Wittgenstein und die Ansagen der Deutschen Bahn

von phorkyas

für die einzige, wahre

Manchmal höre oder lese ich Sätze, da setzt mein sprachlich-logischer Coprozessor kurz aus, wie ein kurzer, schwarzer, innerer Testbildschirm, der eine kurze Verschnaufpause gönnt, nach welcher ich mich dann, blinzelnd, zu vergewissern wage, dass der geistige Abgrund, der sich gerade auftat, keine Einbildung war.

Dazu gehört zum Beispiel:
„Wegen Verzögerungen im Betriebsablauf wird sich die Abfahrt von Zug x um y Minuten verspäten“ (vgl. auch).

Vielleicht haben Mitarbeiter der Bahn aber auch nur Wittgenstein gelesen.

4.463 [..] Die Tautologie lässt der Wirklichkeit den ganzen – unendlichen – logischen Raum; die Kontradiktion erfüllt den ganzen logischen Raum und lässt der Wirklichkeit keinen Punkt. Keine von beiden kann daher die Wirklichkeit irgendwie bestimmen.
Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus

Ist das nicht entspannend und befreiend? So tritt nun die Tautologie mit dieser computergenerierten Bandansage in unsere Kommunikation, das logische Nirvana ist erreicht. „Tautologie und Kontradiktion sind die Grenzfälle der Zeichenverbindung, nämlich ihre Auflösung.“ (ebenda) Wir lösen den Gehalt unserer Aussagen auf wie Zucker im Tee. Liquidation. Nicht nur liquid democracy, wir brauchen liquid brains. Bis nur noch weißes Rauschen bleibt.

Das ist doch das Programm, der Punkt, zu dem all unsere Medien stetig streben: das Nullmedium (Enzensberger). Eine Wartemaschine, in die wir unsere letzten aktiven Hirnzellen zeitweilig einklinken, ohne dass Nennenswertes geschehe, der medial vermittelte Standby-Modus. Romane und Tageszeitungen waren doch erst der Anfang.

Ähm. Tut mir leid, da war mein Hochpassfilter wohl etwas zu insensitiv eingetstellt… und schon wieder etwas beigetragen zur globalen Entropie-Epedemie. Legen Sie einmal Ihre Hand auf Ihr Ohr. Hören Sie’s?

Alles nur Schall und Rau(s)ch[en].
Klappe zu. Affe tot.