Titanic und Kritik

von phorkyas

Wenn man das Satiremagazin Titanic liest so könnte man den Eindruck gewinnen, dass dessen Verfasser sich für die Wahrheit sprechenden Hofnarren der Republik halten, die ihre durchgeknallte Oase errichten im Irrsinn unseres Zeitgeschehens. Manchmal, dünkt es mich, ist dieser Selbstanspruch auch nahezu erfüllt… manchmal freilich scheint der ewige Zwang zum Tabubruch sein Ziel nicht zu treffen. Der olle Hitler auf dem aktuellen Cover („So locker ist Schland!“) konnte mir kein müdes Lachen entlocken. Auch dieses mal hätte ich das im Editorial abgedruckte nicht verwendete Cover lieber auf der Frontseite gesehen; es zeigte einen geöffneten Hosenstall mit der Titelzeile: Die Kirche öffnet sich. Ist denn schon Sommerlochzeit, dass man stellvertretend für den Spiegel mal wieder unsren Führer nutzen muss?

Dabei kann von Sommerloch doch keine Rede sein, wo doch eine Nachricht, alle Medien durchflutet. Und natürlich hat die Titanic auch schon dazu etwas parat: Unter „BP präsentiert neuen Vorstand“ zeigen sie die vier Personen, die maßgeblich für die Organisation der Loveparade verantwortlich sein sollen. Jene Personen, die also ohnehin am öffentlichen Pranger stehen, sollen sie auf dem (medialen) Scheiterhaufen brennen (das hätte ich mich als Cartoon gewünscht)? Aber, oh nein, sie alle wollen keine Schuld eingestehen. Dächte man auch nur zwei Millisekunden darüber nach, so wäre einem doch klar, dass das Bewusstsein sich vor dieser Unglaublichkeit schützen muss: für den Tod von 21 Menschen verantwortlich zu sein. Selbst wenn man rational einsehen könnte, dass man mitschuldig ist, wer könnte sich und allen anderen das eingestehen? Lasst sie doch in Ruhe, sie werden schon genug mit sich selbst zu tun zu haben, Morddrohungen sind da nicht gerade förderlich.

Dieses Bild es ist aber wunderbar gelungen. So betreten wie die vier da hocken, als hätten sie sich selbst schon für schuldig befunden. Wiedergefunden habe ich es aber dann erst in einem Beitrag vom WDR, in dem die Kamera, die vier Gesichter abfuhr, die Namen werden eingeblendet, und die Kritik aus dem Off, alle würden kritische Fragen abwiegeln. Dabei ist es doch fast so als hätten sie in dieser Pressekonferenz, in der sie anscheinend kaum etwas sagen, an Herrn Prantls Ratschlag gehalten:

Nun muss man nicht unbedingt erwarten, dass diese sich öffentlich an die Brust klopfen und ihre Schuld bekennen. Aber sie könnten wenigstens den Mund halten und die Prüfung der Schuldfrage der dafür berufenen Institution überlassen – der Justiz.

Und damit können wir von einem unwürdigem Thema zum nächsten schreiten (allein durch die Masse der Berichterstattung, und dies hätte ich natürlich auch als Einstieg wählen können, dass ich eigentlich nichts [dazu] schreiben wollte qualifiziert sich das Unglück bei der Loveparade als unwürdiges Thema): das Programm der Öffentlich-Rechtlichen Sender. Warum ich den WDR-Beitrag für misslungen halte, habe ich oben schon angedeutet; weil er vorverurteilt und emotionalisiert. aber wir dürfen eben nicht unserer inneren Bildzeitung nachgeben, die Genugtuung fordert und einen Schuldigen braucht. – Wie Herr Jessen in seinem Beitrag die Öffentlich-Rechtlichen Sender angreift, erscheint mir ungeeignet, er kann sich aber des Beifalls der Kommentatoren gewiss sein. Es ist wieder das alte Lied; statt punktgenau zu belegen, was denn nun niveaulos sei, packt man wieder die alten Klischees aus; Volksmusik usw. Das finde ich niveaulos. Aber es genügt, auch für die hunderte von Kommentatoren, um sich noch ein bisschen schlauer zu fühlen als die blöden GEZ-апаратчики.

Dabei hatte Herr Jessen sich doch so eine schöne Definition des Vulgären verschafft:

Das Vulgäre ist – nach einer bestechenden Definition des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila – alles das, was nicht bleiben darf, was es ist. Das Vulgäre entsteht, wenn den Dingen ihr ursprünglicher Eigenwert entzogen wird.

So wie die Berichterstattung der Bildzeitung oder dass jetzt in Duisburg wie auch bei Robert Enke die Trauer in Stadien auch noch Event-Charakter bekommt (kann man denn bitteschön die Leute in ihrer Trauer nicht auch in Ruhe lassen?). Vulgär sind damit auch die Zeitungen, die über Dinge nur berichten, weil alle darüber berichten, die nur schreiben, was alle schreiben und denken, die sich ihre „Meinung“ beklatschen lassen, die so billig daherkommt, dass man es schon eigentlich nicht mehr aufschreiben bräuchte, z.B. dass die GEZ-Gebühren verschwendet würden… [Edit: oder dass es kaum etwas Verblöderenderes gibt als Verblödungskritik (reicht es immerhin unsereinem sich daran hochzuziehen, sich nicht zu entblöden, die Blödigkeit dieses Unterfangen, usw. usf.?).]

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