Das Fußnotenmassaker oder Ich liebe Polemik

von phorkyas

Emil Heinrich Du Bois-Reymond ist ein Riese [4], so wollte ich schreiben, als ich zum ersten Mal seine Rede „[ü]ber die Grenzen des Naturerkennens“ las. Verglichen mit Hawking was für eine Tiefe der Gedanken.. und dann doch nur wieder philosophische Gemeinplätze der Scholastik (Qualia-Streit), Zeitgeist und in avantgardistischen Bildern menschliche Gedanken als elektro-chemische Impulse, der Wärmetod der Welt? – Immerhin seit 1872 nichts Neues. Wenn er von den verschiedenen Hirnregionen spricht, die verschiedene Aufgaben übernähmen (er verweist hier auf Hermann Munk) sieht man den Weg der Neurowissenschaften schon vorgezeichnet. Als habe er damit schon den weiteren Weg vorweggenommen, nur dass wir heutigen Wissenschaftsadepten nicht einmal mehr an sein Niveau heranreichen. Man könnt schon neidisch werden auf Herrn Du Bois [1].

Ich kann mir auch gut vorstellen, wie die kühnen physiologischen Bilder, die mechanistischen Metapher im neunzehnten Jahrhundert die Leute gruselte und faszinierte. Hinzu kommt, dass der Text in seiner Bedeutung changiert und schillert [2]. So schildert er zuerst die Naturerkenntnis nach dem Laplaceschen Geist: die Kenntnis der Anfangsbedingungen und Differentialgleichung aller Körper kennend, könnte diese Intelligenz alles Zukünftige und Vergangene berechnen. Erledigt dabei auch die Qualitäten und dann sagt er: „Erstens nämlich ist daran zu erinnern, daß das Naturerkkenen, welches vorher als unser Kaualitätsbedürfnis vorläufig befriedigend bezeichnet wurde, in Wahrheit dies nicht tut, und kein Erkennen ist. Die Vorstellung, wonach die Welt aus stets dagewesenen und unvergänglichen kleinsten Teilen besteht, deren Zentralkräfte alle Bewegung erzeugen, ist gleichsam nur Surrogat einer Erklärung.“ Der scheinbare Widerspruch löst sich ja aber doch wieder, wenn am Ende klar wird, dass Herr Du Bois ja auch in den Mechanismus vertritt, aber aufzuzeigen versuchte, dass dieser seine Grenzen habe. Bis zur mechanistischen Erklärung des Bewusstseins werde man es nie schaffen, innerhalb seiner Grenzen dürfe und solle man aber alles mechanistisch-physiko-chemikalisch auseinanderbauen und verstehen.

Nun sind die Fußnoten doch (noch!) nicht länger geworden als der Text und die Polemik [3] fehlt fast völlig.

[1] Nein, wirklich neidisch bin ich auf Hilberts Hut und Leibniz‘ Locken, oder vielmehr, was darunter vorging. Hilbert in dessem Umfeld oder Raum die Quantenmechanik entstand oder stattfindet. Dessen „Programm“ und seine Unmöglichkeit die Krone aller exakten Naturwisschenschaft ist. – Und der sich gegen Du Bois-Reymonds „Ignorabimus“ verwahrte.

[2] Dies sind zwei Punkte, die ähnlich vielleicht auch bei der Sloterdijks „Menschenpark“ gegeben waren, und zu dem Erregungspotential beider Reden vielleicht das ihrige taten.

[3] Deswegen hier ein bisschen: „Physicists are simply less willing than philosophers to suffer through a few pages of dreary analysis to prove something they never doubted in the first place. So although all physicists know about Bell’s Theorem, most look blang when you mention Kochen-Specker or Bell-KS.“ David Mermin, Rev. Mod. Phys. 65, 803–815 (1993) – In ebenjenem Artikel wird auch Mortimer J. Adler „Natural Theology, Chance, and God“, in The Great Ideas Today (Encyclopedia Briannica Chicago), pp. 288-301, zitiert:
„Most theoretical physicists are guilty of … fail[ing] to distinguish between a measurable indeterminacy and the epistemic indeterminability of what is in reality determinate. The indetermincy discovered by physical measurmenents of subatomic phenomena simply tells us that we cannot know the definite position and velocity of an electron at one instant of time. It does not tell us that the electron, at any instant of time, does not have a definite postion and velocity. [Physicists].. convert what ist not measurable by them into the unreal and the nonexistent“

[4] Hier hätte ihre Polemik stehen können. Ich bin wohl immer noch nicht über diesen Satz aus dem Perlentaucher-Artikel hinweg (Hendryk Broder ist ein…).