Alles und Nichts

von phorkyas

Einen Aufsatz den ich in der 10. Klasse zu folgendem Thema verfasste
Zitat nach Blaise Pascal, Pensées Nr. 72 :
„Was ist zum Schluss der Mensch in der Natur? Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.“

In diesem Aufsatz soll es darum gehen, was sich aus den Definitionen und Ansichten zum Nichts und zum All und den Beziehungen des Menschen zu diesen Extrempunkten für ein Verständnis unseres Daseins ergibt.

Beginnen wir mit dem Nichts. Mathematisch lässt es sich einfach mit der Zahl Null ausdrücken. Allein schon diese Zahl besitzt bemerkenswerte Eigenschaften. Sie hat in dem Sinne kein Vorzeichen oder man könnte auch sagen, sie besitzt beide. Man darf nicht durch Null dividieren, und der aller größte Unsinn ergäbe sich, wenn wir Null durch Null teilen würden ! Die Probe würde nämlich jede Zahl erfüllen, sogar Unendlich könnte man einsetzen, was in dem Sinne ja keine Zahl ist. Man kann also vermuten, dass hinter diesen so simplen Zahl noch so einiges steckt.
Zuerst einmal möchte ich die meiner Meinung nach interessanteste Ansicht zum Nichts benennen und kurz erläutern. Erklärt wird sie in einem Zwiegespräch, das ich vor einem halben Jahr so oder so ähnlich (zugegebenermaßen habe ich es ein wenig verfälscht) einmal auf WDR 2 im Radio gehört habe.
„Du, weißt du eigentlich was das Schlimmste auf der Welt ist ?“
„Ähm… Ja, keine Ahnung. Der Tod, Krieg, Selbstaufgabe, Fernsehen, Zerfall der Werte, Werner Hansch, Terrorismus …“
„Nein, nein, alles falsch.“
„Ja, was denn dann ? Das Böse, Gleichgültigkeit, Egoismus ?“
„Nein, völlig daneben.“
„Ich geb‘ auf. Und was ist es jetzt ?“ (Sie werden es vielleicht schon erwartet haben!)
„Nichts.“
So etwas sollte man vielleicht erst einmal auf sich wirken lassen. Deshalb wollte ich eigentlich schon ein paar Leerzeilen lassen, was ich mir aber doch verkneife. Vielleicht sollten wir auch wenn man die Richtigkeit dieser Aussage spürt, oder sie auch sonstwie logisch erscheint, doch noch einige kritische Fragen stellen. Denn auch wenn in diesem Dialog die Antwort einen richtigen Aha–Effekt erzeugt und die gestellte Frage überzeugend und brillant beantwortet wird, so bestehen noch einige Unsicherheiten. So wurde z.B. der Artikel „das“ vor „Nichts“ ausgelassen, was eine vielleicht provozierende Zweideutigkeit erzeugt. So könnte man, wenn man den Artikel weiterhin nicht ergänzt, auch zu dem Schluss kommen, dass es etwas Schlimmstes gar nicht gibt. Gegen eine solche Möglichkeit scheint sich allerdings unser Inneres zu sträuben (wie ich meine zurecht). Und damit rückt die zweite Möglichkeit ins Blickfeld. Nämlich, dass das Nichts das Schlimmste ist. Wie kommt es nun das einem das plausibel erscheint ? Nun wenn wir die Definition richtig anlegen, dann beinhaltet das Nichts alle die Dinge, die der Gesprächspartner nennt. So ist der Tod ein Nichts an Leben, der Krieg ein Nichts an friedlichem Miteinander oder Frieden, das Böse wird verursacht durch ein Nichts an Gewissen, Egoismus wird durchgesetzt mit einem Nichts an Mitgefühl, usw. ..
Wichtig ist hier das wir angeben, wovon wir nichts besitzen. Nichts an sich ist nur eine Mengenangabe (wie in der Mathematik alle Zahlen eine Menge von angeben). Wenn ich aber statt dessen das Nichts anspreche, so meine ich damit ein Nichts an allem, was die Welt erhält. Damit können wir das Nichts zum Oberbegriff des Schlechten schlechthin machen. Alles Böse hat mithin als Ursache, dass irgendwo in uns etwas fehlt, sich also irgendwo das Nichts ausdehnt. Das Nichts kann also auch als Ursache allen Schlechten verstanden werden. Dabei verwenden wir das Nichts als einen Sammelbegriff für das Sinnlose, für innere Leere, Abgestumpftheit, Gedankenlosigkeit, Häresie, Ablehnung aller Werte und Grundsätze, innere Verarmung, Gedankenlosigkeit, Sinnentleertheit.
Kurzum können wir über das Nichts sagen: „Das ist der Teufel !“
