vollen gehen und so richtigen Dumpfsinn absondern wie diesen – Geht es noch durchsichtiger und dünner? Wie kann man mit dieser einen Idee „Die Öffentlich-Rechtlichen sind ja deppert, haben die die historische Mubarak-Rede, die alle gesendet haben, nicht gesendet“ wie kann man damit so viele Spalten füllen? Und hätten sie sie gesendet, hätte man sie vermutlich dafür angeprangert, dass sie, anstatt sich Zeit zu nehmen und das Material in Ruhe zu gewichten und zu begutachten, dieses wegsenden, nur weil alle anderen das auch tun… Ach, es ist doch so trostlos – schon wieder diese Blog-Attitüde, diese Sticheleien gegen die Dummheit anderer Leute. Aber was hilft’s, gegen die eigene Dummheit sollte man sticheln, doch die ist auf ewig unser blinder Fleck.)

Da diese Diskussionen scheinbar immer wieder aufflackern und dieses ewige Wiederholen der immergleichen Argumente etwas ermüdend ist, hier also der Versuch ein paar rhetorische Grundkniffe zu sammeln und darauf hinzusteuern, die Grundmotive freizulegen.

Es gibt ein Unbehagen an der Technik, den Wissenschaften, dass diese keine Ethik kennten. Autoren wie Sam Harris greifen diesem möglichen Vorwurf vor, indem sie umgekehrt zeigen wollen wie Naturwisschenschaft erst Moral und Ethik begründen könnte. Ich möchte mir hier nicht das Urteil erlauben, dass es sich dabei um Wissenschaftskitsch, Primitiv-Utilitarismus handelt, lediglich anmerken dass weder Philosophie noch Wissenschaft das Problem der Letztbegründung lösen können. Natürlich kann man eine willkürliche Setzung vornehmen, wie man es wohl den Religiösen unterstellen würde, aber das ist intellektuell wohl unbefriedigend. Von dieser Warte kann das Ergebnis nur ein Patt sein und darüber zu streiten, wer etwas besser könne, was ohnehin keiner leisten kann, muss einem müßig erscheinen.

Widmen wir uns jedoch einmal diesem „Unbehagen“, denn es erscheint mir der Archimedische Punkt. Es ist die Verunsicherung darüber, was der Mensch noch sei, wenn wir ihn in all seine Teile zerlegt haben, wenn wir die letzen kognitiven Fähigkeiten simuliert, die letzten Kernspinresonanzspektroskopie-Bilder analysiert haben. Die Forscher kokettieren noch mit dieser Furcht, wenn sie die PR-Trommel rühren, indem sie ausposaunen lassen, der freie Wille sei widerlegt. Was tun gegen diese Herausforderung, wenn sich das ganze Wesen des Menschen infrage gestellt sieht? Hier kann die Philosophie die Totschlagkeule schwingen: Man muss aufs Ganze gehen; das Bestimmen von Menschsein darf nicht Teilrationalismen anheimfallen, wie es geschieht, wenn Ethik sich in Detaildiskussionen der Einzelwissenschaften verliert und so nur noch dazu da ist bestehende Praxis abzunicken (s. Nannen, Stammzellenforschung etc.).

Den Polemiken gegen Wissenschaften sei es von Goethe, Adorno und auch Heitler scheint dieses Unbehagen gemeinsam. Sie richten sich geggen die Entzauberung, Entpoetisierung, Entintellektualisierung der Welt wie sie in Form der Wisschenschaften, dem Positivismus vorzuliegen scheint. Von seiten der Wissenschaft kann natürlich gefragt werden, ob dieses düsterverhangene Wissenschaftsbild denn auch treffe, woher sich die dunklen Dystopien schöpfen, was denn den Himmel in grau kleidet. Sei denn die Wissenschaft kein intellektuelles Unternehmen, ohne Inspiration, ohne geistigen Überbau und kühnen Entwürfen vom Großen Ganzen? Nun

Sie sehen auch hier befinden wir uns wieder in der allerfeinsten Klügelei – Aber jetzt müssen wir wohl die wissenschaftstheoretische Suppe auslöffeln, die wir uns eingebrockt haben:

(iii) Was ist Wissenschaft?

Was zeichnet die wissenschaftliche Methode und Sichtweise gegenüber magischem Kult, mythischen Welterklärungen aus? Meistens vertreten dann vor allen Dingen die szientistischen Kommentatoren einen Vulgär-Popperianismus, nach dem wissenschaftliche Theorien Aussagen oder Vorhersagen treffen müssen, die eine experimentelle Überprüfung zulassen und so würden unter den Theorien gerade nur die richtigen übrigbleiben, so als würde diese Methodik von selbst ohne großes Zutun immer weiter in Richtung größerer Erkenntnis fortschreiten. Dies scheint der Lehrbuchttradition zu entsprechen, die den Eindruck einer linearen Geschichte gibt, die zu der aktuellen, richtigen Theorie führen musste, einer kumulativen Wissensanhäufung. Kuhn widersprach leidenschaftlich, aus Sicht der Wissenschaftsgeschichte sei dieses Bild nicht haltbar. Vielmehr unterschieden sich verschiedene Phasen wissenschaftlichen Arbeitens oder Problemlösens. Jene in der ein vorherrschendes Konzept (Paradigma) befolgt wird, welches die Probleme und Fragestellungen definiert, an denen man arbeitet. In dieser Zeit stellt sich Wissenschaft tatsächlich als jene Anhäufung von Wissen dar, indem man die Früchte erntet, die ein Paradigma erreichbar werden lässt. Manchmal jedoch treten Anomalien auf, Beobachtungen z.B. die nicht in das Schema des derzeitigen Paradigma passen. Häufen sich diese kann die Wissenschaft in eine außerordentliche Phase eintreten. In dieser können andere Konzepte mit dem vorherrschenden konkurrieren und dieses schließlich ersetzen. Welches das Rennen macht, so betont Kuhn, sei nicht wie bei Popper Sache der Falsifikation, eines Beweises oder dass die neue Theorie die Daten besser beschreibe. Die Ursachen dafür könne auch gut außerhalb der Wissenschaft liegen, in ästhetischen und persönlichen Vorlieben oder in seinen eigenen Worten: „Der Erfolg eines Paradigmas [..] ist am Anfang weitesgehend eine Verheißung von Erfolg [..]. Die normale Wissenschaft besteht in der Verwirklichung jener Verheißung, einer Verwirklichung, die durch Erweiterung der Kenntnis der vom Paradigma als besonders aufschlußreich offenbarten Fakten [..].“
Mit diesem religiösen Vokabular sind wir nun endlich nahe an der ersten Überschrift, dieser dumpfbeuteligen Provokation, wie sie auch der Zeit-Artikel betrieb. Der Enthusiasmus, mit dem die Inbetriebnahme des LHC’s beobachtet wurde, die Indoktriniertheit und der missionarische Eifer mancher „Brights“ könnte solche Wortwahl allerdings schon nahelegen.

Müssen die Wissenschaftler aber diesen Vorwurf der Geschichtsvergessenheit sich gefallen lassen?

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