Philosophien des Lebendigen – Jacques Monod vs. Hellmuth Plessner

von phorkyas

Als ich Erwin Schrödingers Definition von Leben las, dass Lebewesen negative Entropie aufnehmen müssten, um gegen den zweiten Hauptsatz zu arbeiten und ihre Struktur erhalten zu können, da dachte ich nur: „Toll, ein Physiker entdeckt, dass Lebewesen Energie aufnehmen müssen, also einen Stoffwechsel haben.“ (Waren es aber nicht auch umgekehrt physiologische Beobachtungen an Lebewesen, die Helmholtz zur Formulierung des Energiesatzes führten!) Vielleicht war es etwas übereilig von mir, diese Definition als trivial abzutun, die DNS harrte ja noch ihrer Entdeckung – oder sollte man sich doch Leuten zuwenden, die sich damit auskennen. Ein solcher ist wohl zweifelsfrei Jacques Monod.

Dieser definiert Leben als Objekte mit (i) Teleonomie, (ii) autonomer Morphogenese, die sich (iii) invariant reproduzieren.

Bei der Teleonomie handelt es sich wohl um einen Versuch die leidige Zielgerichtetheit (Teleologie, Entelchie) lebendiger Vorgänge loszuwerden. Meine Sympathie für Tautologien habe ich ja schon bekundet und daher habe ich auch nichts dagegen, die Evolution als solche zu verstehen: Es überleben nun einmal jene, die sich reproduzieren und daher werden wohl solche überleben, die mit der Zeit Merkmale aufweisen, die so aussehen als seien sie dazu bestimmt, das Überleben zu sichern. Ohne dass sich jemand Gedanken gemacht haben müsse: Ja, äußere Gliedmaße zur Fortbewegung wären von Vorteil. Nur sind wir eben sehr dazu geneigt, Lebewesen so zu betrachten: Es hat Schwimmhäute, um sich im Wasser besser fortzubewegen, usw..

Auch Heitler widmete sich 1960 gerade jenem Problem. Nur wollte er wohl umgekehrt die Teleologie der Lebewesen am liebsten auf einen Sockel stellen, damit die Würde des Lebens wieder scheine. – Noch bin ich mir nicht im Klaren darüber, was ich vom Teleonomiekonzept halten soll: Ist es nur Augenwischerei; denn schließlich ändert es ja nichts daran, dass ich die Einrichtungen der Lebewesen in ihrer Sinnhaftigkeit betrachten kann, unabhängig davon, welche Ursache ich dieser Sinnhaftigkeit nun beilege? Oder ist es tatsächlich die wissenschenschaftliche Auflösung des Teleologieproblems?

Punkt (ii) hebt hervor, dass ein Lebewesen unabhängig von seiner Umgebung eine feste Form behält und (iii) die Möglichkeit besitzt sich zu reproduzieren.

Diese Punkte finde ich, in meiner jetzigen Formulierung, recht schwammig. Ich erinnere mich an einen Vortrag, der beschrieb wie extrem die Form eines roten Blutkörpers allein unter Einfluss der physikalischen Umgebung ändern kann – oder die Faltung von Proteinen unter Einfluss der Chemie,.. was in beiden Fällen auch wieder auf die biologische Funktionsfähigkeit rückwirkt. Insofern erscheint mir „unabhängig“ zu pauschal. Die Umwelt kann doch eindeutig einwirken.
Auch die Reproduktion ist doch gerade nicht so invariant, schließlich gibt es doch zum Glück Sexualität, wird der Genpool also mal ein bisschen gemischt (außer in degenerierenden Eliten – früher Adel, s. die Bilder von Velázquez).
[Mir erscheint es noch so als würden (ii) und (iii) in der Autopoiesis gewissermaßen ineinander aufgehen: die invariante Reproduktion wird dadurch ermöglicht, dass die ganze Information über des Lebewesen, in diesem selbst als Erbinformation vorliegt – dies ermöglicht dann eine rekursive Rückkopplung, in der das Lebewesen auf seine eigene Struktur einwirkt oder sich selbst erschafft]

Nachdem er diese Definition aufgebracht hat bringt er sie gegen den Animismus in Stellung. Dabei entfacht er offensichtlich einigen Furor und hämmert mit seinem Objektivitätspostulat auf die imaginären Animisten ein. Dabei scheint mir allerdings sein Wissenschaftsverständnis etwas fragwürdig, beziehungsweise schießt er in seiner Rhetorik vielleicht etwas über das Ziel hinaus. Ich stimme ihm zu, dass die Wissenschaft größt mögliche Objektivität anzustreben hat. Der Versuch ein Naturgesetz zu formulieren schließt in sich schon den Anspruch der Allaussage ein. – Aber es ist eben ein Anspruch, ein Postulat.