Wenden wir uns nun der entgegengesetzten Seite zu. In dem Zitat geht es um die Stellung des Menschen in der Natur. Nun stellt sich die Frage, was die Natur überhaupt ist. Das einfachste ist sicherlich sie als die Gesamtheit aller Lebewesen (auf der Erde ?!) zu bezeichnen. Damit ist sie ein Alles. Wenn wir bedenken, wie klein wir ihr gegenüber sind, kann man davon sprechen, dass wir ihr gegenüber ein jämmerliches Nichts sind (Im Zitat heißt :“Ein Nichts vor dem Unendlichen“). Unser ganzes Leben verbringen wir praktisch nur auf einem kleinen Staubkorns eines riesigen Teppichs. Selbst die Erde ist schon so groß, dass ihre Kugelform für uns als eine ebene Fläche erscheint (kein Wunder, dass man jahrhundertelang glaubte, die Erde wäre eine Scheibe). Wenn wir also schon Probleme bekommen können wenn wir uns die Größe der Erde vorstellen wollen, dann versagt unser Vorstellungsvermögen wohl spätestens bei den astronomischen Größen unseres Universums. Vor drei Jahrhunderten konnte man sich vielleicht gar nicht vorstellen, dass Licht auch eine endliche Geschwindigkeit hat. Vielmehr erscheint es so, als verginge keine Zeit, bis das Licht eine Strecke überwindet. In unserem Alltag, wenn wir auf den Lichtschalter drücken, dann können wir diese Meinung sicherlich verstehen. Indes ist es aber so, dass wir heute in der Astronomie mit Entfernungen rechnen, die das Millionenfache der Entfernung betragen, die das Licht in einem Jahr zurücklegt! Und das obwohl das Licht in einer Sekunde 7½mal um die Erde reisen kann! Wenn wir uns in unserer Umgebung also umschauen, reicht es wahrscheinlich einen Blick auf den Nachthimmel zu werfen, um Angst davor zu bekommen, wie klein man doch ist. „Wie ein Sandkorn in der Sahara“, fällt mir da als Vergleich ein. Nun ist da allerdings noch ein Problem. Wenn wir nämlich von Natur als die Gesamtheit aller Lebewesen auf der Erde sprechen, ist das trotz der unvorstellbaren Zahl eine endliche Menge. Damit wir allerdings verglichen mit der Natur wirklich zu einem Nichts werden (mathematisch betrachtet), müßte dieses Alles etwas Unendliches sein. Wir könnten uns nun damit begnügen, dass wir alles nur als eine Näherung betrachten oder sagen das hier die Mathematik nicht mehr die Gesetzmäßigkeiten richtig trifft. Die Natur ist aber in einem gewissen Sinne auch unbegrenzt. Es bestehen unendlich viele Möglichkeiten, wie sie sich entwickeln könnte. Und wenn wir versuchen mit unserem kleinen beschränkten Geist, die Wege und die Gesetze der Natur nachzuvollziehen, stehen wir irgendwann immer an einem Punkt, an dem wir nicht mehr weiter kommen, ja wahrscheinlich auch nicht mehr weiter kommen können. In den Naturwissenschaften mögen wir ja Gesetzmäßigkeiten auffinden und bisher scheinen sich diese Gesetze auch immer wieder zu bestätigen. Aber wer sagt uns, dass diese Allaussagen wirklich immer gelten ? Gut, ich persönlich gehe davon aus und glaube an die Naturwissenschaften. Aber es bleibt dennoch immer nur ein frommer Glaube. Denn am Anfang stehen immer mehr oder weniger willkürliche Definitionen und Festlegungen. Wer kann mir denn beweisen, dass so etwas wie Zahlen oder das Energieerhaltungsprinzip gibt ? Nun man muss daran glauben. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass wir die Natur geistig nicht voll erfassen können. Sie ist um einiges größer als wir mit unseren Vorstellungen wohl je kommen werden und so wird die Natur wohl, egal wie weit wir mit unserer wissenschaftlichen Erfassung und Beschreibung gelangen, immer wieder neue Geheimnisse offenbaren und noch einige mehr bergen. Wenn wir so wollen, können wir deshalb auch die Natur in unserer Vorstellung zur Unendlichkeit heranwachsen lassen.
Wenn wir vorhin festgestellt haben, dass man das Nichts als Teufel ansehen kann, so wird man vielleicht vermuten, dass wir die Natur, das All, das Unendliche als Gott ansehen können. Nun was soll man sagen ? So ist es ! Die Erläuterungen dazu kann man jeder Beschreibung über Mystik entnehmen. Die Gesamtheit aller Dinge wird als Weltseele bezeichnet und der Mystiker strebt danach die Einheit seiner selbst mit dieser Weltseele zu spüren. Leider gibt es unter den Mystikern selbst einige abschreckende Beispiele, die einen Außenstehenden, der zum ersten Mal mit Mystik in Kontakt kommt, doch sehr befremden und abschrecken. Aber das soll uns jetzt nicht weiter beschäftigen.
Nach diesen Vorbetrachtungen möchte ich noch einmal kurz auf das eigentliche Thema zurückkommen. Wichtig sind hier vor allem die Maßstäbe. Die ganze Betrachtung kann man sich auf einer Skala ähnlich einer Zahlengrade vorstellen, deren Zahlen allerdings Größenordnungen angeben (Länge, Ausdehnung). Das Problem ist allerdings die Einteilung. Wenn wir z.B. analog eine Temperaturskala betrachten, so ist diese Skala eine Halbgerade. Nach rechts sind immer höhere Temperaturen möglich, denn theoretisch könnten wir einen Körper immer weiter erhitzen, das heißt dort ist sie unbegrenzt. Im negativen Bereich gibt es allerdings eine Grenze; die des absoluten Nullpunktes (von – 273,15°C). Diese Grenze ist allerdings ein Limes, ein Grenzwert, sie ist also unerreichbar. Wir können uns dieser Temperatur, bei der alle Moleküle zum Stillstand kommen würden, immer weiter annähern, sie aber nicht erreichen. Genauso verhält es sich mit unserer Skala der Größenordnungen; die untere Grenze ist Null und sonst sind nach rechts auch wieder immer riesigere Größenordnungen möglich.
Beide Endpunkte sind möglicherweise für uns unerreichbar: Die Teilchenphysiker forschen nach immer kleineren Bausteinen unseres Universums und brauchen immer größere Energien, um immer kleinere Teilchen aus ihren Bindungen voneinander zu lösen. Ob es nun wirklich irgendwann ein wirklich kleinstes Teilchen gibt, das sich nicht mehr teilen lässt, ist völlig offen. Vielleicht sollte man an dieser Stelle aber einmal die String – Theorie erwähnen. Diese versucht unsere „Elementarteilchen“ so zu beschreiben, als wären sie aus sich selber zusammengesetzt. Das lässt natürlich die Interpretation zu, dass es in Wirklichkeit keine kleinsten Teilchen gibt, sondern wir nur an einer bestimmtem Stelle sagen: „Jetzt würde es immer so weiter gehen. Man kann diese Teilchen immer wieder zerlegen, aber wir hören damit auf und tun statt dessen so als wäre das Teilchen aus sich selbst zusammen gesetzt.“ Das hört sich zwar paradox an und erinnert an eine Prozedur, die sich selbst aufruft und nicht aufhört dies zu tun, aber irgendwie können die Mathematiker selbst daraus noch etwas machen. Die String – Theorie ist zwar noch nicht bestätigt, aber einige namhafte Physiker sagen ihr eine große Zukunft voraus. Es ist aber immer noch nicht klar, ob es eine unterste Grenze gibt. Interessant vielleicht auch noch zu erwähnen, das das Vakuum nicht Nichts ist. Denn nach neuesten Erkenntnissen ist selbst der angeblich „leere“ Raum angefüllt mit „virtuellen“ Teilchen. Die Grenze nach oben ist sicherlich die Grenze unseres Universums. Sie zu erreichen ist unmöglich. Der Raum dehnt sich mit Lichtgeschwindigkeit aus (Hubble – Expansion), für unsere Reisegeschwindigkeiten ist diese Geschwindigkeit aber schon eine oberste Grenze, die wir nicht überschreiten können. Wir werden unser Universum also nie verlassen, außer wir gelangen nach dem Tod oder fallen durch ein Wurmloch in ein neues Universum hinein. Wir können also zusammenfassen, dass wir die Endpunkte (Nichts und Unendlich) voraussichtlich nie erreichen werden.
Auf einer Skala ähnlich der Temperaturskala können wir nun unsere Betrachtungen durchführen:
Statt die Natur zu betrachten, verwenden wir nun den Begriff des All. Von der Größenordnung läge das All oder Alles im Unendlichen. Wenn wir nun aus dem Unendlichen auf das Endliche, z.B. den Menschen zurückblicken würden, wie würde uns dieses dann erscheinen ? Wie ein Punkt. Wie ein Nichts. Genaugenommen könnten wir es gar nicht sehen, weil es keine Ausdehnung, keine Dimensionen hätte. Umgekehrt verhält es sich, wenn wir von einem Punkt, von einem Nichts auf etwas Endliches blicken würden. Dann würde uns dieses unendlich groß erscheinen. (Tut mir leid, wenn diese Betrachtung etwas mathematisch war, aber leider liegt das nun einmal am Thema. Und hier merkt man wieder einmal deutlich, dass Blaise Pascal auch Mathematiker war.) Man könnte statt der Größenordnung natürlich auch die Zeit betrachten, was im Prinzip das gleiche Ergebnis erbringt. Nämlich dass der Mensch aus diesen verschiedenen Blickwinkeln betrachtet einmal Nichts und einmal Alles ist. Und damit stellt sich die Frage, was er wirklich ist, das eine oder das andere. Die Synthese haben wir eigentlich schon durchgeführt; er ist etwas, etwas Endliches, Begrenztes. Unendlich mehr als Nichts, Unendlich weniger als alles. Oder wie es bei Blaise Pascal heißt : „Ein Nichts vor dem Unendlichen, ein All gegenüber dem Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und All.“ Dieses Endliche, das ist die Mitte zwischen Nichts und Allem.
An dieser Mitte nun treffen Welten; das Nichts und Alles aufeinander. Ich persönlich glaube, dass das menschliche Dasein gerade deswegen so vielseitig ist. Das an der Schnittstelle zwischen Nichts und All die menschliche Kultur, die Kunst, die Artenvielfalt, ja ich würde sagen das Leben überhaupt entstehen konnte. Warum ? Nur an dieser Stelle, wo diese gegensätzlichen Kräfte aufeinandertreffen, ist Bewegung, Entwicklung möglich. Auch in unserem Leben treffen diese beiden Pole immer wieder aufeinander. Die Spannung und die Gegensätzlichkeit zwischen diesen beiden ist es, was für die nötige Energie und Dynamik sorgt.