Und es war für mich eine Enttäuschung dann in diesem Zusammenhang jenes schwache Argument zu lesen:

dass wir [durch den Erfolg der Wisschenschaften] immer stärker dazu gezwungen waren eine objektive Quelle der Erkenntnis [..] anerkennen zu müssen.

Jeden Philosoph, der so argumentierte hätte man ausgelacht. Wo bleibt denn da der Objektivitätsanspruch. Nehmen wir den doch bitte mal ernst… und dann kann doch aus jeder Erfahrung, jedem noch so ausgeklügelten Experiment keine erkenntnistheoretische Aussage folgen (nebenbei: war im Mittelalter die Kirche nicht auch tonangebend oder erfolgreich – sind ihre Aussagen also genauso „wahr“ und objektiv?). Darf man die Positivisten doch auch mal an ihren Wittgenstein erinnern: „Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ – Also schweigt doch zur Metaphysik! Oh nein, Metaphysik, ja und nehmt doch bitte nicht immer den Platon mit seiner Ideenwelt. Es gibt auch Aristoteles!

Nun kommen wir zu meinen zwei Haupkritikpunkten:
Erstens scheint mir seine Rhetorik verdächtig. So oft er andere der Illusion, Täuschung und Ideologie zeiht, so sehr bekomme ich das Gefühl, dass es sich bei ihm selbst auch um einen Ideologen handeln könnte
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Zweitens mache ich an Monods Text eine Begeisterung aus, die mir wohlbekannt erscheint aus Du Bois-Reymond Rede „Über die Grenzen des Naturerkennens“. Die Begeisterung darüber, „im Buch der Natur lesen zu können“. Und die Begeisterung darüber die Mitmenschen ein bisschen zu ängstigen. Als Du Bois-Reymond 1872 vom Laplaceschen Dämon sprach, einer grossen Intelligenz, die mit den entsprechenden Differentialgleichungen gefüttert, die Zukunft und Vergangenheit kenne – als er unsere Gedanken nur als elektrische Impulse beschrieb, die durch unsere Nervenbahnen blitzen, da kann man sich vorstellen, was er damit für eine Aufregung erzielen konnte. So ähnlich möchte uns Monod wohl auch kitzeln mit der Behauptung, wir wären nur zufällig hier. – Doch ich kann mir nicht helfen: Mit der „Zufälligkeit-Notwendigkeits“-Problematik hat er für mich das Ziel verfehlt. Die Herausforderung, die uns der wisschenschaftliche Fortschritt auferlegt und die auch schon latent in den neuen „Widerlegungen des freien Willens“ schon mitspielen ist doch die: „Was ist der Mensch?“ – Die Angst oder das Unbehagen der Moderne ist doch vielmehr, dass, wenn man noch die letzten Gehirnströme gemessen, die letzten Aktivitätsmusterkorrelate herausdestilliert hat, nichts mehr übrig bleibt vom „Menschen“. Kein freier Wille, das Selbstbewusstsein ist nur noch der Egotunnel, den uns unsere Gehirnmaschine emuliert etc… (Nur war das doch 1872 auch schon bekannt.)

Dieser Frage nun hat sich Plessner gewidmet, den ich nun beim nächsten Mal vorstellen möchte.

PS. Leider ist es mir rhetorisch wohl auch ein bisschen durchgegangen – was besonders bedenklich ist, angesichts der Tatsache, dass ich den Monod nur aus zweiter Hand kenne. Monod ist auch wohl auch kein dumpfbeuteliger Szientist und Fortschrittsgläuber… als ich mit der Chaostheorie in Kontakt gekommen bin, Kybernetik, Autopoiesis, da erschien es mir auch als eine fruchtbare Vision der Welt (Evolution des Lebendigen): wie sie dort auf dem Rand des Chaos entlangschlittert und immer komplexere Strukturen sich bilden.
(Aber philosophisch bleibt der Monismus, Physikalismus, Naturalismus diskussionswürdig/problematisch – nun ich hoffe ich bin bereit für den Plessner)

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