In unserem alltäglichen Leben entfalten beide Kräfte ihre Wirkung. Das Nichts zum Beispiel zeigt sich deutlich in dem Verfall der Werte. In unserem Leben nehmen vermehrt kleine Dinge, Nebensächlichkeiten, Unwichtiges immer wichtigere Stellungen ein. Von allen Seiten wird z.B. der Konsum gepredigt und suggeriert und zu einem Lebensinhalt gemacht. Eine Rolle, die, wie ich meine, ihm auf keinem Fall zusteht. Denn das wichtigste im Leben ist ja wohl zu leben, und das bedeutet mehr als bloß zu überleben. Und trotzdem hört man Parolen wie : Hast du was was, dann bist du was! Und auch wenn man es nur hinter vorgehaltener Hand sagt, verhalten sich doch schon erschreckend viele nach solchen Grundsätzen. Solche „Werte“ wie Besitz, genußreiches Essen, Statussymbole usw. fallen für mich in die unterste Kategorie (siehe der Hierarchie der Güter, die Aristoteles im Zusammenhang mit der Glückseligkeit beschreibt) der Werte. Sie dienen der Überlebenssicherung. Wenn wir dadurch, dass wir Besitz erlangen oder unseren Trieben folgen, unser Überleben sichern, dann ist der Sinn davon nur dass wir uns ein höheres Ziel auch erfüllen können. So müssen wir Essen und Trinken, um überhaupt z.B. Erkenntnis oder ein anderes höheres Gut zu erreichen. Was aber wenn dieses höhere Gut wegfällt und wir statt dessen nur noch die Güter niederer Ebenen befolgen ? Nun dann blähen wir diese kleinen Werte auf. Wir pumpen soviel Luft in eine Maus, bis wir sie auf die Größe eines Elefanten gebracht haben. Und was ist mit dem dadurch eingenommenen Platz ? Wir verteilen weniger auf mehr Platz. Wir nähern uns so dem Nichts an. (Wenn wir eine beliebige endliche Menge auf eine immer größere Fläche verteilen, nähern wir uns der Dichte Null an. Denn.1/∞ = 0.) Wir schaffen ein Nichts, eine leere Stelle in uns. Was ist nun das Schlimme daran? Wozu führt das? Am Ende steht man, wenn man sich in seinem Leben so orientiert hat, vor dem aufgeblähtem Nichts, der vollkommenen Bedeutungslosigkeit, einem Leben auf längst gegangenen Abwegen. (Das klingt sicherlich wie ein Moralapostel, aber ich muss mich selber wohl ganz klar mit in diese Kritik einschließen.)
Leider ist das noch nicht genug, denn auch so bleibt man wahrscheinlich nicht vom Nichts verschont. Was passiert z.B. bei einer Depression, wenn einem die Welt plötzlich trist, leer und grau erscheint ? Nun ich denke man kann das durchaus als eine kurzzeitige Herrschaft des Nichts über unsere Empfindungen interpretieren. Oder vielmehr schlagen unsere Empfindungen im Angesicht des Nichts in ein solches negatives Extremum um.
So können wir zusammenfassend sagen, dass das Nichts seiner höchst unehrenhafte Rolle als Teufel, Verderber und Gegner alles Existierenden, als eine Nichtigung des Seins auch besonders in der heutigen Zeit voll gerecht wird.
Der umgekehrte Fall, dass alles Gute, alle Werte sich von der Natur oder vom All ableiten ist allerdings schwieriger nachzuvollziehen. Wenn wir als Werte die Glückseligkeit, oder dem kategorischen Imperativ zu folgen ansehen, dann scheint das verglichen mit der Evolutionstheorie Darwins doch gänzlich andere Verhaltensweisen zu fordern. Angeblich soll sich ja der Stärkere durchsetzen, denn nur wer im Zweikampf stärker ist, kann überleben. Allerdings ist dieses Prinzip meiner Meinung nach unvollständig, denn dann wäre die Evolution sicherlich auf dem Entwicklungsstand der Einzeller stehengeblieben. Wir wären dann heute alle hochspezialisierte Einzeller mit einer Menge chemischer Waffen, die sich untereinander ständig bekriegen würden. Es fehlt eindeutig ein Mechanismus, der auch die Kooperation begünstigt. So etwas findet sich heute unter dem Namen Ko-Evolution. Die Symbiose bringt den Lebewesen Vorteile in der Nahrungsbeschaffung, usw.. Es überleben die Arten, die in der Lage sind, Nachkommen in die Welt zu setzen. Dazu kann gehören, dass sie stärker sind, aber auch, dass sie sich mit anderen zu Gruppen zusammenschließen. Die Natur fordert also durchaus Verständigung und Kooperation. Man kann aber durchaus noch weiter gehen und die Natur als den Schöpfer der Menschen bezeichnen. Sie hat uns in einem Milliarden Jahre dauernden Prozess der Evolution geschaffen. Und wenn wir die Gesamtheit aller Menschen auch zu einem All werden lassen, dann können wir diesem All auch als die Kraft ansehen, die uns Identität verleiht. Denn was wäre ein Mensch ohne Mitmenschen, ohne Kommunikation? So sehr wir uns manchmal auf eine einsame Insel wünschen, wir würden dort zu einem Nichts.

Mit Gegenpositionen in Konflikt zu kommen, sehe ich nicht als Problem an. Die Nihilisten könnten sich zwar als Teufelsanbeter oder Satanisten vorkommen, aber vielleicht sind sie es ja auch! Bei den Buddhisten wird zwar das Nirwana oder Nichts als oberstes Ziel gesetzt, aber sie legen nur eine andere Definition zu Grunde. Für sie ist es das Nichts an Begierde, das Loslassen von allen irdischen Übeln. Die Gier ist für sie schlimm, weil sie ihnen leer und grundlos erscheint. Damit wäre ihr „Nichts“ oder Nirwana ein Nichts an dem, was ich als Nichts bezeichnet habe.
Auf der Erde passiert also immer so viel, weil dort ein ständiger Kampf zwischen Teufel und Gott entfacht wurde. Um diese Position noch einmal zu bekräftigen werde ich allerdings zum Ende weniger einen Philosophen als einen Dichter zitieren können. So heißt es in Goethes Faust I:

Faust Nun kenn ich deine würdgen Pflichten!
Du kannst im Großen nichts vernichten
Und fängst es nun im Kleinen an.

Mephistopheles Und freilich ist nicht viel damit getan.
Was sich dem Nichts entgegengestellt,
Das Etwas, diese plumpe Welt,
Soviel als ich schon unternommen,
Ich wusste nicht ihr beizukommen,
Mit Wellen Stürmen, Schütteln, Brand –
Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
Dem ist nun gar nichts anzuhaben:
Wie viele hab ich schon begraben,
Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut!
So geht es fort, man möchte rasend werden!

So hoffe ich, werden wir den Teufel noch einige Jahrtausende in Rage bringen!

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